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Das Versprechen des “Postiven Denkens”


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12 Antworten in diesem Thema

#1
Rolf

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Das Versprechen des “Postiven Denkens”



Wer wünscht sich nicht, gut drauf zu sein? Aufgehoben in einem sozialen Netzwerk, die Arbeit macht Freude, für die Zukunft gibt es Perspektiven, keine wirklich schwere Krankheit und einen “krisensicheren” Glauben. Hilfen zu so einem Leben sind da gern gesehen. Darum wird auch das “Positive Denken” mit seinem Erfolgsversprechen gern angenommen.
Der Psychologe Dr. Günter Scheich zählt in seinem sehr lesenswerten Buch “Positives Denken macht krank. Vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen” wesentliche Bedürfnisse des Mensch auf, welche durch das “Positive Denken” angesprochen, aber in Wirklichkeit nicht befriedigt werden:
- das Bedürfnis nach unbeschränkter materieller Unabhängigkeit und Freiheit
- das gleichzeitige Bedürfnis nach Halt und Geborgenheit
- das Bedürfnis nach Bequemlichkeit
- das Bedürfnis danach, einer Auseinandersetzung mit sich selbst aus dem Weg gehen zu können
- das Bedürfnis, sich nicht eingestehen zu müssen, dass man Hilfe von außen braucht
- das Bedürfnis nach dem Vergessen aller Verletzungen, die man erlitten hat
- das Bedürfnis nach einer totalen Vereinfachung der Welt
- das Bedürfnis danach, sich aus der realen Welt “ausklinken” zu können
- das spirituelle Bedürfnis nach Heil und Erlösung
- das Bedürfnis, sich selbst eine eigene Welt erschaffen zu können, also:
- das Bedürfnis nach Allmächtigkeit (Allmachtsansprüche), Harmonie und dem Einssein mit dem Universum
- das Bedürfnis nach absolutem Glück
- das Bedürfnis nach dem Schlaraffenland, in dem einem die Tauben gebraten in den Mund fliegen, kurz: nach dem Paradies.
Die neue Denkrichtung erlaubt es, die als bedrohlich empfundene Realität vollkommen auszuklammern. Der einzelne muß sich nicht mit dem vorgegebenen Lebensrahmen zufriedengeben und braucht sich nicht mehr mit der Umwelt auseinanderzusetzen. Anders ausgedruckt: man darf auf der Stufe der psychischen Unreife verharren und braucht nicht erwachsen zu werden. (1997, 17)

Voraussetzungen des “Positiven Denkens”


“Sie sollten ihr ganzes Leben lang, allmorgendlich beim Erwachen und allabendlich, sobald sie im Bette liegen, die Augen schließen und 20mal nacheinander, an den Knoten einer Schnur mechanisch abzählen, ohne ihre Aufmerksamkeit an irgendetwas Bestimmtes zu heften, unter Bewegung ihrer Lippen und laut genug, um ihr eigenes Wort zu hören, den folgenden Spruch hersagen: ‚Es geht mir jeden Tag und in jeder Hinsicht immer besser und besser.‘” (nach Goldner 1997, 254)

Dieser Ratschlag stammt von dem Apotheker Emile Coué (1857-1926), einem der Urväter des “Positiven Denkens”. Die Empfehlungen heutiger Vertreter dieser Denkweise unterscheiden sich nicht wirklich von dem alten Tipp des Apothekers. Die alles bestimmende Idee dahinter ist, dass jeder Mensch, wenn er seine innere Einstellung verändert, auch sein Leben und seine Umwelt positiv verändern könne. “Viele Menschen arbeiten schwer und versagen dennoch kläglich im Leben. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: in ihrem Unterbewußtsein unterhalten sie ein Denkmodell des Versagens. ... Sie fühlen sich unterlegen. ... Dessen ungeachtet kann der Mensch sein Unterbewußtsein neu programmieren. Er kann sich sagen: ‚Ich bin zum Siegen geboren; das Unendliche kann nicht Versagen.‘” So predigte es der große Prophet der Positivdenker, Joseph Murphy und in seinem Kielwasser viele andere.

Mit flachen Erkenntnissen aus der Psychologie und der Esoterik vermischt werden die Theorien immer weiter ausgebaut. Neue Begriffe tauchten in diesem Zusammenhang auf: “Neues Denken”, “Richtiges Denken”, “Planetarisches Denken”, “Kraftdenken”, “Perfekt Mind”, “Mentaltraining” oder “Erfolgstraining” und auch ganz wissenschaftlich klingende Formulierungen wie: “Kybernetische Entwicklungs-Strategie”.

