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Hans Küng verstorben


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Rolf

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Der Wandelprediger
 
 
 
Lucas Wiegelmann
 
vor 1 Std.
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Warum er eigentlich noch nicht aus der Kirche ausgetreten sei, hat sich Hans Küng in seinem Buch „Christ sein“ einmal selbst gefragt. Der Mann, den sie Kirchenrebell nannten, der gegen die Dogmen des Katholizismus zu Felde zog und dafür den Zorn des Apparates zu spüren bekam, der mit Päpsten rang und sich mit Luther verglich, er hätte doch mehr als genug Grund dazu gehabt, dem Verein, der ihm so lange so wenig Barmherzigkeit bewies, den Rücken zu kehren.

Warum also bleiben?“, schrieb Küng. Und gab folgende Antwort: „Der Sprung vom Boot, wäre er nicht letztlich doch ein Akt des Verzagens, des Versagens, der Kapitulation? Dabei gewesen in besseren Stunden, sollte man das Boot im Sturm aufgeben und das Stemmen gegen den Wind, das Wasserschöpfen und eventuell den Kampf ums Überleben den anderen überlassen, mit denen man bisher gesegelt ist?“

1974 war das. Küng war als Tübinger Theologieprofessor schon ein bisschen berühmt, auch schon ein bisschen umstritten, aber der ganz große Showdown mit Rom stand ihm noch bevor. Heute, nach Jahrzehnten des zermürbenden öffentlichen Streits, nach mehreren Zehntausend Buchseiten, die er im Kampf um die Wahrheit veröffentlichte, werden auch seine Feinde zumindest dies eine zugeben müssen: Hans Küng hat Wort gehalten. Seine Kirche mit ihren Problemen alleinzulassen, ist ihm bis ans Ende seines Lebens nicht in den Sinn gekommen. Ganz zu schweigen natürlich von Verzagen, Versagen oder Kapitulation.

Konsequent, ja konservativ

Es ist ein bemerkenswerter Grundzug 

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, dass Hans Küng bei aller Lust zum Wagnis, zur Revolution, zum Neumachen auffällig konsequent, ja geradezu konservativ blieb, wenn es um die eigenen Positionen ging. Sein Reformprogramm, mit dem er der Kirche ihre Frische und Authentizität zurückgeben wollte, fand er bereits in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren, um dann, in Variationen, immer wieder darauf zurückzukommen.

Schon in seiner ersten Predigt als Priester überhaupt sprach er über die Hoffart der Kurie. Der knappe Text, anderthalb Druckseiten lang, ist erst vor wenigen Jahren im dritten Band seiner gesammelten Werke veröffentlicht worden. Küng predigte im Oktober 1954 – natürlich gleich im Vatikan (er hatte in Rom studiert), in der Kirche St. Anna: „Herrschen im Reiche Christi bedeutet Dienen“, sprach der 26-jährige Küng, „doch fällt es gerade in Rom und im Vatikan gewiss oft schwer, an der Kirche, wo das Königtum Christi Maßstab sein sollte, nicht Ärgernis zu nehmen. Statt Dienst – allzu oft Herrschsucht.“

Gäbe es Fotos von jener Messe in St. Anna, die anwesenden Prälaten dürften darauf ziemlich verblüfft dreinblicken. Solche Töne waren eigentlich nicht zu erwarten von einem Absolventen des Collegium Germanicum in Rom, einer Kaderschmiede, an der talentierte junge Männer aus aller Welt in roten Talaren in den Vorlesungen saßen und darauf vorbereitet wurden, eines Tages Bischof oder Kardinal zu werden.

Aber Küng wurde kein Bischof und kein Kardinal. Er wurde Kritikerpapst.

Die Geschichte vom Schweizer Schuhhändlersohn, Jahrgang 1928, der als Intellektueller zu Weltruhm kommt, spielt in jener längst vergangenen Zeit, in der man es mit theologischen Thesen noch in Fernsehtalkshows schaffen konnte. Es sind die Sechzigerjahre. Die Studentenbewegung verändert das Land. So sehr, dass ein gewisser Joseph Ratzinger, ziemlich genau ein Jahr älter als Küng und für ein paar Semester sein Kollege als Professor in Tübingen, von der für seinen Geschmack allzu unruhigen Universität flieht und sich ins ruhig gebliebene Regensburg absetzt. Küng, der mit Ratzinger bereits als Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil dabei war, lässt sich vom Geist des Wandels in Tübingen nicht vereinnahmen, aber verunsichern schon gar nicht. Er beschließt vielmehr, ihn in seine Kirche hineinzutragen, die diesen Geist, davon ist er seit der Anti-Verhütungs-Enzyklika „Humanae Vitae“ (1968) überzeugter denn je, mindestens so dringend nötig hat wie die Bonner Republik.

