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Dominatorin einer Grosssekte


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Rolf

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Dominatorin einer Grosssekte





Annemarie Buchholz-Kaiser ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Sie
führte den Verein für Psychologische Menschenkenntnis (VPM), eine einst
einflussreiche Gesinnungsgemeinschaft
.



Ein Nachruf von Hugo Stamm 23.05.2014

Annemarie Buchholz-Kaiser war eine ­gesichtslose Frau. Obwohl sie mit
ihrem Verein für Psychologische Menschenkenntnis in Zürich (VPM) in den
90er-Jahren für Aufruhr und Aufregung sorgte, kannte niemand ihr
Gesicht. Nie trat sie öffentlich auf. Immer schickte sie bei
Medienterminen oder Podiums­diskussionen nur ihre Adlaten vor. Mit einer
Ausnahme: Einer Zürcher Gratiszeitung gab sie zu Beginn des Jahrzehnts
ein Interview und liess sich ablichten. Ein Auftritt, den sie bald
bereute.

Abtrünnige VPM-Mitglieder beschrieben die Chefin als farblose Person
ohne Ausstrahlung und Charisma, die oft depressiv gewirkt habe. Mit
einem feinen Gespür für die Ängste und Sehnsüchte ihrer Anhänger baute
sie den Nimbus einer fürsorglichen Mutter und Heilsbringerin auf.
Gleichzeitig nutzte sie die gruppendynamischen Prozesse, um sie zu
destabilisieren, zu disziplinieren und an sich zu binden.

Autoritärer Vater

1939 geboren, wuchs die kleine Annemarie Kaiser in einem strengen
Elternhaus in Dussnang TG auf. Ihr autoritärer Vater, im Dorf der
Kässeli-Kaiser genannt, war Verwalter der Dorfbank. Die Tochter
absolvierte eine kaufmännische Lehre und anschliessend in Zürich die
Abendmatur. Dabei lernte sie den aus Galizien im ehemaligen
Österreich-Ungarn stammenden Pazifisten und Anarchisten Friedrich
Liebling kennen. Der Schüler des Individualpsychologen Alfred Adler
hatte die «Zürcher Schule» gegründet und Hunderte Zürcher Intellektuelle
in seinen Bann gezogen. Liebling wurde der Ersatzvater von
Buchholz-Kaiser. Später studierte sie Geschichte und im Nebenfach
Psychologie.

Als Liebling 1982 starb, zählten gegen 4000 Anhänger zu seiner
Jüngerschaft. Ein Dreiergremium, zu der auch Buchholz-Kaiser gehörte,
übernahm die Nachfolge. Sie provozierte bald einen Machtkampf. Sie
profitierte davon, in der Gunst ihres Übervaters und dessen Töchter
gestanden zu haben. Ausserdem übte sie die Supervision über die vielen
Therapeuten der Zürcher Schule aus und verfügte in dieser Funktion über
eine beträchtliche Machtfülle. Fast alle Liebling-Schüler steckten in
einer Endlos-Therapie.

Buchholz-Kaiser legte sich mit den zwei andern Mitgliedern der
Führungscrew an und trieb die Spaltung voran. Mit psychologischem Druck
und tak­tischem Geschick gelang es ihr, die ­meisten Zürcher Schüler,
zur Mehrheit Akademiker, auf ihre Seite zu ziehen.

Ideologische Kehrtwende

Dann geschah etwas Unerwartetes: ­Annemarie Buchholz-Kaiser schaffte in
­kurzer Zeit und in einem beispiellosen Kraftakt, ihre rund 2000
Anhänger von einer linksanarchistischen Weltanschauung auf
wertkonservative, rechtsbürgerliche und patriotische Positionen zu
trimmen. Die linke Gesinnung hatte nicht zum Weltbild der scheuen, von
Existenzängsten verfolgten Frau mit dem aus­geprägten Machtwillen
gepasst.

Mit dem überraschenden Kurswechsel dokumentierte sie ihr autoritäres
Regime und die sektenhaften Strukturen. Nach einem jahrelangen
erfolgreichen Rechtsstreit übernahmen Buchholz-Kaiser und ihre Anhänger
die Stiftung von Friedrich Liebling. Diese enthielt ein
Millionenvermögen und mehrere Häuser am Zürichberg. Nach ihrem Triumph
gründete sie 1986 den Verein für Psychologische Menschenkenntnis (VPM).

Diese Ereignisse nahm die Öffentlichkeit kaum wahr. Das Bewusstsein für
sektenhafte Phänomene war noch wenig ausgebildet. Im VPM herrschte bald
ein Klima der Unterdrückung und Angst. Buchholz-Kaiser übte eine eiserne
Kontrolle über die vielen Therapeuten und unzähligen Arbeitsgruppen aus.
Wer nicht spurte, wurde blossgestellt und ausgegrenzt. Alle buhlten um
die Gunst der Leiterin, es wurde intrigiert und ­denunziert.
Buchholz-Kaiser lebte permanent in der Angst, dass ein Anhänger ihr die
Macht streitig mache. Fehlbare mussten manchmal erniedrigende und
entwürdigende Selbstbezichtigungsschreiben verfassen, die vorgelesen und
herumgereicht wurden. Abtrünnige verglichen die Prozedur mit den
stali­nistischen Schauprozessen.

So wurde Buchholz-Kaiser zur Sektenchefin mit grosser Verfügungsgewalt.
Gleichzeitig liess sie sich als Heilsbringerin verehren. So lobten ihre
Anhänger im Buch «VPM – Was er wirklich ist» ihre «fachliche Kompetenz
und überragende Persönlichkeit» mit der Aussage: «Uns fehlen die Worte,
das unermüdliche ­persönliche Engagement und die Bedeutung der
Persönlichkeit von Dr. Anne­marie Buchholz-Kaiser angemessen zu
würdigen.» Ihr Ehemann blieb stets im Hintergrund, aber ihre beiden
Töchter spielten wichtige Rollen im Verein.

