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Geläster und Tratsch hinterlassen tiefe Wunden


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Rolf

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Achtes Gebot




Geläster und Tratsch hinterlassen tiefe Wunden



Es steht nicht gut um das achte Gebot: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten". In Schulen, Büros und der Politik wird gelästert und getratscht. Jede Menge "falsche Zeugnisse" werden täglich abgelegt. Mit bösen Folgen. Ein Blick in die Seele von Geschädigten und Tätern.


Julias persönliche Hölle beginnt jeden Morgen um kurz vor acht. An guten Tagen schafft sie es, zusammen mit dem Lehrer in die Klasse zu kommen. Dann sind da nur die schiefen Blicke. An schlechten Tagen ist sie eine Spur zu früh dran; dann sitzt sie für ein paar Minuten in der Klasse, guckt starr auf ihren Tisch und versucht, nichts mitzubekommen: nicht das Getuschel hinter sich, nicht die verächtlichen Gesten. Nicht, wie neulich, den Zettel, der auf ihren Tisch flog. Den sie später heimlich aufgesammelt hat. Auf dem stand: "Wir wissen alles über dich."

"Es war schon bedrohlich", sagt Julia. Sie sitzt in der winzigen Küche ihrer Weddinger Wohnung, die Beine ineinander geschlungen, versucht ein Lächeln. Es verrutscht ihr. Was es über Julia (20) zu wissen gibt: dass sie vor gut anderthalb Jahren nach Berlin kam, um ihre Ausbildung anzufangen. Dass sie meist zu Hause ist, allein. Dass sie oft nicht schlafen kann und ihre Eltern immer seltener anruft, aus Sorge, dann "aufzugeben", sagt sie: sofort zu ihnen, zurück in ihre Heimatstadt zu wollen. Es gibt also nicht viel, nichts Ungewöhnliches, nichts Anstößiges. Das weiß Julia selbst, und trotzdem hat sie Angst. Denn aus dem "nicht viel" haben ihre Mitschüler auf der Berufsschule bisher jede Menge gemacht.
Jede Menge Gesprächsstoff und Gerüchte. Jede Menge "falsche Zeugnisse", die Julia immer einsamer, unsicherer, krank werden ließen. Die sie ständig grübeln lassen, was sie falsch gemacht hat.

Nur selten geht es um die Wahrheit

Zumindest ein Teil der Antwort ist: Es steht nicht gut um das achte Gebot. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten, mahnt es - aber wo Menschen zusammenkommen, geschieht genau das, überall, ständig, in der Schule, bei der Arbeit, sogar in der Familie: Es wird geredet, gelästert, getratscht. Und selten geht es dabei strikt um die Wahrheit. Lügenforscher sagen, das sei unvermeidbar. Das Schwindeln sei in kleinen Dosen sogar gesund und erleichtere das menschliche Zusammenleben. Aber es gibt eine Grenze, und die markiert das Gebot. Sie liegt genau dort, wo das Lügen sich gegen andere richtet. Wo "böse Mäuler" und "falsche Zungen" sich, wie Martin Luther es formulierte, anschicken, den guten Ruf anderer anzugreifen. Wo, wie man es heute nennt, Mobbing beginnt.

Das lässt sich, wie in Julias Klasse, schon in den Schulen beobachten. Nahezu jeder dritte Berliner Schüler fühlt sich heute von Mobbing betroffen, ergab eine Studie des Robert-Koch-Instituts. Und als die Friedrich-Ebert-Stiftung und das Landesinstitut für Schule und Medien vor drei Jahren zu einem ersten Anti-Mobbing-Tag aufriefen, gingen so viele Anmeldungen ein, dass gleich mehrere Tagungen organisiert werden mussten. Inzwischen gibt es in jedem Berliner Bezirk Mediatoren, die helfen sollen - bei den alltäglichen Schikanen, bei "kleiner" Gewalt, die, selbst wenn sie verbal bleibt, tiefe Wunden hinterlassen kann.

