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»Kann denn Liebe Sünde sein?«


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Rolf

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»Kann denn Liebe Sünde sein?«



Evangelischer Kirchentag, Samstag, 09.06.2007, 15.00 Uhr

Von Dorothea Neu

12.06.2007

Es ist brechend voll, die Teilnehmer sitzen auf dem Boden und auf der Treppe, die zweistündige Veranstaltung wird dank kurzfristig eingerichteter Technik sogar nach draußen übertragen. Das Publikum ist sehr gut durchmischt, von Jugendlichen bis hin zur älteren Generation ist alles vertreten. Ich sitze im Haus der Ev.- Kirche, Thema der Veranstaltung: „Kann denn Liebe Sünde sein?“. Das mobilisiert.

„Ja, Liebe kann Sünde sein!“

Das Eröffnungsplädoyer hält Prof. Dr. Harald Schroeter-Wittke, Theologe und Mitglied des Kirchentagpräsidiums. Er betont: „Ja, Liebe kann Sünde sein.“ Allgemein sei aber keine Form von Sexualität an sich sündiger als eine andere. Sofern sie in freier Partnerschaft gestaltet werden, seien „alle Formen von Sexualität Gottes sehr gute Schöpfung.“ Der Mensch könne allerdings auf zweifache Weise mit Sexualität schuldig werden. Zum einen dann, „wenn ihre Gestaltung nicht partnerschaftlich ausgehandelt wurde“, zum anderen, „wenn der Mensch von der Sexualität dauerhaft den Himmel auf Erden erwarte“.

Des Weiteren gebe es verschiedenste Sprachen und Wege, Sexualität zu leben. Die einen „streicheln sich zärtlich zum Höhepunkt“, die anderen „f... sich das Hirn aus dem Schädel“. Keine dieser Sprachen jedoch seien für das, was Menschen als Liebe leben, besser oder schlechter geeignet als andere. Die Kirche müsse lernen, mit allen Sprachen der Liebe umzugehen! (Das Publikum ist begeistert!)

Zusammengefasst sagt er: Alles geht, solange der Partner zustimmt.

Meine Begeisterung hält sich in Grenzen.

Daraufhin kommt Sigrid Vollstedt auf die Bühne, Sexualpädagogin und Beraterin, schon länger im Dienst der evangelischen Kirche. Am schmalen Grad zwischen Lächerlichkeit und Unterhaltung navigiert sie ihr Statement mit reichhaltigen Beispielen ihres Arbeitsalltags und resümiert schließlich, man müsse der Realität ins Auge sehen und könne leider nicht davon ausgehen, dass „Sex mit Liebe gekoppelt ist (das wäre natürlich das Sahnehäubchen)“. Sie arbeite eher daran, dass Sex in einer verantwortungsvollen Art und Weise geschehe.

Es folgt Dr. Eveline von Arx, Leiterin des Dr.-Sommer-Teams der Bravo. Sie betont, wie wenig sich in den vielen Jahren, seit es die Sexualberatung der Bravo schon gebe, verändert habe. Die Jugendlichen hätten heutzutage fast noch dieselben Fragen und Sorgen wie vor 50 Jahren und wollen, dass man sie ernst nehme und sich mit ihren Nöten auseinandersetze.

Wir als Christen müssen in die Bibel schauen

Als vierter und letzter Podiumsgast betritt Prof. Dr. Michael Rohde, Theologe und einziger Freikirchler der Runde, die Bühne. Für ihn ist „Sex mehr als Geschlechtsverkehr“, letzterer sei eher die Krone. Kurz darauf kommt sie, die Frage, auf die ich schon länger gewartet habe: Was macht jemand, der schwul ist? Rohde redet zuerst ein wenig um den heißen Brei herum, sagt aber auch klar: „Wir als Christen müssen in die Bibel schauen, was sagt die Bibel“. Das ist das erste Mal, dass die Bibel überhaupt erwähnt wird. Ich bin gespannt.

Rohde weicht etwas aus, berichtet vom Stand der Naturwissenschaft, die noch nicht mit Sicherheit sagen könne, ob Homosexualität in den Genen liege oder nicht. Von daher gehe er davon aus, dass der Mensch mit seinem Willen über sein Handeln entscheiden könne. (Hier unterbricht verärgertes Gemurmel des Publikums seine Ausführungen.) Vorsichtig, aber gradlinig endet er mit einem persönlichen Statement: „Ich glaube, es gibt eine Hauptraße und eine Nebenstraße. Wir können die Bibel nicht umdichten.“ (verhaltener Applaus seitens des Publikums)

Eine Meinung, die Schroeter-Wittke in der darauf folgenden Diskussion gerne aufgreift. Von Haupt- und Nebenstraßen will er nichts wissen. Es gebe keine Mainstreamform von Liebe. (Diesmal tosender Applaus des Publikums). Zudem könne man die Bibel auch anders interpretieren. (Wiederum tosender Applaus).