Wenn der alte Ratschlag des Apothekers Coué wenigstens einem noch beim morgendlichen Aufstehen helfen könnte, wird es bei seinen Nachfolgern schon weit bedenklicher. Denn das “Positive Denken” bedeutet ja nicht, mit einer optimistischeren Grundeinstellung unser Leben zu betrachten, um so gelassener den unabänderlichen Problemen entgegen treten zu können. Ein Leben nach dem “Prinzip Hoffnung” ist damit auf alle Fälle nicht gemeint, wenn das auch Positivdenker immer wieder behaupten.

Die Lehre vom “Positiven Denken” transportiert ein Machbarkeitsglaube. Mit der magischen Kraft der “positiven” Gedanken soll der menschliche Geist manipuliert werden. Eine sehr bedenkliche Anschauung: Der Mensch ist eine durch Anleitungen zu programmierende Maschine. Einmal richtig eingestellt, sind Erfolg, Gesundheit, Heilung, Glück und Freude die logische Konsequenz. Mit täglichen Sinnsprüchen, Büchern und Meditations-CDs kann jeder diesen Bewusstseinsoptimismus auf Dauer programmieren.

Oft werden im Dienst dieser Ideologie auch die Begriffe “Liebe Gottes”, “göttliche Kraft” oder “Sünde” missbraucht. “Wenn du aber erkennst, dass es keine Schuld gibt, gibt es auch keine Selbstbestrafung, keine Krankheit. ... Ohne Ursache keine Wirkung. Daher hebt der Gedanke der Schuld- und Sündenlosigkeit die Ursache einer Krankheit auf und eine Heilung ist die Folge”, schreibt der Fohnsdorfer Mentaltrainer Peter Glatz in seinem Buch “Du schaffst es!”.

Die Angebote des “Positiven Denkens”


Das Angebot des “Positiven Denkens” ist bunt und vielfältig. Zu beziehen natürlich über den Buchhandel, dort oft unter der Rubrik “Lebenshilfe”. Die Titel sind vielversprechend: “Sorge dich nicht, lebe!”, “Zum Gewinnen geboren” und “Erfolg durch Geheimes Wissen”.

Im Handel gibt es auch die allseits beliebten Audio- und Videokassetten für Selbsthilfekurse, die alles im Leben verbessern können. Die Wirkung wird damit erklärt, dass “subliminale Botschaften sich am Bewusstsein vorbei direkt ins Unbewusste einprägen, wo sie die Grundlage für die Art von Leben schaffen, die Sie sich wünschen.” Als wissenschaftlicher Beleg dafür wird die “Iß Popcorn/Trink Cola-Studie” aus den späten fünfziger Jahren angeführt. Nur: James Vicary, der Initiator dieser “Studie”, hat später zugegeben, dass dies alles eine reine Erfindung gewesen sei. Keiner will Popcorn und Cola, nur weil in einem Film eine Millisekunde die Sätze “Iß Popcorn! Trink Cola” eingeblendet werden. Solche unterschwelligen Befehle funktionieren nicht!

Ein klassisches Angebot sind Seminare zum “Positiven Denken”, wie zum Beispiel: “Wie du denkst, so bist du - denn Mentales wird Reales”. In diesen Kursen werden Vergangenheit und Partnerschaftsprobleme bewältigt, das Idealgewicht erreicht und selbstverständlich auch Harmonie, Erfolg und Wohlstand. Wenn das erste Seminar dafür nicht ausreicht, können weitere Aufbauwochenenden und Fernkurse gebucht werden.

Sehr häufig stehen hinter diesen Angeboten Autoren und Seminarleiter ohne eine wirkliche fachliche Schulung, die das Manko ihrer unqualifizierten Ausbildung sehr geschickt verbergen und Volkshochschulen und Wirtschaftskammer vorschieben. Es kann ja wohl nichts Schlechtes sein, wenn Firmen ihren Mitarbeitern Seminare beim “Institut für Persönlichkeitsentwicklung” spendieren. Das Wort “Institut” hat bei uns immer noch Gewicht
Aber auch Gruppen und religiöse Sondergemeinschaften, die ihren Hintergrund nicht bekannt geben, werben mit dem “Positiven Denken”. Da lohnt es sich schon, solchen Verbindungen nachzugehen und Qualifikationen zu erfragen.

