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Die Selbstverletzungsgemeinde


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Rolf

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Die Selbstverletzungsgemeinde


Die Gemeinde besteht zumeist aus Menschen, die die Bibel als Heilige, als wiedergeborene Kinder Gottes bezeichnet. Leider - dies wird jeder unumwunden zugeben müssen - ist dies ehr geistlich und damit sehr theoretisch und weitab vom tatsächlichen Umgang in der Gemeinde. Es `menschelt´ sehr in der Gemeinde, so dass es viele Verletzungen, Fehltritte, Argwohn usw. gibt. Zu verlangen, dass sich die Christen, die Kinder Gottes nicht mehr gegenseitig verletzen, immer nur lieb und nett zueinander sind, ist kaum realistisch. Was also tun mit den üblichen Problemen einer Gemeinde?

Viele Christen sind so belehrt, einander immer zu verzeihen. Häufig wird diese Sicht wie folgt begründet.

Mt 18,21 Da trat Petrus herzu und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder vergeben, welcher gegen mich sündigt? Bis siebenmal?

Mt 18,22 Jesus antwortete ihm: Ich sage dir, nicht bis siebenmal, sondern bis siebzigmalsiebenmal!

Petrus fragte nach der Grenze, ab wann nicht mehr vergeben werden muss. Er sah die Grenze beim 7. Mal. Christus aber korrigierte diese Zahl um 70x nach oben. Da dies eine Symbolzahl darstellt, (Fülle) ist es naheliegend, aus dieser Stelle zu schließen, dass es eben keine Obergrenze der Vergebung gibt. Es hat ja der Herr auch an anderer Stelle gefordert:

Mt 5,44 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen;

Es kann also keiner sagen: "ab jetzt vergebe ich nicht mehr. Heute ist Schluss mit lustig, noch einmal etwas, dann ist es vorbei!" Nein, so wie die Liebe unseres Herrn zu uns Sündern unerreicht und unendlich groß ist, sind auch wir aufgefordert, aus dieser Liebe heraus, immer zu vergeben, dem Feind in seinem Hass gegen uns noch zu lieben, so wie sich auch Christus kreuzigen ließ von jenen, die erst später ihn dann als Heiland annahmen. Es gibt daher keine Obergrenze für die Vergebung für ein Kind Gottes. Mit dieser Einstellung, einander immer und jederzeit zu vergeben, wird also das Problem der menschlichen Unzulänglichkeit in der Gemeinde angegangen. Auch hierfür wird die Bibel als Grundlage genutzt und auf folgende Stelle verwiesen.

Kol 3,13 ertraget einander und vergebet einander, wenn einer wider den andern zu klagen hat; gleichwie Christus euch vergeben hat, also auch ihr.

Kol 3,14 Über dies alles aber [habet] die Liebe, welche das Band der Vollkommenheit ist.

Eph 4,32 Seid aber gegeneinander freundlich, barmherzig, vergebet einander, gleichwie auch Gott in Christus euch vergeben hat.

Eph 5,1 Werdet nun Gottes Nachahmer als geliebte Kinder

Eph 5,2 und wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns geliebt und sich selbst für uns gegeben hat als Gabe und Opfer für Gott, zu einem angenehmen Geruch.

Aus diesen Stellen heraus ist man belehrt, Verletzungen, Beleidigungen, Benachteiligungen, Unannehmlichkeiten gleich vornweg zu vergeben. Je mehr Liebe Christi in einem ist, desto mehr kann man vergeben. Gedanken von Groll, Verletzungen sind Zeichen für zu wenig Liebe zum Herrn und deuten auf ein zu großes Ich hin. Dieses zu große Ich ist verletzt, beugt sich nicht in Demut unter die Liebe. Das Ich muss abnehmen, Christus muss zunehmen und dafür muss das Ich leiden und zurück treten.

