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Die gegenwärtige Unterwanderung der evangelischen Kirchen


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Die gegenwärtige Unterwanderung der evangelischen Kirchen



Von Dr. theol. Lothar Gassmann


Was ist bloß in der Evangelischen Kirche los? So fragen viele Zeitgenossen mit Verwunderung.
Segnung homosexueller Partnerschaften, Ergänzung des Vaterunsers durch ein „Mutter
unsere“, Reden von „Jesa Christa“ und „Heilige Geistin“, einseitige politische Stellungnahmen,
gemeinsame Veranstaltungen mit Moslems, Buddhisten und Angehörigen weiterer
Religionen und gleichzeitig die Entlassung von gläubigen Pfarrern –das sind nur einige
Schlaglichter aus der Presse in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Wie konnte es dazu
kommen? Was steckt dahinter? Gibt es eine gezielte Strategie zur Unterwanderung evangelischer
(und anderer) Kirchen? Wie können sich die Gläubigen in dieser Situation verhalten?
Das sind die Fragen, denen wir uns nachfolgend zuwenden möchten.


1. Die Situation vieler Evangelischen Kirchen heute

Die evangelischen Kirchen in vielen Ländern haben sich heute sehr weit von ihrer biblisch-
reformatorischen Grundlage entfernt. Gewiss ist die evangelische Kirche eine allezeit
zu reformierende Kirche (ecclesia semper reformanda). Doch heute ist der Graben zur biblisch-
reformatorischen Norm sehr gross geworden. Eine Reformation ist daher - innerhalb
des Protestantismus! - notwendiger denn je. Nachfolgend möchte ich anhand der dogmatischen
Hauptpunkte (loci) einen systematischen Überblick über die gravierendsten Abweichungen
geben.

Nach biblisch-reformatorischer Sicht ist die Kirche eine Schöpfung des Wortes Gottes (creatura
verbi Dei). Martin Luther schreibt: „Wo das Wort ist, da ist die Kirche“ („Ubi est verbum,
ibi est ecclesia“; WA 39/2, 176). Im Augsburger Bekenntnis wird Kirche definiert als „Versammlung
der Gläubigen, in der das Evangelium rein gelehrt und die Sakramente dem Evangelium
gemäss verwaltet werden“ (CA 7). Auch Johannes Calvin führt aus: „Überall, wo
wir wahrnehmen, dass Gottes Wort lauter (rein) gepredigt und gehört wird und die Sakramente
nach der Einsetzung Christi verwaltet werden, lässt sich auf keinerlei Weise daran
zweifeln, dass wir eine Kirche Gottes vor uns haben“ (Institutio Christianae Religionis IV,1,9).
Kirche ist eine Schöpfung des Wortes Gottes. Und dieses Wort ist ihr in einzigartiger und
nicht zu überbietender Weise in der Bibel gegeben. Was geschieht aber, wenn der Kirche
das Wort geraubt wird oder wenn sie sich selber dieses Wortes beraubt? Das ist keineswegs
nur eine rhetorische Frage. Denn in genau dieser Situation des weithin verloren gegangenen
Wortes Gottes befindet sich die evangelische Kirche heute.

Beginnend mit dem Zeitalter der Aufklärung und einer sich autonom gebärdenden Vernunft
versuchte die Bibelkritik, sich des Wortes Gottes zu bemächtigen. Indem dieses - gegen seinen
Selbstanspruch (vgl. z.B. Joh 17,17; 1. Tim 3,16; 2. Petr 1,20 f.) - wie ein bloßes Menschenwort
behandelt wurde, büßte es für viele seine Autorität ein. Der Kirche wurde damit
ihre Grundlage und Widerstandskraft gegen den Zeitgeist und die damit einhergehenden
Ideologien weitgehend genommen. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf hat gedichtet:
„Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten - worauf soll der Glaube ruh`n? Mir ist`s nicht um
tausend Welten, aber um dein Wort zu tun.“ Dies lässt sich auch in bezug auf die Kirche sagen:
Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten - worauf soll die Kirche ruh`n?
Vielen ist es nicht bewusst, dass die Bibelkritik letztlich einer Haltung des Skeptizismus (um
nicht zu sagen: des Unglaubens) entstammt. Die Fähigkeit Gottes, sich - etwa durch Zu2
kunftsprophetien - zu offenbaren und Wunder zu tun, wird für unmöglich bzw. mit der autonomen
Vernunft nicht vereinbar erklärt. Diese Haltung des Skeptizismus steht jedoch im Gegensatz
zum durchgehenden Selbstanspruch der Heiligen Schrift. „Gelobt sei Gott der Herr,
der Gott Israels, der allein Wunder tut“, lesen wir z.B. in Psalm 72,18.

Die falsche, vom Skeptizismus geprägte Hermeneutik, wie sie sich etwa grundlegend in der
historisch-kritischen Methode manifestiert, beruht folglich auf einem falschen Gottesbild. Sie
stellt sich Gott als machtloses Prinzip - gewissermaßen „ohne Arme und Beine“ - vor, das
nicht in den Weltenlauf eingreifen kann. Die Schriftfrage ist somit im Grunde eine Gottesfrage.
Unser Verständnis, das wir von Gott haben, entscheidet über unser Verhältnis zur Heiligen
Schrift.

