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Was bedeutet Gerechtigkeit biblisch?


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#1
Rolf

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Eintreten für Gerechtigkeit?





Über den Autor
Rainer Gross (Jahrgang 1962) hat Philosophie und Literaturwissenschaft studiert und den Bachelor of Theology an einer Bibelschule erworben. Zur Zeit ist er als Schriftsteller und Seminarleiter tätig.


Frage von MP:
"Sollen Christen im Alltag für Gerechtigkeit eintreten, und wenn ja wie Jesaja 1, 17?"


Deine Frage klingt ganz harmlos und einfach, hat es aber in sich!


Was bedeutet Gerechtigkeit biblisch?

Zunächst einige allgemeine Dinge zum Thema Gerechtigkeit:

Die Bibel ist voll von Aussagen über Gottes Gerechtigkeit und was Gott selbst darunter versteht, im AT wie im NT. Grundlegend ist allerdings, dass "Gerechtigkeit" ein Zustand ist, der im Reich Gottes, also auch im 1000jährigen Reich auf der Erde, herrschen wird. Deshalb hat der biblische Begriff von Gerechtigkeit, im AT wie im NT, weniger mit unserem Verständnis von Ausgewogenheit oder Eintreten für die Wahrheit zu tun, dafür mehr mit "Richtigkeit" oder "Geradheit".

Für die Menschen, die unter Gottes Herrschaft leben, bedeutet es, dass sie ausgerichtet sind auf Gott, im Denken, Fühlen und Handeln, und es im Alltag auch bleiben. Ihre Gerechtigkeit meint also ein Ausgerichtet sein auf Gott. Zudem wird in diesem Reich Gerechtigkeit herrschen, indem alle Dinge: die Natur, die politischen und sozialen Verhältnisse, die Wirtschaft, die Moral etc. Gottes Vorstellungen entsprechen werden. Gerechtigkeit meint also: Geradheit, Ausgerichtet sein, Richtigkeit von Dingen, aber auch von Menschen.

Gerechter Mensch im AT und NT

Im AT wurde ein Mensch, etwa Hiob, gerecht genannt, weil er sein ganzes Leben auf Gott und seine Gebote ausrichtete; ob er dabei sündigte, war weniger entscheidend, als vielmehr, ob er sich seiner Unzulänglichkeit bewusst war. Hier berührt die Gerechtigkeit den Glauben: Ein Gerechter wusste, dass nicht seine Taten ihn vor Gott gerecht machen, sondern sein Glaube an die Zusagen und Vergebung Gottes, die Gott schließlich im Messias vollenden würde (vgl. Prophet Habakuk 2,4 und Römer 1,17).

Der Mensch im NT wird gerecht genannt, wenn er an Jesus Christus glaubt, in dem die Vergebung Gottes endgültig ausgesprochen ist.Als Luther die Aussage, dass in Jesus Christus Gottes Gerechtigkeit offenbart werde, endlich richtig verstand, löste das die Reformation aus. In Jesus nämlich offenbart Gott die Gerechtigkeit, die er dem Glaubenden zuspricht, während Luther immer verstanden hatte: die Gerechtigkeit, die Gott eigen ist und die den Sünder folglich vernichten muss.

Wir Christen sind also gerecht, indem uns die Gerechtigkeit Jesu zugesprochen wird. Das ist sicher nichts Neues - auch, dass wir dieser Gerechtigkeit entsprechend leben sollen, d.h. so auf Gott ausgerichtet, als wären wir schon bei Ihm, als würden wir Ihn in unserem Alltag sehen können (vgl. Hebräer 11,27).

Dass wir das nicht immer tun, weil wir unseren alten Menschen nicht konsequent für tot halten, gehört zur normalen Erfahrung eines Christen (vgl. Römer 6,1ff; 7,18ff). Der Erinnerung an diese Tatsache tragen die ganzen Ermahnungen im Neuen Testament Rechnung; besonders Paulus hört nicht auf, uns Christen zu einem Lebenswandel zu ermahnen, welcher der Tatsache unserer Gerechtigkeit, die wir vor Gott durch Jesus haben, entspricht. Er nennt dabei Eigenschaften, aber auch konkrete Handlungsmöglichkeiten und einige Beispiele aus seiner Erfahrung. Deshalb bedeutet das ganze Leben, jeder neue Tag, eine Herausforderung in Sachen Gerechtigkeit, angefangen von der Weigerung, eine falsche Quittung auszustellen, bis hin zum Bekenntnis unseres Glaubens.


