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Wer Gemeinde bilden will, braucht Bildung


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Rolf

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Prof. Dr. Hartmut Rupp, RPI





Wer Gemeinde bilden will, braucht Bildung





Bildung und Gemeindeentwicklung



Vortrag Pfarrkonvent Wertheim 15.03.2007


1. Ohne Bildung gibt es keine evangelische Gemeinde.

Am Anfang soll eine historische Erinnerung stehen. Für Luther war eine evangelische
Gemeinde nicht denkbar ohne Bildung. Drei Gründe hat er dazu ausgeführt:
(1) Die Ausübung des Predigtamtes hat eine intensive sprachliche und theologische
Bildung zur Voraussetzung. Es bedarf dafür theologischer Kompetenz.
(2) Da es auf den persönlichen Glauben des Einzelnen ankommt und dieser nicht
durch den Glauben der Kirche ersetzt werden kann, ist die Kenntnis der Heiligen
Schrift für einen evangelischen Christen unverzichtbar. Ohne Verständnis der
Bibel und ohne theologische Grundkenntnisse (sola fide, sola scriptura, solus
Christus, sola gratia) kann man letztlich nicht glauben und infolgedessen auch kein
„lebendiger Stein“ im Leib Christi werden. Dazu muss man aber lesen und die
Bibel verstehen können. Es bedarf einer religiösen Lesefähigkeit und eines
grundlegenden Glaubenswissens.
(3) Es gehört zu den Aufgaben, aber auch den Rechten der Gemeinde, Lehre, (das
heißt also Verkündigung) zu beurteilen. Es bedarf dazu also einer religiösen
Urteilsfähigkeit.
Eine Folge dieser Einsichten war die Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache
sowie ihre Verbreitung, eine zweite das Eintreten für das allgemeine Schulwesen. Eine
dritte Folge war die Entwicklung des Katechismusunterrichtes und damit einer differenzierten
Glaubensunterweisung. Auch der Gottesdienst und die Predigt sollten dazu Beiträge
liefern, vor allem aber das christliche Elternhaus.
Luther sah aber die Bildungsarbeit nicht bloß als nach Innen gerichtet an. Die Bildungsarbeit,
wie er sie vor Augen hatte, diente auch dem Gemeinwesen. Für das weltliche
Regiment in Staat, in Beruf und Familie braucht Gott gebildete Menschen, die weise und
wertegebunden handeln. Auch deshalb tritt Luther für die allgemeine Schulpflicht ein
(Mädchen am Tag eine Stunde, Buben täglich zwei Stunden). Darüber hinaus insistierte
er auf moralische Erziehung. Sie sollte einer inneren Verwahrlosung wehren. Christlicher
Gemeinde kann es nicht gleichgültig sein, wie es im Reich der Welt zugeht.


2. Der Zusammenhang von Bildung und Taufe

Durch die Taufe wird ein Mensch in die Geschichte Jesu Christi, in seinen Tod und in
seine Auferstehung hineingenommen und zugleich Glied am Leibe Jesu Christi. Ihm wird
die Bestimmung zum Sohn oder Tochter Gottes zugesprochen und aufgerufen, immer
wieder in die Taufgnade hineinzukriechen, um sich von dort her formen, ja bilden zu lassen.
Von hieraus erweist sich Bildung als ein lebenslanger Prozess, in dem Menschen
sich immer wieder neu dem Dreieinigen Gott zuwenden, sich von dort her bestimmen
lassen und im Vertrauen auf diesen Gott ihr Verständnis von sich selbst und der Welt
entwickeln. Von Seiten der Gemeinde ergibt sich daraus die Aufgabe, den Täufling auf
seinem Lebensweg zu begleiten, ihm die Gnade Gottes vor Augen zu stellen und ihn zu
ermutigen, auf Gottes Wort zu vertrauen. Indem Gemeinde so ihrer Taufverantwortung
nachkommt, ist sie ganz bei dem, was sie ausmacht und konstituiert: Die Verkündigung
des Evangeliums und das Darreichen der Sakramente. Gerade jedoch indem sie dieses
tut, trägt sie zur Bildung bei. Verkündigung recht verstanden zielt also auf eine recht verstandene Bildung.