Zermürbende Selbstzweifel

Julia hat keine Hilfe gesucht. Und es bringt sie auch nicht weiter, sagt sie, einen Begriff für das zu haben, was ihr geschieht, zu wissen, dass es nicht nur ihr geschieht. "Ich denke einfach immer wieder: Vielleicht hat es doch etwas mit mir zu tun." Irgendwann sprachen die anderen nicht mehr mit ihr, nur noch über sie. "Ich war wohl nicht cool genug", sagt sie. Vielleicht ihre Kleidung, vielleicht der leicht thüringische Akzent. Irgendwann bekam sie mit, dass die anderen sich erzählten, sie lebe in einer Sekte. Irgendwann wurde ihr anonym ein Foto gemailt, auf dem sie gerade aus der U-Bahn kam. Irgendwann beäugten sie auch die Lehrer misstrauisch. So nervös, so abgespannt, wie sie wirkt. So oft, wie sie fehlt, weil sie manchmal einfach nicht mehr kann. "Ich versuche inzwischen nicht mehr, mich zu wehren. Wie denn?", sagt Julia.

Das Problem: Gerüchte entwickeln ihre eigene Dynamik, manipulieren. Sozialwissenschaftler können ihnen zwar auch etwas Gutes abgewinnen: Gerüchte üben eine gewisse soziale Kontrolle aus, stärken die Gruppe, die Gemeinschaft. Aber oft genug dienen sie dazu, Menschen aus dieser Gemeinschaft auszuschließen. Ob sie dabei tatsächlich den viel beschworenen "wahren Kern" haben, ist gar nicht so wesentlich. Erst vor Kurzem stellten Forscher aus Deutschland und Österreich fest: Selbst wenn neutrale und objektive Informationen zur Verfügung stehen, lassen sich Menschen von Klatsch, Tratsch und Gerüchten beeinflussen. Und sind die Geschichten einmal in die Welt gesetzt, lassen sie sich kaum noch stoppen, das liegt in ihrer Natur. Nicht immer ist voraussagbar, welche Richtung die "falschen Zeugnisse" nehmen. Welche, beziehungsweise wessen Absichten dahinterstecken.

Irgendwann ist es ein Selbstläufer

"Ich weiß gar nicht mehr, ob das alles so gezielt ablief. Irgendwann wurde es ein Selbstläufer", sagt Kathrin (22). Als die Studentin vor zwei Jahren Abitur machte, fehlte eine ihrer Mitschülerinnen bei den Klausuren, dem Ball, der Zeugnisvergabe. Kam einfach irgendwann nicht mehr in den Unterricht. "Wir haben uns gesagt, das ist der Stress, wegen des Abis. Aber es war schon klar, dass es nicht das war." Das Mädchen kam erst nach der 10. Klasse auf die Schule, zurückhaltend, still sei sie gewesen, erinnert sich Kathrin. Ein paar Jungen begannen mit Hänseleien. Sie wehrte sich nicht. Dann die Mädchen. Auch Kathrin.
"Jeder hatte auf einmal irgendwas gesehen, erfahren über sie. Und man stand bei den anderen gut da, wenn man etwas beitragen konnte. Da wurde viel übertrieben. Gelogen. Es reichte ja, wenn einer sagte, ich hab das und das gesehen, und ein anderer das bestätigte." Warum Kathrin mitgemacht hat? Sie habe, sagt sie, damals nicht so ein "gutes Standing" in der Klasse gehabt. Gerade unter den Mädchen gab es viel "Gezicke", erzählt sie. Aber beim gemeinsamen Lästern, da gehörte sie auf einmal dazu. "Im Nachhinein tut mir das wahnsinnig leid. Das war grausam und kindisch."

Mobbing ist keine Frage des Alters

Aber Gerüchte zu verbreiten ist nicht wirklich kindisch, Mobbing altersunabhängig. Das musste auch Ralf Hillenberg, Bauingenieur, SPD-Abgeordneter und Vorsitzender des Petitionsausschusses im Berliner Landesparlament, erfahren.

