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Fundamentalistische Gesellschafts- und Glaubensvorstellungen


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Rolf

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Geistliche Kriegsführung
Fundamentalistische Gesellschafts- und Glaubensvorstellungen




von Thomas Kern

Gerade in der charismatischen Bewegung finden sich zahlreiche Elemente, die an den volkstümlichen Dämonenglauben anknüpfen. Damit ist nicht nur der sogenannte "Befreiungsdienst" als zeitgenössische Variante der Dämonenaustreibung gemeint, sondern auch die "geistliche Kriegführung".
Hinter der Tradition des geistlichen Kampfes steht eine Wirklichkeitsvorstellung, die in unsichtbaren Welten finstere Mächte und Dämonen vermutet, welche darauf aus sind, das Reich Gottes zu bekämpfen und den Gläubigen (durch Krankheit, Unglück, Leid etc.) Schaden zuzufügen. Inwieweit ein solcher Glaube gerechtfertigt ist oder nicht, ist eine theologische Frage und damit kein Gegenstand unserer Untersuchung. Im soziologischen Kontext ist es vielmehr bedeutsam, daß sich eine derartige Wirklichkeitsvorstellung bis in die heutige aufgeklärte' Zeit hinein bewahrt hat und in der charismatischen Bewegung sogar erneut aufblüht.



In der charismatischen Bewegung spielen geistlicher Kampf und geistliche Kriegführung (1) in recht unterschiedlichen Bereichen eine Rolle. Ihre wichtigsten Anwendungsgebiete liegen in "Befreiungsdienst" (Exorzismus) und "Evangelisation". Da der Befreiungsdienst [im hier vorgestellten Buch - Red.] im Rahmen der charismatischen Seelsorgepraxis bereits angesprochen wurde [Vgl. ausführlich dazu Kapitel 3.2 des Buches von Thomas Kern über "Kennzeichen der charismatischen Bewegung", spez. S. 78 ff. zur Seelsorge. ­ Red.], soll jetzt die Beziehung zwischen geistlicher Kriegführung und Evangelisation näher beleuchtet werden.

Geistliche Kriegführung und Evangelisation

Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Einsatzbereichen dürfte wohl darin liegen, daß sich der Befreiungsdienst hauptsächlich darauf konzentriert, einzelne Menschen dem Einfluß von finsteren Mächten zu entziehen, während im Zusammenhang mit Evangelisation räumlich begrenzte Gebietseinheiten geistlich 'zurückerobert' werden sollen. An dieser Stelle sei betont, daß die geistliche Kriegführung unter den Charismatikern zwar weit verbreitet, aber nur im pfingstlerischen und neopfingstlerischen Milieu so stark ausgeprägt ist, wie in den weiteren Ausführungen dargestellt. Die Praxis der volkskirchlichen Charismatiker lehnt sich je nach Gruppe mehr oder weniger eng an dieses Modell an, ist in der Regel aber gemäßigter. (2)

Unter geistlicher Kriegführung verstehen die Charismatiker den Kampf gegen dämonische Mächte, die über bestimmte Nationen, Regionen, Städte und Wohngebiete oder sogar einzelne Häuser, Wohnungen und Zimmer herrschen können. Diese 'Mächte' üben einen starken (negativen) Einfluß auf die dort lebenden Menschen aus, und viele Charismatiker glauben, daß es keine 'Erweckung' geben könne, bevor nicht die Dämonen 'besiegt' sind und ihre 'Macht' gebrochen wurde. Floyd McClung, ein einflußreicher Leiter von "JmeM" [Jugend mit einer Mission. - Red.], schreibt dazu folgendes:
"Jeder Christ, der in einer Stadt lebt oder arbeitet (sei es im Zentrum, wo sich die Probleme verdichten, oder in den netten Außenbezirken und Vorstädten) handelt sich große Probleme ein, wenn er die geistlichen Auseinandersetzungen um sich herum nicht ernst nimmt! Es erstaunt mich, daß so viele Christen sich des geistlichen Kampfes, der überall um sie herum stattfindet, so wenig bewußt sind." (32)

Dahinter steht die Vorstellung, daß Engel und Dämonen innerhalb dieser Gebiete miteinander kämpfen und daß die Christen durch ihr Handeln und Beten den Engeln und damit Gott selbst zum Sieg verhelfen können. (4)

Kampfansagen gegen die Mächte der Finsternis


Dies geschieht meist durch machtvolle Gebete und offensive Kampfansagen gegen die Mächte der Finsternis. Auf diese Weise glauben sie die Herrschaft Satans und seiner Dämonen brechen zu können und hierdurch einer christlichen Erweckung den Weg zu bahnen. Geistliche Kriegführung kann nur aus diesem missionarischen Anliegen heraus verstanden werden. Auch wenn durch Wolfram Kopfermann, der sich in einer Veröffentlichung (5) kritisch mit dem Thema auseinandergesetzt hat, innerhalb der charismatischen Bewegung eine kontroverse Diskussion über diese Gebetspraxis ausgelöst wurde, wird sie nach wie vor in weiten Kreisen der Szene lebhaft praktiziert.