Ich schließe hier an Überlegungen von Wilfried Härle an und grenze mich ganz bewusst
von einer Tauftheologie ab, die die Taufe als ergänzungsbedürftig versteht und diese
Ergänzung in einer bewussten Entscheidung für Jesus Christus sieht. Zwar teile ich die
Sicht, dass es einer Hinwendung zur Taufgnade bedarf, doch diese muss jeden Tag neu
(so Luther) bzw. in jeder Lebensphase neu gefunden werden. Die Taufe selbst wird als
durchaus wirksam verstanden.

3. Der Gegensatz von Bildung und Gemeindeentwicklung

Wird so Gemeindeentwicklung und Bildung in einen Zusammenhang gebracht, so stellt
sich doch die Frage, ob die beiden Anliegen nicht doch in einem Gegensatz stehen.
Diese Entgegensetzung ergibt sich, wenn man Gemeindeentwicklung oder Gemeindeaufbau
als primär auf Sozialisation und Integration in eine Gemeinschaft und Bildung als
Individuation und Gewinn von Autonomie versteht. In der Gemeindearbeit (und auch
Gemeindepädagogik) ginge es dann vor allem um Beheimatung, während es z. B. in der
Erwachsenenbildung um die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit geht. Dieser Gegensatz
verschärft sich sogar noch, wenn der Begriff des Missionarischen eingeführt wird.
Dann ginge es auf der einen Seite um die Bekehrung des Einzelnen und die Entscheidung
für eine verbindliche Teilhabe in der Gemeinde, auf der anderen Seite ginge es um
die Entwicklung der Persönlichkeit.
Etwas weniger dramatisch, aber nicht weniger deutlich, stellt sich diese Frage beim Konfirmandenunterricht:
Zielt er darauf, aktive Gemeindeglieder zu gewinnen oder geht es
ihm darum, dass jeder Einzelne sein Verhältnis zum christlichen Glauben klärt? Geht es
also um Gemeindebildung oder um Selbstbildung?
Ich habe den Eindruck, dass es diesen Gegensatz durchaus gibt. Die Frage ist jedoch, ob
das so sein muss. Der Gegensatz verringert sich meines Erachtens, wenn eingeräumt
wird, dass die Teilhabe an christlicher Gemeinde in persönlicher Freiheit gründet und umgekehrt
recht verstandene Freiheit immer auf Gemeinschaft angewiesen ist.
Das hat nach meiner Auffassung ganz praktische Konsequenzen. Erwachsenenbildung
z. B. enthält immer auch die Zumutung, biblische Texte, das Angebot von Spiritualität und
einer Gemeinschaft auf Zeit. Allerdings – das müssen wir sehen – gibt es unterschiedliche
Formen evangelischer Spiritualität. Die parochiale Frömmigkeit ist nur eine davon. Konfirmandenunterricht
aber auch Bibelwochen, also ein Beispiel von Gemeindearbeit, setzen
sich auch der Pluralität von Anschauungen und unterschiedlichen religiösen Optionen
aus.
Bei all dem gewinnt die Mission eine neue veränderte Bedeutung. Mission zeigt sich in
der behutsamen, werbenden und begeisterten Rede vom Glauben (EKD-Synode 1999 in
Leipzig) also nicht in der Bekehrung anderer (statt output input!). Evangelische Bildungsarbeit
zielt auf Freiheit und Gemeinschaft und bringt Glauben lebendig zur Sprache.