Für die erste öffentliche Eskalation sorgten durch ihr Verhalten die
rund 100 VPM-Lehrerinnen und -Lehrer im Kanton Zürich. Ihr konservativer
Unterrichtsstil und ihre Intrigen in den Lehrerzimmern provozierten
Konflikte. ­Eltern protestierten ausserdem gegen den Hygienefimmel der
Lehrer, denn die ängstliche Buchholz-Kaiser behauptete, Aids könne auch
durch Speichel über­tragen werden. In einem Fall traten die Eltern in
den Streik und engagierten eine Privatlehrerin.

Nun beherrschte der VPM die Schlagzeilen. Es kam zu Konflikten an der
Uni, an der Kantonalen Maturitätsschule für Erwachsene und an
Berufsschulen, wo VPM-Anhänger aktiv waren. Als sich ­Regierungsrat
Alfred Gilgen einmischte, eskalierte die Situation. VPM-Anhänger legten
Wanzen, hörten Telefone ab und stahlen Post aus einem Briefkasten. Das
Auto eines Volksschulbeamten ging gar in Flammen auf. Auch
Buchholz-Kaiser liess sich zu einer rechtswidrigen Tat hinreissen und
kopierte an der Uni eine Arbeit, die sich kritisch mit dem VPM
auseinandersetzte. Sie wurde zu einer Busse verurteilt.

Ableger im Ausland

Da sich auch in Deutschland und Österreich VPM-Ableger bildeten,
berichteten alle grossen Fernsehsender und Printmedien dieser Länder
über das unerklärliche Schweizer Phänomen. Der VPM sorgte also für
Schlagzeilen über die Grenzen hinaus, und sogar der Deutsche Bundestag
befasste sich ausführlich mit Buchholz-Kaiser und ihren Anhängern.

Die breite Front von Medien und Po­litikern verstärkte die
Verfolgungsängste von Annemarie Buchholz-Kaiser. Sie ­verbarrikadierte
sich an der Zürcher Susenberg­strasse 53 und engagierte Leibwächter, die
sie rund um die Uhr bewachten. Verliess sie einmal das Haus, wurde sie
von einem Konvoi begleitet.

Buchholz-Kaiser zwang ihre Kritiker aufs juristische Parkett. Sie wies
die Anwälte unter ihren Anhängern an, diese einzuklagen, von Eltern über
Medien bis zu Schulbehörden und der Bischofs­konferenz. So traten sie
eine Lawine mit mehreren Hundert Prozessen und Strafanzeigen in der
Überzeugung los, die Richter würden die Kritiker in den Senkel stellen.
Doch das Abenteuer wurde zum Desaster, die Lawine überrollte sie selbst.
Die beinahe flächendeckenden Nieder­lagen kosteten den VPM ein Vermögen.

Die juristischen Pleiten verstärkten die Verschwörungsideen der
VPM-Chefin weiter. Sie witterte ein Komplott der linken Politiker und
Richter. Deshalb flüchtete sie aus Zürich und zog in ihr Elternhaus nach
Dussnang. Dutzende von Anhängern folgten ihr in den Hinterthurgau,
kauften Häuser und mischten sich in die Lokalpolitik ein. Im
Tannzapfenland sorgte Buchholz-Kaiser für die nächste Überraschung. Die
Lehrer, Ärzte und Psychologen wurden Selbstversorger und besuchten
Landwirtschaftsschulen. Sie erwarteten den grossen globalen Kollaps und
hatten Angst vor vergifteten Lebensmitteln. Buchholz-Kaiser legte sich
grosse Wachhunde zu, die auch mal Schafe rissen. Pferde und Lamas
bevölkerten ihren Hof. Sie witterte Gefahr durch CIA und Mossad und
fühlte sich von einzelnen Anhängern bedrängt.

Das wurde manchen dann doch zu viel, immer mehr Mitglieder setzten sich
ab. Somit schrumpften die Einnahmen. Buchholz-Kaiser hatte zunehmend
Finanzprobleme, zumal auch die Aus­lastung im grossen Schulungszentrum
in der ehemaligen Textilfabrik in Bazenheid SG sank. Aussteiger
vermuten, dass Buchholz-Kaiser Stiftungsgelder verwendete, um Löcher zu
stopfen.

Die Finanzprobleme verschärften die internen Spannungen in den letzten
Monaten. Buchholz-Kaiser überwarf sich mit manchen der treusten
Anhänger, wie die vielen Mutationen im Handels­register bei
verschiedenen VPM-nahen Organisationen zeigen.

Wer bewahrt das Erbe?

Am Mittwoch ist Annemarie Buchholz-Kaiser 74-jährig in ihrem Haus
ge­storben. Das haben Recherchen des «Tages-­Anzeigers» ergeben. Die
Todesursache ist nicht bekannt.

Wie bei allen sektenartigen Gruppen werden die verbliebenen Anhänger
versuchen, das Erbe der verstorbenen Führungsfigur zu bewahren. Der
frühe und überraschende Tod von Buchholz-­Kaiser erwischt sie aber zu
einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Eine Nachfolgerin oder einen
Nachfolger gibt es nicht, und die desolate Hinterlassenschaft stellt die
letzten Treuen vor schier unlösbare ­Probleme. Die wechselvolle Ära der
VPM-Anhänger und Buchholz-Kaiser-Schüler läuft wohl nach rund 60 Jahren
bald aus.

Tages-Anzeiger 23.05.2014, size=12][/size]
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