Dämonischen Hauptfürsten und die niedrigrangigeren dämonischen Streitkräfte



Zunächst sollen zwei Beispiele für geistliche Kriegführung helfen, sich von der Praxis ein genaueres Bild zu machen. Im ersten berichtet C. Peter Wagner, wie es in einem Vorort von Buenos Aires durch geistliche Kampfführung 1987 angeblich zu einer Erweckung gekommen ist:
"Im Lauf eines langen Prozesses identifizierten Lorenzo [der Hauptpastor dieser Gemeinde; d. Verf.] und seine Leiter schließlich den dämonischen Hauptfürsten über Androgue [damit ist ein geographisches Gebiet gemeint; d. Verf.]. Sie entdeckten sogar den Namen des territorialen Geistes [...] Sie beanspruchten die Herrschaft über die dämonischen Fürsten der Stadt und die niedrigrangigeren dämonischen Streitkräfte [im Gebet; d. Verf.] Um 23. 45 Uhr an jenem Abend spürten alle zusammen, daß irgend etwas im geistlichen Raum gebrochen war. Sie wußten, daß die Schlacht vorüber war. Der böse Geist war gewichen, und seine Gemeinde begann zu wachsen. In einer relativ kurzen Zeit verdreifachte sich die Zahl der Mitglieder." (6)

Das zweite Exempel stammt von John Dawson, einem bekannten und einflußreichen Leiter des internationalen Missionswerks "Jugend mit einer Mission" (JmeM). Er beschreibt darin seine Vorgehensweise, nachdem er bemerkt hatte, daß sich im "JmeM-Zentrum" von Los Angeles einzelne Dämonen eingeschlichen hatten:

Geist der Verwirrung

Geist der Verwirrung "Am nächsten Tag betete ich ernsthaft für meine Mitarbeiter im Hauptquartier von Jugend mit einer Mission in Los Angeles. Während ich betete, hatte ich ein Bild des Sitzungszimmers vor Augen. - Die Leiter treffen sich in diesem Raum, um über Langzeit-Ziele zu entscheiden. Vor meinen geistigen Augen konnte ich sehen, wie eine düstere Wolke in einer Ecke oben an der Decke schwebte. Es wurde mir klar, daß ich einen Geist des Unglaubens wahrnahm. Es stimmt, dachte ich. Jedesmal wenn wir uns dort treffen, zeigen alle eine ungewöhnliche Ängstlichkeit hinsichtlich der finanziellen Mittel, obgleich Gott sich als treu erwiesen hatte. [... ] Während der folgenden Tage erlebten wir eine Zeit des 'geistlichen Hausputzes'. Ein Geist der Verwirrung, der eine Familie monatelang unterdrückt hatte, wurde aufgedeckt und in dürre Stätten verbannt (7); auch anderen Dämonen, die uns in unserem geistlichen Dienst heimtückisch ständig verfolgt und belästigt hatten, geboten wir zu weichen." (8)

Diese beiden Beispiele zeigen, daß die Charismatiker sehr konkrete Vorstellungen über die unsichtbare Wirklichkeit und ihre Wechselwirkung mit der sichtbaren Welt haben. Diese Vorstellungen lassen sich wie folgt zusammenfassen:
1) Zwischen Erweckung und erfolgreichem geistlichen Kampf wird ein kausaler Zusammenhang hergestellt. Dieser Zusammenhang wird besonders von der "Gemeindewachstumsbewegung" betont. [vgl. Kapitel 3.2 des Buches, wo Kern sich auf S. 96 ff. mit "Wachstumsdenken und Wachstumsstrategien" auseinandersetzt. - Red.]
2) Dämonen und Engel sind wie eine Armee bzw. Ständegesellschaft hierarchisch geordnet. (9)
3) Die finsteren Mächte herrschen über bestimmte territoriale Gebiete. Eine zentrale Stellung nehmen dabei die Städte ein.
4) Diese Mächte greifen nicht nur Nichtchristen an, sondern auch Christen. Sie versuchen, deren 'Dienst' zu erschweren und, wenn möglich, sie vom rechten Glauben wieder abzubringen und ihr Leben zu zerstören. (10)
5) Sie wirken sich auf Gedanken und Ge-fühlszustände aus.
6) Der Christ muß die finsteren Mächte aktiv bekämpfen, wenn er den Weg zur Erweckung freimachen will.

