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DIE NATÜRLICHE GEMEINDEENTWICKLUNG


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Rolf

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DIE NATÜRLICHE GEMEINDEENTWICKLUNG NACH CHRISTIAN A. SCHWARZ



- Eine kritische Analyse - Wilfried Plock & Bernd Kälber


1996 veröffentlichte Christian A. Schwarz, der Leiter des früheren Ökumenischen Gemeinde-Instituts Emmelsbüll (Nordfriesland), in seinem Buch ‘Die natürliche Gemeindeentwicklung’ Ergebnisse des größten Gemeindeaufbau-Forschungsprojektes der Christenheit. 1994 hatten er und seine Mitarbeiter begonnen, 1188 Gemeinden in 32 Ländern auf fünf Kontinenten nach bestimmten Kriterien zu untersuchen. Insgesamt wurden 34.314 Personen befragt und mehr als vier Millionen Antworten in einen Computer eingegeben. Die neu gewonnenen Erkenntnisse lauteten: „Viele Gemeindewachstums-Dogmen sind nichts als Mythen.“ Und: „Gemeindewachstum geschieht anders, als bisher vermutet wurde.“ Das Buch ‘Die natürliche Gemeindeentwicklung’ ist bereits jetzt ein Mega-Bestseller. Es ist inzwischen in 42 Ländern und 20 verschiedenen Sprachversionen erhältlich.1 1997 erschien ein Folgebuch unter dem Titel ‘Die Praxis der natürlichen Gemeindeentwicklung’.2

Mitte Januar dieses Jahres nahmen wir in der Nähe von Stuttgart an einem ‘Seminar für natürliche Gemeindegründung’ teil, in dem Christian Schwarz seine Thesen vortrug. Das Treffen wurde vom Gießener ‘Institut für Gemeindeaufbau’ veranstaltet, das die Schwarz’sche Sichtweise bereits völlig übernommen hat und sie via ‘Kirche-für-morgen’-Trainer verbreitet und dabei übrigens auch vor katholischen Kirchengemeinden nicht Halt macht.3 Das Seminar fand in den Räumen der „charismatisch“ ausgerichteten Gemeinde ‘Treffpunkt Leben’ statt. Wir möchten uns in diesem Artikel kritisch mit der Natürlichen Gemeindeentwicklung auseinandersetzen und begründen, warum wir dem Gesamtkonzept von Christian Schwarz nicht zustimmen können. I. Was bedeutet ‘Natürliche Gemeindeentwicklung’? 1. Das herkömmliche Denkmuster der Gemeindewachstumsbewegung

1 C & P Infobrief Nr. 1, Herbst 1997 2 Christian A. Schwarz / Christoph Schalk: Die Praxis der natürlichen Gemeindeentwicklung, C & P Verlag Emmelsbüll 1997 3 Infobrief des Instituts für Gemeindeaufbau vom Mai 1998, S. 3

Christian Schwarz, der in Bochum, Bethel, Wuppertal und Mainz Theologie studierte, absolvierte 1986 ein zusätzliches Studiensemester am Fuller Theological Seminary in Pasadena, USA. Er wurde insbesondere von Donald McGavran, Peter Wagner und Win Arn in die Philosophie der Gemeindewachstumsbewegung eingeführt. Während McGavran das Wort Gottes noch als Ausgangspunkt seiner Forschung sah4, entwickelten Wagner und Arn zunehmend eine Theorie von Gemeindewachstum, die im Wesentlichen von folgenden Faktoren bestimmt war: einem oberflächlichen Pragmatismus, einer statischen Ursache-Wirkung-Logik, einer starken Fixierung auf Quantität, der Einbeziehung von manipulativen Marketingmethoden und einer fragwürdigen Machbarkeitsmentalität.5 Zudem war und ist dieser Ansatz stark modellorientiert.