Einige Strömungen und Verbindungen

Wichtig für die gegenwärtige Position des “Positiven Denkens” ist die “Neugeist-Bewegung” (“New Thought”). Zu dieser Sammelbewegung gehören Gruppen mit klangvollen Namen wie: “Church of Divine Science”, “Religious Science”, “Science of Mind” und “Christian Science” (bei uns bekannt als “Christliche Wissenschaft”). Als Dachverband gilt die 1914 gegründete “International New Thought Alliance” = INTA, hier sind alle versammelt, die das “Positive Denken” als “Lebensmeisterung aus der Kraft Gottes des Geistes” verstehen.

Einige der bekanntesten Propheten des “Positiven Denkens” waren und sind Amtsträger amerikanischer “New Thought”-Kirchen, so zum Beispiel Dr. Joseph Murphy (1895-1981) in der “Church of Divine Science”. Die Gottesvorstellung Murphy‘s und seines Kollegen Pfarrer Norman Vincent Peale (1898-1994) deckt sich mit der “Declaration of Principles” der INTA, nach der es eine “untrennbare Einheit von Gott und Mensch” gibt. So kann Gott als “allmächtiger Geist in Ihrem Inneren”, “unendliche Intelligenz in Ihrem Unterbewußtsein” und auch als “universelle Macht” bezeichnet werden. Für Peale ist die Bibel “ein hochaktuelles Buch und ein praktischer Wegweiser zu unserem persönlichen Wohlbefinden”. Auch Murphy kann schon die Klage des Knecht Jahwes wegen der Schmach für seinen Eifer um den Tempel in Psalm 69 “Ich weinte bitterlich und fastete und man spottet meiner dazu.” (Vers 11) in dieser Art sehr offen auslegen: “Weinen, klagen und Selbstkritik wegen irgendwelcher Fehler oder Unzulänglichkeiten zieht noch mehr Mangel, Begrenzung und Leiden heran. Selbstkritik und Selbstverurteilung sind destruktive Geistesgifte, die deinen gesamten Organismus durcheinanderbringen. Spüre die Realität deines Begehrens und wandle im Licht, das jetzt dein ist.” (1988, 229f)

Ein Schüler Murphy‘s ist der “Minister of Divine Science” und “Therapeut” Erhard F. Freitag (*1940). Freitag betrieb bis 1989 in München das “Institut für Hypnoseforschung”, allerdings ohne ein psychologisches oder psychotherapeutisches Studium. Die Mehrzahl der dort angestellten “Therapeuten” hatte keine fachliche Ausbildung, so zum Beispiel Christian Rosenblatt, der vor Gericht als Qualifikation zwei Volkshochschulkurse über Psychologie angab. Ähnlich fundiert sind des Meisters Freitag’s Diagnosen, so sei die Ursache von Gehirntumor falsches Denken, denn alte Gedankenmuster materialisieren sich zum Tumor und entgegen allen Fachleuten empfiehlt er “Autogenes Training” bei Herzneurosen. Nach der Schließung seines Institutes zog sich Freitag kurz nach Teneriffa zurück. Seine Mitarbeiter gründeten eigene Praxen mit klangvollen Namen wie “Private Akademie für Psychologische Bildung” oder “Institut für Spirituelle Psychologie”. Heute ist Erhard Freitag besonders mit Sublimal-Kassetten präsent.

Ein sachlicherer Vertreter dieser Richtung ist Dale Carnegie (1888-1955). Im Gegensatz zu den oben angeführten Positivdenkern gibt er auch konkrete Handlungsanweisungen und Techniken vor, wie mit seinen Ratschlägen zu arbeiten ist. Allerdings soll bei Carnegie nicht vergessen werden, dass seine Lehre letztlich nichts anderes als ein Verkäufertraining ist, mit dem Ziel ein Winner-Typ zu werden.
Manfred Scheich beurteilt in seinem Buch “Positives Denken macht krank” diese Vertreter des “Positiven Denkens”.

