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Philosoph Alain Finkielkraut "Antisemitismus ist keine Sache der Vergangenheit"


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Rolf

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Philosoph Alain Finkielkraut "Antisemitismus ist keine Sache der Vergangenheit"

 

 

 

Der französische Philosoph Alain Finkielkraut wurde 2019 wegen seines jüdischen Glaubens auf offener Straße angegriffen. Er warnt vor einem erstarkenden rechten, linken und muslimischen Antisemitismu

 

 

 

Ein Interview von

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Paul Zinken/ DPA

 

Alain Finkielkraut, 70, zählt zu den einflussreichsten französischen Intellektuellen. Sein Vater überlebte Auschwitz, seine Großeltern wurden dort von den Nazis ermordet. Seit 2014 ist Finkielkraut Mitglied der Französischen Akademie.  Zuvor unterrichtete er 25 Jahre lang Philosophie an der Pariser Elitehochschule École polytechnique. Im Februar dieses Jahres war Finkielkraut Zielscheibe antisemitischer Verbalattacken von Gelbwesten-Demonstranten, die ihn auf der Straße erkannt hatten.

 

SPIEGEL: Sie

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, in Halle an der Saale hat ein Rechtsradikaler einen Anschlag auf die örtliche Synagoge am Feiertag Jom Kippur verübt. Wie denken Sie im Rückblick darüber?

 

Finkielkraut: Lange Zeit konnte ich der ebenso skandalösen wie tiefsinnigen Einsicht des französischen Schriftstellers Georges Bernanos folgen, der behauptete, Hitler hätte den

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in Misskredit gebracht. Davon muss ich heute Abstriche machen. Der Antisemitismus ist keine Sache der Vergangenheit, er hat sogar Zukunft. Ich war tatsächlich das Objekt von Aggressionen mit nachweislich antisemitischem Charakter. Aber man nannte mich nicht "dreckiger Jude", sondern "dreckiger Scheiß-Zionist". Der zeitgemäße Antisemitismus hat die Besonderheit, dass er sich der Sprache des Antirassismus bedient. Die Juden werden heute aufgrund des Bestehens Israels als Rassisten betrachtet. "Dreckiger Jude" - das war ein moralisch schändlicher Begriff. "Dreckiger Rassist" - das ist heute hochmoralisch.

 

SPIEGEL: Sind es Linke oder Rechte, die Sie beschimpfen?

 

Finkielkraut: In Frankreich ist es ein Teil der extremen Linken und ein wachsender Teil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Besonders beunruhigend ist, dass die extreme Linke den radikalen, antisemitischen Islam aus zwei Gründen verteidigt: Ideologisch, weil die Muslime für sie die neuen Juden, die Entrechteten, sind, aber auch aus wahltaktischen Gründen, weil es in Frankreich heute viel mehr Muslime als Juden gibt. Auch der Links-Islamismus hat also Zukunft, und davor habe ich Angst.

 

SPIEGEL: In Ihrem neuen, autobiografischen Buch "In erster Person" beschreiben Sie den Hass der Linken auf Israel, dem Sie sich in den Siebzigerjahren mit einem berühmten Zeitgenossen widersetzten: dem Philosophen

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. Was trieb Sie und Foucault damals an?

 

Finkielkraut: Michel Foucault war Israel sehr verbunden. Man hat das heute vergessen.

Er empfand die Resolution der Vereinten Nationen, die Rassismus und Zionismus auf eine Stufe stellte, als unerträglich. Das war einer der Gründe, der zum Bruch zwischen ihm und Gilles Deleuze, dem anderen großen Philosophen dieser Epoche, führte. Die Linksintellektuellen um Deleuze fingen damals gerade an, über die legitime Kritik an der israelischen Politik hinaus den Staat Israel zu verteufeln. Mir stieß das genauso auf wie Foucault.

 

SPIEGEL: Seit damals setzen Sie sich immer stärker von der Linken ab. Heute scheinen Sie zu bezweifeln, ob die Menschen überhaupt aus der Vergangenheit lernen können. Warum?

 

Finkielkraut: Ich glaube nicht, dass unsere Epoche die Vergangenheit vergisst. Aber wir werden in Westeuropa von einer einzigen Vergangenheit verfolgt: nämlich von der des Nazismus und der Shoah. Alles andere wird vergessen. Diese Art der Erinnerung macht uns blind für die Realität der Gegenwart. Wir sind so besessen von der Furcht, dass unser Schoß immer noch fruchtbar ist und ihm die Bestie wieder entkommen kann, dass wir die neuen Formen des Antisemitismus nicht erkennen. Und wenn wir sie erkennen, unterschätzen wir sie. Wir mobilisieren uns jederzeit und glücklicherweise gegen einen Antisemitismus, der dem Neonazi-Milieu entspringt. Ihn gibt es im Elsass, in Deutschland, in Italien. Dieser Antisemitismus ist nicht verschwunden, die rechtsradikale Szene ist immer noch aktiv. Aber dem anderen, linken Antisemitismus der Verdammten dieser Erde ist viel schwieriger beizukommen.

 

SPIEGEL: Würden Sie das auch noch sagen können, wenn der rechtsradikale Angreifer in Halle durch die Tür der dortigen Synagoge gelangt wäre und Dutzende Juden ermordet hätte?

 

Finkielkraut: Der Attentäter von Halle wird mit Sicherheit hart bestraft werden. Niemand wird an der Legitimität seiner Strafe zweifeln. Als vor zwei Jahren ein Islamist in Paris eine alte jüdische Frau ermordete, fand man hingegen viele Ausreden: Er wäre geisteskrank gewesen oder hätte Drogen genommen. Wir müssen aber allen Formen des Antisemitismus gegenüber wachsam sein.

 

SPIEGEL: Hat es Deutschland damit leichter als Frankreich, sich gegen den Antisemitismus zu wehren?

 

Finkielkraut: Nein. Der Hass auf die Juden ist in den arabischen Ländern sehr verbreitet. Deutschland hat erst kürzlich seine Tore weit für eine große Zahl Einwanderer aus diesen Ländern geöffnet. Deutschland begegnet deshalb bereits heute einem anderen, neuen Antisemitismus. Wird Deutschland dem standhalten? Wird Deutschland auf den neuen Antisemitismus mit genau der gleichen Härte und Unerbittlichkeit reagieren wie gegen das Aufkommen oder Wiederaufkommen des Neonazismus? Das werden wir erst noch sehen. Deutschland wird das vielleicht genau so schwer wie Frankreich fallen.


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