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Geheimlehre für Eingeweihte


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Rolf

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16. Januar 2011






Geheimlehre für Eingeweihte






Die Naturwissenschaften waren Rudolf Steiners Vorbild. Die Anthroposophie
sollte objektiv und exakt sein und ihre Erkenntnisse ewig gültig. Dass
menschliches Wissen immer begrenzt bleibt, wollte er nicht akzeptieren.

Von Helmut Zander

Nie waren die Wissenschaften so mächtig wie zu Lebzeiten Rudolf Steiners.
1861, in seinem Geburtsjahr, veröffentlicht Ignaz Semmelweis seine
Erkenntnisse zur Hygiene am Krankenbett und erhöht die Lebenserwartung der
Menschen sprunghaft. 1905, als Steiner an seiner Theorie «höherer
Erkenntnis» für die «Eingeweihten» arbeitet, revolutioniert Einstein die
Physik mit der speziellen Relativitätstheorie. 1915 versuchen die
Deutschen erstmals, durch den Einsatz von neuen Giftgasen das Kriegsglück
zu wenden, während Steiner «heiligstes Opferblut» für den «Fortschritt»
der Menschheit fliessen sieht. 1925, in seinem Todesjahr, hält die
Öffentlichkeit die erste Kleinbildkamera von Leitz, die Leica, in Händen.
Naturwissenschaften und Technik waren um 1900 ein Faszinosum, dem sich
niemand entziehen konnte.
Objektiv und exakt

Auch Steiner nicht. Er nimmt vielmehr den Kampf auf und konzipiert seine
«Geisteswissenschaft». Deren Erkenntnisse sollten so objektiv und «modern»
sein wie diejenigen der Laborforschung in den «exakten» Wissenschaften.
Man begreift nichts von Steiners Anthroposophie, wenn man dieses Herz
seiner Erkenntnistheorie nicht ernst nimmt. Anthroposophie sollte keine
Plauderwelt höherer Töchter sein, sondern das Reich höchster Erkenntnis
des göttlichen «Geistigen».

Auch die Praxisfelder, die uns heute beim Stichwort Anthroposophie zuerst
einfallen, sollten von dieser Erkenntnis regiert werden. Deshalb war seine
Waldorfschule nicht nur der Ort, wo pubertierende Rabauken häkelten und
ihren Namen tanzten. Vielmehr installierte Steiner autoritäre Lehrer:
«Eingeweihte», «Priester», die ins Innerste der Schüler, bis in ihre
Reinkarnation blicken sollten.

In der anthroposophischen Medizin prophezeite Steiner nicht nur sanfte
Mistelpräparate anstelle brutaler Krebsoperationen, sondern lehrte eine
Heilung auf der Grundlage übersinnlicher Erkenntnis einer Krankheit. Was
Anthroposophen davon heute noch unterschreiben würden, ist ein anderes
Kapitel. Aber Steiners Programm versteht man nur, wenn man seinen Anspruch
auf höhere Erkenntnis ernst nimmt. Anthroposophie ist keine Blütenlese im
Garten der Alternativkultur, sondern ein erkenntnistheoretisches Programm.

Wie nun glaubte Steiner, in dieser Konkurrenz mit den Naturwissenschaften
zu bestehen? 1893 konzipiert er dazu ein philosophisches Programm, die
«Philosophie der Freiheit». Darin beansprucht er nichts weniger, als den
Weg zu einer Erkenntnis ohne Grenzen zu weisen. Das Denken, so sein
Angelpunkt, sei objektiv: die Idee eines geometrischen Dreiecks etwa
existiere unabhängig von unserer subjektiven Wahrnehmung. Dieses Denken
könnten wir bei seiner Tätigkeit beobachten und so «Beobachtungs-Resultate
nach naturwissenschaftlicher Methode» erzielen.

Ab 1900, mit seinem Einstieg in die Theosophische Gesellschaft, geriet
Steiner in ein neues Gravitationsfeld. Auch Theosophen verkündeten die
Möglichkeit grenzenloser Erkenntnis. Aber deren esoterische Inhalte
sprengen jeden Rahmen des bis dato Glaubhaften. Zum Inventar ihres
übersinnlichen Wissens gehört die Erkenntnis der geistigen Evolution des
Kosmos im Laufe von Jahrmillionen. Sie schauen das göttliche «Ich» des
Menschen, eingehüllt von Ätherleib und Astralkörper, und studieren seine
Reinkarnation. Und sie lesen in der Akasha-Chronik, einem universalen,
aber nicht materiell existierenden Weltgedächtnis, das jeden Historiker
als Analphabeten erscheinen lässt. Dazu kreierte die Theosophie einen
eigenen Schulungsweg und entwickelte Meditationstechniken.
Der Lackmustest

Eine derartige «Geisteswissenschaft» hat nicht viel mit unserem
Verständnis von Geisteswissenschaft gemein. Steiners «Geisteswissenschaft»
ist kein diskursives Deutungsverfahren, kein Ort, wo Wissen eine
Halbwertszeit besitzt. Vielmehr hat er sein Wissenskonzept mit dem
Anspruch aufgeladen, methodisch wie die Naturwissenschaften zu
funktionieren und deshalb eine «objektive» Erkenntnis zu ermöglichen: Die
Anthroposophie, schreibt er in seiner «Geheimwissenschaft», «will über
Nichtsinnliches in derselben Art sprechen, wie die Naturwissenschaft über
Sinnliches spricht».