Die Kirche laufe Gefahr, zu einem „Museum des Abendlandes“ zu verkommen, schreibt Küng Anfang der Siebziger in seinem zentralen Bekenntnisbuch „Christ sein“, „museal mit lateinischer Kultsprache, byzantinischem Zeremoniell, mittelalterlicher Liturgie und Gesetzgebung“. Er dagegen fordert „eine unvoreingenommene Offenheit für die ,Moderne’, das Außerchristliche, Nichtchristliche, Humane“ sowie „eine schonungslose Kritik der eigenen Positionen, Distanzierung von allem kirchlichen Traditionalismus, Dogmatismus, Biblizismus“.

Was ihn konkret an der Kirche stört, deckt sich mit den bis heute gültigen Kritikpunkten der katholischen Reformbewegung, wie sie auch im aktuellen Gesprächsprozess „Synodaler Weg“ diskutiert werden: der Zölibat. Der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt. Das Kondomverbot. Der mangelnde Einfluss der Laien.

Doch Küng wird nie einer jener bräsigen Weltverbesserer, die die Kirche nur als ein böses, zu demokratisierendes Herrschaftssystem betrachten. Die aus der Kirche am liebsten einen neuen grünen Ortsverband machen wollen und zur notdürftigen Begründung ein paar Bibelzitate auf ihre Flyer drucken. Er, der Dogmatik-Experte, betreibt nicht Theologie, weil er seine Reformanliegen begründen will. Es ist umgekehrt: Seine Theologie führt ihn erst zu der Überzeugung, dass Reformen nötig seien.

Deshalb ist Küngs eigentliches Lebensthema nicht zufällig eine eigentlich ziemlich theoretische Angelegenheit: die Unfehlbarkeit des Papstes, die Papst Pius IX. im 19. Jahrhundert unter wütenden innerkirchlichen Protesten hat festschreiben lassen. Hier sieht Küng die wahre Grundkrankheit des katholischen Systems, auf die sich alle weiteren Probleme zurückführen lassen. „Der entscheidende Grund für die Reformunfähigkeit auf all diesen Ebenen aber ist nach wie vor die Doktrin von der Unfehlbarkeit des Lehramts, die unserer Kirche einen langen Winter beschert hat“, schreibt Küng noch 2016.

Dass seit 1950 kein Papst mehr eine Entscheidung „ex cathedra“, also mit dem Anspruch der Unfehlbarkeit, verkündet hatte, ist für Küng irrelevant: Die schiere Möglichkeit ist für ihn mehr, als er mit seinem Wissen um Theologie und Kirchengeschichte vereinbaren kann. Zwar sei der Kirche durchaus verheißen, dass Gott sie nicht alleinlasse und sie führe („Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt“, Mt 28,20). Daraus aber eine Unfehlbarkeit abzuleiten, widerspreche dem Befund, dass die Kirche sich in der Vergangenheit immer wieder nachweislich geirrt habe.

„Eine Überwindung des Dilemmas“, schreibt Küng in seinem Standardwerk „Unfehlbar? Eine Anfrage“ (1970), „ist nur möglich durch die Aufhebung der Alternativen auf einer höheren Ebene: Die Kirche wird in der Wahrheit erhalten, trotz aller immer möglichen Irrtümer!“ Die Unfehlbarkeitslehre gehöre abgeschafft, stattdessen solle man von „Unzerrüttbarkeit und Unzerstörbarkeit“ sprechen, „kurz: ein grundlegendes Bleiben in der Wahrheit trotz aller immer möglichen Irrtümer“.

Küng muss sich damals bewusst sein, dass sich der Papst, damals Paul VI., solche Thesen niemals zu eigen machen wird. Aber die Härte der Gegenreaktion überrascht ihn. Die Kurie beginnt, Akten über ihn anzulegen. Verfahren gegen seine Bücher werden angestrengt, vor allem gegen „Christ sein“ und „Unfehlbar?“. Vorladungen nach Rom gehen ein, ohne dass Küng daran denkt, ihnen Folge zu leisten. Die Deutsche Bischofskonferenz hält es für passend, Anti-Küng-Stellungnahmen zu veröffentlichen. Langwierige Verhandlungen zwischen Rom und den deutschen Bischöfen, von denen Küng nichts ahnt, führen schließlich zur Sensation: Küng verliert die Lehrerlaubnis als katholischer Professor.