Oft werden erfolgreiche Megagemeinden als Modell präsentiert und mehr oder weniger zur Nachahmung empfohlen: „Macht es wie wir, und ihr werdet den gleichen Erfolg erleben.“ 2. Die natürliche Gemeindeentwicklung Nachdem erste Studien darauf hindeuteten, daß sich viele von der amerikanischen Gemeindewachstumsbewegung gelehrte Theorien empirisch nicht verifizieren ließen (die Schwarz aber zuvor als gültig übernommen hatte), startete Christian Schwarz 1994 das umfassendste Forschungsprojekt über Gemeindewachstum, das je durchgeführt wurde. Als im November 1996 die ersten Ergebnisse der Studie vorlagen, korrigierte er einige eigene Positionen und nannte sein ‘Ökumenisches Gemeinde-Institut’ konsequenterweise in ‘Institut für natürliche Gemeindeentwicklung’ um. Den Kernpunkt seiner neuen Sichtweise faßte der Autor ausgehend von Markus 4,26-29 wie folgt zusammen: „Die natürliche Gemeindeentwicklung will Gemeindewachstum nicht ‘machen’, sondern ist allein darauf ausgerichtet, die Wachstumsautomatismen, mit denen Gott selbst seine Gemeinde baut, freizusetzen.“6

Diese neue Sicht gewann Schwarz nach eigenen Angaben durch empirische Untersuchungen, durch Beobachtung der Natur und durch das Studium biblischer Texte. Schwarz verwarf den modellorientierten Ansatz der Gemeindewachstumsbewegung und postulierte in der natürlichen Gemeindeentwicklung den prinzipienorientierten Ansatz.
4 Donald A. McGavran: Gemeindewachstum verstehen Wolfgang Simson Verlag Lörrach, 1990, S. 24: „Der Ansatz, gültig über Gemeindewachstum nachzudenken, ist theologischer Natur.... Die Wurzeln der Theologie des Gemeindewachstums bestehen in unerschütterlichen theologischen Grundüberzeugungen.“ 5 Christian A. Schwarz: Die natürliche Gemeindeentwicklung, C & P Verlag Emmelsbüll 1996, S. 14 6 Christian A. Schwarz: Die natürliche Gemeindeentwicklung, C & P Verlag Emmelsbüll 1996, S. 14

Anstatt sich auf ein Modell zu beschränken, werden hier viele Gemeinden untersucht, um die allgemeingültigen Prinzipien des Gemeindewachstums herauszufinden. Diese mittels Abstraktion gewonnenen Grundsätze werden dann in einem zweiten Schritt auf die konkrete Situation einer anderen Gemeinde angewandt. Acht Qualitätsmerkmale Die Schwarz’schen Untersuchungen sollen beweisen, daß es acht universale Qualitätsmerkmale für wachsende Gemeinden gibt (sie beweisen nicht, ob es wirklich nur acht sind). Wie kam er zu diesen acht Merkmalen? McGavran und Arn beschrieben in ihrem Buch ‘Ten Steps for Church Growth’7 bereits 1977 zehn relevante Faktoren für Gemeindewachstum. Einige Jahre später sprach Peter Wagner von ‘Sieben lebenswichtigen Kennzeichen einer gesunden Gemeinde’.8 Ein Jahr nach seinem Studienaufenthalt am Fuller Seminary in Pasadena propagierte Schwarz bereits seine „Acht Basisprinzipien wachsender Gemeinden“9, die inzwischen - etwas modifiziert - zu den „Acht Qualitätsmerkmalen“ mutierten (wir sind schon gespannt, wie sie im nächsten Buch heißen werden).

Wir möchten diese acht Merkmale anführen und bereits hier einige kritische Anmerkungen machen. Merkmal 1: Bevollmächtigende Leitung Schwarz führt aus, daß es einen gravierenden Unterschied macht, ob ein Leiter vollmächtig oder bevollmächtigend dient. Bevollmächtigende Leiter investieren einen Großteil ihrer Zeit in Jüngerschaft, Delegation und Multiplikation. So wird Gottes Energie zum Wachstum der Gemeinde freigesetzt. Diesem Punkt stimmen wir voll und ganz zu. Merkmal 2: Gabenorientierte Mitarbeiterschaft „Das Entdecken und Einsetzen von geistlichen Gaben ist die einzige Möglichkeit, das reformatorische Konzept des ‘allgemeinen Priestertums’ praktisch werden zu lassen.“10 Auch hier hat Schwarz absolut recht. Die Gemeinde ist der Leib des Christus, der aus 7 Donald McGavran & Winfield C. Arn: Ten Steps for Church Growth, Harper & Row, San Francisco 1977, S.13 zitiert bei Judith Bork: Die acht Basisprinzipien wachsender Gemeinden, Wissenschaftliche Hausarbeit der Freien Theologischen Akademie, Gießen 1995, S. 53 8 Peter C. Wagner: Your Church Can Grow: Seven Vital Signs of a healthy Church, überarb. Aufl. (Ventura: Regal Books, 1984), S. 48 zitiert ebd. S. 55 9 Christian A. Schwarz: Der Gemeindetest: kybernetisch Gemeinde bauen, C&P Verlag Emmelsbüll 1991 10 Christian A. Schwarz: Die natürliche Gemeindeentwicklung, C & P Verlag Emmelsbüll 1996, S. 24

