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Tochter spendet der Mutter eine Niere


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Rolf

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Viertes Gebot




Tochter spendet der Mutter eine Niere




"Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren", lautet das Vierte Gebot. Jacqueline Wuttke spendete ihrer kranken Mutter eine Niere. Marlies Barz pflegt seit 15 Jahren ihre an Alzheimer leidende Mutter. Albert Türklitz wird den Familienbetrieb übernehmen. Aus Liebe zu den Eltern.


Sie hat ihrer Mutter etwas zurückgegeben. Einen Teil von sich. Ein Körperteil. Jacqueline Wuttke schenkte ihrer Mutter Claudia eine Niere. Und rettete ihr das Leben. Es war eine Sache der Ehre. Des Vertrauens und der Dankbarkeit. Für alles, was die Mutter schon für sie getan hat.

Du sollst Vater und Mutter ehren...

Jacqueline und Claudia Wuttke sind keine streng gläubigen Menschen. Doch die Mehrzahl der Zehn Gebote sei für sie so etwas wie eine Grundregel des Zusammenlebens. „Wir töten nicht und wir stehlen nicht. Und als ich die Chance hatte, meiner Mutter etwas zurückzugeben, habe ich keine Sekunde lang darüber nachgedacht und es getan“, sagt Jacqueline Wuttke. Irgendwie habe die Niere ja schon vorher der Mutti gehört. Schließlich sei sie, die Tochter, das Fleisch und Blut ihrer Eltern.

Die Mutter hatte ihre Niere überhaupt nicht gewollt, noch kurz vor der Operation gesagt „Überleg es dir noch mal, Kind. Du hast doch noch dein ganzes Leben vor dir.“ Claudia Wuttke lebte zu dem Zeitpunkt seit fast zwei Jahrzehnten mit Schmerzen, Verzicht, Zukunftsangst. Mit 27 Jahren hatten die Ärzte bei ihr eine chronische Entzündung der Nieren festgestellt. Sie war mit ihrer zweiten Tochter Janin schwanger, bei einer Routineuntersuchung fanden sie Eiweiß in ihrem Urin – ein Hinweis auf eine Nierenschädigung. Nur sechs Jahre später, 1993, war die Verwaltungsangestellte aus Paserin in Brandenburg Frührentnerin. Mit Medikamenten hielt sie durch, sträubte sich, so lange es ging, gegen die Dialyse, die künstliche Blutwäsche. Am 19. März 2002 ging es nicht mehr.

Claudia Wuttke fuhr mit dem Taxi in die Dialysepraxis in den Nachbarort Luckau. Es war ein Montag, an diesen Tag wird sich die heute 48-Jährige wohl ihr Leben lang erinnern. Vier Jahre lang fuhr sie dorthin, immer montags, mittwochs und freitags, am Ende war sie jedes Mal vier Stunden lang an der Maschine angeschlossen.

acqueline bekam das alles mit. Wie die Mutter nach den anstrengenden Blutwäschen zu schwach zum Reden war, zu schwach zum Leben. Und es immer schlimmer wurde. Als die Mutter einen Anruf erhielt, sie stehe jetzt auf der Transplantationsliste, schlug Jacqueline Wuttke vor, eine ihrer Nieren zu spenden. So bald wie möglich. Sie wollte ihre Mutter nicht darauf warten lassen, dass ein Mensch mit gesunden Nieren stirbt.
Gleich nach den Gesundheitschecks im Transplantationszentrum Campus Mitte der Charité Berlin machte die 27-jährige Mutter eines Sohnes einen OP-Termin aus, überraschte ihre Mutter nach der Heimkehr im August 2006: „Mutti, noch sechsmal Dialyse, dann fahren wir nach Berlin!“

Rund 70 Kilometer entfernt, im Südosten Berlins, in Altglienicke, hat eine andere Tochter ihrer Mutter ihr Leben geschenkt. Zumindest einen großen Teil davon. Marlies Barz spendet ihre Zeit, ihre Kraft, ihre Liebe. Jeden Tag und jede Nacht, seit 15 Jahren. Ihre Mutter Helene ist 88 und schwer Alzheimer-krank. Marlies Barz hat sie nach dem Tod des Vaters 1992 bei sich aufgenommen. Und das eigene Leben jeden Tag ein Stück mehr dem der kranken Mutter gewidmet.