4. Was ist eigentlich Gemeindeentwicklung?

Mit der Verwendung des Begriffs der Gemeindeentwicklung ist eine Entscheidung verbunden.
Es geht nicht um „Gemeindeaufbau“, wenn dabei eine Gemeindebildung verstanden
wird, die durch missionarische Anliegen getragen ist und auf eine verbindliche
Gemeinschaft zielt.
Ich grenze mich nicht dagegen ab, weil ich dagegen bin. Wer so Gemeinde entwickeln will
und dafür die Gemeinde und den Ältestenkreis hat, soll das getrost tun. Was mich daran
jedoch stört, ist die eindimensionale Beschreibung von Gemeinde. Es gibt nach meiner
Überzeugung verschiedene Gemeindeformen. Das andere ist, dass dabei die so genannten
„treuen Kirchenfernen“, also diejenigen Gemeindeglieder, die getauft sind, an
Kasualien regelmäßig teilnehmen (und dazu zählt auch das Weihnachtsfest), Kirchensteuer
zahlen, sich als Christen verstehen, in ihrer Erziehung auf christliche Tradition Wert
legen, ihre Kinder taufen lassen, aber auf gar keinen Fall eine verbindliche Gemeinschaft
wollen, ausgegrenzt werden. Im missionarischen Gemeindeaufbau von Michael Herbst
werden sie als Verlorene gesehen, denen die Sehnsucht Gottes gilt.
Gemeindeentwicklung ist für mich der weitere und der offenere Begriff. Ich verstehe darunter
die bedachte, systematische Weiterentwicklung der parochialen Gemeinde angesichts
gesellschaftlicher Veränderungen und neuer Herausforderungen. Zwei Worte sind
für mich dabei wichtig: „systematisch“ und „Veränderung“.
Ich meine, dass Gemeindeentwicklung ein kybernetischer Prozess ist, der von Methoden
der Organisationsentwicklung lernen kann und damit auch von Modellen des missionarischen
Gemeindeaufbaus wie Willow Creek oder Michael Herbst. Das ist nichts Neues, ich
weiß. Zielvereinbarungen gehören heute zu Visitationen dazu. Aber ich kenne Gemeinden,
die keine Ziele haben, noch nicht einmal die Steigerung der Taufen. Immerhin
erklären 100 % der evangelischen Eltern, ihre Kinder taufen zu lassen, aber nur 80 % tun
es. Darüber hinaus halte ich eine gabenorientierte Mitarbeit für einen erfolgversprechenden
Weg.

Ich meine sodann, dass Parochien heute nicht mehr das ganze Leben von Menschen
abdecken können. Parochien sind spezifische Sozialräume. Parochiale Gemeindearbeit
hat es einmal mit den Lebensthemen Wohnen, Freizeit, Erziehen, Krankheit und Alter zu
tun. Themen wie Arbeit und Politik, aber auch Kultur wie Kino, Theater, Ausstellung
(enger Kulturbegriff) werden hier in der Regel nicht bearbeitet. Aus den in der Parochie
wohnenden Lebensthemen ergeben sich Aufgaben und Schwerpunkte einer systematischen
gemeindlichen Arbeit. Dazu gehört auf jeden Fall die Begleitung der Elementarsozialisation.
Dazu gehört aber auch – und das ist der zweite große Ansatzpunkt der
Parochie – die Begleitung der Menschen auf ihrem Lebensweg. Lebenswenden wie Geburt,
Einschulung, Hochzeit und Beerdigung werden hier begangen. Wenn man genau
hinschaut werden weitere Lebenswenden begangen bei: Eintritt in den Kindergarten,
18. Geburtstag, Ruhestand, wahrscheinlich auch die runden Geburtstage. Das hat m. E.
nicht nur rituell-feiernde Dimensionen, sondern auch bildende Dimensionen, denn es geht
darum die neuen Lebensphasen und ihre Entwicklungsaufgaben zu verstehen. Vielleicht
gehört da auch dazu in einem fortgeschrittenen Lebensalter wieder Zugang zu Gott zu
finden.