Eintreten für Gerechtigkeit

Du fragst, inwiefern wir für Gerechtigkeit "eintreten" sollen. Das betrifft dann wohl Dinge unserer Mitmenschen, in die wir nicht direkt verwickelt sind. Nun, dazu müssten wir natürlich jeweils immer sicher sein, was denn Gerechtigkeit in diesem Fall bedeuten mag und ob das, was wir uns darunter vorstellen, auch das ist, was Gott meint. Damit würde das Eintreten für Gerechtigkeit zu einer Frage der Erkenntnis der Wahrheit.

Nimm einmal das politische Engagement für den Frieden in den 80er Jahren oder die Sitzblockade des Castor-Transports - was heißt hier Gerechtigkeit? Muss ich Politik oder Kernphysik studiert haben, bevor ich beurteilen kann, was hier in Wahrheit Sache ist, und mich für oder gegen ein Engagement entscheide? Das wäre natürlich wenig praktikabel und auch keine Grundlage für eine moralische Entscheidung, die schließlich jeder treffen können sollte.

So sieht auch die Bibel in heiklen Fragen das Gewissensprinzip für besonders wichtig an: Jeder soll nach bestem Wissen und Gewissen und seinem persönlichen Glauben entsprechend handeln. Wer unsicher ist und nichts tun will, das Gott missfällt, soll denjenigen nicht verachten, der sich viel Freiheit nimmt und wagemutige Entscheidungen trifft, und umgekehrt (vgl. Römer 13,4 und 1. Korintherbrief 8).

Eine weitere Basis für gerechtes Engagement sind natürlich die zehn Gebote, die eine herausragende Orientierung bieten, was den Willen Gottes betrifft. Gegenüber staatlichen Einrichtungen und Kräften gilt einmal die Unterwerfung unter deren Gewalt nach Römer 13,1-7, andererseits der Vorrang des persönlichen Gewissens nach Apostelgeschichte 5,29. Das AT kennt viele Beispiele für gerechtes Engagement im sozialen und politischen Bereich, da es ja von dem Staat Israel handelt und von den Gesetzen, die seinen Bestand regeln sollen. Hierhin gehört auch die von dir genannte Bibelstelle aus dem Buch Jesaja. Also: Armen zu helfen, die Sache der Unterdrückten und Benachteiligten zu verfechten, für Wahrheit - gegen Lüge und Ehrlichkeit, gegen Korruption einzutreten usw. ist nicht falsch. Du kannst gerade die Prophetenbücher nach weiteren Hinweisen absuchen, was Gott an Ungerechtigkeit der Menschen zu beklagen hat.

Umgang mit Bibelstellen zur Gerechtigkeit

Für uns Christen stellen sich allerdings zwei Fragen:

(a) Sind diese Stellen für uns verbindlich?
(b) Sind sie mechanisch anwendbar?

Das AT hat für uns Vorbild- und Beispielcharakter, wie Paulus deutlich macht (1.Korinther 10,6). Wir können daran anschaulich erkennen, wie Gott gehandelt hat in der Geschichte und was Ihm wichtig ist für uns. In Jesus Christus hingegen hat Gott sein Wesen und seine Gerechtigkeit in vollkommener Weise geoffenbart, so dass wir uns nach dem Motto "What would Jesus do?" an den Evangelien orientieren können.

Nein. Meiner Ansicht nach sind alle diese Stellen und auch Jesu Verhalten nicht mechanisch kopierbar und übertragbar auf uns. Schließlich haben wir nicht den Auftrag, uns für die Menschheit kreuzigen zu lassen, noch sind wir Israeliten im Nahen Osten vorchristlicher Zeit! Die konkreten Umstände, die jeweilige Persönlichkeit des Christen und nicht zuletzt die Möglichkeit der direkten Führung durch den Heiligen Geist sind zu berücksichtigen.


Fazit

Was also für den einen in einer bestimmten Situation richtig ist, kann für einen anderen in derselben Lage falsch sein. Für den einen kann es richtig sein, auf die Straße zu gehen und gegen die Apartheid zu demonstrieren, für einen anderen aber falsch, aus welchen Gründen auch immer. Das ändert nichts an der Tatsache, dass die Apartheid "ungerecht" ist und sie die Gleichheit der Menschen vor Gott verachtet. Wem das alles zu kompliziert ist, dem bleibt ein sicherer und vielleicht noch wirkungsvollerer Weg des Engagements: das Gebet.


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