vielen, mit Geistesgaben beschenkten Gliedern besteht. Diese Gaben sollen aktiv in den Aufbau der Gemeinden eingebracht werden. Merkmal 3: Leidenschaftliche Spiritualität Der Autor führt hier aus, daß wachsende Gemeinden von Hingabe, Elan, Feuer und Begeisterung geprägt sind. Dem können wir zustimmen. Schade nur, daß Christian Schwarz der positiven Leidenschaft pauschal eine gesetzliche Orthodoxie gegenüberstellt. Mit anderen Worten: Wenn eine Gemeinde nicht die inzwischen weitverbreitete "Lobpreisatmosphäre" anstrebt, ist sie bei Schwarz von vornherein dogmatisch, gesetzlich und orthodox.11 Hier fehlt eine sorgfältige Differenzierung. Merkmal 4: Zweckmäßige Strukturen Darunter versteht Schwarz Strukturen, die eine fortwährende Multiplikation der Arbeit ermöglichen. Beispiel: Leiter sind nicht nur dazu da, zu leiten, sondern um weitere Leiter hervorzubringen.

Schon in der Formulierung dieses Merkmals wird hier allerdings die Gefahr des Pragmatismus erkennbar. Schwarz wörtlich: „Was diesem Anspruch nicht gerecht wird, wird geändert bzw. abgeschafft.“12 So kann er nur argumentieren, weil Gemeinden, die sich im Blick auf Strukturen am Neuen Testament orientieren wollen, für ihn von vornherein „technokratisch“ sind.13 Merkmal 5: Inspirierender Gottesdienst Der Autor stellt hier die These auf, daß es nicht entscheidend ist, wie ein Gottesdienst gestaltet wird, sondern ob der Besuch des Gottesdienstes für die Besucher eine ‘inspirierende Erfahrung’ ist. Gottesdienst soll ‘Spaß machen’. Dieser Ansatz ist ebenfalls zutiefst pragmatisch14 und außerdem extrem anthropozentrisch. Es wird nicht gefragt: Was ist wahr?, sondern: Was ist wirksam? Nach unserem Verständnis geht es im neutestamentlichen Gottesdienst um die Verherrlichung Gottes, um die Erbauung der Gläubigen und um ihre Zurüstung zum Dienst (1. Korinther 11-14). Damit wollen wir ausdrücklich nicht sagen, daß die Teilnehmer einer solchen Versammlung mit Trauerminen dasitzen müssen.

11 ebd. S. 26-27 12 ebd. S. 28-29 13 ebd. Teil 4 - Ein neues Denkmodell - S. 83-102 Technokratisch ist bei Schwarz antithetisch zu ‘spiritualistisch’. Die Synthese heißt ‘biotisch’ (früher: kybernetisch). 14 ebd. S. 100-102 Es ist nur schwer verständlich, wie Christian Schwarz unter der Überschrift ‘Warum Pragmatismus in die Sackgasse führt’ auf Seite 100-102 in sehr scharfsinniger Weise ‘Sechs Gefahren des Pragmatismus’ anführen kann, aber auf der anderen Seite offensichtlich pragmatisch denkt und argumentiert.

Merkmal 6: Ganzheitliche Kleingruppen Christian Schwarz legt dar, daß die fortwährende Multiplikation von Kleingruppen das entscheidendste allgemeine Wachstumsprinzip überhaupt sei. Unter ‘ganzheitlich’ versteht er, daß die Teilnehmer einer solchen Gruppe wirklich die Möglichkeit haben, sich mit ihren Fragen und Anliegen aktiv einzubringen. Merkmal 7: Bedürfnisorientierte Evangelisation „Schlüssel für den Gemeindeaufbau ist, daß die Gemeinde ihre evangelistischen Angebote ganz auf die Fragen und Bedürfnisse der Nichtchristen einstellt.“15 Dieser Ansatz ist wiederum durch und durch anthropozentrisch und pragmatisch. Dazu paßt der Originalton Christian Schwarz: „Ich würde mich dort anschließen, wo Gästegottesdienste angeboten werden, ganz gleich um welche Denomination es sich handelt.“16 Deutlicher kann er kaum zum Ausdruck bringen, wie wenig ihm die biblische Lehrausrichtung und andere schwerwiegende Aspekte neutestamentlichen Gemeindelebens in der Praxis bedeuten.