Die Lehre vom “Positiven Denken” wird auch in der “Wort- und Glaubensbewegung” (“Faith-Movement” / “Positive Confession Theology”), allerdings unter dem Begriff “Neues Denken” vertreten. Hier verbindet sich der charismatische Impuls mit der Kraft des “Positiven Denkens”. Diese Wohlstandstheologie ist stark durch den amerikanischen Prediger Kenneth E. Hagin (*1917) geprägt. Andere Vertreter sind: Kenneth Copeland, Jim Kaseman, Peter Wenz und Wolfhard Margies und Karl Pilsl, der Gründer des “Glaubenszentrums Gute Nachricht” in Wels.
Die Theologen debattieren noch darüber, ob die Gemeinden der “Wort- und Glaubensbewegung” zu den christlichen Kirchen gehören. Die Lehre steht bestenfalls an der äußersten Peripherie oder ganz außerhalb vom biblischen oder geschichtlichen Christentum. Nicht zuletzt der Gedanke, dass der christliche Glaube einem Reichtum und Fortschritt garantieren soll, ist aus christlicher Sicht besonders absurd, weil er einfach nicht in Einklang mit vielen Textstellen im Neuen Testament zu bringen ist.

Ein wesentlicher Grundsatz ist die vorausgesetzte Gesetzmäßigkeit von “Glauben, Proklamieren und Besitzen”. Es ist die Überzeugung dieser Bewegung, dass die Realität durch die Vorstellungskraft des Geistes und des Bekenntnisses geschaffen wird. Für den koreanischen Evangelisten Yonggi Cho ist “Armut ein Fluch Satans”. Darum predigt er nicht so “luftige Dinge wie Erlösung, sondern das Evangelium des Erfolges”, denn schließlich hätte Jesus seinen Anhängern ein Leben in Fülle versprochen. Voller Pathos wird in Missionsversammlungen dieser Bewegung verkündigt: “Was, du hast kein Haus? Jesus will dir ein Haus geben!”. Einer der Führer des “Neuen Denkens”, der Amerikaner Ralph Waldo Trine, nennt ein eigenartiges Rezept: “Wenn die eigenen Gedanken immer nur um Armut kreisen, dann wird man arm, und man wird sehr wahrscheinlich auch immer arm bleiben. Wenn man allerdings, ganz unabhängig vom jeweiligen Zustand, immer an Wohlstand denkt, dann setzt man Kräfte frei, die früher oder später den Wohlstand ausbrechen lassen ...” (Quadflieg 1996, 57)

Die bisher letzte Welle des “Positiven Denkens” sind die Motivationsseminare für den erfolgshungrigen Klein- und Jungunternehmer, Außendienstler, Verkäufer und Werber. “Alles ist möglich” und “Erfolg ist ein Naturgesetz” versprechen die Anbieter von Powerseminaren und Motivationstagen. Die dort für viel Geld auftretenden Gurus, wie die Deutschen Jürgen Höller, Vera F. Birkenbihl, Ulrich Strunz, der Niederländer Emile Ratelband und die Amerikaner Anthony Robbins und Deepak Chopra, predigen die neue Religion, dass nur weltlicher Wohlstand glücklich macht. Jürgen Höller bezeichnet sein “Power Day” als Weiterbildung, doch Beobachter sehen in diesem Motivationsseminar viel Ähnlichkeit mit dem Erweckungsgottesdienst eines amerikanischen TV-Predigers. Mit ganz einfachen Kalenderweisheiten begeistert er die Teilnehmer: “Spür deine Kraft, spür, du bist Schöpfer deines Lebens.” Dafür verlangt Jürgen Höller 30 000 Mark Tagesgage.



Beurteilung

Jeder Mensch lebt unter Bedingungen, die er selbst nicht gesetzt hat. Über die Lebensbedingungen, die er sich nicht aussuchen kann, kann er auch nicht verfügen. Ebenso ist es mit der Zukunft: keiner weiß genau, welche Folgen sein Handeln hat. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit diesen Bedingungen fertig zu werden: Gegen sie hadern, vor ihnen den Mut verlieren und resignieren oder sich ihnen bewußt aussetzen und sie anerkennen. Letztere ist die Haltung des christlichen Glaubens. Nach christlichen Verständnis ist ein Leben jedoch auch im Scheitern sinnvoll.
Es kann wohl kaum einer christliche Ethik entsprechen, wenn solche Erfolgsrezepte des “Neuen Denkens” bedenkenlos allen angeboten werden, die mit materiellen Gütern nicht so gesegnet sind. Muß da noch erwähnt werden, dass dort, wo dieses “Wohlstandevangelium” gepredigt wird, das Leid keinen Platz hat? In solchen Gemeinden glaubt man oft, dass jemand, der leidet oder ernsthaft krank ist, entweder eine Sünde zu verbergen, oder einfach nicht genug Glauben hat.
Aber auch “Positives Denken” ohne diesen “christlichen” Hintergrund ist durch die Annahme, dass die innere Einstellung letzten Endes für alles verantwortlich ist, bedenklich. Letztlich unterstellt diese Vorstellung, dass der einzelne Mensch selbst Schuld an seiner Not trägt. Dieses so zum Beispiel auf kranke oder sozial schwach gestellte Menschen übertragen ist reiner Zynismus. Was ist mit den Unterdrückten und Zukurzgekommenen überall auf der Welt - Sind sie schließlich selbst schuld an ihrem Unglück?