In dieser Gesinnung sind viele Christen belehrt und handeln auch strikt danach. Manchen gelingt der Umgang mit dieser Situation gut, anderen weniger gut. Es wird aber durch die Belehrung und dem Verhalten der Geschwister ein Verhaltenskodex in dieser Gemeinde bestimmt, der die Handlungen fixiert. Wenn also Person A die Person B verletzt, beleidigt, übergeht usw. tritt folgendes Handlungsschema in Gang:

Person B ist durch das Verhalten von Person A verletzt. Anhand dieser Verletzung zieht man aber den Schluss, dass das eigene Ich noch zu empfindlich, noch zu groß ist, und daher auf die Verletzung zu stark reagiert. Es wird also gegen diese Verletzung angekämpft, der Schmerz verdrängt, weggebetet usw. Wenn man nun in der Gemeinde Person A wieder begegnet, setzt man weiterhin sein freundliches Lächeln auf. Vielleicht bemüht man sich noch eifriger um den anderen (feurige Kohlen sammeln usw.). Nicht selten erfolgen aber dann weitere Verletzungen. Innerlich bleiben aber die Verletzungen stehen, äußerlich lässt man sich nichts anmerken. Man beginnt zu heucheln, man setzt sich eine "liebe Person"-Maske auf, die das verletzte Wesen verbirgt. Vielfach beginnen dann solche Personen sich anderen, anzuvertrauen. Falls diese nun ähnliche Erfahrungen mit Person A gemacht haben, wird nun durch das Gespräch noch mehr der Fehler intern bewusst. Man erkennt, dass A ein Problem darstellt. Diese Erkenntnis wird dann auch anderen Personen mitgeteilt (man hat ja nun Zeugen) und es beginnt die Kette des "Hintenherumredens", also des im Verborgenen über andere reden. Diese Vorgänge sind sehr subtil und von außen kaum zu erkennen. Doch bereits hier ist bei Person B folgendes eingetreten:

es wird geheuchelt => dem anderen ein falsches Bild gezeigt, kein ehrlicher Umgang

es wird hinten herum über andere geredet

es entstehen Gerüchte, Ansichten, Vorurteile über Dritte, ohne dass jene etwas davon erfahren


Aber auch für Person A ist das Handlungsschema gegeben. Es kann sein, dass Person A gar nicht gemerkt hat, wie verletzend und unpassend er sich verhalten hat. Anhand der immer freundlichen Reaktion ahnt diese Person gar nicht, wie unmöglich oft das Verhalten ist. Für den Fall, dass Person A sich der Verletzungen bewusst ist, kann diese Person dieses Handlungsschema gezielt einsetzen, andere auszugrenzen, zu demütigen oder einfach Macht zu demonstrieren.

Für den Fall, dass die verletzte Person B dennoch versucht, die Verletzung, das Fehlverhalten öffentlich zu machen, kann Person A nun wiederum auch die Methoden des hintenherum Redens benutzen. Es genügt schon allein der Hinweis auf ein unmündiges Gemeindeglied mit sehr fleischlich/seelisch eingestellter Gesinnung. Es wird dann verwiesen, dass sich die Geschwister deshalb aneinander reiben, damit diese Empfindlichkeiten aufhören, das eigene Ich zurücktritt usw. Wenn also dann jemand dagegen aufbegehrt, widerstrebt er dann nicht dem Heiligen Geist, der doch die Gläubigen in der Gemeinde zubereiten will. Es ist also überaus einfach und leicht, mit frommen Sprüchen und Verhaltensregeln den anderen mundtot zu machen.