Mit der Gotteslehre hängt die Christologie (Lehre von Christus) untrennbar zusammen. Hatte
in altkirchlicher Zeit der als Ketzerei verurteilte Arianismus die ewige Gottheit Jesu Christi
hinterfragt, Christus aber als übernatürlichen Logos (Wort Gottes) anerkannt, so stehen wir
heute Irrlehren ausserhalb und innerhalb der Kirchen gegenüber, im Vergleich zu denen der
Arianismus fast schon als orthodox (rechtgläubig) gelten könnte. Abgesehen von ganz radikalen
Christusgegnern, welche die Existenz Jesu Christi überhaupt bestreiten, wird ihm von
vielen anderen nur noch sein Menschsein zuerkannt. Jesus sei ein Sozialrevolutionär, Befreier,
Friedensprediger, Essener, Vorbild und ähnliches gewesen, aber keineswegs der
Sohn Gottes bzw. Gott in der zweiten Person der Trinität (Dreieinigkeit). Solche Ansichten
werden im Raum der evangelischen Kirche nicht nur geduldet, sondern von einflussreichen
Theologen auch massiv vertreten.

In der Heiligen Schrift wird demgegenüber deutlich betont: „Das ist Gottes Zeugnis, dass er
Zeugnis gegeben hat von seinem Sohn. Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat dieses
Zeugnis in sich. Wer Gott nicht glaubt, der macht ihn zum Lügner; denn er glaubt nicht dem
Zeugnis, das Gott gegeben hat von seinem Sohn ... Wer den Sohn hat, der hat das Leben;
wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht“ (1. Joh. 5,9 ff.).
Mit der Entleerung der Gotteslehre und Christologie geht eine Entleerung der Hamartiologie
(Lehre von der Sünde) und Soteriologie (Lehre vom Heil) einher. Wo man Gottes Wort kritisiert,
wo man Gott und seinem Sohn Jesus Christus keine übernatürliche Wirksamkeit zutraut,
da bleibt der Mensch mit sich allein. Da bleibt ihm nur übrig, auf seinen angeblich „guten
Kern“ zu vertrauen, seine sündhafte Verdorbenheit und Verlorenheit zu leugnen und sich
krampfhaft um seine Selbsterlösung zu bemühen.

Solche teils offenen, teils versteckten Selbsterlösungs-Ideologien haben in großer Zahl in die
Kirchen Einzug gehalten. Als Beispiele seien genannt:
- eine feministische Blut-„Theologie“, die das Heil aus den Kräften der Frau und ihrem Menstruationsblut
anstatt von Jesus Christus erwartet;
- eine Befreiungs- und Revolutions-„Theologie“, die ihre Hoffnung auf die Kraft gesellschaftlicher
Gruppen und deren revolutionären Kampf richtet;
- eine Psycho-„Theologie“, die Heilung aus der Kraft des menschlichen Selbst und entsprechenden
Techniken erhofft, welche der Selbst-Verwirklichung dienen sollen.
Allen solchen Bestrebungen ist das Wort des Apostels Petrus entgegenzuhalten, das er im
Blick auf Jesus als den lebendigen Sohn Gottes dem Hohen Rat in Jerusalem zugerufen hat:
„In keinem anderen ist das Heil, auch ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen
gegeben, durch den wir gerettet werden“ (Apg. 4,12).

Wo der Glaube an Gott und seine Macht verloren geht, kommen die Dämonen durch die Hintertür
herein. Und so sind auch auf dem Gebiet der Ethik Entwicklungen zu beobachten, die
in ihrem Ausmaß und ihrer Wucht nur als dämonisch inspiriert beurteilt werden können. Ein
Dammbruch ungeahnten Ausmaßes ist in den letzten Jahrzehnten in Gesellschaft und Kirche
vieler Länder erfolgt. Zusammenfassend seien nur genannt:

- der ständig abnehmende Widerstand gegen die Kindestötung im Mutterleib, insbesondere
in den evangelischen Kirchen;
- die wachsende Duldung (und zum Teil bereits „Segnung“) homosexueller Lebensformen;
- das weitgehende Fehlen klarer kirchlicher Stellungnahmen zu „freier Liebe“, unehelichem
Zusammenleben, Pornographie, Polygamie, Inzest und Euthanasie.
Deutlich warnt die Heilige Schrift vor solchen Verirrungen und ihren Folgen: „Darum hat sie
Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen
Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; desgleichen haben auch die Männer den natürlichen
Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben
Mann mit Mann Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein musste,
an sich selbst empfangen“ (Röm. 1,26ff.; vgl. auch 1. Kor. 6,9ff. u.a.).

Anstatt den - etwa von sexueller Perversion - betroffenen Menschen zu helfen und sie auf
die heilende und befreiende Liebe Gottes hinzuweisen, sind die evangelischen Kirchen in
einer leider wachsenden Zahl von Ländern dabei, deren Perversion gutzuheißen und sie in
ihrer Sünde und Verlorenheit zu lassen. Eine solche Haltung - das muss klar gesagt werden
- ist selber „pervers“. Sie lässt sich nur als Zeichen endzeitlicher Verblendung und Gerichtsreife
verstehen. Zieht man zudem die gerade in Homosexuellen-Kreisen grassierende
Aids-Seuche in Betracht, dann wird man unweigerlich an folgendes Wort aus der Heiligen
Schrift erinnert: „Und die übrigen Leute, die nicht getötet wurden von diesen Plagen, bekehrten
sich doch nicht von den Werken ihrer Hände, dass sie nicht mehr anbeteten die bösen
Geister und die goldenen, silbernen, ehernen, steinernen und hölzernen Götzen, die weder
sehen noch hören noch gehen können, und sie bekehrten sich auch nicht von ihren Morden,
ihrer Zauberei, ihrer Unzucht und ihrer Dieberei“ (Offb. 9,20 f.).