Diskussion auf provokativen Abwegen:
„Bekommt man Zwillinge durch Doppelsex?“

War die Diskussion bis hierhin noch dem Diktat des Anstands unterworfen, gleitet sie spätestens bei den provokativen Publikumsfragen ab, die vorab auf Zetteln gesammelt und ausgewertet wurden.
„Wie verführt man einen Mann?“ - „Bekommt man Zwillinge durch Doppelsex?“ oder „Ist es eine Sünde, während des Gottesdienstes an Sex zu denken – mit dem Pastor?“ wird die Expertenrunde gefragt.

Das Publikum setzt sich dem Verdacht aus, die Veranstaltung ins Lächerliche ziehen zu wollen. Zu dem Eindruck trägt die Moderation des Diskussionsleiters nur bei. Statt die Fragen sachlich zu stellen, trägt er sie mit einer deutlich hervortretenden persönlichen Wertung und in einer sarkastischen und polarisierenden Weise vor (was übrigens nicht nur mich stört, wie mir aufgebrachte Zuhörer nach Ende der Veranstaltung bestätigen.)

Ein Beispiel: Frage eines Zuhörers: „Ist es schlimm, wenn man [beim Sex] laut stöhnt?“ (Der Moderator richtet diese Frage mit einem provozierenden Unterton direkt an Michael Rohde.)
Dieser kontert mit „Ansichtssache.“ Anstatt es nun dabei beruhen zu lassen, bohrt der Moderator mehrmals nach: „Und, wie ist es bei Ihnen persönlich?“, solange bis der Diskussionsleiter ihm zu verstehen gibt, dass Herr Rohde diese Frage natürlich nicht beantworten müsse.

Vermutlich hätte die Antwort auch nicht zur Klärung der Ausgangsfrage beigetragen.

Wo liegen die Grenzen der Kirchen?

Natürlich gibt es auch einige ‚seriöse’ Fragen, so beispielsweise nach den Häufigkeit der glaubensorientierten Fragen an die Bravo (kommen eher selten vor) oder die Frage, wo die Kirche denn nun Grenzen setze (für Schroeter-Wittke ist dies eine Frage des partnerschaftlichen Aushandelns, eine klare Grenze sehe er jedoch bei Sex mit Kindern).

Auch die Frage, ob ein One-Night-Stand denn nun Sünde sei, lässt nicht lange auf sich warten. Schroeter-Wittke erklärt darauf, dies sei „nicht sein Sündenbegriff“ , so was komme vor und man könne auch einen One-Night-Stand verantwortungsvoll gestalten.

Michael Rohe hingegen argumentiert mit der Bibel, die einen Rahmen für Sexualität vorgebe. „Ein One-Night-Stand hat diesen Rahmen nicht“!

Sein Publikum reagiert angespannt – wo das denn in der Bibel bitte stehen würde. Man spürt, wie der Adrenalinpegel steigt.

Rohde: Sexualität nicht der Bravo überlassen

Rohde scheint mit seinen Ansichten, die er mittlerweile leider auch immer vorsichtiger formuliert, recht alleine dazustehen im Mainstream der Meinungen. In den Abschlussstatements der Vortragenden weiß Herr Rohde dennoch am meisten zu beeindrucken. Er würde sich wünschen, dass „die Kirche in Konkurrenz zur Bravo“ tritt, das Feld solle nicht der Bravo überlassen werden. Jugendliche sollten sich mit ihren Fragen bezüglich Sexualität auch an die Kirche wenden können, an Pfarrer, Diakone, Jugendleiter.

Für mich ist das die beste Forderung der vergangenen zwei Stunden.

Erdrückender Populismus

Insgesamt hat mich die Veranstaltung eher enttäuscht. Was anfangs noch mit einigen guten Gedanken und Denkanstößen begann, wurde im Laufe der späteren Diskussion immer mehr zu einer teils belustigenden, teils skurrilen Veranstaltung, bei der nicht einmal mehr eine persönliche Meinung geäußert werden konnte, ohne dass das Publikum mit Verärgerung reagierte.

Es war meine letzte Veranstaltung des evangelischen Kirchentages. Und auch hier habe ich leider nicht besonders viel von dem im Vorfeld so viel gerühmten „lebendig und kräftig und schärfer“ gespürt. Gewiss, die Diskussion war bestimmt lebendig, stellenweise auch gar zu scharf und es wurde, wie der Diskussionsleiter am Ende betonte, „von Lebenspraktischen und grundsätzlichen Fragen keine ausgelassen“.

Mit scharfen und klaren Antworten wurde dennoch zu sehr gegeizt.

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