Systematische Lehre und Dogmatik riechen bei Schwarz von vornherein nach „technokratischem Denken“.17Merkmal 8: Liebevolle Beziehungen Es versteht sich von selbst, daß glaubwürdig gelebte Liebe eine große Ausstrahlungskraft besitzt. Ob sich der „Liebesquotient“ allerdings so messen läßt, wie Schwarz es meint, ist eine andere Frage. Die Minimumstrategie Im zweiten Teil seines Buches (S. 49-60) führt der Autor aus, daß eine Gemeinde an allen acht (sind es wirklich nur acht?) Qualitätsmerkmalen arbeiten sollte, in der Priorität aber mit dem schwächsten Punkt - Minimumfaktor genannt - beginnen sollte. Diese Methodologie belegt Schwarz mit Analogien aus dem Bereich der landwirtschaftlichen Mineraliendüngung. In seinem Buch ‘Praxis des Gemeindeaufbaus’ hatte Christian Schwarz 1987 noch die Ansicht vertreten, daß sich eine Gemeinde eher auf ihre Stärken konzentrieren sollte.18 Wie kam es zu diesem bemerkenswerten Sinneswandel? Schwarz machte offensichtlich Anleihen bei der ‘Kybernetischen Managementlehre’ (EKS) von Wolfgang Mewes. Was der
15 Christian A. Schwarz: Die natürliche Gemeindeentwicklung, C & P Verlag Emmelsbüll 1996, S. 35 16 Christian Schwarz wörtlich beim Seminar in Stuttgart / Ditzigen am 17.1.98 17 Christian A. Schwarz: Die natürliche Gemeindeentwicklung, C & P Verlag Emmelsbüll 1996, S.83-102 18 Christian A. Schwarz: Praxis des Gemeindeaufbaus: Gemeindetraining für wache Christen, Schriftenmissions-Verlag Neukirchen-Vluyn 1987, S. 176

Biologe und Chemiker Justus von Liebig im Bereich der landwirtschaftlichen Düngung entdeckte, wandte Mewes auf wirtschaftliche und soziale Systeme an. Er nannte sein Prinzip ‘Engpaß-konzentrierte Strategie’ (EKS). Den Begriff ‘Minimumfaktor’ übernahm Schwarz wortwörtlich von Mewes.19 Wenn die Schrift nicht alleinige Grundlage ist, müssen andere Quellen herhalten - selbst wenn es in einen „gemeindlichen Natur-Darwinismus“ führen sollte.20 Bleibt die Frage offen, warum Schwarz Gedanken, Begriffe und Skizzen aus der suspekten Karriere- und Managementlehre von Mewes übernimmt, ohne deren Quelle anzugeben. Die Seiten 54-55 in der Natürlichen Gemeindeentwicklung von Schwarz gleichen den Seiten 20-21 in Mewes’ Pamphlet wie ein Ei dem anderen. Wo bleibt hier der wissenschaftliche Anspruch? Biotische Prinzipien In Teil 3 des Buches (S. 61-82) entfaltet der Autor sechs biotische Prinzipien, nämlich Vernetzung, Multiplikation, Energieumwandlung, Mehrfachnutzung, Symbiose und Funktionalität.

Zu jedem dieser Begriffe müßten Anmerkungen gemacht werden; aber das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. II. Kritische Anfragen und grundsätzliche Bedenken 1. Das statistische Material Mark Twain schlug einmal folgende Steigerungsformen des Lügens vor: „Erstens: nobel gemeinte Notlügen; zweitens: gewöhnliche Lügen und drittens: Statistik.“21 Was Twain spaßhaft verstanden wissen wollte, hat durchaus eine ernste Seite. Die plakative Betonung der gigantischen Zahlen - 1000 Gemeinden in 32 Ländern der Erde auf fünf Kontinenten - fasziniert zunächst stark. Es entsteht der Eindruck, daß es sich doch wohl um eine exakte, wissenschaftliche Untersuchung handeln muß. Überprüft man jedoch die Vorgehensweise genauer, entstehen erhebliche Zweifel an der Objektivität der Studie. Vor allem die Größenordnung des Zahlenmaterials läßt an der Aussagekraft des Projekts zweifeln. Nach statistischen Gesichtspunkten, ist für die Aussagekraft eines Mittelwertes, eine Datenmenge von mindestens 19 Wolfgang Mewes: Die kybernetische Managementlehre (EKS), W. Mewes Verlag, Frankfurt a.M. 1985, S.20 20 Zu Christian Schwarz’ historisch-kritischem Schriftverständnis vgl. die Buchrezension „Die dritte Reformation - Paradigmenwechsel in der Kirche“ in ‘Gemeindegründung’ Nr. 46, S. 26-29 21 Igor Uszczapowski: Optionen und Futures verstehen, Beck-Wirtschaftsberater im dtv, 1995 S.24