Die Folgen solcher Strukturen sind fatal. Es mag die persönliche Einstellung, die Lehre, die Altersstruktur, der Einsatz der Mitarbeiter und sonst welche Sachen überaus gut sein, dennoch kommt diese Gemeinde nicht vorwärts. Etliche dieser für Außenstehenden sehr schnell feststellbaren Merkmale sind:

Heuchelei

In solch einer Gemeinde tritt jeder fromm auf. Schwäche, persönliche Not, Missstände werden weitgehend verdeckt. Aufgrund dieses Verhaltens sagt keiner dem anderen, wie es einem geht. Man betet zwar für alle möglichen Organisationen und Dienste auf der Welt, jedoch die persönlichen Dinge behält jeder für sich. Man betet für andere, zeigt Gebetsinteresse an anderen, zu einem persönlichen Gespräch kommt es aber zumeist nicht. Man betet füreinander, spricht aber nicht miteinander. Wenn nun hier einer herum läuft, der kein "strahlen" (Liebe Christs ausstrahlen) besitzt, seine Not nicht mehr hinter der Maske verbergen kann, fällt er auf. Sicherlich wird zuerst mal ihm mit Ermutigungen aus dem Wort geholfen (bevorzugt Sprüche wie auf diesen Spruchkärtchen oder einfach nur Kärtchen übergeben, das spart Gespräch). Doch wenn nach mehreren Wiederholungen immer noch keine "Besserung" eintritt, jener noch immer klagt und leidet, endet schnell die Anteilnahme. "Jeder hat seine Not, wo kämen wir hin, wenn jeder in der Gemeinde diese Nöte breit machte. Wir schauen auf Jesus, nicht auf die Nöte. Wer nur auf die Nöte schaut, schaut nicht auf den Herrn ...." sind dann nicht selten die feinfühligen Hilfestellungen und Ratschläge.



Die 2. Ebene der Heuchelei ist, dass man als Außenstehender zuerst meint, dass die in der Gemeinde sich alle lieb haben, immer nur freundlich und nett miteinander sind. Ist man aber etwas länger dabei, sieht man plötzlich, dass der eine den anderen schneidet, andere an Problemen noch kämpfen, die bereit mehr als 10 Jahre zurück liegen, abschätzig über Brüder geredet wird seitens der Ältesten, ..... Es tut sich ein völlig anderes Bild der Gemeinde auf, als es der äußerliche Anschein zeigt.



Afterreden

Dieser Begriff aus der alten Lutherbibel, zu neudeutsch hinten herum reden über andere, ist ein weiteres Kennzeichen solcher Gemeinden. Statt miteinander wird in kleinen Gruppen über andere gesprochen. Probleme werden nicht besprochen, sondern anderen zugetragen. Ohne zu wissen, wie und warum, ist man dann plötzlich mit Aussagen und Behauptungen konfrontiert, die bereits Allgemeingut in der Gemeinde sind, Ansichten über einen selbst, die man nie diesen freundlich lächelnden Menschen zugetraut hätte. Nicht selten ist das Verlassen solcher Gemeinden dann eine nicht allzu schlechte Entscheidung.



Bitterkeit

Viele sind aber in solchen Gemeinden verblieben. Haben die Verletzungen, die falschen Unterstellungen hingenommen und sind geblieben. Es bohrt aber der Schmerz ob dieser Ungerechtigkeit in einem. Auch die Verletzungen führen zu Narben in der Seele und im Umgang. Ich halte dies für die idealen Zuchtbedingungen für Bitterkeit. Ich habe nicht selten solche Menschen kennen gelernt, denen man die Bitterkeit förmlich anmerkte. Die Klage, die Depression über die Unterdrückung, die falschen Behandlungen waren fein fromm kaschiert unüberhörbar.



Gemeindeflucht

Nicht selten verlassen Gemeindeglieder solche Gemeinden. Dies kann manchmal laut erfolgen, vielfach sind es aber stille Rückzüge in Raten, bis derjenige einfach nicht mehr da ist. Früher einmal engagiert, fehlt er immer häufiger, zieht sich aus Diensten zurück und baut immer mehr die Brücken zur Gemeinde ab. Konkrete Anlässe wie ein offener Streit, Lehrfragen usw. fehlen hier zumeist. Es ist ein Rückzug, der mit geistlicher Leere, nicht mehr können, zumeist aber mit Zeitproblemen begründet wird. Da keiner unersetzlich ist, wird die Lücke schnell durch andere gefüllt und der andere fühlt sich noch weniger wohl und dieser Prozesse der Distanzierung beschleunigt sich. Mir ist bei solchen Gemeinden aufgefallen, dass ein enormer Durchsatz von Personen, Familien usw. erfolgt. Wären diese einmal in dieser Gemeinde beheimaten Menschen noch da, wären diese Gemeinden ein vielfaches größer. So verbleibt aber ein harter Kern aus Personen, die schon immer da waren und die, die Gemeinde ausmachen. Alle anderen sind mehr oder weniger auf der Durchreise.