Kriegerische Rasse

Kriegerische RasseHinter diesen Vorstellungen zeigt sich ein dualistisches Weltbild. Der Mensch ist in einen kosmischen Kampf hineingeworfen, in dessen Verlauf er sich für die richtige Seite entscheiden muß, um für sie zu kämpfen. (11) In diesen Zusammenhang kann auch das folgende Zitat von John Dawson eingeordnet werden:
"Gott wollte, daß wir kämpfen lernen. Der Mensch gehört einer kriegerischen Rasse an, ist nach Gottes Bild geschaffen und dazu bestimmt, an seiner Seite zu regieren. Der Drang, etwas zu erobern, über etwas zu herrschen, ist Teil unserer Natur. Dieses Verlangen kann durch Stolz und Machtgier entstellt werden oder aber durch die wohlwollende Herrschaft über Gottes Reich umgewandelt und nutzbar gemacht werden. Wir sind dazu berufen, mit Christus zu regieren." (12)

In diesen Worten drückt sich ein sozialer Anspruch aus. Die Charismatiker wollen die Gesellschaft beeinflussen; durch Erweckung soll das 'wahre' (evangelikal-charismatische) Christentum zur dominierenden kulturellen Kraft werden. Bis es soweit ist, regieren in der Gesellschaft finstere Mächte, gegen die ein gezielter geistlicher 'Schlag' geführt werden muß. Die Sprache, in der John Dawson dazu auffordert, klingt militärisch:

"Durch strategischen Truppenzusammenhang werden in Kriegszeiten Schlachten gewonnen. Die Soldaten greifen nicht einzeln an. Sie folgen einem Plan, den der Heerführer anhand einer großen Landkarte und einer Menge von Informationen aufstellt. In manchen unserer Städte haben unsere Soldaten schon so lange keine Nachricht mehr über den Verlauf der Schlacht erhalten, daß sie aufgehört haben zu schießen. Sie spazieren auf dem Schlachtfeld herum, bereiten ihr Essen zu und widmen sich im allgemeinen ihrem eigenen Wohlergehen. [...] Der moderne Christ sollte die Bibel, die schriftlichen Befehle des Heerführers, zur Hand nehmen und die Beschreibung des Schlachtfeldes lesen." (13)



Offensives Gebieten

Die Mittel, derer sich der Christ während seines Kampfes bedienen soll, sind hauptsächlich Fürbitte und offensives Gebieten 'im Namen Jesu' sowie Lobpreis und Anbetung. Die folgenden Regeln für den geistlichen Kampf orientieren sich an den Ausführungen von C. Peter Wagner, einem Führer in der sogenannten "Gemeindewachstumsbewegung", die in der evangelikalen und der charismatischen Szene von großem Einfluß ist (14):
1) Zunächst muß die geographische Einheit ausgewählt werden, für die zu beten ist.
2) Unter den Betern muß Einvernehmen herrschen, das heißt, es dürfen zwischen ihnen keine schwelenden oder offenen Konflikte bestehen, da der Heilige Geist sonst nicht wirken kann. (15)
3) Die Gläubigen müssen sich einer persönlichen 'Reinigung' unterziehen. Buße, Fasten und Gebet sollen die 'geistliche Optik' schärfen und dem 'Feind' jegliche Angriffspunkte und Anrechte auf die beteiligten Personen entziehen. Dazu gehört, daß sich die Anwesenden unter den 'Schutz des Blutes Jesu' stellen.