In diesem Zitat ist von der Unzucht, aber auch von den „bösen Geistern“ die Rede, denen
sich Menschen in der endzeitlichen Situation zunehmend öffnen. Betrachten wir nun das
Gebiet der Pneumatologie (Lehre vom Heiligen Geist), dann sehen wir, dass diese bösen,
dämonischen Geister immer frecher in den Raum der Kirche eindringen. Am gefährlichsten,
weil verführerischsten dürfte die Behauptung sein, dass der Geist Gottes in allen Religionen
wirke. Der Heilige Geist als die dritte Person der Dreieinigkeit sei geradezu identisch mit den
Geistern des Hinduismus, Shintoismus, der afrikanischen und indianischen Stammesreligionen.
Und auch in den Religionen Mohammeds, Buddhas, Zarathustras und vieler anderer
Menschen offenbare sich derselbe göttliche Geist, der im Judentum und Christentum verehrt
werde. Dass solche Ansichten mitten im Raum der Kirchen Fuß gefasst haben, belegen
zahlreiche gemeinsame Konferenzen und „Gebetstreffen“ mit Angehörigen anderer Religionen.

Die Heilige Schrift aber warnt deutlich vor jeder Form der Religionsvermischung: „Was die
Heiden opfern, das opfern sie den bösen Geistern und nicht Gott. Nun will ich nicht, dass ihr
in der Gemeinschaft der Dämonen seid“ (1. Kor. 10,20). „Wie stimmt Christus mit Beliar überein?
Oder was für ein Teil hat der Gläubige mit dem Ungläubigen? Was hat der Tempel
Gottes gemeinsam mit den Götzen? ... Geht aus von ihnen und sondert euch ab!“ (2. Kor.
6,15 ff.).

Nach allem Gesagten verwundert es nicht, dass auch in der Ekklesiologie (Lehre von der
Kirche) klare biblische Maßstäbe verloren gegangen sind. Das zeigt sich vor allem darin,
dass Kirche in vielen Staaten kaum noch von „Welt“ unterscheidbar ist. Je „zeitgemäßer“ und
„weltoffener“ die Kirche jedoch sein will, desto mehr steht sie in der Gefahr, ihr eigenes Wort
zu vergessen, das sie einer weithin atheistischen und verunsicherten Bevölkerung schuldet.
Wer sich Tagesparolen der Politik von Links und von Rechts zum Programm macht, verlernt
allzu leicht das Hören auf das ganz andere Wort Gottes. Insbesondere die evangelische Kirche
ist heute bedroht von der Verweltlichung, ihrer Auflösung in die „Welt“ hinein. Sie macht
sich dadurch selber überflüssig, was die hohen Austrittszahlen - etwa in mehreren europäischen
Staaten - drastisch belegen.

Was schließlich die Eschatologie (Lehre von den letzten Dingen) angeht, so wurde die Wiederkunft
Christi schon längst durch den Theologen Rudolf Bultmann und seine zahlreichen
Schüler auf den Kanzeln und Kathedern aus dem Glaubensbekenntnis „gestrichen“. An die
Stelle der Wiederkunft Christi und die Aufrichtung des messianischen Friedensreiches durch
den Herrn ist für viele dessen schwärmerische Vorwegnahme in Gestalt eines durch eigene
menschliche Kraft zu erringenden irdischen Friedensreiches getreten (proleptischer Messianismus).
Zahlreiche Aktionen und Konferenzen im evangelischen Bereich (z.B. der „Konziliare
Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“) sind von diesem Denken
geprägt. Man merkt dabei nicht, dass sündhafte Menschen niemals dauerhaften Frieden
erringen können, so schön dies nach humanistischer Vorstellung auch wäre.

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass die Kirche immer näher an die Welt (verstanden
als gottfeindlicher „Kosmos“) herangerückt ist - ja, sie ist in verschiedenen Staaten sogar
noch weiter gegangen als manche „weltlichen“ Politiker. So warten manche (konservativen)
Politiker auf ein helfendes Wort der evangelischen Kirche - etwa in Fragen der Abtreibung,
der Euthanasie und der Homosexualität - und werden von dieser allein gelassen. Die Voraussage
bewahrheitet sich: „Das Gericht beginnt am Hause Gottes“ (1. Petr. 4,17). Eine
neue Reformation tut not.

2. Wie eine Reformation aussehen könnte

Zur Situation in der Zeit vor der Reformation Martin Luthers, Huldreich Zwinglis und Johannes
Calvins gibt es einige Ähnlichkeiten. Auch damals war die Kirche - die römisch-
katholische Kirche - verweltlicht. Die Bibel war durch das Papsttum weithin außer Kraft
gesetzt. Außer dem Klerikerstand hatte so gut wie niemand Zugang zu ihr. Die Welt war
durch Luxus und Pomp in die Kirche eingedrungen. Der Ablass war ein Symptom für billige
Gnade und Geldmacherei. Kirche und Staat waren weithin identisch durch Kirchenfürsten
und Papstherrschaft. Das Tausendjährige Reich war in Gestalt der katholischen Kirche „vorweggenommen“
worden. Die Missstände waren gravierend und eine Reformation unausweichlich.

Heute ist es - inzwischen in der evangelischen Kirche, aber auch in der katholischen - noch
viel schlimmer geworden. Die Glaubensfundamente wurden total ausgehöhlt, wie obige Beispiele
zeigen. Sicherlich gibt es mancherorts noch intakte Gemeinden. Aber die neue Situation,
die eingetreten ist, sieht so aus, dass vor allem seit den 90er Jahren von Kirchenleitungen
und Synoden in vielen Staaten Beschlüsse gefasst wurden, die in klarem Widerspruch
zu den Geboten Gottes stehen, etwa die Tolerierung der Tötung des Kindes im Mutterleib
und die Unterstützung homosexueller und radikalfeministischer Bewegungen.