Küng verbringt gerade seinen Skiurlaub am Arlberg in Österreich, es ist der Advent 1979, als ein Mitarbeiter ihn anruft und ihm die Nachricht überbringt. Küng fährt noch am selben Tag zurück nach Tübingen. Dort warten die Reporter schon auf ihn, und er verliest eine Erklärung: „Ich schäme mich meiner Kirche, dass noch im 20. Jahrhundert geheime Inquisitionsverfahren durchgeführt werden“, beginnt sie. Die Einwände gegen seine Schriften seien „offensichtlich nur Vorwände, um einen recht unbequemen Kritiker mundtot zu machen“.

Küng gibt sich kämpferisch, zeigt sich ungebrochen. Erst später wird Küng in Interviews durchblicken lassen, wie nah ihm die Sache gegangen ist. Der Entzug der Lehrerlaubnis habe ihn „physisch und psychisch umgehauen“.

Die Verurteilung ist ganz viel Fluch und ein klein wenig Segen. Küng gefällt sich nicht darin, ein Ausgestoßener zu sein, im Gegenteil, er kämpft um seine Rehabilitierung, ein Leben lang. Sein Glück im Unglück besteht lediglich darin, dass er nach dem Verdikt aus Rom rasch zum internationalen Schutzheiligen der Kirchenreformer aufsteigt. Küng verbleibt als „Professor für Ökumenische Theologie“ an der Uni Tübingen, er lehrt bis zur Emeritierung 1996 weiter, und wenn er den Zentralismus der Kirche unter Papst Johannes Paul II. oder die konservative Theologie Benedikts XVI. geißelt, spitzen fortan nicht mehr nur die Studenten im Hörsaal ihre Bleistifte, sondern die Welt horcht auf. Küng wird zur Instanz.

Das Boot nie verlassen

Irgendwann ist er so berühmt, dass er eine Stiftung namens „Weltethos“ ins Leben rufen kann. Sie soll statt des innerkirchlichen Klein-Kleins den für den Frieden entscheidenden Dialog der Religionen vorantreiben. Das ist jetzt der Maßstab: die Zukunft des Planeten, nicht irgendwelche Fußnoten in irgendwelchen Christologie-Traktaten. Nur zum fanatischen Renegaten, der irgendwann auf alles und jedes im Katholizismus schimpft, mutiert Küng nie. Dann hätte man ihn als gekränkten Querulanten abtun können. Diesen Gefallen tut er dem Kirchenapparat nicht.

Der einzige Tribut, den er der fortgesetzten Ignoranz des offiziellen Katholizismus zahlen muss, besteht in seiner Neigung zur Selbstgerechtigkeit, die er womöglich aus einer Art Selbstschutz heraus entwickelt, gegen die ständigen Anfeindungen von außen. Vielleicht geht es eben nicht anders, wenn einer den Sturm so lange aushalten, sich so lange gegen den Wind stemmen will.

Dass Hans Küng das Boot dennoch nie verlassen hat, anders als Kollegen wie Eugen Drewermann, Hubertus Mynarek oder Jean-Pierre Wils, haben manche Kirchenkritiker nicht verstanden. Küng blieb Katholik, blieb sogar Priester. Sonst hätte er das Antlitz der Kirche kaum so tiefgreifend verändern können, wie es ihm gelungen ist. Manche seiner theologischen Thesen, insbesondere die Ablehnung der immerwährenden Jungfräulichkeit und Himmelfahrt Marias, werden von der Kirche nie übernommen werden. Dogmen sind Dogmen, per definitionem unveränderlich. Aber viele andere von Küngs Anliegen, die Ökumene, die Dezentralisierung, die Rolle der Frauen sowie allgemein Demut und Kritikfähigkeit, haben heute nichts Rebellisches mehr an sich, sondern sind dank seines unermüdlichen Einsatzes zumindest als weithin anerkannte Ziele in der Mitte der Kirche angekommen.