4) Die Region soll aus religionsgeschichtlicher Perspektive untersucht werden (17), etwa wann und wie das Gebiet missioniert wurde, bzw. welche Religionen sonst noch anzutreffen waren (sind). Da praktisch alle nichtchristlichen Religionen automatisch als dämonisch gelten (außer dem Judentum), findet sich hier oft ein geeigneter Ansatzpunkt für geistliche Kriegführung. - Eine weitere Möglichkeit ist die Suche nach den vorherrschenden Sünden einer Region, mit denen ein bestimmter Dämon in Verbindung gebracht wird. In Frankfurt gelten zum Beispiel das Rotlichtviertel als Anhaltspunkt für einen Geist der sexuellen Unzucht und Begierde oder die Bankniederlassungen für einen Geist der Habgier. Manche Vertreter dieser Richtung gehen dabei so weit, daß sie die Landkarten in einzelne Territorien zerlegen, über die jeweils ein bestimmter Dämon herrscht(18), um gezielt für geistliche Befreiung beten zu können. Diese Vorgehensweise bezeichnet man gewöhnlich als "spiritual mapping". - Für eine erfolgreiche geistliche Kriegführung ist das Charisma der 'Geisterunterscheidung' von großer Bedeutung. Die Geister und ihre Namen müssen identifiziert werden, damit man sie vertreiben kann.

5) Eine wichtige Komponente der geistlichen Kriegführung ist der Lobpreis. Die Gläubigen gehen davon aus, daß Gott unter den Lobgesängen seines Volkes wohnt und seine Anwesenheit die Dämonen vertreibt.

Während solcher Gebetszeiten kommen alle beschriebenen charismatischen Elemente zur Anwendung: Glossolalie, Prophetie, Lobpreis etc. Was den Einsatz der Gabe der Geisterunterscheidung betrifft, die für diesen Dienst als unverzichtbar angesehen wird, zieht John Dawson einen Vergleich zur Gabe der Prophetie (19)
[Kapitel 4.4 des Buches über "Manifestationen des Heiligen Geistes" bringt Abschnitte über "Prophetien - Eindrücke und Worte der Erkenntnis" und "Bilder und Visionen" - Red.].

Der Name des Dämons

Der Inhaber dieses Charismas bekommt einen Gedanken, von dem er 'spürt', daß er vom Heiligen Geist stammt. Das heißt: Worte und Bezeichnungen kommen ihm in den Sinn, die er (eventuell) mittels seines Charismas mit einem Dämon in Verbindung zu bringen vermag. Es handelt sich dabei um einen geistlichen 'Eindruck' [vgl. Kapitel 4.4] , von dem angenommen wird, daß Gott hierdurch den Namen des Dämons offenbart. Die Kenntnis des Namens gilt als unumgängliche Voraussetzung für die Vertreibung eines Dämons. Insofern spielt das Charisma der Geisterunterscheidung in der geistlichen Kriegführung und beim Befreiungsdienst (Exorzismus) eine wichtige Rolle.
[Mehr dazu führt Kern aus im Abschnitt "Seelsorge" in Kapitel 3.2 des vorgestellten Buches. - Red.]

Geistliche Kriegführung in Hauskreis und Gemeinde

In der Regel wird geistliche Kriegführung an Hauskreisabenden oder in speziellen Gebetsteams praktiziert, die sich regelmäßig treffen und für die Erweckung ihrer Stadt beten. Zusätzlich finden in den charismatischen Gemeinden hin und wieder offene Gebetstreffen statt, bei denen die geistliche Kriegführung einen wesentlichen Teil des Programms ausmacht. Schließlich ist es auch möglich, daß einzelne Elemente der geistlichen Kriegführung in den regulären Hauptgottesdiensten praktiziert werden.

Je nach Gemeinde wird ihr ein unterschiedlich hoher Stellenwert eingeräumt, und dementsprechend häufig steht sie auf dem Programm. So sagte mir der Pastor des Frankfurter "Christlichen Zentrums Nordweststadt" (CZN), daß seine Gemeinde die geistliche Kriegführung zur Zeit kaum noch praktiziere. Im Moment sei es einfach nicht 'dran'. Während der Gemeindegründungsphase hätten sie häufig zu diesem Mittel gegriffen, da die Frankfurter Nordweststadt früher eine heidnische Kultstätte gewesen sei. Für eine erfolgreiche Gemeindeneugründung erschien es daher notwendig, das Gebiet zuerst von noch immer anwesenden Dämonen zu befreien. Da die Gemeindeleiter mittlerweile den Eindruck hätten, daß dieses Ziel erreicht worden sei, könnten sie sich jetzt anderen Problemen zuwenden.

Politische Dimensionen

Die geistliche Kriegführung - das ist bereits angeklungen - hat nicht nur eine geistliche, sondern auch eine politische und soziale Dimension. Hinter gesellschaftlichen Entwicklungen werden widergöttliche Mächte vermutet, die nur durch Gebet und geistlichen Widerstand aufgehalten werden können.