Wie könnte eine Reformation aussehen? Sie müsste zuallererst zur Buße, zur Umkehr zum
Herrn Jesus Christus und seinen Geboten rufen. Wir erinnern uns, wie die erste der 95 Thesen
Martin Luthers lautete: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus sagt: Tut Buße, denn
das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“ (Mt. 4,17), wollte er, dass das ganze Leben der
Gläubigen Buße sein sollte. Die Reformation Martin Luthers war eine Bußbewegung. Sie
begann mit der Rückkehr zum Worte Gottes und der in ihm enthaltenen zentralen Botschaft
von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnaden. Auch heute müsste eine Reformation
mit der Rückkehr zum Wort Gottes beginnen und zur Buße, zum Nachdenken über den
bisherigen Weg und zu einer radikalen Umkehr führen. Nur dadurch würde die Kirche wieder
„creatura verbi“, Schöpfung des Wortes Gottes im eigentlichen Sinne.

Martin Luther definiert „Buße“ folgendermaßen: „Also bedeutet Buße oder metanoia ein Wiederzurechtkommen
und die Einsicht in die eigene Unvollkommenheit, nachdem man die
Strafe erlitten und den Irrtum eingesehen hat. Das aber kann unmöglich ohne Änderung des
Sinnes und der (Eigen-) Liebe geschehen“ (Brief an Staupitz vom 30. Mai 1518; zitiert nach:
Luther Deutsch, hg. v. K. Aland, Bd. 2: Der Reformator, Göttingen 1991, S. 29).

Ähnlich schreibt Johannes Calvin: „Das Wort `Buße` ist bei den Hebräern von `Umkehr` oder
`Rückkehr`, bei den Griechen von Änderung des `Sinnes` oder `Änderung eines Ratschlusses`
hergenommen; beiden sprachlichen Ableitungen entspricht die Sache durchaus: Buße
ist ja im wesentlichen darin beschlossen, dass wir von uns selbst auswandern und uns zu
Gott kehren, dass wir den vorigen Sinn ablegen und einen neuen annehmen ... Buße ist die
wahre Hinkehr unseres Lebens zu Gott, wie sie aus echter und ernster Gottesfurcht entsteht;
sie umfasst einerseits das Absterben unseres Fleisches und des alten Menschen, anderseits
die Lebendigmachung im Geiste“ (Institutio Christianae Religionis III,3,5).

Im 20. Jahrhundert schreibt Georg Steinberger in seiner Schrift „Buße - ein himmlisches Geschenk“
(Grosshöchstetten, 11. Aufl. 1987, S. 7 f. u. 18): „... bekennen und lassen ist der
biblische Weg ... Buße tun heisst nun: über sich selbst den Stab brechen, sich als einen Verfluchten
beiseitesetzen lassen und den Platz, den unser eigen Ich bis jetzt eingenommen
hat, dem Gekreuzigten einräumen, Ihm den höchsten Platz in unserm Leben geben, wie Gott
Ihm den höchsten Platz gegeben hat zu Seiner Rechten. Unser Ich kann nur beiseitegesetzt
werden durch das Ich des Gekreuzigten Nur wenn Christus die Stelle deines Ich einnehmen
darf, wirst du befreit bleiben von deinem Ich.“

Eine Reformation müsste also eine Bußbewegung sein. Und sie müsste sich heute wie damals
auf die „vier sola“ konzentrieren: solus Christus, sola scriptura, sola gratia, sola fide
(allein Christus, allein die Heilige Schrift, allein aus Gnaden, allein durch den Glauben).
„Allein die Heilige Schrift“- und zwar ohne Abstriche oder Zusätze, ohne eine zusätzliche, ihr
neben- oder gar übergeordnete Lehrtradition, ohne Angleichung an den Zeitgeist, ohne die
heute beherrschend gewordene historisch-kritische Bibelauslegung, die ihren Ursprung in
der Aufklärung hat. Luther sagte: „Gottes Wort soll Artikel des Glaubens stellen und sonst
niemand, auch kein Engel.“ „Wir müssen die Propheten und Apostel lassen auf dem Pult
sitzen und wir hienieden zu ihren Füssen hören, was sie sagen, und nicht sagen, was sie
hören müssen.“

„Allein Jesus Christus“- und zwar Jesus, wie ihn die Bibel bezeugt, Jesus als der ewige,
menschgewordene Sohn Gottes, Jesus ohne irgend jemanden neben ihm, ohne die Heiligen,
ohne die ,,Mutter Gottes“ und „Himmelskönigin“, Jesus ohne Zusatz wie ,,Jesus und ...“ oder
„Jesus ja, aber auch...“ Luther sagte: „Ich weiss nichts und will nichts wissen in göttlichen
Sachen ohne allein von meinem Herrn Christo, der soll allein alles sein, was meine Seligkeit
betrifft und zwischen Gott und mir zu handeln ist.“

„Allein die Gnade“- und zwar ohne ein wenig „Mithelfen“ unsererseits, ohne verdienstliche
gute Werke, ohne Selbsterlösungsbemühungen jedweder Art. Und „allein durch den Glauben“-
und zwar durch das vertrauensvolle Ergreifen dessen, was Jesus am Kreuz für uns
getan hat, empfangen wir ohne Verdienst, ohne Gegenleistung die Gnade der Sündenvergebung,
die uns zu einem neuen Leben in der Nachfolge Christi (mit den daraus folgenden guten
Werken!) befähigt. Luther sagte: „Der Glaube ist die Art, dass er nicht empfindet, sondern
die Vernunft fallen lässt, die Augen zutut und sich schlicht ins Wort ergibt und selbigem
nachfolgt durch Leben und Sterben“ (Lutherzitate nach: G. Buchwald, D. Martin Luthers Leben
und Lehre in Worten aus seinen Werken und Briefen, Gütersloh 1947).