Man muss sich den 51-jährigen Hillenberg eigentlich in seinem Wahlkreis vorstellen, in einem Einkaufszentrum oder auf der Straße, immer im Gespräch. Nah am Bürger, so würde er selbst es vielleicht ausdrücken. Mit einem offenen Lächeln oder ernster Zuhörermiene, je nachdem. Und ernst nimmt Hillenberg alles: Kleingärtnersorgen, Kühlschränke für Hartz-IV-Empfänger, Grabgestaltung. Kleine Entgleisungen des "Berliner Amtsschimmels". Das ist sein Job als Vorsitzender des Petitionsausschusses. Aber irgendwie ist es für ihn auch mehr als ein Job.

Und ausgerechnet so einer wie Hillenberg ist zwischen die gar nicht so eindeutigen Fronten einer Mobbingaffäre geraten, in der bisher jede Menge geredet, aber längst nicht alles geklärt wurde. Die für erhebliche Anspannung zwischen Senat und Abgeordnetenhaus gesorgt hat, gelegentlich im Eklat zu enden schien und Finanzsenator Thilo Sarrazin fast eine Rüge einbrachte. Eine Affäre, die sich nicht einmal anhand einer Chronologie der Ereignisse genau nachvollziehen lässt. Hillenberg hat versucht, eine solche Chronologie aufzuschreiben, er hat jede Menge Papiere, die er vor sich stapelt, einige mit amtlichen Stempeln, alle wichtig aussehend. Er hat Beweise und Briefe, und irgendwo zwischen all den Zeilen soll die Wahrheit stecken.

Streit mit Parteifreund Sarrazin

Klar ist zumindest der Anfang des Streits: Da wandten sich Beamte des Finanzamts an den Petitionsausschuss. Behauptet wurden Diffamierungen, falsche Beurteilungen und ausbleibende Versetzungen. Es ging um Mobbing. Der Ausschuss machte sich an die Arbeit. Im vergangenen Sommer dann beschwerten sich Mitglieder des Ausschusses über Sondersteuerprüfungen, die sie ereilten. Sie vermuteten einen Zusammenhang mit ihren Ermittlungen in Sachen Mobbing. Sie argwöhnten, man wolle sie mundtot machen. Sarrazin wies das zurück.

Klar ist auch das vorläufige Ende: Statt die Sache intern zu behandeln, veröffentlichte der Finanzsenator die Steuerdaten der Mitglieder im Internet. Der Ausschuss erstattete Strafanzeige gegen ihn. Auch die Opposition geriet in Rage, Ende Oktober scheiterte ein Missbilligungsantrag gegen Sarrazin nur denkbar knapp. Allerdings stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen ihn wenig später ein. Sie sah die Vorwürfe als nicht erwiesen an.

Hillenberg möchte präzise bleiben. Das will er immer. Er nennt sich selbst einen "Gerechtigkeitsfanatiker", einen "unangepassten Genossen", der keinen Konflikt scheut. Der präzise Hillenberg also guckt kurz auf seine Unterlagen, sagt dann, manchmal sei es schwierig zu beurteilen, wer die Wahrheit sage. Ob zum Beispiel alle Mobbingvorwürfe der Beamten des Finanzamtes berechtigt gewesen seien.

Mobbing im Finanzamt

Er sagt aber auch: "Ich bin tief davon überzeugt, dass es Mobbing im Finanzamt gibt" und dass er "eine Sturmflut von Beschwerden" erwarte - wenn sich erst mal mehr Beamte trauten auszusagen. Es gebe da, sagt Hillenberg, eine befreundete "Viererbande", die entscheidende Positionen besetze und ihre eigene Vorstellung von Personalpolitik habe. Hillenberg wollte das aufklären, und deswegen ist er wütend auf den Finanzsenator. Darüber, dass der, seiner Meinung nach, Aussagen von Beamten verhindert habe. Warum aber hätte er das tun sollen?

"Also, Angst hat er nicht", meint Hillenberg, überlegt einen Moment. "Vielleicht will er als strahlender Held dastehen, mit einer Verwaltung, die unter seiner Aufsicht picobello funktioniert. Und muss dafür uns vom Petitionsausschuss als profilierungssüchtige Politiker dastehen lassen, die Dreck am Stecken haben."