Der Lackmustest dieser Theorie sind ihre Ergebnisse. Dazu gehört etwa
Steiners Überzeugung, dass König Artus im Mittelalter gelebt und mit
seinen Rittern im Schloss Tintagle die Gralsrunde gebildet habe – die die
Germanisten inzwischen für eine grossartige Erfindung des 12. Jahrhunderts
halten. Dazu gehört auch Steiners Überzeugung von der Existenz des
untergegangenen Kontinentes Atlantis – dem die Geologen mit der Theorie
der Kontinentaldrift den Boden unter den Füssen weggezogen haben. Und dazu
gehört auch Steiners hellseherischer Anspruch, Einblick in die
Reinkarnationen eines Menschen zu besitzen. Mit Details hat er dabei nicht
gespart: Kant muss in der «zurückgebliebenen» Rasse der «Neger»
wiederkehren – als Strafe, weil er Grenzen der Erkenntnis sah. Steiner
hingegen betrachtete sich wohl als Reinkarnation des Thomas von Aquin.

Wer jetzt meint, damit in das Arkanum einer esoterischen Geheimlehre
einzutreten, unterschätzt Steiners Überzeugung von der quasi
naturwissenschaftlichen Exaktheit und Belastbarkeit seiner Erkenntnis:
Parsifal und die Gralsgeschichte sollten als historische Gegenstände in
den Waldorfschulen gelehrt werden, das untergegangene Atlantis auch.
Steiner hatte keine Probleme, esoterische Inhalte ins Curriculum zu
schreiben – er betrachtete sie ja als «objektive» Erkenntnisse. Für die
Geschichtswissenschaft gehören diese Erkenntnisse in den Bereich der
Fiktion, doch das hätte Steiner als unerleuchtete Uneinsichtigkeit
abgetan.

Aber man bliebe an der Oberfläche, würde man sich darauf beschränken,
Steiner eigenwillige oder überholte Aussagen vorzuhalten. Ein
Wissenschafter, der sich in keine luftige Abstrusität verrannte, hat wohl
nie mit der Lust an riskanter Theoriebildung geforscht. Nein, streiten
muss man mit Steiner über seine Methodik. Er fand lebenslang keinen Zugang
zu einer Soziologie des Wissens, zu der Einsicht, dass jedes Wissen von
kulturellen Bedingungen abhängt: von der Sprache, mit der wir aufwachsen,
von den Wissensbeständen, die uns offenstehen, von den Problemen, die den
Ausgangspunkt unserer Neugier bilden. Es geht um die Vorläufigkeit des
Wissens, gerade hinsichtlich der innersten und letzten Dinge: Dass wir vom
«Göttlichen» letztlich nur in einer theologia negativa sprechen können, in
der das Unwissen mit jedem Wissensgewinn steigt, wie die christliche
Theologie behauptet, oder dass es, wie Steiners spiritueller Vater Goethe
meinte, «das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche
erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren», all das
blieb Steiner fremd. Wissen in den Grenzen der conditio humana kam Steiner
einer Niederlage gleich. Nur mit einer «Geisteswissenschaft», die
«objektive» Ergebnisse präsentiere, glaubte er, eine «moderne»
Weltanschauung verkünden zu können.

Gerade damit wurde Steiner zu einem der grossen spirituellen Führer des
20. Jahrhunderts, der in einer Welt von «Materialismus» und «Nihilismus»
vielen Menschen – von Christian Morgenstern bis Joseph Beuys – zu einem
esoterischen Führer in das Reich des Geistes wurde.

Aber warum um alles in der Welt musste er dies mit einem so exorbitanten
Erkenntnisanspruch verbinden? Dazu müssen wir ein letztes Mal in die
Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts zurück. Damals sahen sich die
Kulturwissenschaften nicht nur unter dem Druck, dem Empirieanspruch der
Naturwissenschaften standzuhalten, sondern waren zugleich intern einem
Zangengriff der Verunsicherung ausgesetzt. Da gab es zum einen das
Säurebad der historischen Kritik. Die Exegese etwa legte die Entstehung
der Bibel offen – für Steiner ein Akt destruktiver «Philologisiererei»,
durch die die Evangelien materialistisch «malträtiert» würden.

Zum anderen verunsicherte die kulturelle Globalisierung. Die Kenntnis
aussereuropäischer Kulturen erschütterte Europas Selbstverständnis als
Nabel der Fortschrittswelt. Gegen diese Kränkung der europäischen Kultur
um 1900 bot Steiner seine «Geisteswissenschaft» mit «höherer»,
«objektiver» Erkenntnis als das Heilmittel an. Noch 1923, als er seine
Anthroposophische Gesellschaft neu gründete und die esoterische
«Hochschule für Geisteswissenschaft» ins Leben rief, schrieb er seinen
Anthroposophen ins Stammbuch: Die «Ergebnisse» der anthroposophischen
Forschung seien «auf ihre Art so exakt wie die Ergebnisse der wahren
Naturwissenschaft». In deren Einschätzung öffnet sich allerdings seitdem
ein garstiger Graben zwischen Innen- und Aussenperspektive: Wo Steiner den
Weltgeist zu erkennen glaubte, sehen Uneingeweihte nur den Zeitgeist des
19. Jahrhunderts.

Der Historiker und Theologe Helmut Zander ist der führende Experte der
Anthroposophie und Autor des Grundlagenwerks «Anthroposophie in
Deutschland». Vor wenigen Tagen erschien im Piper-Verlag eine von ihm
verfasste Biografie Rudolf Steiners.
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