Nebenbei: Zu den Veränderungen gehört auch die demographische Entwicklung. Beerdigungen
werden sich verdoppeln!
Gemeindeentwicklung wird auch zu bedenken haben, welche Milieus in der Parochie
leben und von ihr angesprochen werden. Wie steht es eigentlich mit den jungen Ingenieuren,
die soziologisch gesprochen zu dem hochkulturell, jugendkulturellen Milieu gezählt
werden können und mit Kino, Computer, Sport, Rock und Pop zu beschreiben sind? Sie
sind nach der IV: Mitgliedschaftsstudie überwiegend „etwas kirchlich und etwas religiös“.
Man will anständig sein und im Übrigen auf das achten, was einem etwas nützt. Das bestimmt
auch das ehrenamtliche Engagement.
Neben diesem eher technisch-formalisierten Verständnis der Gemeindeentwicklung
möchte ich jedoch noch ein theologisch-inhaltliches setzen. Mir leuchtet Christian Möllers
Konzept ein, Gemeinde und Gemeindeentwicklung von Gottes Dienst her zu sehen. Ich
verstehe das so: Ausgangs- und Bezugspunkt der Gemeindeentwicklung ist Gottes Handeln
an uns – in seinem rettenden und segnenden Handeln. Wenn der Herr nicht seine
Gemeinde baut, so ist all unser Tun umsonst. Nach CA VII begegnet uns Gott vornehmProf.lich in Wort und Sakrament. Gott lässt uns die Welt, das Leben und uns selbst anders
sehen (Predigt), Gott begegnet uns auf unserem Lebensweg, zeigt uns Wege, die wir
gehen können, verheißt uns erfülltes Leben und lässt uns erfahren, dass wir seine geliebten
Söhne und Töchter sind (Taufe). Gott bietet uns seine Gemeinschaft an, hält uns
die Treue, vergibt Schuld, lässt uns in dem bedürftigen Nächsten sein Ebenbild sehen, mit
dem wir teilen sollen, und nimmt uns für Versöhnung in Anspruch (Abendmahl).

Unser Gottesdienst gibt diesem Handeln symbolischen Ausdruck und rechnet aber auch
darin selbst mit der Begegnung Gottes. Gemeindeentwicklung bestünde meines Erachtens
dann darin, allen Menschen den Dienst Gottes an uns weiterzusagen, mit ihnen
Gottes Handeln im eigenen Leben und in der Welt zu entdecken und Mut zu machen,
dementsprechend zu leben. Wir bekämen so die Chance, in die Gnade Gottes hineinzukriechen
und sich von ihr bilden zu lassen. Das Leben würde so zur Antwort auf Gottes
Dienst an uns.

5. Gemeindebezogene Bildungsarbeit

Es gibt evangelische Bildungsarbeit in der Gemeinde für die Welt (so im Kindergarten),
evangelische Bildungsarbeit in der Welt und für die Welt (Religionsunterricht) sowie Bildungsarbeit
in der Gemeinde für die Gemeinde. Evangelische Bildungsarbeit hat also
verschiedene Orte und demgemäss auch verschiedene Ziele und didaktische Konzepte.
Zunächst möchte ich mir letztere ansehen. Was dient der parochialen Gemeinschaft?
Was macht sie lebendiger und zukunftsfähiger?
Dabei gehe ich davon aus, dass unsere Gemeinde unterschiedliche Beteiligungsformen
kennt und neben den Kirchennahen auch die treuen Kirchenfernen gehören, die jedoch in
sich durchaus uneinheitlich sind. Die EKD-Mitgliedschaftsstudie unterscheidet zwischen
kirchennah und etwas religiös (10 %), etwas kirchlich und etwas religiös (42 %), religiös
und kirchenfern (13 %). Es sollen jedoch auch die Kirchenfernen nicht ausgeschlossen
werden.