Aus psychologischer Sicht richtet sich die Kritik vor allem gegen ein Manipulieren des Bewußtseins, welche nicht die individuelle Situation des einzelnen Menschen beachtet. Fachlich sehr mangelhaft ausgebildeten “Therapeuten” können solche Zweifel wie: “Warum klappt es bei mir nicht? Bin ich nicht normal?” nicht auffangen und verarbeiten. Wenn solches Denken überbewertet wird, werden viele Negativgefühle einfach verdrängt. Natürlich taugt solch eine “Therapie” nicht, um einen Klienten in seinen Ängsten, Sehnsüchten und Fragen zu begleiten, Eigenständigkeit, Verantwortungsbereitschaft kann mit “Positiven Denken” nicht gefördert werden.

Wenn in Motivations-Seminaren nicht sichergestellt ist, dass auftretende Probleme fachgerecht aufgearbeitet werden, können schwere seelische Probleme entstehen. Ein angebotenes “Training” kann niemals Therapie sein. Aber genau damit werben viele Motivationsgurus. Sprengen, brechen, umkrempeln gehören zu ihrem Standardvokabular. Damit wollen sie Menschen an ihre Grenzen oder über diese hinaus führen.

Auch dahinter steckt eine weitere Problematik des “Positiven Denkens”, besonders der vielfältig angebotenen Motivations-Seminare: Wer, wenn er über kaputtgeschlagene Flaschen oder glühende Kohlen läuft, einen Kick erlebt, will diesen Kick wieder haben. Weil er diese Erfahrung einmal gemacht hat, braucht er immer wieder etwas Neues. Die Gefahr sich unkritisch an ein System oder an eine Autorität zu binden steigt mit solch einer Einstellung.

Günter Scheich dazu: “Mit dem Absolutheitsanspruch, der von allen Propheten des ‚Positven Denkens‘ postuliert wird, begeben sich diese Autoren auf die Ebene von Gurus, die über angebliches ‚Geheimwissen‘ verfügen. Sie verkünden damit eine Heilslehre, die sich jeder wissenschaftlichen Überprüfung entzieht. Sie fordern von ihren Anhängern den absoluten Glauben an die Lehre. Deren Ergebenheit gegenüber den großen Vorbildern mündet nicht selten in regelrechte Abhängigkeit. Parallelen zu Vorgehen und Wirkung von Sekten drängen sich hier auf.” (1997, 119)
Wer an einem Seminar oder Kurs zur Lebensberatung teilnehmen möchte sollte vorher die “Zehn Regeln für Menschen, die Beratung oder Hilfe suchen” beachten.

Literatur


Freitag, Erhard E. (1986): Kraftzentrale Unterbewußtsein. Hilfe aus dem Unbewußten. München.
Glatz, Peter (1997): Du schaffst es! Eigenverlag.
Goldner, Colin (1997): Psycho. Therapien zwischen Seriosität und Scharlatanerie. Augsburg.
Hemminger, Hansjörg und Joachim Keden (1997): Seele aus zweiter Hand. Psychotechniken und Psychokonzerne. Stuttgart.
Kirschner, Thomas: Positives Denken. Psychologie heute 11/1988.
Murphy, Joseph (1988): Die Kraft schöpferischen Denkens. München.
Quadflieg, Kurt (1996): "... und sie werden viele verführen" Die erschütternde Bilanz eines Insiders, Selbstverlag.
Scheich, Günter (1997): Positives Denken macht krank. Vom Schwindel mit gefährlichen Erfolgsversprechen. Frankfurt am Main

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#2
npro1

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Der Autor Joseph Murphy ist mir ein Begriff.

