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Leitungsstrukturen speziell in Brüdergemeinden


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Rolf

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Interview mit René Schäfer



Leitungsstrukturen speziell in Brüdergemeinden

Frage: In Brüdergemeinden dominiert weitgehend die Auffassung, man müsse klar zwischen Amt und Gabe trennen; Rudolf Brockhaus stellt das z.B. im vierten Kapitel ("Älteste und Diener") von Die Versammlung des lebendigen Gottes (1912) ausführlich dar. Damit verfolgen Brüdergemeinden Ihrer Einschätzung zufolge seit jeher das "Ziel, Strukturen zu vermeiden, aber den Leitungsdienst trotzdem auszuüben" (S. 104). "Angst vor Strukturen" (S. 112) führte zu einer Grundhaltung, "den Dienst eines Ältesten bei einer Begabung zwar zu tun, aber nicht zu benennen" (S. 105). Mit dem Tod der Apostel und ihrer Bevollmächtigten, so die klassische Auffassung der "Brüder", habe niemand mehr die Vollmacht, Älteste zu benennen. Was entgegnen Sie diesem Argument?

Schäfer: Die Angst vor den Strukturen baut letztlich auf die Angst vor Autorität. Die Brüderbewegung muss erkennen, dass auch ihre Entstehungsgeschichte nicht frei von situativen Einflüssen ist. Die "Brüder" haben sich zu Recht gegen die Trennung von Klerus und Laien gewehrt. Aber wie so oft in solchen Situationen leidet die Wahrheit. Es geht ja um die Frage, ob es eine apostolische Sukzession gibt, also ein Weiterleiten der Autorität der Apostel, andere Apostel oder Älteste einsetzen zu können. Aber das ist die falsche Fragestellung. Sie setzt voraus, dass die Apostel tatsächlich ein Amt innehatten und dieses strukturell hätten festigen müssen. Aber die Apostel verstanden ihren Dienst nie als Amt. Sie waren Knechte, sie waren Diener und sie verstanden ihre Tätigkeit als Dienst und nicht als Amt. Deshalb kann auch ein Barnabas oder ein Titus im Neuen Testament als Apostel genannt werden, obschon sie nicht zu den 12 oder zu den 13, wenn man Paulus einschließt, gehörten. Sie waren Apostel nach dem Dienst und nicht nach dem Amt. Das ist auch bei den Ältesten so. Ihre Tätigkeit führte zu ihrer Stellung, aber diese Stellung wurde als solche auch benannt. Barnabas tat einen Dienst als Apostel, ausgesandt und als solcher bestätigt von der Gemeinde in Antiochien, und wurde Apostel genannt. In 1. Thessalonicher 5 wird das gleiche Muster für Älteste aufgezeigt. Diejenigen, die in einer Gemeinde dienen, sollen erkannt oder anerkannt werden. Demnach geschieht eine Berufung nicht durch eine Sukzession, sondern durch den Dienst und die Bestätigung des Dienstes.

Frage: Sie halten m.E. zu Recht fest, dass Strukturlosigkeit in Gemeinden entweder zu Leitungslosigkeit führt oder dazu, dass sich "unstrukturierte und unerwünschte Machtergreifungen" (S. 131) etablieren. Sie führen Beispiele an, wo trotz Ablehnung formaler Leitungsstruktur informell klare Leitungsstrukturen erkennbar sind (S. 113). Kann es sein, dass gerade "heimliche Leiter" transparente Strukturen verhindern wollen? Und: kann es sein, dass in informellen Strukturen die Missbrauchsgefahr (Leitung wird z.B. durch Beziehungen, Geld oder Macht bestimmt, nicht durch geistliche Qualitäten) größer ist als bei transparenten?

