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Der zornige Jesus - Tempelreinigung?


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#1
Rolf

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Der zornige Jesus




Über den Autor
Walter Undt ist Pastor, sein Steckenpferd ist zeitgemäßer Gemeindebau. Walter ist verheiratet, hat vier Kinder und arbeitet als Prediger in der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Kulmbach.


Frage von DG:
"Ich bin eigentlich fasziniert von Jesus, aber die Geschichte mit der Tempelreinigung ist merkwürdig. Hat Jesus hier kurz die Kontrolle über sich verloren? Wut entsteht doch aus einem unreinen Wesen. Manche sagen, Jesus habe das gemacht, um eine Prophezeiung zu erfüllen. Aber würde Jesus sündigen, um eine Prophezeiung zu erfüllen? "


Fettnäpfchen Tempelreinigung?

Du stellst eine spannende Frage: Sündigte Jesus bei der Tempelreinigung?

Für die Antwort möchte ich folgende Aspekte einbeziehen:


Ist Zorn grundsätzlich etwas Schlechtes?

Wer ist ein Sünder?

Warum wird Gott zornig?

Warum war Jesus über die Zustände im Tempel wütend?



Wenn diese Fragen geklärt sind, lässt sich eine Antwort darauf geben, ob Jesus bei der Tempelreinigung gesündigt hat.


Ist Zorn grundsätzlich etwas Schlechtes?

Zuerst stellt sich die Frage, ob Zorn oder Wut an sich schon schlecht sind und dem Willen Gottes widersprechen.

Dazu zwei Aussagen der Bibel:

Jeder Mensch soll schnell bereit sein zu hören, aber zurückhaltend im Reden und nicht schnell zum Zorn bereit; denn im Zorn tut der Mensch nicht das, was vor Gott recht ist.
Jakobus 1,19-20

Epheser 4,26-27 Lasst euch durch den Zorn nicht zur Sünde hinreißen! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen. Gebt dem Teufel keinen Raum!>

Jakobus betont in seinem Brief, dass wir Menschen im Zorn leicht eine Grenze überschreiten und damit sündigen können.
Paulus mahnt die Epheser: Wenn ihr in Zorn geratet, sündigt nicht - und wenn ihr die Grenze überschritten habt, so bringt das wieder in Ordnung.

Besonders die Aussage von Paulus macht deutlich, dass Wut und Zorn an sich nicht falsch sind. Zorn ist der Ausdruck einer großen emotionalen Erregung: Ich bin bis ins Mark von einer Situation betroffen. Eine Unterscheidung zwischen Sachlichkeit und Gefühl ist nicht mehr möglich. Das ist menschlich und ganz natürlich. Ich bin kein Roboter, der nur nach Programm funktioniert. Ich bin ein lebendiges Wesen, zu dem das Gefühl selbstverständlich dazu gehört. Und das ist gut so! Denn Wut und Zorn haben auch eine positive Funktion: Wenn ich wütend bin, weil ich oder meine Mitmenschen ungerecht behandelt werden, dann zeigt die Wut an, dass irgendetwas nicht stimmt und verändert werden muss.

Das lässt sich übrigens auch für Gott sagen. Gott wird da zornig, wo Menschen nicht in Frieden miteinander leben und sich untereinander ungerecht behandeln. Dazu aber später mehr.

Problematisch wird der Zorn eines Menschen erst dann, wenn die Person sich nicht mehr im Griff hat. Das ist in der Regel dann der Fall, wenn Person und Sache sich nicht mehr trennen lassen. Dann versuche ich nicht nur, die ungerechten Umstände zu verändern. Dann will ich auch der Person, die dafür verantwortlich ist, schaden. Dann weiß ich vielleicht noch, was richtig und falsch ist, aber ich kann oder will es nicht mehr tun. Und da beginnt die Sünde.


Wer ist ein Sünder?

In diesem Zusammenhang ist folgende Frage spannend: Ist die negative Tat Folge meines angeborenen Zustandes als Sünder? Oder werde ich erst in dem Moment zu einem Sünder, in dem ich die erste negative Tat begehe?