Ich habe mal ein Buch von ihm gelesen, das mir eine Freundin geliehen hat, der Titel ist mir entfallen.

Zum Thema "positives Denken" kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass es schon auch Erfolg bringt, gerade in schlechten Zeiten an das "Licht am Ende des Tunnels" zu "glauben".
Es gab Zeiten, da machte ich sehr schlechte Erfahrungen und war der Überzeugung, dass ich einiges nicht machen sollte, weil es eh nur schif geht.
Seltsamerweise war dem auch so.
Besagte Freundin meinte dann zu mir, ich solle doch einfach mal positiv denken, weil ich mit meiner negativen Denkweise auch immer nur das Negative im Leben anziehen würde.
Ich hielt das erst für Blödsinn!
Heimlich *grins* habe ich aber doch probiert. Es hat mich Überwindung gekostet, nach einer schlechten Erfahrung an was positives zu denken. Es ging dann aber doch und es hat tatsächlich geklappt.

Ich halte das aber nicht für Teufelswerk oder irgendeinen Humbug.
Heißt es nicht so schön, dass der Glaube Berge versetzt.....!
Das tut er tatsächlich!!!!
Unsere Kleine hatte mal Bauchweh und da ich testen wollte, ob das evtl. nur "ich will noch nicht schlafen gehen"-Bauchweh ist, habe ich ihr, anstatt von Franzbranntwein (hilft sehr gut bei Bauchweh) Leitungswasser auf den Bauch gerieben (war in eine leere Franzbranntweinflasche gefüllt) und siehe da, das Bauchweh ging weg....
Sie hat an die Wirkung des Flascheninhalts geglaubt und es hat gewirkt, obwohl nicht das drin war, was sie vermutete....

Wenn eines der Kinder Albträume hatte, habe ich sie immer aufgefordert, wenn sie sich unwohl fühlen oder schlecht träumen, an was Schönes zu denken, worauf sie sich besonders freuen (zum Beispiel das anstehende Papa-Wochenende) und auch das hat gewirkt!
Anstatt sich in der Angst um den Traum zu verlieren, haben sie es geschafft, durch eben positives Denken Albträume ganz aus ihrem jungen Leben zu verbannen, denn seither träumen sie nicht mehr schlecht!
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#3
Steff

Steff

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das ist ja schön und gut. du hättest das wasser auch in jedes andere fläschchen füllen können. alleine durch das vertrauen deiner kinder in dich kommt es zum positivev denken. es ist allerdings auch nicht annähernd ein beweis, dass es wirkt. uri geller ist ein meister des positiven denkens. kann er löffel verbiegen? mit der hand sicher, aber mit dem geist.

am positiven denken ist grundsätzlich nichts schlechtes. es führt zum verderben, wenn durch die "lehre des positiven denkens" alles negative, was einem so im leben widerfährt, nichts mehr angeht bzw. wenn man zum glauben anfängt, diese alle nur durch die position aus der sicht des positiven, schon überwunden zu haben.

ähnlich ist die "wort des glaubens" lehre, die ihren schülern verspricht, alleine durch das aussprechen von worten allumfassende gültigkeit zu erlangen (autorität des glaubens -> 1Joh1V9?).

lg

steff
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#4
Hebräer83

Hebräer83

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Glaube ist ein Modewort. Man kann an vieles glauben oder auch nicht, weil man viele Dinge im Leben nicht in der Hand hat und deshalb Vertrauen haben muß. Meistens in andere Menschen. Daß Glaube Berge versetzt steht in der Bibel. Allerdings ist damit das Vertrauen auf Gottes Wirken und Gnade gemeint und nicht an die eigene Fähigkeit. Als Mensch sollte man natürlich wissen was man und was auch nicht.
Das Beispiel das du mit deiner Tochter nanntest kann man als Placebo-Effekt bezeichen. Deine Erzählung legt aber eher nahe, daß es - und das ist das kommt sogar bei Babys vor - "Fake-Crying" war, d.h., daß nicht wirklich etwas vorlag, außer der Wunsch nach Nähe und Aufmerksamkeit oder einem bestimmten Ritual, dessen Fehlen als "schmerzhaft" beschrieben wird, da Kinder bestimmte Wünsche nicht so ausdrücken wollen/können wie wir Erwachsenen (wir allerdings manchmal auch nicht).
Positives Denken kann einen positiven Effekt haben. An etwas schönes zu denken vor dem Einschlafen gehen ist denke ich auch nicht böse.
Allerdings neigt der Mensch dazu aus vielen Dingen Gesetze abzuleiten, metaphysische Zusammenhänge zu erdichten oder einen Aberglauben zu entwickeln. Insofern gibt es reichlich Leute, die aus dem Positiven Denken einen gesetzlich-mathematischen Glauben machen, bei dem sie sich dazu nötigen bloß nichts negatives (Kritik, Probleme etc.) anzusprechen, bzw. überzogene Hoffnungen bzgl. der Wirkung entwickeln. Mit Programmen wie NLP wird einem Versprochen sein Denken perfekt zu konditionieren und zum Supermenschen zu mutieren.
Bekommt man sowas als Allheilmittel bepredigt, bzw. am besten noch verkauft, dann ist das in der Tat Teufelszeug, weil Menschen davon massiv neurotisch werden können und ein Systemdenken entwickeln, das zwischenmenschliches Miteinander behindern kann.
Alles Gute
Florian
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#5
npro1

