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Leere Gotteshäuser?


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Rolf

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Leere Gotteshäuser?



Die Kirchen zwischen Macht und Ohnmacht



Süleyman Artiisik



Den Kirchen laufen die Mitglieder davon, vor allem junge Menschen distanzieren sich immer mehr von religiösen Institutionen. Welchen Einfluss haben die Kirchen heute noch in unserer Gesellschaft und wie steht es um die Trennung von Staat und Religion? fluter hat mit dem Religionswissenschaftler Hartmut Zinser gesprochen - über die Macht der Tradition und den Zwang, sich zu verändern.

fluter.de: Herr Zinser, wie steht es um den Glauben in Deutschland. Verschwindet nicht mehr und mehr die Religion aus unserem Leben?

Zinser: Nein, vielmehr verschwindet die Anbindung der Menschen an die religiösen Institutionen. Vor allem an die großen Kirchen. Aber auch viele Moslems haben die Bindung an die Moscheegemeinschaften verloren. Eine deutschlandweite Studie zu der Religiosität von Türken in Deutschland kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass rund 58 Prozent von ihnen religiös desinteressiert sind.


Zur Person

Prof. Dr. Hartmut Zinser, Jahrgang 1944, ist Religionswissenschaftler und Ethnologe an der Freien Universität Berlin. Zu seinen Veröffentlichungen zählen "Der Markt der Religionen", München 1997; "Götter der Kelten", Luxemburg 2002.



fluter.de: Gerade viele junge Leute haben häufig keine Verbindung mehr zur Kirche und Religion. Woran liegt das?

Zinser: In den Großstädten in Deutschland kann man tatsächlich beobachten, dass die Kenntnisse der Lehren des Christentums drastisch zurückgegangen sind. Religion aber ist nicht nur eine Frage von Kenntnissen, sondern von Verhaltensweisen, Einstellungen und dem Glauben. Man kann an Gott glauben, ohne die Bibel oder den Koran gelesen zu haben. Die meisten Menschen in Deutschland sind akirchlich. Wir sollten aufhören, von einer Säkularisierung zu reden, wir sollten vielmehr von einer "Entkirchlichung" reden, und dazu gehört auch, dass viele Menschen einfach nicht mehr informiert sind. Das geht durch alle Generationen, Konfessionen und Religionen hindurch.

fluter.de: Was kann dafür getan werden, damit sich wieder mehr Menschen in Deutschland für Religion interessieren?

Zinser: Man sollte einen religiösen Informationsunterricht in den Schulen von religionswissenschaftlicher Art einrichten. Es gibt seit vielen Jahren eine Diskussion über die verschiedenen Modelle, welche Art von Religionsunterricht praktiziert werden soll. Diese Diskussion ist meiner Meinung nach absurd. Entscheidend ist vielmehr, dass eine sachgerechte Information an den Schulen bezüglich der Religion stattfinden muss. Sonst passiert es, dass die Bedürfnisse bezüglich der Religion - die meiner Meinung nach ohne Zweifel existieren - den Extremisten oder Radikalen überlassen werden.

fluter.de: Deutschland ist einer der wenigen europäischen Staaten, in dem die Kirchen über ein effizientes Steuersystem verfügen, das ihnen Jahr für Jahr Milliarden einbringt. Wie mächtig sind die Kirchen in Deutschland?

Zinser: Sie sind mächtig und sie vertrauen darauf, dass es immer wieder Perioden in der Geschichte des christlichen Europas gegeben hat, in denen die Kirchlichkeit sehr zurückgegangen ist. Die Kirchen konnten sich dann aber immer wieder aufrappeln, wie etwa am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Gerade die institutionelle Absicherung und ihre finanzielle Unabhängigkeit durch die Kirchensteuer verhindert, dass sich die Kirchen die Frage stellen, warum immer mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren. Merkwürdig dabei ist, dass bei bestimmten Lebens-Situationen, wie bei einer Heirat oder der Taufe eines Kindes, ein kirchlicher Amtsträger sozusagen eine religiöse Beglaubigung geben muss. Hier fällt die Widersprüchlichkeit auf: Auf der einen Seite halten die Menschen große Distanz zur Kirche, auf der anderen Seite wollen sie bei bestimmten Anlässen auf den Segen der Kirche nicht verzichten.

fluter.de: Die Kirchen verlieren trotz aller Privilegien laufend an Einfluss. In welchen politischen und gesellschaftlichen Bereichen spielen die Kirchen überhaupt noch eine wichtige Rolle?

Zinser: In vielen, so beispielsweise im Schulwesen oder im Gesundheitswesen. Es gibt eine ganze Menge von kirchlichen Schulen. Im Sozialbereich übernehmen die Kirchen viele Aufgaben, zum Teil von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Ferner haben sie einen Einfluss auf die Gestaltung der Gesetzgebung. So sind Theologen in der Ethik-Kommission Mitglied, in der über die Folgen der Gen-Technik beraten wird. Sie finden in unserer Gesellschaft sehr viele, eigentlich auf die christliche Tradition zurückgehende Einrichtungen und Grundsätze.

fluter.de: Wie würden Sie die Trennung von Staat und Kirche in unserem Land bewerten?

Zinser: Keine Revolution in Deutschland hat es bisher geschafft, die Verknüpfung zwischen Staat und Kirche abzuschaffen. Da die Verfassung ein Kompromiss ist und die Religion in der Verfassung konstitutionell eingegangen ist, wäre es nun aber ein Rechtsbruch, wenn man die konsequente Teilung zwischen Staat und Kirche einführen würde. Ich glaube nicht, dass in Deutschland eine radikale Trennung von Staat und Kirche wie in den USA durchsetzbar ist. Eine radikale Trennung gibt es ja auch praktisch in keinem europäischen Staat. Die Verknüpfungen in den einzelnen europäischen Ländern sind so verschieden, dass die EU bei ihren Beratungen für eine europäische Verfassung darauf verzichtet hat, eine gemeinschaftliche Regelung zu treffen.

fluter.de: Wie sollte Ihrer Meinung nach das Verhältnis des Staates zur Religion aussehen?

Zinser: Es ist wichtig, dass der Staat mit allen großen Religionsgemeinschaften kooperiert, wie er es mit dem Christentum oder dem Judentum schon praktiziert. Wir können uns nicht die Ungleichheit leisten, dass die einen Religionsgemeinschaften als Privatvereine und die anderen, wie die Kirche, als öffentlich rechtliche Institutionen anerkannt werden. Es muss eine Form gefunden werden, wie auch die anderen Religionsgemeinschaften, insbesondere der Islam, diesen vergleichbaren Status erwerben können. In Spanien beispielsweise ist ein Staatsvertrag mit den drei großen islamischen Gemeinschaften unterzeichnet worden. Dieser Schritt sollte auch in Deutschland getan werden. Voraussetzung dafür ist, dass sich die Moslems endlich richtig organisieren. Der Staat kann nicht mit jeder einzelnen Moschee zusammenarbeiten, das würde nicht funktionieren. Allein in Berlin gibt es rund 200 verschiedene islamische Gotteshäuser.

fluter.de: Wird sich angesichts der Vielfalt von Glaubensvorstellungen die Kirche in Deutschland noch behaupten können?

Zinser: Die Kirchenvertreter vertrauen auf ihre tausendjährige Geschichte, aber sie werden sich verändern müssen - und ich glaube, dass sie sich auch ändern können. Die Kirchen werden in zwanzig, dreißig Jahren anders aussehen und sich so behaupten können. Es gab schon immer Voraussagen über den Untergang der Kirchen. Sie sind aber nie eingetreten.

Quelle: fluter.de

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