Diese Grunderkenntnisse der Reformation sind unvermindert aktuell. So wird auf die Gegenwart
bezogen in den neuen 95 Thesen von 1996 festgestellt: „Allein Jesus Christus soll
der Herr sein, nicht andere Herren, nicht Religionsstifter oder Ideologen. Allein das Wort Gottes,
das in der Bibel niedergelegt ist, soll gelten, nicht andere Worte, Offenbarungsquellen
und Ideologien. Allein aus Gnaden und durch den Glauben werden wir gerettet, nicht durch
Selbsterlösungs-Techniken, Wiederverkörperungs-Vorstellungen und den frevelhaften Ver6
such, den umfassenden Heilszustand (Schalom) des Reiches Gottes durch die schwärmerische
Erwartung eines aus eigener menschlicher Kraft errichteten Weltfriedensreiches vorwegzunehmen“
(Reformation heute, Thesen 52-54).

Reformation heisst: Rückkehr zu den biblisch-reformatorischen Grundlagen. Wie sich dies
praktisch gestalten kann, möchte ich anhand einiger Beispiele kurz schildern.
An erster Stelle sollte die Buße und Einheit der Gläubigen stehen. Wo soll eine Reformation
beginnen, wenn nicht bei uns selber, in unserem eigenen Herzen? Wir brauchen eine „Reformation
der Herzen“. Lassen wir uns daher reinigen durch das Blut Jesu Christi! Hören wir
auf sein Wort! Suchen wir ihn im Gebet! Suchen wir die Glaubensgeschwister in der Gemeinschaft!
Gehorchen wir seinen Ordnungen!

Leider ist der Leib Christi sehr zerrissen. Notwendig ist aber ein Zusammenhalt der Gläubigen
im Wesentlichen, nämlich im Bekenntnis zu Jesus Christus als lebendigem Herrn und
Heiland. Dann, nur dann können wir Zeugen sein für Ungläubige außerhalb und innerhalb
der Kirche. Wir wollen uns daher nicht über Randfragen zerstreiten, sondern im Wesentlichen
eins sein - freilich nicht um jeden Preis, sondern in der Wahrheit Christi. Und der Maßstab
hierfür, die gemeinsame Basis ist die Heilige Schrift.

Gerade weil die Heilige Schrift der Maßstab ist, sollte die Bibelkritik mit den aus ihr sich ergebenden
Konsequenzen massiv hinterfragt werden. Eine bibeltreue Ausbildung ist notwendig.
Bibeltreue Ausbildungsstätten und Hochschulen sollten endlich offiziell anerkannt und
gefördert werden.

Ferner ist eine Wiedereinführung der Gemeindezucht notwendig. Diese ist ja heute weithin
abgeschafft. Irrlehrer und offen unmoralisch Lebende müssen aus den Gemeinden ausgeschlossen
werden können, denn „ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig“ (1. Kor.
5,6). Dies gilt selbst dann, wenn es sich bei den Betroffenen um Oberkirchenräte, Kirchenpräsidenten
oder Bischöfe handeln sollte. Freilich: wer hat in einem solchen Fall die Autorität
und Macht, dies durchzusetzen? Ist es nicht bereits zu spät? Das sind ernste Fragen in einer
ernsten Lage.

Und schließlich gilt es, gegen den Zeitgeist Widerstand zu leisten, etwa gegen die „Segnung“
von Homosexuellen. Wir sollen „Salz und Licht“ der Welt sein (Mt. 5,13 ff.) - und nicht Öl im
Getriebe, das jedem Trend nachgibt.

3. Warum eine Reformation heute schwierig ist

Wir müssen uns fragen, ob eine Reformation heute nicht schwieriger ist als zur Zeit Luthers,
ja ob sie nicht sogar unmöglich geworden ist. Drei Gründe legen diesen Schluss nahe:
Erstens sind die kirchlichen Leitungsgremien und kirchlichen und staatlichen Ausbildungsstätten
weithin von liberalen Kräften besetzt und unterwandert worden. Ein Machtkartell wurde
aufgebaut, das Andersdenkende zunehmend ausschließt. Die aus der neomarxistisch
geprägten Studentenrevolution der sechziger Jahre hervorgegangene Feministen- und Homosexuellen-
Lobby hat Zugang zu den Entscheidungsgremien erlangt. Wie in einer Zangenbewegung
werden die Gläubigen von oben (Kirchenleitungen) und unten (linke und scheinliberale
Basisinitiativen) bedrängt. Momentan ist keine Änderung dieser Verhältnisse abzusehen.

Hinzu kommt zweitens, dass der Zeitgeist glaubenstreuen Christen immer heftiger ins Gesicht
weht. Der Trend in unserer Gesellschaft ist christus- und christenfeindlich. Das muss
uns nicht wundern, befinden wir uns doch nach der biblischen Voraussage zunehmend in der
endzeitlichen Situation des Glaubensabfalls und der Gesetzlosigkeit (anomia; Mt. 24,12; 2.
Thess. 2,10). Die Gebote Gottes, sein Wille und seine Liebe werden mit Füssen getreten.
Angesichts dieser Lage möchten wir mit Reinhold Schneider ausrufen: „Allein den Betern
kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten und diese Welt den
richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen.“

Sind wir in die Endzeit eingetreten, dann stellt sich drittens die Frage, ob wir als Gemeinde
Jesu noch die Verheißung großer Zahlen haben. Oder befinden wir uns als glaubens- und
bibeltreue Christen nicht in der Situation der kleinen Schar, zu der Jesus sagt: „Fürchte dich
nicht, du kleine Herde! Denn es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Reich zu geben“
(Lk. 12,32)?

Ist also eine Reformation in großem Rahmen heute noch möglich - oder könnte sie sich nicht
in kleinem Rahmen ereignen: in unserem eigenen Herzen, in einzelnen Gruppen und Kreisen,
in einzelnen Gemeinden, vielleicht sogar noch in einzelnen Kirchen? Wir dürfen den
Herrn bitten, dass er Gnade schenkt, aber wir sollten nicht enttäuscht sein, wenn große Aufbrüche
ausbleiben.