Gemeindehierarchie

Bedingt durch den häufigen Wechsel, den Austritten aus der Gemeinde ist das Vertrauen der Kernmannschaft in neue Gemeindeglieder sehr gering. Man hat Sorge, dass Neue zu starke Veränderungen bewirken, nach ersten Einsätzen gleich wieder gehen und dabei vielleicht andere noch mitziehen. Man misstraut also und versucht jene zu erproben und zu testen (was im allgemeinen gar nicht schlecht ist). Dessen mag sich der Neue noch gar nicht bewusst sein und hat vielleicht schon alle Negativkriterien erfüllt, derweilen er noch immer meint, für Gott in dieser Gemeinde zu arbeiten und seine Gaben einsetzen zu können. Damit das Ausgrenzen und Zurücksetzen nicht zu hart erscheint, wird dies häufig mit Brüderkreisen, Ältestenkreisen usw., die über Dienste entscheiden begründet.

Da das Argument der Erprobung auch für Neue überaus verständlich ist, wird es auch anfänglich nicht kritisiert. Das Problem fällt hier erst dann ins Gewicht, wenn Einzelne mühelos zu Diensten berufen werden, obgleich kaum in der Gemeinde, die anderen noch nach Jahren verschlossen sind. Auch dies führt wiederum zu Verbitterung, Rückzügen, innerer und äußerer Emigration. Man stellt sich in Frage, vergleicht sich mit dem anderen Bruder/Schwester, prüft sein Verhalten, sein Auftreten und weiß aber dennoch nicht genau warum. Letztlich merkt man, dass es da eine Trennlinie gibt, die die Gemeindeglieder in einen inneren Zirkel und einem Randbereich der geduldeten Gäste trennt. Man erkennt, dass ohne Eintritt in den inneren Zirkel letztlich kein Dienst erfolgen kann (außer den halt üblichen Putzdiensten usw.). Dieses Problem der inneren und äußeren Gemeinde ist sehr verbreitet und hat natürlich nicht nur die inneren Verletzungen als Ursache. Dennoch tritt es fast wie eine doppelseitige Münze untrennbar dazu auf.



Du sollst

Diese Aufforderung ist ein weiteres Hauptmerkmal in jenen Gemeinden. Du sollst die Versammlung nicht verlassen (Hebr. 10,25) und daher natürlich Sonntags zur Gemeinde, abends zur Gebetsstunde, Mittwoch zum Hauskreis, Donnerstag zur Bibelstunde, Freitags zum Gebetskreis und auch am Samstag am Straßeneinsatz nicht fehlen. Dazu kommen noch Mitarbeiterstunden, Schulungen .... Dann solltest du die richtige Kleidung tragen, die richtige Musik hören, die richtigen Bücher lesen, keine Süchte frönen, deinen 10. geben (natürlich vom brutto). Damit in solchen Gemeinden alles gut funktioniert, werden zunehmen Regeln, Ordnungen, Vorgaben erstellt, feste Pläne für die Kinderstunden, Jugendstunden, Bibelstunden. Auch die Predigten müssen schön ausgewogen sein (viel AT). Wehe aber, wenn man solches gesetzlich nennt. Man tut doch alles zur Ehre Gottes und dieser ist nun mal ein Gott der Ordnung.