Die Bibel beantwortet diese Frage so: Seit dem Sündenfall sind alle Menschen Sünder. Nicht aufgrund der schlechten Dinge, die sie tun, sondern von ihrem Wesen her. Sünde kommt von "Sund", einem unüberwindbaren tiefen Graben. Seit Adam und Eva gibt es diesen Graben, der sich zwischen allen Menschen und Gott befindet. Er ist unüberwindbar für uns. Wir leben in eine Welt, die Gott-los ist – die Beziehung zu ihm ist gestört. Und weil wir Gott-los sind, tun wir Dinge, die Gott nicht will. Dinge, die nicht in eine Beziehung mit Gott passen.

Jesus wurde als Mensch geboren - aber durch eine Jungfrau. Keine menschliche Zeugung hat zu seiner Geburt geführt, sondern das direkte Eingreifen des Heiligen Geistes in den Körper von Maria. Damit ist Jesus zwar ein Mensch geworden, aber keiner, der von seiner Geburt an ein sündiges Wesen hat. Somit kann die Sünde nicht Antrieb gewesen sein, der ihn zur Tempelreinigung führte.

Bleibt die Frage, ob Jesus durch die Tempelreinigung zum Sünder geworden ist. War es gegen Gottes Willen, was er da tat oder hat er im Sinne Gottes gehandelt? Kann Gott selbst zornig sein?


Warum wird Gott zornig?

Gott ist nach christlichem Verständnis der Schöpfer der Welt. Er ist Schöpfer der Menschen. Er ist derjenige, der diese Welt in seinen Händen hält und der ihre Geschichte lenkt. Er ist gut und voller Liebe für seine Menschen. Er kann nicht anders. Er ist aber auch heilig. So heilig, dass böse Worte, Neid, Egoismus, Stolz, Gier und Gott nicht zueinander passen. Sünde und Gott, das ist wie Feuer und Wasser: Es geht nicht. Das falsche Verhalten muss von Gott gerichtet werden.

Viele Menschen sehnen sich auch danach, dass Gott Gerechtigkeit schafft. Besonders gilt das vielleicht für die Menschen, die nicht in Frieden und Freiheit sondern in einer Diktatur leben. Sie wünschen sich, dass das erlittene Unrecht wieder gut gemacht wird und dass die Diktatoren zur Rechenschaft gezogen werden. Christen glauben, dass Gott diese Gerechtigkeit eines Tages herstellen wird – auch da wo, weltliche Gerichte und die Staatengemeinschaft diese Gerechtigkeit nicht herstellen können.

Was aber im Großen gilt, gilt auch im Kleinen: Wenn Gott wirklich gerecht sein will, dann kann er nicht nur die Diktatoren und Verbrecher zur Rechenschaft ziehen. Dann muss er seine Maßstäbe an alle Menschen anlegen.

Gottes Gericht wird der Schuld jedes einzelnen Menschen angemessen sein. Noch trifft dieser Zorn die Menschen aber nicht. Gott bietet in Jesus die Möglichkeit, dass die Schuld vergeben werden kann. Wer dieses Angebot annimmt, ist in Gottes Augen gerechtfertigt und wird nicht mehr verurteilt.

Gottes Zorn ist nach biblischem Verständnis mit seinem Handeln als Richter verbunden. Gleichzeitig ist sein Richten aber auch immer eine Aufforderung an den Menschen, sich zu verändern. Die Propheten im Alten Testament beschreiben zum Beispiel immer wieder, wie Gott über sein ungehorsames Volk zornig ist und es straft. Gleichzeitig werben die Propheten immer wieder dafür, dass das Volk Gott wieder vertraut und den Glauben an Götzen oder fremde Herrscher aufgibt.

Als Jesus die Händler aus dem Tempel vertrieb, hat er aus derselben Motivation heraus gehandelt.

Warum war Jesus über die Zustände im Tempel wütend?

Im Alten Testament wird deutlich, dass der Tempel als Wohnort Gottes einem engen, festen Ritus unterworfen war, in dem es um Reinheit, Sauberkeit und Heiligkeit ging. Es war genau vorgeschrieben, was getan werden durfte und was nicht. Der Tempel war der zentrale Ort in Israel, an dem die Juden Gott begegnen konnten. Hier feierten sie auch ihre wichtigsten Feste.