"Wenn wir die Oberflächlichkeit unserer westlichen Kultur anschauen, ihren Hang zu Selbstverwirklichung, Nachlässigkeit, Konsumwahn, politischer Passivität und moralischer Gleichgültigkeit, dann muß ich die Frage stellen: Welche Rolle spielt der Bereich des Dämonischen am Niedergang der christlichen Prägung der westlichen Gesellschaften? Etwa um die Jahrhundertwende trat ein grundlegender kultureller Wandel in den westlichen Nationen ein. Vorher hatte sich die westliche Kultur stark an den Werten der christlichen Moral, der Familie, der Arbeit, des Sparens und sogar der Selbstverleugnung orientiert. Der moderne liberale Protestantismus, der Verzicht auf absolute Werte, die Orientierung an einem Menschenbild der Psychoanalyse [... ] und der moderne weltweite Kapitalismus [...] haben Hand in Hand gearbeitet, um diesen Kulturwandel herbeizuführen. [...] Die Kultur des gefallenen Menschen wird direkt von geistlichen Kräften beeinflußt." (20)

Viele Charismatiker sehnen sich nach vergangenen Zeiten zurück, in denen das Christentum noch eine dominierende gesellschaftliche Kraft war. Es ist eine für den Fundamentalismus typische Tendenz, die Vergangenheit als 'goldenes Zeitalter' zu verklären und vor diesem Hintergrund die Gegenwart zu kritisieren und zu verurteilen. (21) In dem betont militärischen Vokabular der geistlichen Kriegführung und dem hierarchisch-autoritären Denken der Charismatiker [vgl. Kapitel 5.2 seines Buches, in dem Kern über "Autoritäre (Bewußtseins-)Strukturen" handelt] offenbart sich eine dualistische Tendenz, die zumindest latent extremistische Züge trägt, was sich unter anderem in einer tiefsitzenden Angst und Abwehr gegen alles äußert, was fremd ist [vgl. Kapitel 5.1 über "Fundamentalistische Tendenzen"- Red.].

Wie weit das gehen kann, zeigt der folgende Bericht aus dem Rundbrief der charismatischen Initiative "Fürbitte für Deutschland" (FFD), die von allen wesentlichen Leitern der neopfingstlerischen Bewegung und zum Teil auch von fahrenden volkskirchlichen Charismatikern unterstützt wird. Darin wird von einem vermeintlich durch geistliche Kriegführung verhinderten Bau eines islamischen Gotteshauses berichtet:

"Aachen: Gebet bezüglich Errichtung eines islamischen Zentrums erfolgreich.


Der Stadtrat der Stadt Aachen beriet und entschied am 24. 11. 93 darüber, ob in Aachen ein islamisches Zentrum (mit Moschee) als europaweites Zentrum gebaut werden darf. Nachfolgender Brief vom Leiter der ,Stadtgebetsarbeit Aachen' berichtet über den Ausgang der Entscheidung: 'Der Einsatz aller alarmierten Beter für das Anliegen unserer Stadt in bezug auf den geplanten Bau eines islamischen Zentrums hat zu einer deutlichen Wende im Bewußtsein der Politiker geführt. [... ] Es ist damit zu rechnen, daß die Verantwortlichen des 'Islamischen Zentrums Aachen' (IZA) alle Rechtsmittel ausschöpfen werden. Wir bleiben dran und danken herzlich für Eure Gebetsunterstützung" [Herv. i. Org.; d. Verf.]. (22)

Es scheint so, als ob die Charismatiker versuchten, auf derartige Weise ihr politisches Ohnmächtigkeitsgefühl zu kompensieren. Langfristig können solche Praktiken zu einem gefährlichen Herd für sozioreligiöse Konflikte werden. Womöglich wird die Gesellschaft dann jene 'Geister', die durch die Charismatiker herbeigerufen wurden, nicht mehr los.


Fürbitte für Deutschland

"Fürbitte für Deutschland" (FFD) gehört mit seinem Leiter, Berthold Becker, zu den besonders einflußreichen Initiativen in der deutschen charismatischen Szene. Ziel der Organisation ist der Aufbau von überkonfessionellen regionalen Gebetsgruppen, die die geistliche Kriegführung und die Fürbitte für bestimmte Regionen und das ganze Land in die Hand nehmen sollen. Die Gebetsanliegen - meist politischer oder evangelistischer Art - werden in regelmäßig erscheinenden Rundbriefen/Zeitschriften vorgegeben.

