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Der Priester, der Yogi wurde und heiratete


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Rolf

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Erstes Gebot




Der Priester, der Yogi wurde und heiratete




"Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir", so lautet das Erste Gebot. Wie gehen Menschen heute damit um? Drei Beispiele: Romanie Kotulla tritt einem Schweigeorden bei. Ursula Richard findet den Buddhismus wohltuend. Anthony Lobo verzichtet auf den Segen der Kirche.

Man mag es dieser Frau kaum zutrauen. Ehrliche, scheue Augen hinter einer etwas zu großen Brille. Die Fassung umrahmt das Wechselspiel von Kummer, Bangen und Glück, als stünde zu befürchten, der Widerschein der Gefühle könnte überschwappen und vom ganzen Raum Besitz ergreifen. Die Empfindungen liegen so nahe beieinander, wenn sich Schwester Maria Mechtild an den Winter vor 51 Jahren erinnert. Damals, als sie alle Vorbehalte fallen lassen, einmal wirklich verwegen sein musste. Sie hatte gefühlt, dass sogar Täuschung erlaubt sein würde, weil Er es so wollte. Du bist der Herr, mein Gott. Wenn nur die List zu Dir führt, kann sie nicht Sünde sein.

Die List von Pfarrer Anthony Lobo führte auf andere Wege, jedenfalls in den Augen seines Bischofs. Deshalb nahm er das Rad, wenn er in die indische Millionenstadt Poona hinausfuhr. Nur auf dem Fahrrad war es gestattet, den Talar hochzukrempeln, so wurde er nicht als Kirchenmann erkannt. Erst bei seinem Meister legte er das Priestergewand ab. Im Kopfstand, die Beine zur Lotushaltung verschränkt, hätte der Katholik leicht hinaufschauen können zum Himmel, zu dem Gott, der sein einziger Herr sein sollte. Er tat es nicht. Beim Yoga suchte er die Leere, in der jedes Bild im Nichts aufgeht. „Es gibt keine Gotteserfahrung beim Yoga“, sagt Lobo. „Aber wie im Wald, wenn die Wolken sich verziehen und der Blick frei ist, fühlt man, dass da ein Wesen ist, das unsere Kräfte übersteigt.“

Auf Schwester Mechtilds Gesicht liegt die Sorge wie ein Schleier, wenn sie an die Irrungen der Menschen denkt. So viele Wegkreuzungen, die fortführen können von dieser einzigen Wahrheit. Sie selbst kannte nur ein Ziel, als sie im März 1956 nach Berlin aufbrach. Romanie Kotulla war der Name in ihren Papieren, geboren 1932 in Dresden, Biologiestudentin in Jena. Das Diplom stand kurz bevor. Doch dies sollte der Frühling eines neuen Lebens werden. Auch draußen kündigte sich der Lenz an, endlich, nach einem viel zu kalten Winter, der die Kohlevorräte hatte schmelzen lassen. In Berlin waren Oberleitungen der Straßenbahnen geborsten wie Strohhalme. Romanie aber hatte andere Sorgen. Verschlüsselte Botschaften über die deutsch-deutsche Grenze, Unterlagen, die zu besorgen waren, der heimliche Auszug aus ihrem Jenaer Studentenzimmer. Dann die lange Fahrt im Nachtzug. Als der Transportpolizist sie anherrschte, was sie in Berlin vorhabe, log sie, sie wolle die aus Moskau und Kiew zurückgekehrten Gemälde in der Alten Nationalgalerie ansehen.

Noch heute, mit 75 Jahren, ringt Schwester Mechtild die Hände bei der Erinnerung an ihre Flucht aus der DDR ins Haus der rosa Schwestern in Charlottenburg. „Wenn ich daran denke“, sagt sie kopfschüttelnd. Von der Friedrichstraße aus nahm die 23-Jährige die S-Bahn zur Heerstraße, lief die wenigen Meter zur Kapelle Sankt Gabriel. Als sich die Klosterpforte hinter ihr schloss, umfing sie die Stille des Schweigeordens. Für immer.