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Hm, jetzt fehlt es mir an einem allgemeinen freien Diskussionsthema, denn mit Euren Argumenten kann man ebensogut den gesamten Inhalt der Bibel anzweifeln...
Wer kann denn 100%ig sagen, dass das alles Gut ist, was drin steht?
Mal abgesehen davon, dass die Bibel von Menschen gemacht wurde und nicht von Gott oder Jesus!
  • 0

#6
1Joh1V9

1Joh1V9

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Die Schrift wird von der Christenheit seit jeher als von Gott eingegeben betrachtet. Jesus zitiert selbst das Alte Testament als Gottes Wort.

Der Apostel Paulus beschreibt das in seinem zweiten Brief an Timotheus so:

Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und was dir anvertraut ist, da du weißt, von wem du es gelernt hast, weil du von Kindheit an die heiligen Schriften kennst, welche dich weise machen können zum Heil durch den Glauben in Christus Jesus. Jede Schrift ist von Gottes Geist eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke ausgerüstet.


Als Christ stehe ich tatsächlich dazu, daß die Bibel in ihrer Gesamtheit gut und nützlich und von Gott eingegeben ist.

Aber was hat das mit "Positiv Denken" zu tun?
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#7
npro1

npro1

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Positives Denken wird als schlecht und gefährlich abgesehen.
Das verstehe ich bei der ganzen Sache nicht, was daran nicht in Ordnung sein soll.
Dem ersten Beitrag nach, wird durch positives Denken etwas falsches vermittelt.

Ich ziehe da den Vergleich zwischen dem positiven Denken und dem Glauben an die Bibel!

Laut Bibel wird einem doch quasi versprochen, in dem Himmel zu kommen, wenn man bibeltreu lebt - jedem, der das macht, "unterstelle" ich dass er in einem positiven Denken lebt!
Hier aber wird das positive Denken als schlecht dargestellt!
Das widerspricht sich in meinen Augen!
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#8
Steff

Steff

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liebe npro1!

ich habe meine meinung dazu abgegeben. wenn du aufmerksam gelesen hast, dann ist dir aufgefallen, dass ich nichts aus der perspektive der bibel dargelegt habe. wie auch immer. meine sicht zu diesem diskussionsthema ist nach wie vor frei und ich lese auch bei den anderen keine belehrungen oder irrationale argumentationen sondern stellungsnahmen zu deren sicht dazu.

nach der bibel musst du positiv handeln um in den himmel zu kommen - nicht positiv denken.

lg

steff
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#9
Hebräer83

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Wie ich schon andeutete gibt es da eine Skala die von "denk an was schönes vor dem Einschlafen" bis "ich kann mit meinen Geisteskräften reich, gesund etc. werden." Letzteres ist das Perverse. Dazu brauch man wie Steff schon schrieb auch keine Bibel um das festzustellen.
Der Mensch wird quasi auf das Niveau eines Pawlowschen Hundes gedrückt, klingelt das Glöckchen läuft schon der Speichel.
Ein normaler Mensch kann sich nicht so einfach konditionieren wie ein Hund. Entweder es funktioniert einfach nicht oder - wenn es mit Nachdruck versucht wird (wiederholendes lautes Proklamieren) - stellen sich Neurosen und Psychosen ein, manchmal geht der Realitätssinn komplett verloren.
Die Amis haben von den Nazis (SS glaub ich) Trainingsmethoden für Elitesoldaten übernommen um Menschen zu bedingungslosen Killern zu machen. Wo's funktioniert hat waren die Leute teilweise entmenschlichte Maschinen. Allerdings rebelliert da der menschliche Geist irgendwann, was zu massiven psychischen Problemen führt.
Zur Bibel und Diskussionsthema. Du kannst im Forum "Diskussionen" gerne einen Bereich eröffnen.
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#10
npro1