Schäfer: Ja, die Gefahr des Machtmissbrauchs ist in einer informellen Leitungsstruktur recht groß. Das liegt an der mangelnden Möglichkeit dieser Struktur, ein Korrektiv einzubauen. Sobald ein Missbrauch vorliegt, kann er nicht mehr korrigiert werden, denn es sind keine Abläufe dafür vorgesehen. Wenn die Leiter geistlich gesinnt sind, so ist eine informelle Leitungsstruktur sicherlich kein Problem. Aber auch Brüder sind nur Menschen, und wie die Erfahrung zeigt, allzu oft. Ob eine Missbrauchsgefahr bei informeller Leitung oder klarer Leitungsstruktur stärker ist, würde ich nicht bewerten. Sie ist in beiden Systemen vorhanden. Viel wichtiger ist die Möglichkeit, Missbrauch zu korrigieren. Und das ist in der informellen Struktur so gut wie nicht möglich.

Frage: Worin sehen Sie die Nachteile der vielfach praktizierten "Brüderstunde" (also eines Entscheidungsgremiums auf lokaler Ebene, dessen Mitglieder nicht gewählt werden, sondern stillschweigend als Älteste anerkannt werden)?

Schäfer: Zum einen ist es die bereits angesprochene Frage der Korrektur. Die Bibel geht in 1. Timotheus 5 recht krass gegen Älteste vor, die gesündigt haben. Wenn das aber Männer sind, die sich mit der Argumentation aus der Affäre ziehen können, sie seien gar keine Ältesten, so kann die Korrektur nicht greifen.

Ein weiteres Problem der informellen Leitung ist, dass für unbequeme Sachen meist keiner zuständig ist. Heikle und schwierige Situationen in der Gemeinde werden nicht gelöst, weil der Zuständigkeitsbereich nicht definiert ist. Das trifft natürlich nicht für alle Situationen zu. Es gibt selbstverständlich auch Brüder im informellen Dienst, die ihre Verantwortung auch in unbequemen Situationen geistlich wahrnehmen.

Das dritte Problem ist die Qualifizierung. In der informellen Leitung gibt es keine Qualifizierungsvoraussetzungen. In 1. Timotheus 3 und Titus 1 werden aber Voraussetzungen genannt, die ganz und gar ihre Berechtigung haben. Aber in der informellen Leitung werden diese Voraussetzungen nicht geprüft. So leiten auf einmal Brüder, die die Qualifikation in ihrer persönlichen Heiligung und in ihrer Begabung überhaupt nicht haben. Das kann fatale Wirkung zeigen.

Frage: Sie formulieren auf der Basis Ihrer Studien hochinteressante Thesen. Sie fordern etwa, die "Denomination der Brüdergemeinden" (allein mit dieser Bezeichnung werden Sie bereits Widerspruch herausfordern) müsse zu einem Verständnis einer integrativen Leitungsstruktur finden (S. 156). Sie führen z.B. Gerhard Jordy und Eberhard Platte an (S. 107) als Beispiel für "Brüder", die für eine Veränderung von Leitungsstrukturen eintreten. Glauben Sie, dass in Brüdergemeinden ein Umdenken stattfindet oder zu erwarten ist?

Schäfer: Ich weiß nicht, ob ich das glaube oder erwarte. Aber ich weiß, dass es sein muss. Zu lange haben die Brüdergemeinden nur auf das Erbe ihrer Väter geschaut, ohne dabei zu bemerken, dass diese auch lediglich Kinder ihrer Zeit waren. Es gibt keine standpunktlose Lehre – auch bei den Brüdergemeinden nicht. Auch die Väter der Brüdergemeinden haben die Bibel in ihrem Kontext interpretiert. Das muss erneut geschehen, sonst bauen die Brüdergemeinden auf eine Tradition. Ich habe den Begriff "die Denomination der Brüdergemeinden" ja sehr bewusst gewählt. Wenn die Brüdergemeinden so am Erbe ihrer Väter festhalten, so bauen sie eine informelle Denomination. Also etwas, was ganz und gar nicht im Sinne der Väter wäre.