Innerliche Ursache für diese "du sollst"-Haltung ist aber das Problem der Motivation. Verletzungen erzeugen Bitterkeit, Lieblosigkeit, Härte und Gefühlskälte. Wenn diese Dinge vorliegen, fehlt die Liebe. Da das persönliche Christenleben als auch das Gemeindeleben nicht ohne Liebe (Liebe zu Christus, Liebe zum Wort und Liebe zum Nächsten) funktioniert, geht mit der Zeit die Motivation zur Gemeinde, zur Gebetsstunde usw. zu gehen dahin. Dies gilt ganz besonders für die Kinder der Personen des inneren Zirkels. Also versucht man über Vorgaben, Festlegungen usw. die Teilnahme jener an den wichtigen Veranstaltungen zu sichern. Würde man die Teilnahme völlig freistellen, so hat man erkannt, bleiben jene vollständig weg. Durch das "du sollst" stellt man einen Regelkatalog auf, der zudem den wahren Christen der Gemeinde von den fleischlichen trennt. Durch dieses Regelungen, die meist gar nicht schriftlich fixiert sind, wird ein Forderungskatalog aufgestellt, dem sich jeder Neue zu unterwerfen hat. Der innere Zirkel bestärkt sich in der "Reinheit" durch Halten dieser Regeln, der Hinzugekommene wird an diesen Regeln gemessen und erst dann, wenn er sich genau so verhält, in den inneren Kreis aufgenommen.

Ich habe in diesen Punkten deutlich überzeichnet. Ich kenne keine Gemeinde, die komplett so extrem ist. Ich will sie auch nicht kennen und hoffe, dass sonst auch keiner solche Gemeinden nennen kann. Es genügt aber auch schon eine homöopathische Verdünnung dieser vielen Punkte, um einem den Gemeindebesuch, die Liebe zur Gemeinde Jesu deutlich zu vergällen. Auch liegt das Problem vielfach darin, dass jeder dieser einzelnen Punkte häufig gar nicht so schlecht ist. Es gibt für viele Dinge gute und sinnvolle Begründungen und Erklärungen. Aber es ist wie ein Cocktail aus vielen Giften. Einzelne, stark verdünnte Gifte sind Arzneien, aber in Wechselwirkung mit anderen Giften und in höherer Konzentration sind sie tödlich. Jene Gemeinden werden zur Perversion des Plans Gottes. Statt Gemeinde und Heimstätte für die Gläubigen zu sein, wird es ein Gefängnis. Statt Freude und Entfaltung kommen Bitterkeit und Verletzung.

Ich kenne nicht wenige Menschen, die sich daher überhaupt nicht mehr in Gemeinden hinein begeben. Es gibt viele, die sich geistlich missbraucht fühlen. Nicht wenige haben diese falschen Strukturen und Organisationen mit Christus gleich gesetzt und einen totalen Bruch mit ihrem Glauben vollzogen und die Gemeinde völlig verlassen. Andere sind haltlos, können sich nicht mehr in Gemeinden einbinden. Unverkennbar ist für mich der aktuelle Trend hin zu kleinen Hausgemeinden und Hauskreisen, die sich keiner Gemeinde oder sonst welcher Organisation mehr anschließen. Dieser hat natürlich mit vielen Irrungen und Irrlehren in Gemeinden zu tun. Hintergründig spielen aber die oben genannten Punkte eine sehr gewichtige Rolle.

Ich will aber nicht hier stehen bleiben. Ich bin überzeugt, dass vieles, was heute falsch läuft, mit falscher Lehre und Belehrung zu tun hat. Es gibt nicht die gute oder schlechte Gemeinde schlechthin, sondern es gibt gut und schlecht belehrte Gemeinden, die aufgrund dieser Irrtümer in diesen Mangelzustand gekommen sind. Es geht aber auch darum, nicht nur Lehre zu haben, sondern diese auch im Leben umzusetzen und auszuleben.