Wegen der Yogaübungen beim Bischof angeschwärzt

Es war ein österreichischer Jesuitenpater, der im Inder Anthony Lobo das Feuer für den Yogaweg entfacht hatte. Lobo, damals Theologiestudent in Frankfurt, traf ihn bei einer Romreise auf dem Petersplatz. Die Kirche könne davon profitieren, glaubte der Pater, stand damit aber im Klerus ziemlich allein. Als Lobo, nach der Priesterweihe wieder in seiner Heimat, wegen der Yogaübungen beim Bischof angeschwärzt wurde, war dessen Weisung eindeutig: „,Stop that nonsense’, ‚Hör auf mit diesem Unsinn’, sagte er zu mir“, erinnert sich Lobo und verzieht das Gesicht mit dem schmalen Kinnbart zum breiten Lächeln. Gehorcht hat er nicht. Stattdessen begeisterte er seinen Yogameister, als dieser sich auf eine Europareise vorbereitete, für einen Besuch im Vatikan. Dem Bischof rang er einen Begleitbrief ab. „Als Fotos der Audienz veröffentlicht wurden, war meine Strategie aufgegangen“, freut sich Lobo noch heute über den Kunstgriff. „Der Yogi beim Papst. Jetzt konnte mich keiner mehr kritisieren.“

Schwester Mechtild zweifelt nicht, wer ihre Schritte leitete bei der Flucht in den Westen. Er habe sie bereits geführt, als sie 1952 beim Katholikentag in Berlin eher zufällig in die Kapelle Sankt Gabriel getreten war. Der Anblick der Schwestern in den rosafarbenen Gewändern hatte die Tochter aus religiösem Hause, die unter den Schikanen des DDR-Regimes litt, tief beeindruckt. In stumme Gebete vertieft, knien die Dienerinnen des Heiligen Geistes zur ewigen Anbetung vor dem Altar, 24 Stunden am Tag. Halbstündlich, nachts stündlich, ist Ablösung. Gesprochen wird nur abends eine Stunde und an hohen Feiertagen. Mit ihren seltenen Besuchern sprechen die Schwestern im Empfangszimmer durch ein hölzernes Gitter hindurch.

Als sie die Berufung durch Gott vernahm, war diese eindeutig

1952 wollte Romanie noch nicht ins Kloster eintreten. „Aber ich habe schon überlegt, wenn ich überhaupt jemals diesen Schritt gehen würde, dann nur in einen Anbetungsorden“, sagt sie. Wieder in Jena, zögerte die Studentin auf dem Weg ins Seminar jedes Mal bei einer Kirche. „Ich dachte immer, jetzt müsste ich niederknien und beten“, sagt Schwester Mechtild. Als sie die Berufung durch Gott vernahm, war diese so eindeutig, dass es keiner weiteren Gewissensprüfung bedurfte. Darüber reden will Schwester Mechtild nicht. „Es war ein Ereignis zwischen mir und Gott“, sagt sie einfach. Und dann sagt sie noch: „Wenn mir die Kirche die Heimat ist, dann brauche ich kein Yoga und keinen Buddhismus.“

"Es ist nicht nötig, so klare Linien zu ziehen“, meint dagegen Anthony Lobo. „Das Leben ist anders. Und Gott schreibt auch mit krummen Linien gerade.“ Seit 2001 lebt der Inder in Berlin. Noch in Poona, mit 67 Jahren, hatte er die Deutsche Marina Alvisi kennen gelernt. Ein Jahr später heirateten sie – ohne den Segen der Kirche. Trotzdem hatten beide das Gefühl, es sei Gottes Wille. „Aus irgendeinem Grund ist unser Weg so einer“, sagt Lobo, der sich und seiner Frau selbst das Sakrament der Ehe verlieh. Es war seine letzte Amtshandlung, ehe die Druckwellen des Skandals sie aus dem Land und nach Berlin spülten.
Hier trifft der Yogi mit christlichen Wurzeln auf großes Interesse. Geschätzte fünf Millionen Deutsche praktizieren Yoga. Wie viele es in Berlin sind, weiß niemand genau, doch die Hauptstadt gilt als eines der Zentren in der Republik. Auch zu den Buddhisten gibt es keine genauen Statistiken. Auf etwa 20.000 schätzt man beim Regionalen Arbeitskreis Buddhistischer Zentren und Gruppen (BUBB) ihre Zahl in Berlin. Die Angaben des Statistischen Landesamtes liegen unter den BUBB-Schätzungen, sind aber ebenso ungesichert.