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liebe npro1!

ich habe meine meinung dazu abgegeben. wenn du aufmerksam gelesen hast, dann ist dir aufgefallen, dass ich nichts aus der perspektive der bibel dargelegt habe. wie auch immer. meine sicht zu diesem diskussionsthema ist nach wie vor frei und ich lese auch bei den anderen keine belehrungen oder irrationale argumentationen sondern stellungsnahmen zu deren sicht dazu.

nach der bibel musst du positiv handeln um in den himmel zu kommen - nicht positiv denken.

lg

steff

Na, ein kleiner Hinweis (wenn auch fragend) auf eine Bibelstelle war schon vorhanden. *zwinker*

Gehört aber zum positiven Handeln nicht auch das positive Denken? ;-)
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#11
Steff

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ich hab keine ahnung wo von mir da eine bibelstelle in zusammenhang zu bringen wäre. wenn du das mit der wort des glaubens lehre meinst, dann liegt das daran, das ich hier interesse habe, weil ich einen vormals lieben menschen in diese richtung verloren habe und hier von joh vielleicht was erfahren kann.

positives handeln hängt, nach meiner meinung, nicht unbedingt von positiven denken ab. es geht im obigen bericht aber auch nicht um das allgemeine positive denken, sondern um ein extrem dessen. denke daran dass du morgen im lotto gewinnen wirst und so wird es sein usw.

lg

steff
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#12
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Wie ich schon andeutete gibt es da eine Skala die von "denk an was schönes vor dem Einschlafen" bis "ich kann mit meinen Geisteskräften reich, gesund etc. werden." Letzteres ist das Perverse. Dazu brauch man wie Steff schon schrieb auch keine Bibel um das festzustellen.

Na ja, das gleich als pervers zu bezeichnen, finde ich etwas heftig ausgedrückt.

Der Mensch wird quasi auf das Niveau eines Pawlowschen Hundes gedrückt, klingelt das Glöckchen läuft schon der Speichel.
Ein normaler Mensch kann sich nicht so einfach konditionieren wie ein Hund. Entweder es funktioniert einfach nicht oder - wenn es mit Nachdruck versucht wird (wiederholendes lautes Proklamieren) - stellen sich Neurosen und Psychosen ein, manchmal geht der Realitätssinn komplett verloren.
Die Amis haben von den Nazis (SS glaub ich) Trainingsmethoden für Elitesoldaten übernommen um Menschen zu bedingungslosen Killern zu machen. Wo's funktioniert hat waren die Leute teilweise entmenschlichte Maschinen. Allerdings rebelliert da der menschliche Geist irgendwann, was zu massiven psychischen Problemen führt.

Sowas hat für mich aber in keinster Weise was mit positivem Denken zu tun!

Zur Bibel und Diskussionsthema. Du kannst im Forum "Diskussionen" gerne einen Bereich eröffnen.

Das mache ich zu gegebener Zeit gerne, danke! :-)
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#13
npro1

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ich hab keine ahnung wo von mir da eine bibelstelle in zusammenhang zu bringen wäre. wenn du das mit der wort des glaubens lehre meinst, dann liegt das daran, das ich hier interesse habe, weil ich einen vormals lieben menschen in diese richtung verloren habe und hier von joh vielleicht was erfahren kann.

Das war doch nicht böse gemeint! ;-)

positives handeln hängt, nach meiner meinung, nicht unbedingt von positiven denken ab.

Na, ich weiß nicht, ich denke schon, dass eines nicht ohne das Andere wirklich funktioniert.
Aber gut, lassen wir das so stehen! ;-)

es geht im obigen bericht aber auch nicht um das allgemeine positive denken, sondern um ein extrem dessen. denke daran dass du morgen im lotto gewinnen wirst und so wird es sein usw.

lg

steff

Das sehe ich etwas anders, weil ja auch Dinge aufgeführt sind, nach denen sich im Grunde doch jeder Mensch irgendwo sehnt, wie das Bedürfnis nach Halt und Geborgenheit zum Beispiel.
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