Sie habe nicht gewusst, was Alzheimer eigentlich bedeutet, sagt die 58-jährige ehemalige Technische Zeichnerin heute. In der ersten Zeit versuchte die Mutter noch die Krankheit zu vertuschen. Doch Marlies Barz beobachtete sie bei Unterhaltungen mit dem eigenen Spiegelbild. Sie entdeckte das Gebiss hinter dem Kleiderschrank, den Kot im Blumentopf. Und dachte trotzdem kein einziges Mal daran, die Mutter in ein Heim zu bringen, die Sorgen von sich wegzuschieben.
Ihre Mutter schenkte ihr einst das Leben, zog sie auf. „Sie war gutmütig, lebensfroh und offen“, sagt Marlies Barz. Früher sei ihre Mutter stark gewesen. Sie gab ihren geliebten Job als Museumsführerin auf und arbeitete halbtags bei der Post, um für ihre Kinder da zu sein. Inzwischen ist Marlies Barz die Starke, sie will etwas von dem zurückgeben, was sie einst von ihrer Mutter empfangen hat.

Marlies Barz kämpft für ihre Mutter, die selbst keine Stimme mehr hat

Über die Jahre ist sie selbst krank geworden. Der Stress, die Verantwortung setzten ihrem Rücken und dem Herzen zu. Seit 2000 lebt sie mit einem Schrittmacher in der Brust, nächstes Jahr muss er ausgewechselt werden. „Der Pflegende lässt seine Gesundheit“, sagt Marlies Barz. Für sie eine sachliche Feststellung, Verbitterung ist in ihrer Stimme nicht zu hören. „Vielleicht gehe ich vor ihr, aber ich werde das jetzt durchziehen.“

Ihre Mutter zu pflegen, ihr die letzten Jahre schön zu machen, habe nicht nur damit zu tun, dass sie ihre Eltern liebe und ehre. Marlies Barz kämpft für ihre Mutter, die selbst keine Stimme mehr hat. Mit der Krankenkasse, mit Ärzten. Um einen elektrischen Rollstuhl, um mehr Pflegemittel, um eine würdevolle Behandlung, wenn die Mutter – wie kürzlich – wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus muss.

Ihr Mann Rainer und sie bauten das Einfamilienhaus für die Mutter um. Das eigene Schlafzimmer verlegten sie aus dem Erdgeschoss ins Souterrain, die Mutter sollte das ebenerdige Zimmer bekommen. Sie rissen den Teppich heraus und fliesten das Zimmer, weil das praktischer ist für das verstellbare Bett und den rollbaren Toilettenstuhl. Sie bauten ein weiteres Fenster zum Garten ein, damit die Mutter einen schöneren Ausblick ins Grüne hat. Marlies Barz hängte einen Kristall an das Fenster, um die Sonnenstrahlen einzufangen und an die Decke zu reflektieren. Damit die Mutter etwas zu gucken hat.

In Deutschland leben etwa eine Million Demenzkranke

Treffen mit anderen Angehörigen in der Selbsthilfegruppe der Alzheimer Gesellschaft Berlin geben Marlies Barz Kraft. In Deutschland leben etwa eine Million Demenzkranke, zwei Drittel von ihnen sind an Alzheimer erkrankt. Jedes Jahr kommen mehr als 250.000 Menschen hinzu. Marlies Barz ist inzwischen Expertin für das Thema, ihr kann niemand mehr etwas erzählen. Sie macht nun anderen Betroffenen Mut, hilft mit Ratschlägen. Die meisten Menschen mit Alzheimer leben nicht so lange wie ihre Mutter. Sie sterben schneller. Doch „Lenchen“, wie die Mutter von allen genannt wird, fühlt sich offenbar wohl. Und will noch nicht sterben.

Sagen kann sie das schon lange nicht mehr.
Tag für Tag liegt die alte Dame mit dem kurzen weißen gelockten Haar, die früher gern tanzen ging und auf Familienfesten fröhliche Lieder anstimmte, in ihrem gelb gestrichenen Zimmer. Manchmal schläft sie, manchmal brummt sie ein wenig vor sich hin oder rollt mit den Augen.

