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Ist das Neue Testament glaubwürdig?


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Rolf

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Das Neue Testament - historisch unglaubwürdig?





Über den Autor
Olivier Descloux (Jahrgang 1976) stammt aus Zürich in der Schweiz und studiert seit Oktober 2003 an der Freien Theologischen Akademie in Giessen. Obwohl er sich in Deutschland sehr wohl fühlt, kehrt er immer wieder gerne in die Heimat zurück. Wenn er neben dem Studium Zeit findet, liest er gerne und ist guter Musik gegenüber auch nicht abgeneigt.


Frage von JH:
"Wie ist das mit der Tötung der Kinder in Bethlehem durch Herodes - aqngeblich ist längst geklärt, dass es diese Geschichte nicht gegeben hat. Und wie ist es mit dem Befehl zu Volkszählung, die Josef und Maria zwang, nach Bethlehem zu reisen? Kann denn das Neue Testament wirklich mit zwei Unwahrheiten beginnen? Ich bin sehr verunsichert..."


Am Anfang waren die Fakten

Im apostolischen Glaubensbekenntnis steht u. a. Folgendes: "…geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus…"

Der Grund, daß der Name "Pilatus" erwähnt wird, liegt im Bestreben der ersten Christen, herauszustreichen, daß die Person, an die sie glauben – nämlich Jesus Christus – tatsächlich als Persönlichkeit in der Geschichte existiert hat. Sie wollten nicht als Schwärmer gelten, die von einer mythischen Gestalt reden, die es nie gegeben hat.

Daraus lernen wir eines: Der christliche Glaube ist ein faktischer Glaube, weil er auf historischen Begebenheiten wie Kreuzigung und Auferstehung beruht.

Nun besteht folgendes Problem: Wenn die beiden Begebenheiten – Kindesmord in Bethlehem und Befehl zur Volkszählung – nicht wahr sein sollten, warum sollten dann die Berichte der Kreuzigung und Auferstehung – die ja von denselben Autoren verfaßt wurden – der Wahrheit entsprechen?

Es geht um die Glaubwürdigkeit der historischen Aufzeichnungen der verschiedenen Evangelisten; wenn diese nicht mehr gegeben ist, wie soll man dann den christlichen Glauben rechtfertigen können?

Wenn wir uns jetzt also ein bißchen mit Geschichtsforschung beschäftigen, müssen wir verstehen, dass Geschichtsforschung keine exakte Naturwissenschaft ist wie Physik oder Chemie. Wir können kein Experiment durchführen um zu beweisen, dass etwas in der Vergangenheit tatsächlich stattgefunden hat. Viel mehr geht es um Wahrscheinlichkeiten: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis stattgefunden hat oder nicht?

Man wird also nicht beweisen (oder widerlegen) können, dass der Kindesmord und die Volkszählung stattgefunden haben. Geschichtsforschung kann lediglich aufzeigen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einzuschätzen ist.



Der Kindesmord in Bethlehem

Die fragliche Passage finden wir in Matthäus 2,13-23. Matthäus schreibt, daß der König Herodes sich von der Geburt eines angeblichen neuen jüdischen Königs bedroht fühlt und deshalb alle Kinder unter zwei Jahren in Bethlehem umbringen läßt. Josef kann mit Maria und dem Kind nach Ägypten entkommen.

Wenn jetzt nun behauptet wird, daß diese Begebenheit nie stattgefunden hat, dann aus der Tatsache heraus, daß kein unabhängiger Beweis existiert, der das belegen könnte. Weder der jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavius noch andere Historiker oder archäologische Funde können das belegen. Wie kann das sein? Warum schreibt Matthäus etwas über eine grauenvolle Tat, die vielleicht gar nicht stattgefunden hat?

In unserer Zeit würde ein Ereignis wie der Kindermord durch die Medien sofort auf der ganzen Welt bekannt werden. Dennoch muss man sich für das ins 1. Jahrhundert zurückversetzen und sich folgendes vor Augen führen:

Bethlehem hatte zum fraglichen Zeitpunkt etwa 500 Einwohner. Wie viele von diesen 500 werden nun unter zwei Jahre alt gewesen sein?