Das Problem des Vergebens

Wie oben gezeigt, liegt ein wesentlicher Grund für die genannten Missstände im Umgang bei Verletzung zu finden. Verletzungen werden verschwiegen, still erduldet und nicht ausgeräumt. Solch ein Verhalten wird als das biblische Vergeben bezeichnet und die Gemeinde auch entsprechend belehrt. Die zentrale Stelle im NT, die sich mit dem Problem der Sünde unter Geschwistern beschäftigt zeigt aber ein anderes Bild:

Mt 18,15 Wenn aber dein Bruder an dir gesündigt hat, so gehe hin und weise ihn zurecht unter vier Augen. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.

Mt 18,16 Hört er aber nicht, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit jede Sache auf der Aussage von zwei oder drei Zeugen beruhe.

Mt 18,17 Hört er aber diese nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er aber auch die Gemeinde nicht, so gelte er dir wie ein Heide und Zöllner.

In diesem Text ist ein Grundmuster für den Umgang mit Problemen in der Gemeinde niedergelegt. Man kann es wie folgt zusammenfassen:

wenn jemand sich an jemanden versündigt, geht jener hin zu dem Verursacher, persönlich und allein, und räumt die Sache aus, versucht eine Klärung herbeizuführen. Gelingt dies, vertieft es die Beziehung der Geschwister (zumeist)

ist das persönliche Gespräch erfolglos, erfolgt ein 2. Gespräch mit Zeugen (1 oder 2, keine 10)

ist auch das ohne Erfolg, wird die Sache vor die Gemeinde (keinem Ausschuss) gebracht und dort geklärt

ist auch hier keine Klärung möglich, wird jener ausgeschlossen, wie die Zöllner oder Heiden aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen waren


Häufig wird eingewandt, dass dieses Schema doch nur bei groben Sünden gilt wie Ehebruch, Missbrauch, Veruntreuung usw. Tatsächlich handelt es sich aber um ein Versündigen eines Bruders gegen dem Anderen. Es geht nicht um Sünden, die einer gegenüber Dritten, Unbeteiligten oder gar außerhalb der Gemeinde Stehenden tut. Es geht um Sünde und die beginnt bereits im Kleinen. Es gibt daher im Prinzip keinen Schwellenwert, unter dem anderes gilt. Jedes Problem, was der andere als versündigen auffassen kann, ist hier gemeint. Viele fürchten diese Regelung anzuwenden, weil sie denken, es käme eine unkontrollierbare Flut an Zwist und Klärungsbedarf. Betrachtet man diese Anweisung des Herrn genauer, liegt doch das Hauptaugenmerk darauf, dass in der 1. Stufe im direkten, persönlichen Gespräch alles ausgeräumt wird. Es wird ja sogar der Segen, das Gewinnen eines Bruders, hierbei betont. Gerade das erste, klärende Gespräch ist das, was in den Gemeinden heute so schmerzlich fehlt. Auch aus diesem Grund gewinnen sich die Brüder/Schwestern auch nicht, da ohne diese klärenden Gespräche eben keine Beziehung erwachsen kann.

Es ist also unbiblisch und führt zu falschem Verhalten, wenn über Fehler nicht gesprochen wird, wenn diese nicht ausgeräumt werden in der Gemeinde. Es geht auch um das Wesen der Sünde. Sünde wirkt in mehreren Richtungen:


Sünde macht uns schuldig vor Gott => Verstoß gegen seine Gebote, gegen seinen Willen

Sünde macht uns schuldig gegenüber meinem Nächsten => zerstört die Beziehung, das Miteinander

Sünde gibt dem Satan Raum


Wenn jemand gegen mich gesündigt hat (absichtlich oder unabsichtlich), dann hat dieser Mensch einen Fehler begangen, der ihn vor Gott schuldig machte, gegen mich schuldig machte und wo der Satan Ansatzpunkte gewinnt. Wenn ich also hingehe und nur für mich innerlich sage, ich vergebe jenem, so löst das keines der 2 anderen Punkte. Auch wird durch dieses Vergeben meinerseits noch nicht die zerbrochene Beziehung heil. Es geht Vertrauen zu Bruch, welches sich nicht immer wieder von selbst bildet. Wenn ich beispielsweise jemanden ein seelsorgerliches Problem anvertraue, er mein Vertrauen missbraucht und damit hausieren geht, dann kann ich ihm diesen Fehler vielleicht verzeihen. Ich werde ihm aber künftig nichts mehr anvertrauen, die Beziehung ist damit schon verändert. Es genügt also dieses übliche innere Vergeben nicht, das Problem, welches durch Sünde entsteht, zu beseitigen.