Tabulos werden verschiedenste Traditionen und Überzeugungen kombiniert

Jeder siebte Deutsche, so das Ergebnis einer Umfrage der Identity Foundation vom März 2006, ist ein „spiritueller Sinnsucher“. 17,4 Prozent messen spirituellen und religiösen Fragen eine große bis sehr große Bedeutung bei. Die großen Kirchen profitieren davon kaum: Etwa ein Drittel der Deutschen könne als „religiös kreativ“ bezeichnet werden, so die Studie. „Einst lieferte die Kirche ein Weltbild aus einem Guss“, sagt der Düsseldorfer Bildungsforscher Heiner Barz, der mit Studien zu Jugend und Religion den Begriff der Patchwork-Religion im deutschsprachigen Raum etablierte. „Heute dagegen gibt es den Anspruch, autonom und selbstbestimmt zu sein.“ Tabulos würden verschiedenste Traditionen, Techniken und Überzeugungen kombiniert. Der Berliner Religionssoziologe Hubert Knoblauch spricht von einer „populären Religion“, die durch moderne Medien ebenso wie durch Marktmechanismen geprägt werde.

"Im Buddhismus muss man erst mal gar nichts glauben“

Ursula Richard kennt diesen Markt. 1955 im Bergischen Land geboren, hatte die kleine Ursula noch fest auf Gott als gute und kontrollierende Kraft vertraut. Zeitweise wollte sie ins Kloster zu gehen oder wenigstens Messdienerin werden. In der Pubertät wuchs das politische Bewusstsein – und der religiöse Zweifel. „Ich war auf dem Stand des Kinderglaubens stehen geblieben, und der passte mit der Realität nicht mehr zusammen“, sagt Richard. In Sri Lanka machte sie erste Erfahrungen mit Meditation. In ihrem kleinen Kreuzberger Büro liegen Sitzmatten aus, Kissen lehnen vor einem buddhistischen Miniatur-Altar.
„Das Christentum ist mit Glaube und Dogmen verbunden, im Buddhismus, das fand ich so wohltuend, muss man erst mal gar nichts glauben“, sagt Richard. Seit vielen Jahren ist die Verlagsagentin auf spirituelle Literatur spezialisiert. Am besten verkaufe sich Esoterik: „Engelsbücher, Orakel und so etwas gehen irre gut“, sagt Richard. Titel, die in der seriösen Szene eher als geistige Wellness gelten. Anspielungen auf höhere Mächte, die die Welt erklärten, ohne dass man selbst etwas tun müsse. Jamie Oliver für die metaphysische Wohlfühl-Küche.

Richard bevorzugt Texte von Grenzgängern, wie sie selbst einer ist, Suchende zwischen den Weltreligionen. Bücher wie die von Willigis Jäger, für die sie schon mal ein Vorwort schreibt. Als Benediktinerpater von der Kirche nicht mehr wohl gelitten, gründete der profunde Kenner der christlich-mystischen Literatur und praktizierende Zen-Meister 1983 bei Würzburg ein spirituelles Zentrum, wo sich östliche und westliche Weisheit begegnen. In einem Friedenauer Zendo bieten seine Schüler Anleitung zur Kontemplation. Unter den Besuchern ist auch Ursula Richard.