Jesus-Märsche

Auch an den sogenannten "Jesus-Märschen" [...] ist die Organisation maßgeblich beteiligt.
Die "Jesus-Märsche" sind im Rahmen der geistlichen Kriegführung mittlerweile zu einer ausgesprochenen Institution geworden. Dabei handelt es sich um Demonstrationen, bei denen die Teilnehmer - mit Plakaten, Transparenten und Fahnen ausgestattet - durch die Straßen marschieren und sich lautstark (aber friedlich) zu ihrem Glauben bekennen.

Der äußeren Form nach ist eine gewisse Nähe zu den traditionellen (katholischen) Prozessionen nicht zu übersehen. Neben der geistlichen Kriegführung, das heißt der geistlichen und symbolischen 'Einnahme' (23) des 'feindlichen' Terrains, versucht die charismatische Bewegung, auf diese Weise in der Öffentlichkeit positiv auf sich aufmerksam zu machen.
Die Idee für derartige Märsche stammt aus Großbritannien, wo sich erstmals 1986 in London einige (charismatische) Gemeinden zu einer ähnlichen Aktion zusammenschlossen. 1988 nahmen bereits 550.00 Charismatiker an der Veranstaltung teil. Prinizpiell sind Gruppen aus allen Konfessionen und Richtungen aufgerufen, daran teilzunehmen, wobei die Charismatiker und die Pfingstler den größten Anteil stellen. Weltweit fanden in bereits 120 Ländern solche Märsche statt. (24) Auch in Deutschland werden die "Märsche für Jesus" immer wieder durchgeführt. In Frankfurt waren es 1993 etwa 1300 Personen (25), die an dem Demonstrationszug teilnahmen. Die größten Märsche gab es 1992 in Berlin mit 60.000 Teilnehmern und 1994 mit etwa 75.000. (26) Sie üben eine enorme Anziehungskraft auf die Charismatiker aller Konfessionen und Kirchen aus.



Kampfspiritualität als christlich verbrämter Gegen-Okkultismus



So wie die geistliche Kriegführung heute existiert, handelt es sich vermutlich um ein kirchengeschichtliches Novum. (27) Auch wenn der Ursprung dieser neuen Lehre noch ungeklärt ist, spricht vieles dafür, ihn im pfingstlerisch-charismatischen Milieu der fünfziger und sechziger Jahre in den USA zu vermuten. (28) Der zu dieser Zeit herrschende kalte Krieg übte wahrscheinlich einen starken Einfluß auf die Entstehung einer kriegerischen Kampfspiritualität aus. Die dualistische Weltordnung - besonders hinsichtlich der geographischen Aufteilung in Regionen - und der dämonisierte Kommunismus haben die Entstehung einer solchen Frömmigkeitspraxis im pfingstlerisch-fundamentalistischen Lager innerhalb der USA zumindest begünstigt.

Nach Ansicht von K. H. Eimuth und L. Lemhöfer handelt es sich bei der geistlichen Kriegführung um eine Art 'christlich verbrämten Gegen-Okkultismus'.(29) Das heißt, die Charismatiker versuchen, mit Hilfe von unsichtbaren und übernatürlichen Kräften die Ereignisse in der sichtbaren Wirklichkeit zu beeinflussen. Diese Form der Einflußnahme auf gesellschaftliche Prozesse dürfte gerade heute auf viele eine große Anziehungskraft ausüben. In der individualisierten Gesellschaft kann sich der einzelne angesichts der Zusammenballung von großen, komplexen und undurchschaubaren Institutionen gegenüber politischen und sozialen Entwicklungen schnell ohnmächtig, hilflos und ausgeliefert fühlen. Mit der Geistlichen Kriegführung bekommt er einen vermeintlichen Einfluß auf Vorgänge, die ihm in unerreichbare Ferne gerückt schienen. Er scheint das Weltgeschehen plötzlich wieder ganz im Griff zu haben und erlebt sich nicht nur als Lenker seines eigenen, sondern auch des Schicksals der gesamten Menschheit. Das bisher unscheinbare 'Rädchen' bekommt plötzlich eine 'kosmische' Bedeutung und findet zu einem neuen Selbstbewußtsein.