Wir leben in der Endzeit. Der Glaubensabfall der vielen einzelnen summiert sich zum Glaubensabfall
der Kirchen. „Die Hure Babylon ist die verweltlichte Kirche“, schrieb im 19. Jahrhundert
der Theologieprofessor Carl August Auberlen im Blick auf Offenbarung 17 (Der Prophet
Daniel und die Offenbarung Johannes, Basel 1857, S. 314). Und Friedrich Mayer bemerkt
zu dieser Stelle: „Dabei dürfen wir nicht nur an ´Rom` denken, sondern ohne Zweifel
an alles falsche Kirchenwesen auf Erden, an alles unechte, also weltförmige ´Christentum`,
wie es allmählich auch in der kleinsten Gemeinschaft mitten drin sitzt. Sie alle, diese Kirchen,
Konfessionen, Sekten, Freikirchen, Gemeinschaften, keine einzige ausgenommen, sind kleine
´Babel` geworden, voll Verwirrung, und sind von ihrem ersten Geist himmelweit gefallen“
(Der Tag des Herrn, Stuttgart 1957, S. 419).

Obwohl ich mich dem letzten Satz in seiner Radikalität nicht anschließen kann (meines Erachtens
ist die Lage noch nicht in allen Gemeinden ganz so schlimm), so enthält er doch
einen wahren Kern: nämlich dass keine christliche Gruppierung vom „Babelgeist“ unberührt
bleiben wird. Keine Gemeinde wird sagen können: „Ihr seid Babel - und wir nicht!“ Nein, „Babel“
geht mitten durch die Gemeinden, ja manchmal sogar mitten durch die Herzen hindurch!
Denn - so definiert der französische Bibellehrer René Pache treffend - die Hure Babylon
„stellt nicht lediglich eine bestimmte Gruppe von Abgefallenen dar, sondern alle falsche Religion
auf Erden. Es hat viele falsche Christen bei den Katholiken gegeben, aber ebenso bei
den Protestanten, den Orthodoxen und anderswo. Geistlichen Ehebruch begehen alle, die
ihr Herz zwischen Gott und der Welt teilen, Jak. 4,4; die bei einem strengen Dogma die Bekehrung
ablehnen; die vom Glauben an die Bibel abweichen, indem sie die Gottheit Jesu
Christi und die Sühnekraft Seines Bluts leugnen; alle, welche Andersgläubige verfolgen ...

Die ´große Hure` ist die abgefallene Kirche, die Jesu Christi Eigentum zu sein gelobte und
nun mit der Welt Ehebruch treibt.“ Sie ist „das Sinnbild der verweltlichten Religion ... das
weltliche System geistlicher Verwirrung, heuchlerischer Wollust und kirchlicher Korruption in
ihrer ganzen Scheußlichkeit“ (Die Wiederkunft Jesu Christi, Wuppertal, 11. Aufl. 1987, S.
168. 176f.)

Diese Endzeitkirche wird in ihrer ganzen Verderbtheit erst in der antichristlichen Trübsalszeit
offenbar werden. Und doch wirft sie ihre Schatten längst voraus. Unter und neben den bereits
genannten Kennzeichen erscheinen mir die folgenden besonders wichtig:

Die Babylon-Kirche der Endzeit

- stellt sich der Welt gleich und vertauscht Gottes Geist mit dem Zeitgeist (Offb. 17,2; 18,3);
- betreibt »Hurerei«, das heisst: sie setzt heidnische Götzen mit dem Gott der Bibel gleich
und vermischt die Religionen und Ideologien (Offb. 17,2.5.15; vergleiche Hos. 1,2; 3,1);
- ist auf Geld und Macht aus (Offb. 17,4.18; 18,7.9-19);
- ist äusserlich prachtvoll, doch innerlich tot (vergleiche Offb. 3,1);
- bringt die wahrhaft Gläubigen zunehmend in Bedrängnis (Offb. 17,6);
- lenkt durch falsche Zeichen und Wunder von den rettenden Wunden Jesu ab (vergleiche
Mt. 24,24; 2.Thess. 2,9; Offb. 13,13);
- bereitet dem Antichristen den Weg, der sie zunächst für sein religiöses Gaukelwerk missbraucht,
um sie anschließend fallenzulassen (Offb. 17,3.16).
Die Brautgemeinde der Erlösten hingegen
- setzt sich zusammen aus Gläubigen in allen Denominationen, die nur Gott wirklich kennt (1.
Sam. 16,7; Joh. 17,20-26);
- wartet auf Jesu Wiederkunft (Mt. 24 f.; 2. Petr. 3,11 ff.);
- passt sich dem Zeitgeist nicht an, sondern ist Salz und Licht der Welt (Mt. 5,13 ff.; Röm.
12,1; 1. Joh. 2,15-17);
- geht durch irdische Niedrigkeit, Verachtung und Verfolgung hindurch zur himmlischen Herrlichkeit
(Mt. 10,9 f.; 24,9-13; 2. Tim. 3,12);
- hält Jesus als dem einzigen Herrn und Erlöser die Treue und lehnt jede Religionsvermischung
ab (Joh. 14,6; Apg. 4,12);
- fällt nicht auf falsche Zeichen und Wunder herein, sondern orientiert sich allein am Wort der
Heiligen Schrift (Jer. 23,28; 2. Tim. 3,14-17);
- bereitet Christus den Weg, indem sie viele in seine Nachfolge ruft (Mt. 24,14).
Wir müssen uns dabei bewusst sein, dass die Unterwanderung zunehmend auch die Freikirchen
erfasst. „Babylon“ geht - wie schon angedeutet - mitten durch die Konfessionen, Kirchen,
Gemeinden, Gruppen und sogar das eigene Herz hindurch. Wir sollten uns und unsere
Gemeinden prüfen und den Sauerteig der babylonischen Verführung hinausfegen, solange
es noch möglich ist.