Frage: Sie empfehlen Brüdergemeinden "zur Überwindung des kongregationalen und des direktiven Leitungsansatzes" die Inanspruchnahme externer Hilfe (S. 157). Auf welche Institutionen/Personen können interessierte Gemeinden zurückgreifen?

Schäfer: Es hat in der Vergangenheit immer wieder Brüder gegeben, die in ihrem überregionalen Dienst solche Aufgaben wahrgenommen haben. Zu erwähnen wären da Brüder wie Andreas Ebert oder Wolfgang Seit. Sie sind in den Gemeinden vor Ort und können gut beratende Tätigkeiten wahrnehmen. Als Institution ist sicherlich die Deutsche Inland-Mission mit den verschiedenen erfahrenen Gemeindegründern zu erwähnen. Die Arbeitsgemeinschaft der Brüdergemeinden hat eigens Brüder für diese Aufgabe abgestellt.

Frage:
Von Ältesten ist es ein kleiner Schritt zu einem Pastor. Ein Pastor ist nach meinem Verständnis ein Ältester unter Ältesten, mit zwei Besonderheiten: Er hat erstens meist eine mehrjährige Ausbildung für diesen Dienst, und zweitens hat er mehr Zeit als andere für seinen Dienst, ist also sozusagen ein "hauptamtlicher Ältester". Älteste und Pastoren haben so gesehen die Aufgabe, als Leiter die Gemeinde anzuleiten, ihre Gaben einzusetzen (vgl. Epheser 4,11f.). Dienende Leitung will und soll die Gaben der Gemeinde so zum Einsatz bringen, fördern; die Gemeinde zum Dienst befähigen und nicht entmündigen. Teilen Sie diese Sicht, oder gibt es aus Ihrer Sicht plausible Argumente dagegen, in größeren Gemeinden einen Pastor zu berufen? In Brüdergemeinden bestehen da ja aus Angst, eine klerikale Schicht zu fördern, große Vorbehalte.

Schäfer: Einen voll- oder teilzeitlichen Ältesten in einer Gemeinde zu haben ist durchaus biblisch. Paulus zeigt, dass Älteste, die gut vorstehen, doppelter Ehre wert sind. Das heißt, dass sie sicherlich auch davon leben dürfen, wenn sie der Gemeinde dienen. Allerdings halte ich die starke Tendenz zu vollzeitlichen Mitarbeitern auch für eine schwierige Entwicklung in den Brüdergemeinden. Zu viele vollzeitliche Mitarbeiter binden viele Ressourcen für die Missionsarbeit im eigenen Land und im Ausland. Es kann nötig sein, dass vollzeitliche Mitarbeiter in einer Gemeinde mit leiten. Allerdings sollte die Notwendigkeit mit mehr Nüchternheit bedacht werden.

Frage:
Warum glauben Sie, "für die Brüdergemeinden als Denomination könnte die Differenz im Verständnis von Leitung aus traditionellen und pragmatischen sowie theologischen Gründen die weitreichende Folge einer weiteren Zersplitterung haben" (S. 102)?

Schäfer:
Die Frage nach dem Leitungsverständnis und nach dem Umgang mit Leitung nagt an den Wurzeln der Brüdergemeinden. Hier wird Meinung und Geschichte der Väter hinterfragt und mit dem biblischen Befund geprüft. Wenn dies nur von einzelnen Gemeinden getan wird und nicht im größeren Rahmen von Konferenzen und Schulungen, so werden Gemeinden sich aus unterschiedlichem Erkenntnisstand sehr unterschiedlich entscheiden. Das gemeinsame Betrachten der Geschichte und das gemeinsame Forschen in der Schrift kann eine Individualisierung in dieser Frage verhindern. Dazu braucht es die Offenheit der Gemeinden, sich auf eine solche Diskussion einzulassen. Das ist keine Stärke der Brüdergemeinden und deshalb eine besondere Herausforderung.


Die Fragen stellte Ulrich Müller. Das Interview wurde im Mai 2007 geführt.
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