Marlies Barz streichelt ihr über die Wangen, sie ist für sie da wie früher für ihre Söhne, als die noch Babys waren. Und wie die Mutter einmal für sie da war. Sie cremt die Mutter ein, windelt sie, kocht, püriert ihr den Gurkensalat und das Fleisch und füttert sie. Allein das dauert manchmal mehrere Stunden. Ehepaar Barz verbringt die meiste Zeit des Tages im Zimmer der Mutter. Gemeinsam sitzen sie am Bett, unterhalten sich. Manchmal kommt Besuch vorbei, sie gucken zusammen fern oder essen gemeinsam. Der Raum im Erdgeschoss ist kein Krankenzimmer. Die Mutter ist Teil der Familie. Sie war es schon immer und ist es geblieben. Auch wenn sie ihre Tochter und den Schwiegersohn nicht mehr erkennt.

Ihr Leben dreht sich um den Tagesablauf der Mutter

Marlies Barz sagt, für die Pflege der Eltern müsse man bereit sein, die eigene Persönlichkeit aufzugeben. Ihr Denken, ihr Leben drehe sich um den Tagesablauf der Mutter. Von dem Geld, das ihr Ehemann Rainer verdient, und ihrer eigenen kleinen Rente bleibe am Ende eines jeden Monats nichts übrig. Im Gegenteil, die beiden zahlen drauf. Für die Fußpflegerin, die regelmäßig vorbeikommt, für die Friseurin, die der Mutter alle vier Wochen eine frische Dauerwelle macht. Für teure Cremes, die der alten Haut gut tun. Die finanziellen Leistungen der Pflegeversicherung gehen direkt an den Pflegedienst, der Marlies Barz täglich mehrere Stunden unterstützt.

Seit 15 Jahren haben sie und ihr Mann keinen Urlaub mehr gemacht. Der Freundeskreis ist mit der Zeit geschrumpft, denn Sorgen und Krankheit kann nicht jeder ertragen, und die freie Zeit des Ehepaars ist knapp. Kleine Freiheiten aber nehmen sie sich. Wenn die Mutter gegen 20 Uhr schläft, gehören die Donnerstagabende Marlies Barz allein. Manchmal geht sie einkaufen oder ins Kino, sie besucht Senioren-WGs und spielt den Bewohnern Akkordeon vor, geht zweimal im Monat zur Selbsthilfegruppe der Alzheimer Gesellschaft. Freitags unternimmt ihr Mann dann mit seinen Freunden Dinge, an denen er Spaß hat. Die beiden schöpfen an diesen Abenden neue Kraft. Es gibt Tage, an denen sagt sie Freunden, sie habe „die Schnauze voll“. Doch dann erinnert sie sich an Zeiten, in denen ihre Mutter noch ihre Mutter war. Die Chemie zwischen den beiden Frauen habe einfach gestimmt.

Marlies Barz ist in einem evangelisch-lutherischen Haushalt aufgewachsen. Heute geht sie nicht mehr regelmäßig in die Kirche, zu Ostern oder Weihnachten eben, wie die meisten Menschen. Aber sie lebe das Vierte Gebot, sagt sie. Sie habe es als Kind gut gehabt bei ihren Eltern. Ihre Mutter kümmerte sich um sie, auch wenn das Kind krank war. Und hätte ihre Tochter niemals weggegeben. Deshalb will auch Marlies Barz ihre kranke Mutter nicht weggeben. „Wenn ich merke, dass sie sich wohl fühlt, ist das ein schöner Moment für mich“, sagt sie. Ihrem sterbenden Vater versprach sie kurz vor dessen Tod, sich um die Mutter zu kümmern. Er starb an gebrochenem Herzen, glaubt Marlies Barz. Er sei mit der Krankheit seiner Frau nicht klargekommen.

Verpflichtet habe sie sich trotzdem nie gefühlt, sagt Marlies Barz. Pflichtgefühl würde nicht reichen, um die Jahre zu überstehen. „Das hält nicht bis ans Lebensende.“ Der Wille, die Eltern zu pflegen, müsse von Herzen kommen.
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Eine Herzensangelegenheit war das Lebenswerk seiner Vorfahren für Albert Türklitz (31) nicht. Lange Zeit jedenfalls nicht. Als Sohn von Achim Türklitz (67), dem Geschäftsführer des Möbelunternehmens Hübner in Berlin-Tiergarten, wird er den Familienbetrieb im kommenden Frühjahr, kurz nach der Feier zum 100-jährigen Bestehen, übernehmen.