Es tröstet uns die Verheißung, welche der Herr dem Apostel Petrus als dem ersten Bekenner
seiner Gottessohnschaft zugesprochen hat: „Du bist Petrus, und aufdiesen Felsen will ich
meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen“ (Mt. 16,18).
Selbst wenn die Kirche als Institution immer mehr verweltlicht und zur Gegenkirche wird,
bleibt doch die Gemeinde Jesu als die Gemeinschaft der Glaubenden lebendig - bis der Herr
wiederkommt in Herrlichkeit und sie zu sich holt. Und das dürfen wir täglich erbitten: Komme
bald, Herr Jesus!

An dieser Stelle ist nun leider darauf hinzuweisen, dass der Zeitgeist auch vor evangelikalen
(konservativen) Christen nicht Halt macht. In seinem unbequemen Buch „Wenn Salz kraftlos
wird. Die Evangelikalen im Zeitalter juckender Ohren“ (Bielefeld 1996) weist der amerikanische
Autor John Mac Arthur darauf hin, dass auch in vielen evangelikalen Kreisen die Verweltlichung
eingebrochen ist. Mac Arthur warnt vor einem „Pragmatismus“, der danach fragt,
was bei den Zuhörern „ankommt“, wonach ihnen „die Ohren jucken“, und der dabei Gottes
Wort und Willen zunehmend hinten anstellt oder überhört.

Bereits vor etwa 150 Jahren hatte der bekannte dänische Philosoph Sören Kierkegaard geklagt:
„Oh Luther, du hattest 95 Thesen: Entsetzlich! Und doch im tieferen Verstand: Je mehr
Thesen, desto weniger entsetzlich. Die Sache ist viel entsetzlicher: Es gibt nur eine These -
das Christentum des Neuen Testamentes ist gar nicht da“ (Christenspiegel, Wuppertal 1979,
S. 68). Damals bestand die Verweltlichung der Kirche vor allem darin, dass man sich mit
einer rechtgläubigen Sonntagsfrömmigkeit begnügte, die keine Auswirkung auf das Alltagsleben
der Christen hatte. Kierkegaard nannte diese „Entartung des Protestantismus“ „geistlose
Weltlichkeit“.

Heute wird über grundlegende biblische Wahrheiten wie „Sünde“, „Buße“, „Kreuz“ und „ewige
Verdammnis“ - auch in verschiedenen evangelikalen Kreisen - immer weniger gepredigt
und großzügig hinweggegangen. An deren Stelle tritt zunehmend ein „Unterhaltungs- und
Wohlstandsevangelium“, das keinem weh tut, aber auch keinen angesichts der apokalyptischen
Bedrohungen wachrütteln kann. Demgegenüber ruft uns Jesus zu: „Wachet, denn ihr
wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt!“ (Mt. 24,42). Jeder Christ sollte aufpassen,
dass er nicht in den Einheitssog des Zeitgeistes und Glaubensabfalls hineingerissen wird.
Der Teufel will uns schläfrig machen, aber mit Gottes Hilfe können wir ihm widerstehen (1.
Petr. 5,8 f.; Eph. 6,10 ff.).

Es ist Endzeit. Dennoch sind wir - frei nach Martin Luther - aufgerufen, ein Apfelbäumchen
zu pflanzen, auch wenn morgen die Welt unterginge - und das heisst: zu wirken, solange es
noch Tag ist. Die Heilige Schrift zeigt uns, dass selbst noch in allerletzter Stunde - inmitten
der endzeitlichen Gerichte und der Aufbäumung der antichristlichen Gewalten - eine Einladung
zur Umkehr erklingt - und um wie viel lauter sollte diese Einladung heute erschallen:
„Und ich sah einen anderen Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges
Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, allen Nationen und Stämmen und
Sprachen und Völkern. Und er sprach mit großer Stimme: Fürchtet Gott und gebt ihm die
Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen! Und betet den an, der gemacht hat
Himmel und Erde und Meer und die Wasserquellen!“ (Offb. 14,6 f.)

4. Wie sich die Gläubigen in dieser Lage verhalten können

Es gilt, weiterhin zu glauben, zu lieben und zu hoffen. Und es gilt, weiterhin zu beten: für eine
Umkehr in Kirche und Gesellschaft, für diejenigen, die öffentliche Verantwortung tragen, für
die angefochtenen Gemeinden und Einzelnen. Es stimmt nicht, dass es bei Gott nie ein „Zu
spät“ gebe. Aber wir als Menschen können nicht wissen, wann dieses „Zu spät“ erreicht ist.
Auftreten oder austreten? - Diese Frage stellen sich viele Christen. Die Antwort kann nicht
pauschal gegeben werden. Sie richtet sich nach der persönlichen Führung des einzelnen
durch den Herrn und auch nach der Situation vor Ort. Allerdings sollte jeder, der vor dieser
Frage steht, die gesamtkirchliche Lage nicht übersehen - selbst wenn an seinem Ort ein guter,
gläubiger Pfarrer Dienst tut. Sicherlich wollen wir solche Pfarrer nicht im Stich lassen.