Zu einem Vortrag Jägers Anfang November kamen rund 900 Zuhörer in die Urania. Religion, sagt Jäger, müsse sich wandeln, weil das 21. Jahrhundert eine zeitgemäße globale Spiritualität erfordere. Seine Kirchenoberen aber warfen ihm vor, Glaubenswahrheiten der persönlichen Erfahrung unterzuordnen. Verbindlichkeit spiele in der Religion eine große Rolle, stellt Stefan Förner, Sprecher des Erzbistums Berlin, klar. „Das ist nicht die Qualität der katholischen Kirche, zu sagen, das könnt ihr so oder so sehen.“ Wer dazugehören wolle, könne sich nicht Teile des Glaubens heraussuchen. „Es gibt immer Bereiche und Aussagen, die einem in einer speziellen Lebensphase unzugänglich sind“, stimmt sein Kollege von der Evangelischen Landeskirche, Markus Bräuer, zu.

Die „Kapelle der Religionen“ vereint Insignien aller fünf Weltreligionen

Für Rainer Kampling, Theologe an der FU Berlin, hat die „Religion der Bindungslosigkeit“ viel mit „Lebensdesign“ zu tun. Ja, es gehe um eine Lebenshaltung, sagt Sumeya Hammami. „Das Ausleben von Religion ist immer individuell. Entscheidend aber ist, dass ich meinen Weg ernsthaft gehe.“ Sumeya hat als Ort für ein Gespräch das Kloster Meister Eckhart in Schöneberg gewählt. Die „Kapelle der Religionen“ vereint Insignien aller fünf Weltreligionen, hier treffen sich Juden mit Moslems, Christen mit Buddhisten. Kontemplation trennt nicht nach den Bildern, die man hinter sich lässt. Im Klostercafé lädt das Popduo Sumeya zur Konzertreihe „Klangteppich“ mit spiritueller und profaner Weltmusik. Für die moslemische Mezzosopranistin, die sich zur islamischen Mystik, dem Sufismus, bekennt, ist die Tonkunst der Schmierstoff ihrer religiösen Praxis. „Der spirituelle Weg muss zum Naturell passen“, sagt die 35-Jährige und schwingt die schmalen Hände zu großer Geste. Die mandelförmigen Augen in dem ovalen Gesicht sprühen Funken. „Auf dem Sufi-Weg beginnt Meditation mit Musik und Bewegung“, sagt Sumeya. Rhythmische Versenkung, Drehtänze wie die der Derwische münden in die Stille innerer Einkehr.

Gesungen hatte die weltoffen sunnitisch erzogene Tochter syrischer Eltern schon mit dem Vater, meist arabische Volkslieder. Ihre erste Mädchenband im Saarland spielte Jazz, Rock und Punk. Während ihres Gesangsstudiums begannen sie andere Wirkungsebenen von Musik zu interessieren. In Indien lernte sie, wie klassische Raga-Musik mal aktivierend, mal entspannend auf den Körper wirkt. Beim Rezitieren indischer Mantren erlebte sie die Stimme als Wegbereiter für transzendente Momente. In Berlin, ihrer neuen Wahlheimat, suchte sie Anfang der 90er-Jahre Kontakt zu Sufis. „Dort kann ich alles verbinden, was ich bei meinen Ausflügen in andere Lehren gefunden habe“, sagt sie. Auch im Alltag: „Der Sonnengruß des Yoga ersetzt morgens den Kaffee.“

Anthony Lobo beginnt den Tag mit Atemübungen. Abwechselnd Atmen durch ein Nasenloch, Ein- und Ausatmen mit verschiedenen Muskeln. Er liest in der Bibel, auch gebetet wird viel in der Schöneberger Wohnung. „Ob im christlichen Sinne, weiß ich nicht“, sagt Lobo. Du bist der Herr, mein Gott, der mir dort begegnet, wo ich nicht suche. Lobo war 44 und weilte in Bombay, als ihn plötzlich eine Gotteserfahrung durchfuhr und eine halbe Stunde lang leise und glücklich weinen ließ. Hinter verschlossener Tür, denn er war gerade mit der Verrichtung höchst profaner Geschäfte an stillem Örtchen befasst. „Die Christen sagen, der Weg zu Gott ist Christus“, sagt Lobo. „Die Hindus sagen, alle Wege führen zu Gott. Herr Lobo sagt, kein Weg führt zu Gott. Er kommt zu uns.“

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