Ich sehe fünf wichtige Aufgaben, die heute dringlich sind:

(1) Familie
Wenn es uns nicht gelingt, Väter und Mütter, aber auch Großeltern für die religiöse
Erziehung ihrer Kinder zu gewinnen, werden wir Schwierigkeiten haben, die nachwachsende
Generation mit dem christlichen Glauben bekannt und vertraut zu
machen. Viele Eltern sind unsicher und neigen dazu, religiöse Erziehung an die
Gemeinde zu delegieren. Sie brauchen Ermutigung und Unterstützung.
Einen Ansatz sehe ich darin, mit ihnen über Rituale nachzudenken. Dies „bringt“ nicht
bloß etwas für das Verständnis des christlichen Glaubens, sondern auch für die Familie
selbst. Familien brauchen überschaubare und verlässliche Strukturen. Einen anderen
Ansatz sehe ich in einer fröhlichen und zugleich beharrlichen Tauferinnerung, zu
der auch die Einladung gehört, das gezeugte Kind überhaupt taufen zu lassen und die
schöne und deshalb nachhaltige Tauffeier (Westfalen; Tripp-Trapp).

(2) Singles
Immer weniger Menschen haben Kinder, Paare ohne Kinder und Singles nehmen zu.
Damit entfällt ein wichtiges Eingangstor für Religion: Die eigenen Kinder und ihre Erziehung.
Einen Ansatz für Paare ohne Kinder und vor allem Singles sehe ich in den vielfältigen
Glaubenskursen, die überwiegend aus Konzepten des missionarischen Gemeindeaufbaus
stammen. Sie leben von der persönlichen Ansprache, von ihrem ehrenamtlichen
Engagement, einer beziehungs- und personenorientierten Didaktik sowie einer durchProf.aus ansprechenden Theologie. Sie reflektieren so die Individualisierung unserer Zeit.

Theologischer Streit, weltanschauliche Auseinandersetzung, kognitive Anforderungen
treten dabei meist zurück, ebenso wie das praktische Handeln im Alltag der Welt. Da
kann gegengesteuert werden. Glaubenskurse bieten Gemeinschaft auf Zeit an und
nötigen zu einer lebensbezogenen, durchaus auch affektiven Auseinandersetzung mit
Grundfragen des eigenen Glaubens. Singles und Menschen in der Lebensmitte können
hier angesprochen werden. Sie finden Antwortansätze auf ihre suchenden
Fragen.

(3) Der Kirchenraum
Kirchen sind Häuser für die Begegnung mit Gott, zugleich aber Häuser voller Geschichten,
voller Lieder, voller Erinnerung, voller Symbole, ja sogar voller Wertvorstellungen,
aber auch voller Geheimnisse. Warum wird Gott Mensch und leidet selbst
am Kreuz?
Viele Zeitgenossen interessieren sich für Kirchenräume und nehmen Kirchen als Bildungshäuser
wahr. Die Kirchenpädagogik hilft eigene Wahrnehmungen zu verstehen
und öffnet vor allem selber Neuentdeckungen in dem vertrauten oder fremden Raum.

(4) Die ältere Generation
Wir werden immer älter. Die Zahl der 41- bis 65-Jährigen wird rasant wachsen,
ebenso die Zahl der 70- bis 80-Jährigen. Was bedeutet das für die Gemeindearbeit?
Von Glaubenskursen war schon die Rede. Ich denke auch über die Großeltern nach,
die gerne etwas für ihre Enkelkinder tun. Aber hier bin ich erst am Anfang.

(5) Arme in unserer Gemeinde
Die Zahl der Armen oder derer, die vom Armutsrisiko bedroht sind, nehmen in unseren
Gemeinden zu. Korrespondierend vergrößert sich der Reichtum bei einigen. Im Kontext
einer evangelischen Bildungsarbeit dürfte es darauf ankommen, Benachteiligte –
seien es Kindergartenkinder, Schülerinnen und Schüler, Konfirmandinnen und Konfirmanden
– überhaupt erst einmal wahrzunehmen und soweit es geht zu stützen und zu
unterstützen.
Ich sehe eine ganz entscheidende Bildungsaufgabe darin, ihnen Gottes Wertschätzung
und die Aussicht auf Gottes Gerechtigkeit weiterzusagen und spüren zu lassen.
Das ist bei weitem nicht alles, was zu tun ist. Eine gerechte Wirtschafts- und Sozialordnung
ist einzufordern. Aber Gemeinde könnte und sollte der Ort sein, in dem Benachteiligte
hören und erfahren, dass Gott auf ihrer Seite steht. Und warum sollte es
nicht gelingen, Menschen zu gewinnen, die Zeit und Geld haben, dass Heranwachsende
nicht das Gefühl haben müssen, niemand kümmert sich um mich.