Aber andererseits dürfte eine Grenze erreicht sein, wenn die Kirche als Gesamtkörperschaft
Gesetze beschließt und verbindlich macht, die in klarem Widerspruch zum Worte Gottes stehen.
So könnte es etwa in puncto „Homosexualität“ und „Fundamentalismus“ erfolgen. Es
drängt sich die Frage auf: Ab welchem Punkt mache ich mich fremder Sünden teilhaftig?
Ich erinnere an 1. Kor 6,14-18, wo es heisst: „Ziehet nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen!
Denn was hat die Gerechtigkeit zu schaffen mit der Ungerechtigkeit? Was hat das
Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Wie stimmt Christus mit Beliar überein? Oder was
für ein Teil hat der Gläubige mit dem Ungläubigen? Was hat der Tempel Gottes gemeinsam
mit den Götzen? Wir aber sind der Tempel des lebendigen Gottes, wie denn Gott spricht:
,Ich will unter ihnen wohnen und wandeln und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk
sein'. Darum ,gehet aus von ihnen und sondert euch ab', spricht der Herr ,und rühret kein
Unreines an, so will ich euch annehmen und euer Vater sein, und ihr sollt meine Söhne und
Töchter sein', spricht der allmächtige Herr.“

Und Offb. 18,4 f., eine Stelle, die sich auf die endzeitliche „Hure“, das „große Babylon“, bezieht,
lautet: „Und ich hörte eine andere Stimme vom Himmel, die sprach: Gehet aus von ihr,
mein Volk, dass ihr nicht teilhaftig werdet ihrer Sünden, damit ihr nicht empfangt etwas von
ihren Plagen! Denn ihre Sünden reichen bis an den Himmel, und Gott denkt an ihren Frevel.“
Wie gesagt, es stellt sich die Frage: Ab welchem Punkt mache ich mich fremder Sünden teilhaftig,
wenn diese nun gutgeheißen werden? Ich möchte klar sagen: Jeder Mensch ist von
Natur aus ein Sünder. Wir dürfen nicht sagen, diese oder jene Sünde sei schwerwiegender.

Aber es ist ein Novum, ein neues Ding, wenn man in Staat und Kirche in der heutigen Zeit
eine Sünde, die immer wieder als Gräuelsünde in der Heiligen Schrift benannt wird, nämlich
die praktizierte Homosexualität, als gleichberechtigte, ja „gottgewollte“Form von Sexualität
hinstellt. Ich will es deutlich sagen: Den Betroffenen wollen wir seelsorgerlich helfen. Wir wollen
ihnen unsere ganze Liebe als Gemeinde und Gemeinschaft weitergeben, die Liebe Jesu
Christi. Aber wir können nicht etwas segnen, was Gott verwirft - und wir können auch nicht
einem solchen „Segen“ zustimmen.

In der Heiligen Schrift finden wir zahlreiche Beispiel für Buße, für eine radikale Umkehr von
Menschen zu Gott. Zwei Beispiele möchte ich an das Ende meiner Ausführungen stellen.
Der große König David tat individuelle Buße für sein eigenes Vergehen. Er hatte Ehebruch
mit Bathseba, der Frau des Hetiters Uria, begangen und Uria dem Tode ausgeliefert. Gott
sandte den Propheten Nathan zu David, um sein Gewissen wachzurütteln und David zur
Buße zu rufen. Davids Bußgebet in dieser Situation gipfelt in dem Schrei „Gott, sei mir Sünder
gnädig!“.Es ist ein Vorbild für alle Generationen. Luther hat den Psalm 51, in dem es
überliefert ist, als den „vierten Bußpsalm“ bezeichnet.

Der ebenfalls bedeutende König Josia tat kollektiv Buße für das ganze Volk. Sein Vater war
der gottlose König Amon, seine Mutter war Jedida („Geliebte“), die Josia zur Gottesfurcht
erzog. Der Großvater Josias war Manasse, der ähnlich wie Ahab das Heidentum wieder
nach Juda brachte (2. Kön. 21,2-9). Im achten Jahr seiner Regierung (mit 16 Jahren) fing
Josia an, den Gott seines Vorfahren David zu suchen. Im zwölften Jahr seiner Regierung
(mit 20 Jahren) begann er, Juda, Jerusalem und die Gebiete des ehemaligen Nordreiches
vom Götzendienst reinigen. Im achtzehnten Jahr seiner Regierung (mit 26 Jahren) beauftragte
er Schaphan und andere, die Renovierung des Tempels zu veranlassen. Bei dieser
Gelegenheit übergab der Hohepriester Hilkija das Buch des Gesetzes des HERRN (möglicherweise
das 5. Buch Mose), das lange verschollen und bei der Renovierung des Tempels
aufgefunden worden war, dem Schaphan. Schaphan studierte das Buch, informierte den
König und las es ihm vor. Josia reagierte auf den Inhalt des Buches mit dem Zerreissen seiner
Kleidung als Zeichen seiner Trauer und seines Entsetzens über die Situation im Land (2.
Kön 23f.).

Josia suchte Gott. Er fand die Bibel in Form des mosaischen Gesetzbuches (Thora). Er erschrak
vor dem Zorn des heiligen Gottes. Er verpflichtete das Volk zum Gehorsam gegenüber
dem Alten Bund. Er reinigte den Tempel, die Stadt und das Land Gottes vom Heidentum.
Er kehrte von ganzem Herzen um und tat Buße. Und was tun wir?
Sicherlich erstreben wir heute keine Theokratie (politische Gottesherrschaft). Wir sind nicht
das Volk Gottes wie Israel in alttestamentlicher Zeit. Was aber realistisch und wünschenswert
ist, ist die Umkehr, die beim Einzelnen und in den Kirchen beginnen sollte und von da
aus auf Staat und Gesellschaft ausstrahlt. Sind wir zu dieser Umkehr bereit?
Auszug aus: Lothar Gassmann,

WAS IST KIRCHE? Papstkirche, Staatskirche oder
Gemeinschaft der Glaubenden? Grundlinien biblischer Ekklesiologie, 178 Seiten, 12,80
€ (beim Autor erhältlich)


Anschrift des Verfassers: Dr. theol. Lothar Gassmann, Am Waldsaum 39, D-75175 Pforzheim,
Tel. 07231-66529, Fax 07231-4244067, Email: [email protected]

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