30 Daten die absolute untere Grenze. Bei weniger Daten ist es wissenschaftlich indiskutabel, von Signifikanz zu sprechen. Genau genommen spricht man erst ab 100 Daten von echter Signifikanz. Damit meint man, daß sich der Mittelwert nicht merklich verschieben würde, wenn man noch mehr Daten erheben würde. Beispiel: Werden in einer Gemeinde 30 Mitglieder befragt, und ergibt die Auswertung der Fragen für ein Qualitätsmerkmal einen bestimmten Mittelwert, dann ist dieser Wert nicht besonders aussagekräftig, denn es ist nicht unwahrscheinlich, daß wenn man 100 Personen gefragt hätte, der Mittelwert sich deutlich verschieben könnte, was für die Aussage über die Qualität der Gemeinde in diesem Merkmal natürlich einen echten Unterschied machen würde. Genauso steht es mit der Standardabweichung (die besagt, daß wenn man eine Stichprobe machen würde, mit 68,3 % Wahrscheinlichkeit das Ergebnis innerhalb von Mittelwert plus / minus Standardabweichung liegen würde). Die suggerierte ‘Mächtigkeit’ des Projekts steht unter diesem Gesichtspunkt in einem ganz anderem Licht dar. Es wurden pro Gemeinde 30 Personen befragt. Pro Land waren teilweise deutlich unter 30 Gemeinden beteiligt. Nur in Deutschland und den USA waren es über 30 Gemeinden.22 Das heißt, die Mittelwerte (jeweils für ein Qualitätsmerkmal), die man für eine Gemeinde bestimmt, und der Mittelwert für ein Land sind in ihrer Aussagekraft bei weitem nicht in der Weise wissenschaftlich hoch signifikant, wie Schwarz das in seinen Büchern und Seminaren verkauft.23Innerhalb der sozialwissenschaftlichen Methode ist es zum Teil an der Tagesordnung, mit kleinem Datenmaterial zu arbeiten - oft einfach aus Kostengründen.

Die Mängel, die daraus entstehen, versucht man dann durch mathematische Verfahren auszugleichen. Man sollte sich aber vergegenwärtigen, daß diese Verfahren auf Annahmen der Psychologie und Sozialwissenschaft beruhen, deren sich die Öffentlichkeit, die mit den scheinbar rein wissenschaftlichen Resultaten konfrontiert wird, zum großen Teil nicht bewußt ist. Schwarz und Schalk realisieren anscheinend nicht, daß auch in den Köpfen vieler Christen ‘Wissenschaftsgläubigkeit’ herrscht. Es geht uns nicht um Unmündigkeit, sondern wir wollen die Frage stellen, wieso sie kein Wort über die Grenzen der Methode, die kritische Menge des Datenmaterials und die Grenzen der Darstellung verlieren.
22 Eine Nachfrage bei Christoph Schalk ergab: „Nicht alle Länder haben die notwendige Größe der Stichprobenanzahl von 30; so weit sind wir noch nicht..." (Telefonat 29.4.98) 23 Zu diesem Aspekt haben wir mehr Material gesammelt, als hier abgedruckt werden kann. Es ist über unsere Geschäftsstelle erhältlich oder per eMail kostenlos unter: [email protected]