Sein Vater führte das Unternehmen durch gute und schlechte Zeiten, er ist der Enkel des Firmengründers und seit 1973 Geschäftsführer. Der Vater sagt: „Man muss akzeptieren, wenn die Kinder etwas anderes in ihrem Leben machen wollen. Ich würde nie eines meiner drei Kinder zu etwas drängen.“ Für ihn selbst sei immer klar gewesen, dass er das Haus einmal von seinen Eltern übernehmen würde. Als seine Schwester Rita starb, wurde Achim Türklitz Prokurist – obwohl er bis dahin den heimlichen Traum hatte, Französischlehrer zu werden. Daraus wurde dann nichts.
Sein Sprachtalent pflegte Achim Türklitz trotzdem weiter, liest noch heute jeden Abend französische Texte. Außer den Segeltörns mit seinem Boot „Rita“, ab und zu Golfen und französischer Literatur lernt er seit Jahren Japanisch und Italienisch.

Das Gefühl im Nacken, die Firma irgendwann übernehmen zu müssen

Albert, nach Tochter Tamara (33) und vor Sohn Adrian (22) sein ältester Sohn, wusste nach dem eher durchschnittlich abgeschlossenen Abitur nicht so recht, in welche Richtung er beruflich wollte. Er machte eine Banklehre – die hatte sein Vater auch gemacht. Er begann mit dem Studium der Betriebswirtschaftslehre. Die ganze Zeit über das Gefühl im Nacken, die Firma irgendwann übernehmen zu müssen. Dieses „Muss-Gefühl“ habe er besonders in der Kindheit stark empfunden. Es habe ihn verunsichert und ängstlich gemacht, eine Abwehrhaltung gegen die vermeintliche Verpflichtung erzeugt. So viele Mitarbeiter, für rund 270 Menschen Chef sein, Entscheidungen treffen, gegen all das sträubte sich etwas in ihm. „Die Verantwortung war mir damals einfach zu groß“, sagt Albert Türklitz rückblickend. Er brach das Studium ab, half zunächst im zweiten elterlichen Betrieb mit, einer Hausverwaltung. Und hegte den Traum, irgendwann einmal ein eigenes Restaurant zu eröffnen.

Von den rund 3,2 Millionen Unternehmen in Deutschland, so schätzt die Münchener Stiftung für Familienunternehmen, sind 95 Prozent mehrheitlich in der Hand von Familien. Rund 70.000 von ihnen stehen jährlich vor der schwierigen Aufgabe, die Nachfolge zu organisieren. Vielen Söhnen und Töchtern geht es so wie Albert Türklitz. Sie fürchten die Verantwortung, verfolgen andere Interessen als ihre Eltern, entdecken Talente auf anderen Gebieten – und entscheiden sich gegen das Familienunternehmen. In gerade mal 40 Prozent der Fälle bleibt die Unternehmensführung in der Familie.

Nach jahrelangem Zögern entscheidet er sich für den Betrieb

Albert Türklitz sagt, es sei eine emotionale Entscheidung gewesen, die er schlussendlich traf. Er habe das Gefühl gehabt, es sei nicht nur für seinen Vater und seine Großmutter, sondern auch für die Angestellten wichtig, das Unternehmen in der Familie zu halten – zwischenzeitlich hatte der Vater wegen der fehlenden Perspektive sogar einen kompletten Verkauf erwogen. Albert Türklitz konnte fortan das tägliche Geschäft miterleben, sah, wie der Vater offen auf seine Vorschläge zur Modernisierung des Hauses reagierte. Und entschloss sich nach jahrelangem Zögern doch dafür.

Familiäre Bunde und Zusammenhalt seien für sie wichtig, sagen beide, Vater und Sohn. Die Eltern haben sich große Mühe gegeben, bei der Erziehung, bei der Erfüllung der meisten Wünsche der Kinder. Sie seien immer großzügig und liebevoll gewesen, sagt Albert Türklitz. „Ich habe Glück gehabt, hatte eine sehr schöne Kindheit.“

Vor den Büros der beiden Männer hängen Ölbilder der Vorfahren. Sie erinnern an die erfolgreiche Vergangenheit des Unternehmens – und an die große Verantwortung, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
Die Angst sei weniger geworden, geblieben aber der große Respekt vor der Aufgabe, sagt Albert Türklitz heute. Doch er spüre, dass seine Entscheidung für das Lebenswerk des Vaters, Großvaters und Urgroßvaters die Familie, vor allem den Vater, glücklich mache. Und damit auch ihn, den Sohn. Er sagt: „Etwas zurückzugeben, das macht glücklich.“

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