6. Religionsunterricht und Gemeinde

Eigentlich müssten wir auch über den Kindergarten nachdenken. Aber dazu haben wir
jüngst erst das so genannte Profilpapier herausgebracht. Gerne spreche ich anschließend
darüber! Ich möchte mich deshalb ganz auf den Religionsunterricht konzentrieren, der für
viele Gemeindeleute in unserer Landeskirche mit Gemeinde und Gemeindeleben nichts
Rechtes zu tun hat.
Dagegen möchte ich zunächst einmal sagen, dass der Religionsunterricht „Bildungsarbeit
in der Welt für die Welt“ ist. Der Religionsunterricht ist ein Beitrag der Gemeinde für die
Allgemeinbildung. Wie Luther das sieht, war eingangs die Rede. Gemeinde ist auch Salz
der Erde und will im Religionsunterricht den christlichen Glauben als tragfähige Grundlage
für das Leben einer pluralistischen Gesellschaft einbringen. Aufgabe des Religionsunterrichtes
ist deshalb nicht, Gemeinde zu bilden.

Dennoch trägt der Religionsunterricht Wesentliches zur Gemeindearbeit bei. Er sorgt für
die Ansprechbarkeit von Heranwachsenden für den christlichen Glauben, für seine Inhalte,
seine Symbole, seine Rituale und seine Vergemeinschaftungsformen. Viele Kinder
erfahren im Schulgottesdienst so etwas wie eine anfängliche liturgische Bildung. Zum
festen Kanon des Religionsunterrichtes gehören die kirchlichen Feiern und auch biblische
Lerntexte, wie Genesis 1 und 2, Lukas 2, Matthäus 2, die Gleichnisse, Wunder, Passion
und Auferstehung, aber auch das Leben eines Propheten oder Apostelgeschichte 2. Ganz
gewiss muss der Religionsunterricht hier noch nachhaltiger werden. Ein Weg besteht
darin, dass wir uns auf 12 Basistexte, auf 12 Lieder, 6 Gebete und 6 Symbole (Kreuz,
Schiff, Brot, Wasser, Berg, Baum) einigen, die wir unbedingt behandeln wollen und auch
in anderen Kontexten, wie den Konfirmandenunterricht oder den Kindergottesdienst, im
Blick haben,

Ich will das noch einmal herausheben und sagen: Biblische Basistexte, das Kirchenjahr,
kirchliche Rituale und biblisch-religiöse Symbole sind Brücken zwischen Schule und Gemeinde.
Gegenwärtig macht sich in der schulischen Religionspädagogik ein Trend breit, den ich so
formulieren würde: „Ohne Wolle kann man nicht stricken“. Ohne die Erfahrung gelebter
Religion kann man nicht über Religion sprechen, über sie nachdenken und schon gar
nicht über sie urteilen. Bevor man also über Religion sprechen und von Religion lernen
kann, muss man zunächst einmal Religion selber lernen. Kritiker sehen darin eine Verkirchlichung
des Religionsunterrichtes und eine Rückkehr der evangelischen Unterweisung.
Ich aber sehe darin die angemessene Wahrnehmung religiöser Bildung in der
Schule. Bildung und Gemeindeentwicklung rücken zumindest im Religionsunterricht
näher.

Ich danke für die Aufmerksamkeit und freue mich auf das Gespräch.[size=12][/size]
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