Dazu sagt Wolfram Kopfermann in seiner Kritik an der geistlichen Kriegführung:
"Hier befinden wir uns an der unheimlichsten Stelle des gesamten Unternehmens. Wer GK [geistliche Kriegführung; d. Verf.] betreibt, verläßt den Ort der Abhängigkeit und der Schwäche, den Gott seiner Kirche, ihren Leitern und ihren Gliedern zugewiesen hat. [... ] Ich möchte einige Beispiele für das bringen, was ich als falsches Machtgefühl bezeichnet habe." (30)

Kopfermann erwähnt nun einige Fälle für die Anwendung der geistlichen Kriegführung. Darunter ist einer, der wiederum die Initiative "Fürbitte für Deutschland" betrifft:
"Völlig unbekümmert schreibt Berthold Becker: 'So haben wir zum Beispiel bei einer Gebetstagung in Frankfurt 1989 sowohl Honecker mit seiner Regierung abgesetzt als auch Ceaucescu, den Tyrannen, im Gebet abgesetzt. Wir waren uns eins, daß das exakt im Willen und der Salbung Gottes war, und alles geschah innerhalb von drei Monaten.' " (31)

Kritikvermeidung durch Kampf nach außen

Der Wunsch nach Einheit und Einvernehmlichkeit unter Charismatikern hat mitunter zur Folge, daß Widerspruch gegen Leiter und Kritik an den Leitern schnell als Angriff finsterer Mächte gedeutet wird, mit dem die Gemeinschaft der Christen in ihrem Kampf gegen das Böse geschwächt werden soll. Ein solches Klima begünstigt die Entstehung autoritärer Gruppenstrukturen und fördert ein elitäres Schwarz-Weiß-Denken. In Zeiten des 'Krieges' müssen Unannehmlichkeiten und Opfer in Kauf genommen werden, gleichzeitig werden Kritik und Unzufriedenheit angesichts geistlicher 'Bedrohungsszenarien' hinter den Kampf für die 'gute Sache' zurückgestellt. Der 'unsichtbare' Feind schmiedet die Gemeinschaft zusammen und fördert so den Gruppenzusammenhalt.

Dr. rer. soc. Thomas Kern, 31, studierte Soziologie in Frankfurt/Main und Bamberg. Er arbeitete im Referat für Weltanschauungsfragen des Bistums Limburg und ist jetzt wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bamberg im Fachbereich Religionssoziologie. (Abdruck des Auszug mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.)