Christoph Schalk auf eine Frage bezüglich der Schaubilder in dem Buch ‘Die natürliche Gemeindeentwicklung’: „Das ist Illustration und keine Wissenschaft“.24 2. Die tendenziöse Auswahl der 1000 Gemeinden Auf die Frage, nach welchen Kriterien er die Gemeinden ausgewählt habe, antwortete Christian Schwarz folgendermaßen: „Es mußten evangelikale Gemeinden sein, die aber offen sind für charismatische Elemente, oder charismatische Gemeinden, die wiederum die Bereitschaft haben, von evangelikalen Gemeinden zu lernen.“25Wir sind uns darüber im Klaren, daß ein großer Teil der heutigen Christenheit in diesen Rahmen paßt. Aber eben nur ein Teil. Die großartigen Gemeindegründungsbewegungen, die der Herr beispielsweise in den letzten zwanzig Jahren in Belgien oder im Salzburger Land geschenkt hat, sind somit den Selektionskriterien zum Opfer gefallen. Hinzu kommt die Tatsache, daß in jeder Gemeinde (ob sie nun zweihundert oder zweitausend Glieder hat) nur 30 Glieder an der Befragung teilnehmen durften. Wer garantiert, daß auf eine ausgewogene Zusammensetzung dieser Gruppe geachtet wurde?

Judith Bork kommentiert diesen Sachverhalt folgendermaßen: „Nimmt nur ein kleiner Prozentsatz an der Befragung teil, so besteht die Gefahr, daß man die ‘Qualität’ bzw. den ‘Stand’ einer kleinen ‘Elite’ der Gemeinde mißt und kein umfassendes Bild von der Gesamtgemeinde bekommt.“26 3. Die Reduktion des Gemeindewachstums auf acht Merkmale Wir betonten bereits, daß Christian Schwarz in der Beschreibung dieser acht Bereiche sehr wertvolle Gedanken entfaltet hat. Aber warum reduziert er das komplexe Geschehen des Gemeindewachstums bereits in der einseitigen Ausrichtung der Fragebögen auf acht Bereiche? Mir fehlen da einige unverzichtbare Faktoren: Spielt etwa das Vorhandensein einer gesunden, systematischen Lehre und Verkündigung für Gemeindewachstum keine Rolle? Ist ein Netz gut ausgebildeter Seelsorger etwa unwesentlich? Sollte die Komponente von bewußt praktizierten Jüngerschaftsbeziehungen etwa nur als Unterkategorie auftauchen? Müßten nicht auch die Faktoren ‘Gebet’ 24 Während eines Telefongesprächs am 29.04.98 25 Beim Seminar in Ditzingen / Stuttgart am 17.1.98 26 Judith Bork: Die acht Basisprinzipien wachsender Gemeinden, Wissenschaftliche Hausarbeit der Freien Theologischen Akademie, Gießen 1995, S. 91 und ‘Gelebte Verbindlichkeit’ als Extra-Bereiche geführt werden?

Wird Gemeindewachstum letztlich nicht auch durch äußere Umstände wie Religionsfreiheit begünstigt oder beispielsweise durch Verfolgung behindert? Könnte es nicht sein, daß eine ganze Reihe von weiteren Faktoren für Gemeindewachstum signifikant sind, und daß diese in der Schwarz’schen Untersuchung nicht vorkommen, weil sie seinem theologischen Vorverständnis zum Opfer fielen? Zu einer ähnlich Einschätzung kommt auch Helge Stadelmann. Unter der programmatischen Überschrift: „Nehmt den Bibelfaktor ernster!“ schreibt er: „Die acht Basisprinzipien wachsender Gemeinden, wie immer sie zustande gekommen sein mögen, sind ergänzungsfähig. Wenn ich Gemeinden - und wenn es Tausende sind - wissenschaftlich genau auf diese acht Prinzipien hin befrage, werde ich auch nur Antworten zu diesen acht Punkten (und ihrem jeweiligen Minimumfaktor) bekommen.“27Judith Bork, die sich im Rahmen einer Wissenschaftlichen Hausarbeit mit Christian Schwarz befaßte, kommt in ihrer Untersuchung im Blick auf die damaligen ‘Acht Basisprinzipien wachsender Gemeinden’ des Vorgänger-Modells ‘Der Gemeinde-Test’ zu dem exakt gleichen Ergebnis: „Die von Schwarz durchgeführten Umfragen per Fragebogen dienten nicht dazu, die Merkmale einer gesunden, und damit wachsenden Gemeinde, umfassend zu erfassen, sondern lediglich, die vorhandenen Prinzipien zu bestätigen und zu verfestigen.“28