Ich kann daher nur folgendes Anraten:

Wenn jemand verletzt wurde durch einen Bruder/Schwester der Gemeinde, so hat er die Pflicht, diese Sache auszuräumen. Natürlich ist es schön, wenn der Verletzer merkt, was er getan hat und sich entschuldigt. Hier darf die Vergebung niemals verweigert werden (7x70). Doch meist merkt es der andere nicht. Dann muss zum anderen gegangen werden, nicht zu einem Seelsorger in der Gemeinde, nicht zu einem Ältesten, nicht zu einem Anderen, dann muss zu dem Verursacher gegangen werden. Dieser Vorgang ist daher noch völlig intern, nur zwischen den Betroffenen. Finden beide eine Klärung, ist weder ein Gerücht noch etwas anderes verbreitet worden. Vielmehr haben sich durch die Klärung Beziehungen gebildet. In solchen Gesprächen erfährt man viel über einen anderen, vielleicht über dessen eigenen schlechten Lebenserfahrungen, Vergangenheit, die vielfach für manch schroffes Verhalten ursächlich sind. Erst, wenn dieses Gespräch nichts bringt, wenn keine Klärung möglich ist, kann die nächste Ebene beschritten werden. Vielleicht sieht der eine die Sache nach dem Gespräch zwar nicht als geklärt an, räumt aber der Sache nicht zu großen Rang ein und belässt die Sache.

In der nächsten Ebene sind Zeugen gefragt. Zeugen sind keine Streitschlichter, keine Rechthaber und keine Sympathisanten. Zeugen sind dazu da, die Sachen anzuhören und sich ein Bild zu machen. Ziel dieses Gesprächs mit Zeugen ist es noch immer, eine Klärung zu erreichen. Die Akteure sind aber noch immer die Betroffenen. Gelingt keine Klärung auf dieser Stufe, ist es Sache des Betroffenen (gegen den gesündigt wurde), nicht die der Zeugen oder des Verursachers, die Angelegenheit vor die Gemeinde zu bringen.

Die Gemeinde ist die letzte Instanz. Hier müssen die Punkte vorgetragen und erläutert werden. Es geht hier also um ein öffentliches und transparentes Verfahren. Sollte auch hier keine Klärung erfolgen, ist der Verursacher auszuschließen aus der Gemeinde. Es geht nicht um Rückstufungen, Wegnahme von Diensten oder Absetzung von Ältesten. Es geht um Bleiben oder Gehen.



Wichtig ist mir hier auch zu betonen, dass dieses Schema auch gegenüber Ältesten gilt. Es gibt hier keine Ausnahme. Selbst die Stelle aus 1. Tim. 5,19 mit den Zeugen ist hier ohne Belang, da die Zeugen in der 2. Stufen bereits eingeschaltet sind.


Abschluss


Dieser kurze Aufsatz kann nur einen Abriss, einen Denkanstoss für dieses Thema sein. Wie oben ergänzt, sind hier viele Dinge überzeichnet und viel krasser als oft tatsächlich vorhanden dargestellt. Es geht mir auch nicht darum, irgend welche Personen in den Gemeinden nun vor ein Tribunal stellen zu lassen oder einfach umzukrempeln, was da ist. Es geht mir darum, dass die vielen Kleinen in den Gemeinden wieder aufleben, wieder Raum zur Entfaltung und zum Wachsen in der Gemeinde erhalten. (man lese hier den Kontext der Stelle aus Mt. 18 genauer) Es geht mir um das Wachstum in der Gemeinde und da sehe ich in den vorgenannten Punkten absoluten Klärungsbedarf.




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