Der stete Tropfen, er höhlte sogar den Felsen des Petrusamtes in Rom. Johannes Paul II. würdigte Küng nie auch nur einer Briefzeile. Benedikt XVI., Küngs großer Gegenspieler, der ihn nun als emeritierter Papst überlebt hat, lud den alten Tübinger Kollegen 2005 immerhin schon mal zu Vieraugengespräch, Spaziergang und Abendessen nach Castel Gandolfo. Franziskus schließlich, den Küng als eine Art personifiziertes Happy End seines lebenslangen Kulturkampfes betrachtete, entschloss sich zu einem regelmäßigen Briefwechsel mit ihm. Das bedeutete Küng, wie er im Sammelband „Unfehlbarkeit“ (2016) notierte, „nach all der erfahrenen Unbill so etwas wie eine informelle Rehabilitation“. Franziskus trat sein Amt übrigens am 19. März 2013 an, am Namenstag Joseph Ratzingers – und an Hans Küngs Geburtstag. Manchmal hat die göttliche Vorsehung einen Sinn für Symbolik.

Zu den Überzeugungen, zu denen Küng ein Leben lang stand, gehörte auch sein nüchterner Blick auf den Tod. Schon im Buch „Ewig leben?“ (1982) diskutierte er die 

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, die die Kirche ablehnt. Küng hatte früh, in den Fünfzigerjahren, da war er noch keine dreißig, seinen Bruder Georg verloren, der qualvoll an einem Hirntumor zugrunde ging. „Ein halbes Jahr lang Schmerzen und Keuchen“, erzählte Küng später in einem Interview. So wollte er selbst nie enden.

Später musste Küng mitansehen, wie sein langjähriger Freund Walter Jens in der Demenz verloren ging. Küng besuchte ihn noch, als der ihn gar nicht mehr erkannte, und fütterte ihn mit Apfelstücken. Als bei Küng selbst schließlich Parkinson diagnostiziert wurde, dieselbe Krankheit, an der auch sein großes Feindbild Johannes Paul II. litt, traf er Vorkehrungen, um seinem Leben „jederzeit“ selbst ein Ende setzen zu können. Er schloss sich einer Sterbehilfeorganisation an, eine Patientenverfügung hatte er sowieso.

In seinem dritten und letzten Memoirenband, „Erlebte Menschlichkeit“ (2013), hat Küng beschrieben, wie er sich den selbst gewählten Abschied gewünscht hätte. „Es soll nicht in einer eher tristen, trostlosen Atmosphäre geschehen (wie bisweilen in Fernsehberichten von Sterbehilfeorganisationen geschildert), vielmehr geistlich getröstet und begleitet – in einem Haus in Tübingen oder in Sursee.“ Nun kam es anders – jedenfalls hat Küngs Stiftung „Weltethos“ am Dienstag in ihrer Bestätigung der Todesnachricht nichts von Sterbehilfe erwähnt.

Die Musik zum Requiem

Küng hat in seinen Memoiren bereits das Musikprogramm für seine Trauerfeier entworfen. Er wünscht sich erst die Klavierbearbeitung des Bach-Chorals „Jesu bleibet meine Freude“ in einer Aufnahme mit dem todkranken Dinu Lipatti (1917–1950). Dann das Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert. Schließlich, nach einem Gebet, noch den dritten, schnellen Mozart-Satz, „zum Zeichen dafür, dass für alle Zurückbleibenden das Leben weitergeht“. Zum Schluss sollen alle gemeinsam „Nun danket alle Gott“ singen.

Sogar sein Grab hat Küng bereits ausgesucht, auf dem Tübinger Stadtfriedhof, 

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. Alles nur Beiwerk, natürlich. Aber wer will, kann in Küngs Schriften auch schon nachlesen, was jetzt wirklich wichtig ist. Das heißt, wo Hans Küng nun eigentlich geblieben ist.

„Der letzte, entscheidende, ganz andere Weg des Menschen“, schreibt Küng, „führt nicht hinaus ins Weltall oder über dieses hinaus. Sondern – wenn man schon in Bildern reden will – gleichsam hinein in den innersten Urgrund, Urhalt, Ursinn von Welt und Mensch: aus dem Tod ins Leben, aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare, aus dem sterblichen Dunkel in Gottes ewiges Licht.“ Wenn die letzte Wirklichkeit Gott sei, dann sei der Tod nicht Zerstörung, sondern Verwandlung. „Also nicht ein Enden, gar Verenden, sondern ein Vollenden, nicht eine Minderung, sondern eine Erfüllung, die unendliche Erfüllung.“

Schöner hätte es ein Papst nicht sagen können.


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