Dr. Ken Hemphill beschreibt in seinem Buch ‘Der Antiochia-Effekt’ ebenfalls acht hoch effektive Merkmale wachsender Gemeinden, aber interessanterweise sind es andere Kennzeichen als bei Christian Schwarz. Hemphill nennt folgende: 1. Übernatürliche Kraft; 2. Christus verherrlichende Anbetung; 3. Kraftvolles Gebet; 4. Dienende Leiter; 5. Familiäre Beziehungen in der Gemeinde; 6. Eine gottgemäße Vision; 7. Leidenschaft für Verlorene; 8. Das Hinführen der Gläubigen zur Reife (Jüngerschaft).29 Kam Hemphill etwa zu einem unterschiedlichen Ergebnis, weil er andere Fragen stellte? 4. Die einseitige Fragestellung auf den Fragebögen Es ist hier nicht der Raum, um die Fragebögen in jeder Hinsicht systematisch zu besprechen. Damit ein so genanntes Gemeindeprofil erhoben werden kann, müssen ein Fragebogen vom Pastor und maximal 30 27 Dr. Helge Stadelmann in Praxis (dessen Schriftleiter Christian Schwarz damals noch war), Heft 61, 2/95, S.9 28 Judith Bork: Die acht Basisprinzipien wachsender Gemeinden, Wissenschaftliche Hausarbeit der Freien Theologischen Akademie, Gießen 1995, S. 77 29 Dr. Ken Hemphill: The Antioch Effect, Broadman + Holman Publishers Nashville, TN 1994
xemplare von Mitarbeitern der Gemeinde ausgefüllt werden.

Bezeichnenderweise beziehen sich von 91 Fragen keine einzige auf Lehrinhalte der Gottesdienste, Kleingruppen oder Sonntagsschulgruppen, wohl aber ein Großteil der Fragen auf soziologische Aspekte. Etwa 15 mal wird danach gefragt, wie sich der Mitarbeiter in bestimmten Gruppen fühlt, wie er gewisse Veranstaltungen erlebt, was ihm Spaß macht und ob er etwas spürt.30 Wen wundert es, daß bei dieser Akzentuierung der Fragen die Ergebnisse so aussehen, wie sie aussehen! 5. Die Einstichstelle des Zirkels Obwohl Schwarz auf der einen Seite den Ansatz der Gemeindewachstumsbewegung ‘Wie bekommen wir mehr Menschen in den Gottesdienst?’ als pragmatisch bezeichnet,31 und quantitative Wachstumsziele in einem Kapitel des Buches sogar untauglich nennt,32 verfällt er doch bei der Bestimmung des Außenkriteriums seiner Untersuchung in den gleichen Fehler: er wählt willkürlich das Wachstum der Gottesdienstbesucherzahl, obwohl es ihm sonst erfreulicherweise oft um die Qualität die Gemeindelebens geht.

Schwarz begründet seine Vorgehensweise wie folgt: „Was wir am Anfang brauchten war ein einigermaßen objektiv feststellbares Außenkriterium, ähnlich wie bei der Entwicklung des Intelligenzquotienten etwa die Schulzensuren als Außenkriterium herangezogen werden. Dadurch sollte verhindert werden, daß wir aufgrund unseres Bibelverständnisses selbst festlegen, was wir für die Qualität einer Gemeinde halten...“33Die Qualitätskriterien einer Gemeinde sollten nach Schwarz ganz bewußt nicht vom Neuen Testament her bestimmt werden (unser Bibelverständnis könnte ja „spiritualistisch“ oder „technokratisch“ gefärbt sein34). Aber zum Glück gibt es ja die empirische Sozialforschung des Christian A. Schwarz, die uns nun endlich mit wissenschaftlicher Genauigkeit zeigen kann, was die universell gültigen Qualitätsmerkmale einer christlichen Gemeinde sind. Diese Sicht ist nicht nur falsch, sondern auch im höchsten Grade anmaßend. Außerdem gilt es zu bedenken, daß es sich bei Schwarz um einen 30 Gemeindeprofil - Fragebogen für Mitarbeiter, C&P Verlag, Emmelsbüll 31 Christian A. Schwarz: Die natürliche Gemeindeentwicklung, C & P Verlag Emmelsbüll 1996, S. 15 32 ebd. S. 44-45 33
Theoretiker handelt, der sich nie in der rauhen Wirklichkeit des Gemeindeaufbaus seine Sporen verdienen mußte.