Gott selbst war es ein Anliegen, dass die Menschen im Tempel mit ihm über ihre Sorgen und ihre Schuld sprechen konnten oder ihm danken konnten:


Die Fremden, die sich dem Herrn angeschlossen haben, die ihm dienen und seinen Namen lieben, um seine Knechte zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen, die an meinem Bund fest halten, sie bringe ich zu meinem heiligen Berg und erfülle sie in meinem Bethaus mit Freude. Ihre Brandopfer und Schlachtopfer finden Gefallen auf meinem Altar, denn mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt.
Jesaja 56,6-7

Vergleicht man diese Aussagen mit der Praxis zurzeit Jesu, dann wird schnell deutlich, dass das nicht mehr uneingeschränkt möglich war: Nicht einmal vor dem Haus Gottes hatte das Geld Halt gemacht. Aus Sünde wurde Geschäft und aus einem Ort der Anbetung ein Basar.

Und nun kam Jesus in den Tempel und sah, wie die Menschen Gottes Heiligkeit mit Füßen getreten haben. Deswegen hat er die Händler vertrieben. Er wollte, dass der Tempel wieder ein Ort wird, an dem man Gott begegnen kann:

Jesus ging in den Tempel und trieb alle Händler und Käufer aus dem Tempel hinaus; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um und sagte: In der Schrift steht: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle. Im Tempel kamen Lahme und Blinde zu ihm und er heilte sie.
Matthäus 21,12-14

Die Händler hatten den Tempel seiner eigentlichen Funktion beraubt – damit hatten sie sich schuldig gemacht. Jesus hätte also eigentlich noch viel stärker reagieren können. Stattdessen, wirft er nur die Tische um und vertreibt die Händler. Im Text ist nichts davon zu lesen, dass Jesus zornig oder wütend gewesen ist. Im Johannesevangelium wird davon berichtet, dass es die Leidenschaft für Gottes Sache gewesen ist, die der Grund für sein Verhalten war (Johannes 2,17). Doch selbst wenn es Zorn gewesen wäre, so hätte Jesus bei seinem Verhalten keine Grenze verletzt, die ihn schuldig gemacht hätte!

Seine Reaktion war den Verhältnissen angemessen. Sein Auftreten hat den Menschen deutlich gemacht, wie ernst es um sie steht - und es hat ihnen die Chance zur Umkehr erhalten. Für mich ist diese Szene nicht als gewalttätig einzustufen. Eher als eine gnädige Handlung, die nicht die verdiente Strafe vollzog, sondern in Wort und Tat deutlich machte: „Leute, es ist später als fünf vor zwölf! Hört auf damit, Euch im Tempel des heiligen Gottes so zu verhalten.“

In der Geschichte selbst findet sich kein Hinweis darauf, ob die Händler und Tempelbesucher ihr Verhalten auf diese Aktion von Jesus hin wirklich geändert haben. Aber vielleicht ist der eine oder andere doch ins Nachdenken gekommen und hat sich zukünftig anders verhalten.


Fazit

Jesus hat nicht die Kontrolle verloren, als er die allzu tüchtigen Geschäftsleute aus dem Tempel vertrieben hat. Genauso wenig hat er in diesem Moment etwas getan, womit er sich vor Gott schuldig gemacht hätte. Wie weiter oben beschrieben, war Jesus von seiner Geburt an ohne Schuld und er lebte in der ungestörten Beziehung mit Gott weiter. Nur so konnte er am Kreuz für die Schuld aller Menschen sterben und damit jedem Menschen dieselbe Beziehung mit Gott ermöglichen.

Jesus wollte den Verkäufern im Tempel deutlich machen, dass sie vor Gott schuldig werden, wenn sie den Tempel auf diese Art und Weise entweihen. Außerdem hinderten sie durch ihr Verhalten andere daran, in Ruhe zu Gott kommen zu können. Diese Missstände waren der Grund dafür, dass Jesus auf eine solch drastische Art und Weise gehandelt hat. Dabei hat er nicht gegen Gottes Willen gehandelt. Seine starke Reaktion zeigt vielmehr, dass es ein Verhalten gibt, dass in Gottes Augen nicht tragbar ist. Wie so oft wollte Jesus die Menschen dadurch dazu bewegen, dass sie sich ändern und sich wirklich so verhalten, wie es Gott gefällt.


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