Herodes der Grosse war ein König, der die Mitglieder seiner eigenen Familie umbringen ließ, wenn er sich von ihnen bedroht fühlte. Ein paar Babys in Bethlehem umzubringen, hat vermutlich nicht für viel Aufheben gesorgt. Töten war für Herodes an der Tagesordnung.

Zu dieser Zeit gab es keine Medien. Es gab keine Berichterstattung aus einem kleinen Bauerndorf, das völlig im Abseits lag.

Diese Punkte widersprechen vielleicht unserem Verständnis von Information und Geschichtsschreibung. Aber nur weil Aufzeichnungen über eine Begebenheit fehlen, ist es wissenschaftlich nicht zwingend, dass diese nie stattgefunden hat.

Natürlich fällt auf, daß Matthäus die fragliche Passage mit drei Prophezeiungen aus dem Alten Testament unterlegt. Es ging ihm nämlich darum zu zeigen, daß der Knabe, der da in Bethlehem geboren ist, der ist, von dem die Propheten geschrieben haben.

Aber ist das ein Grund, Matthäus als historisch unglaubwürdig zu bezeichnen? Ich denke nicht - zumal er an vielen Stellen in seinem Evangelium auf sorgfältige Nachforschungen Wert legte.


Die Volkszählung

Lukas, der Arzt und Historiker, berichtet in seinem Evangelium, daß die Volkszählung, die Maria und Josef nach Bethlehem brachte, durchgeführt wurde, als Quirinius Statthalter in Syrien war (Lukas 2,2). Ausserdem berichtet er in seinem Evangelium, daß zu dieser Zeit Herodes der Große König von Judäa war (Lukas 1,5).

Nun besteht folgendes Problem: Herodes der Grosse starb im Jahre 4 unserer Zeitrechnung, Quirinius jedoch übernahm erst im Jahre 6 das Amt als Statthalter von Syrien. Wie ist es also möglich, daß Quirinius unter Herodes Statthalter ist, wenn Herodes doch schon gestorben ist?

Hier kommen archäologische Ausgrabungen ins Spiel: Ein Archäologe namens Jerry Vardaman hat in dieser Gegend eine Münze gefunden, die einen gewissen Quirinius als Prokonsul von Syrien und Kilikien von 11 v. Chr. bis in die Zeit nach Herodes Tod ausweist. Das bedeutet, daß es offensichtlich zwei Personen mit dem Namen Quirinius gegeben haben muss. Die Volkszählung könnte also in einer der beiden entsprechenden Amtszeiten stattgefunden haben. Es war zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches, dass viele Römer denselben Namen trugen. Wenn man davon ausgeht, daß Volkszählungen ca. alle 14 Jahre stattgefunden haben, dann ist der Zeitpunkt unserer fraglichen Volkszählung gut möglich.

Ein anderer Archäologe, Sir William Ramsay, war der Meinung, dass der Quirinius von dem wir sprechen, nur einmal vorkam, er jedoch zu zwei verschiedenen Amtsperioden regiert hatte. Auch das könnte den Zeitpunkt der früheren Volkszählung auch erklären. Und es gibt noch eine dritte Erklärungsmöglichkeit: Es gibt Wissenschaftler, die die Passage aus Lukas 2,2 so übersetzen: „Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, bevor Quirinius Statthalter in Syrien war.“

Man kann sehen, daß sich das ganze Problem nicht vollständig erklären läßt, aber man kann davon ausgehen, daß es Volkszählungen in dieser Zeit gegeben hat (das auszuführen, würde den Rahmen sprengen) und dass es keine zwingenden Gründe gibt, warum die Aufzeichnungen von Lukas falsch sein müssen.

Fazit

Der Kindermord in Bethlehem und die Volkszählung vor der Geburt von Jesus sind nur zwei umstrittene Angaben im Neuen Testament, für die es aber durchaus nachvollziehbare historische Erklärungen gibt.

Eines ist klar: Die Glaubwürdigkeit der Bibel wird immer wieder angezweifelt werden. Dies kann aus einem ehrlichen Einwand heraus geschehen - aber auch aufgrund einer versteckten Motivation, sich nicht näher mit der christlichen Botschaft in einem "so offensichtlich unglaubwürdigen Buch" auseinandersetzen zu müssen.

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