Weiterhin sehen wir in der Wahl des Gottesdienstbesucherwachstums ein unbewußtes Rudiment der pragmatisch-geprägten Gemeindewachstumsbewegung. Warum wird der Zirkel bei der quantitativen Steigerung der Besucherzahlen eingestochen und nicht vielmehr bei der Zunahme der verbindlichen Glieder (oder Mitglieder) einer Gemeinde? Wir sind davon überzeugt, daß eine Gemeinde letztlich mit verbindlichen Gliedern gebaut wird - nicht mit Besuchern. Menschen sollen zuerst für Christus gewonnen werden und dann in einem Prozeß der Jüngerschaft getauft, gelehrt und zur Mitarbeit zugerüstet werden. Das ist qualitatives Wachstum. Weil Christian Schwarz aber den Zirkel bei einem quantitativen Faktor einsticht, ergibt sich unseres Erachtens a priori eine ganz erhebliche Akzentverschiebung. Die Jacke ist - in einem anderen Bild gesprochen - von vornherein falsch geknöpft. 6. Unsere größte Sorge Erst auf den letzten Seiten wird deutlich, worauf das Buch beim Leser abzielt. Wenn sich eine Gemeinde entschließt, ein Schwarz’sches Gemeindeprofil zu erheben, dann ist das keine einmalige Sache.

Es wird empfohlen diesen Test im Abstand von sechs Monaten mehrmals zu wiederholen, um die Tendenz abschätzen zu können. „Natürliche Gemeindeentwicklung ist keine einmalige Aktion mit einem statischen Anfangs- und Endpunkt. Vielmehr geht es um einen Prozeß, der das gemeindliche Leben langfristig prägt.“35 Dieser Umstand ist zur Beurteilung des Gesamtkonzepts nicht unerheblich. Am Ende des Seminars in Stuttgart-Ditzingen fragten wir Christian Schwarz öffentlich, ob er nicht die Gefahr sehe, daß die Gemeinden, die sich auf sein Programm einlassen, in einem schleichenden Prozeß von den Maßstäben des Neuen Testaments weggeführt werden könnten - hin zur Optimierung eines Computer-Ergebnisses. Wir fragten, ob nicht die Heilige Schrift unbewußt und sukzessive durch die Normen menschlich-selektiver Kriterien ersetzt wird. Und schließlich wollten wir wissen, ob jene Gemeinden durch die intensive Zusammenarbeit mit dem Institut für natürliche Gemeindeentwicklung nicht gar in eine gewisse Abhängigkeit zu den Machern eines sozial-empirischen Forschungsprogramms geraten. Auf diese dringenden Fragen 35 Christian A. Schwarz / Christoph Schalk: Die Praxis der natürlichen Gemeindeentwicklung, C & P Verlag Emmelsbüll 1997, S. 23 konnte Christian Schwarz keine befriedigende Antwort geben.

Übrigens, unsere Bibeln hätten wir an jenem Tag zu Hause lassen können; sie wurden nicht gebraucht. Schlussfolgerung Damit wir nicht mißverstanden werden: wir sind voll und ganz für Gemeindegründung, Gemeindeaufbau und Gemeindewachstum - nach den Grundsätzen des Neuen Testaments. Wir wollen Christian Schwarz nicht sein aufrichtiges Anliegen sprechen. Er möchte sicherlich den Gemeinden zum Wachstum verhelfen. Viele seiner Aussagen mögen richtig sein. Mündige Christen, die Literatur nach biblischen Kriterien zu beurteilen imstande sind (Apg.17,11), können aus den Büchern über ‘Die natürliche Gemeindeentwicklung’ gewiß manche gute Anregung entnehmen. Die ehrliche Motivation des Autors schützt allerdings nicht vor Irrtümern und Akzentverschiebungen. Der Leser wird sich selbst entscheiden müssen zwischen einem Gemeindebau nach neutestamentlichen Grundsätzen oder nach der sozial-empirischen Statistik-Forschung des Christian Schwarz. Aus den genannten Gründen halten wir es für nicht zu verantworten, seine Publikationen uneingeschränkt zu empfehlen.

Jede Gemeinde hat das Recht, das Angebot ihres Büchertisches selbst zu bestimmen. Allerdings halten wir es für alarmierend, daß die Publikationen aus dem C & P Verlag auf immer mehr Büchertischen bibeltreuer Gemeinden und Konferenzen zu finden sind. Wir wünschten vielen Gemeinden mehr Wachsamkeit und eine „paradigmatische Blockade“ gegenüber dem Gesamtkonzept von Christian A. Schwarz. „Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger.....mehrte sich sehr...“ (Apostelgeschichte 6,7)
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