Anmerkungen
1 (Im Buch: Anmerkungen, Kapitel 4, Nr. 30) Einen hervorragenden Überblick über das diesbezügliche Denken in der charismatischen Bewegung bietet W. Kopfermann in seiner kritischen Auseinandersetzung mit der geistlichen Kriegführung. Vgl. W. Kopfermann, Macht ohne Auftrag. Warum ich mich nicht an der geistlichen Kriegführung beteilige. Emmelsbüll 1994.
2 (31) Dafür dürfte zweierlei verantwortlich sein: erstens die enge strukturelle Einbindung der Bewegung in die katholische Kirche und zweitens der große Einfluß der universitären Theologie. Das heißt allerdings nicht, daß es in Deutschland nicht auch einzelne Gruppen mit engen Kontakten zur neopfingstlerischen Szene gäbe, die die geistliche Kriegführung rege praktizieren.
3 (32) F. McClung, Wirksame Evangelisation, Frankfurt a. M. 1993, S. 17.
4 (33) Vgl. J. Dawson, Unsere Städte für Gott gewinnen, Biel 1991, S. 143 ff. John Wimber schreibt dazu: "Wir sind mitten in eine Schlacht mit Satan geworfen, in ein Tauziehen, und der Preis sind die Seelen von Männern und Frauen. Satan hält die Menschen mit den unterschiedlichsten Mitteln gefangen, sein Hauptziel ist, daß sie die endgültige Erlösung ablehnen. Aber es gibt auch andere Arten seiner Herrschaft: Gebundenheit an die Sünde, körperliche und emotionale Probleme, sozialer Verfall, dämonische Heimsuchung. Unser Auftrag besteht darin, denen die rettende Botschaft zu bringen, die als Folge von Adams Fall in Gefangenschaft geraten sind." Vgl. J. Wimber und K. Springer, Vollmächtige Evangelisation, a.a.O., S. 26f.
5 (34) Vgl. W. Kopfermann, Macht ohne Auftrag, a.a.O.
6 (35) C. P. Wagner, zitiert ebd., S. 18.
7 (36) In Anlehnung an ein neutestamentliches Gleichnis gehen viele Charismatiker davon aus, daß sich Dämonen, nachdem sie ausgetrieben wurden, gemeinhin in der Wüste aufhalten. Vgl. Lk 11,24-26.
8 (37) J. Dawson, Unsere Städte für Gott gewinnen, a.a.O., S. 23.
9 (38) F. McClung, Wirksame Evangelisation, a.a.O., S. 27ff.
10 (39) J. Dawson, Unsere Städte für Gott gewinnen, a.a.O., S. 129.
11 (40) P. L. Berger, Zur Dialektik von Religion und Gesellschaft. Elemente einer soziologischen Theorie, Frankfurt a. M. 1973, S. 67 ff.
12 (41) J. Dawson, Unsere Städte für Gott gewinnen, a.a.O., S. 128.
13 (42) Ebd., S. 135f.
14 (43) C. Peter Wagner, zitiert in W. Kopfermann, Macht ohne Auftrag, a. a. 0, S.33 ff. Eine ähnliche Vorgehensweise 'empfiehlt' auch F. McClung, Wirksame Evangelisation, a.a.O., S. 36-60.
15 (44) F. McClung, Wirksame Evangelisation, a.a.O., S. 52-57.
16 (45) Hierbei handelt es sich um eine gängige (Gebets-) Formulierung. Das 'Blut Jesu' schützt die Gläubigen vor den Angriffen Satans.
17 (46) Ebd., S. 46-49.
18 (47) Vgl. Materialdienst der EZW Bd. 57 (1994), S. 176-179. Dieser Bericht beschreibt am Beispiel der neopfingstlerischen Gemeinde 'Tübinger offensive Stadtmission', wie dieses Vorgehen auch in Deutschland praktiziert wird.
19 (48) J. Dawson, Unsere Städte für Gott gewinnen, a.a.O., S. 25.
20 (49) F. McClung, Wirksame Evangelisation, a.a.O., S. 18f.
21 (50) R. Hummel, Fundamentalismus und Toleranz, Materialdienst der EZW Bd. 57 (1994), S. 101.
22 (51) Rundbrief der 'Fürbitte für Deutschland' Nr. 1 (1994), S. 1.
23 (52) Die meisten Charismatiker gehen fest davon aus, daß sie durch ihre ,Prozessionen' und 'Gebetsmärsche' die geistliche Sphäre über der jeweiligen Region von finsteren Mächten reinigen und damit die Voraussetzung für eine Erweckung schaffen. So war in den 'Marsch für Jesus Nachrichten' zu lesen: "Durch den Marsch für Jesus in Berlin am 23. Mai 1992 wurde im Geist gewissermaßen eine Tür aufgestoßen. In diesem Jahr geht es nun - bildlich gesprochen - darum, auf lokaler und regionaler Ebene durch diese offene Tür zu gehen und das neue Land einzunehmen - gemäß dem Wort Gottes an Josua: 'Jeden Ort, darauf eure Fußsohlen treten, habe ich euch gegeben' (Josua 1,3)". In: 'Marsch für Jesus Nachrichten', Vorstand des Marsch für Jesus'-Vereins (Hrsg.), Nr. 4 (1993), S. 1.
24 (53) Vgl. 'Märsche für Jesus in 120 Ländern.' In: C-Report Nr. 4 (1994), S. 4. Danach sollen es in Brasilien 5 Mio., Korea 2 Mio., USA 1,5 Mio., Philippinen 0,75 Mio., Ghana 0,5 Mio. sowie Großbritannien und Peru je 100000 Teilnehmer gewesen sein.
25 (54) L. Lemhöfer, Fundamentalismus. Annäherung an ein Modewort, in: K.-H. Eimuth und L. Lemhöfer (Hrsg.), Einschnürende Geborgenheit. Christlicher Fundamentalismus im Aufwind, Frankfurt 1993, S. 22.
26 (55) Diese Zahlen beziehen sich auf Angaben aus der charismatischen Szene. Vgl. Rundbrief der 'Fürbitte für Deutschland' Nr. 2 (1994), S. 1.
27 (56) W. Kopfermann, Macht ohne Auftrag, a.a.O., S. 93 ff.
28 (57) Ebd., S.93 ff.
29 (58) K. H. Eimuth und L. Lemhöfer, Auf Du und Du mit den geistlichen Mächten, in: K. H. Eimuth und L. Lemhöfer (Hrsg.), Einschnürende Geborgenheit, a.a.O.., S. 33.
30 (59) W. Kopfermann, Macht ohne Auftrag, a.a.O., S. 13 1.
31 (60) Ebd., S. 133.






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