Es ist nicht immer einfach, die genauen Gründe für Gerüchte, Tratsch, Verleumdungen herauszufinden. Oft lässt sich noch nicht einmal ohne Weiteres sagen, ob Gerüchte Gerüchte, Verleumdungen Verleumdungen sind. Und blitzschnell kann aus einem "Opfer" ein "Täter" werden - dann nämlich, wenn sich der Vorwurf der üblen Nachrede selbst als falsch erweist. In der ersten großen Mobbingstudie der Bundesanstalt für Arbeitsmedizin, in der als häufigste Mobbing-"Methode" das Verbreiten von "Gerüchten und Unwahrheiten" ausgemacht wurde, versuchte man eine Annäherung an die Motive und Gründe: Die meisten Befragten vermuteten, dass von ihnen geäußerte Kritik, Konkurrenz und Neid wohl dazugehörten.

Es geht ums Prinzip

In der Berliner Mobbingaffäre geht es längst nicht mehr um Sarrazins Verwaltung, um die Mobbingvorwürfe. Es geht längst auch darum, dass Hillenberg sich als Ziel von Unterstellungen sieht. Und irgendwie geht es Hillenberg wohl auch ums Prinzip. Nachdem die Sondersteuerprüfungen bekannt wurden, Sarrazin die Daten veröffentlichte, sagt Hillenberg, seien Leute auf ihn zugekommen, hätten gefragt, ob da etwas nicht stimme, bei ihm. Er hat das aufklären können. Immerhin.
Eigentlich, sagt er, seien Sarrazin und er befreundet gewesen. Früher, da wäre Sarrazin zu Hillenbergs Geburtstagsfeiern gekommen. Jetzt grüßen sich die Parteigenossen nur noch knapp. "Im Moment herrscht Funkstille", sagt Hillenberg. Ein bisschen resigniert wirkt er dabei, aber dennoch entschlossen. "Ich will ja auf keinen Fall, dass er zurücktritt. Ich finde ja, dass er als Finanzsenator ein Glücksfall für die Stadt ist. Aber das geht doch so nicht."

Der letzte Versuch, das Problem irgendwie friedlich zu lösen, eine kleine Zusammenkunft zwischen den fünf SPD-Ausschussmitgliedern und dem Senator, misslang. Es endete in Sprachlosigkeit. Sarrazin nannte Hillenberg einen Lügner, sagt der, unterstellte ihm Verfolgungswahn. Da sah Hillenberg rot. Da war er, macht es noch heute den Eindruck, richtiggehend verletzt. Es sei doch wahr, sagt Hillenberg, dass im Finanzamt Dinge gegen ihn zusammengetragen worden seien, man seine Auftritte genau beobachtete, nach einem Fehler gesucht habe. Das wisse er doch. Und dann sagt er noch: "Ich habe schon einmal in einem Staat gelebt, der meinte, Akten über mich anlegen zu müssen. Das ist eine Lebenserfahrung, die vergisst man nie."

Hillenberg wehrt sich weiter


Wie bald die Finanzamt-Senats-Mobbingaffäre vergessen sein wird, ist noch offen. Aber eines ist sicher: Hillenberg wird weiterkämpfen. Sich wehren. In der Politik wird viel geredet, die Politik ist ein vermintes Gebiet für einen "Gerechtigkeitsfanatiker", das weiß Hillenberg: "Natürlich kann man manchmal verrückt daran werden." Und natürlich spielen Gerüchte eine große Rolle bei dem Gerangel um Posten, Profile, Karrieren. Wie man sich schützt? "Ich mache meine Arbeit gut", sagt Hillenberg fest. Im Übrigen, betont er, sei ihm am wichtigsten, was sein direktes Umfeld sagt. Die Leute kennen ihn ja. Von der Straße, aus dem Einkaufszentrum. Und in der Politik gehe es ja nicht anders zu als in der Wirtschaft, in Unternehmen. Die Politik als besonderer Abgrund an Gerüchten, Intrigen, Diffamierungen - das wird man von Hillenberg nicht hören. "Am Ende", sagt Ralf Hillenberg, "sind die Menschen doch alle gleich." Und er hat nicht unrecht.
Der Managerberater Norbert Copray hat nach jahrzehntelanger Berufserfahrung eine Stiftung gegründet, "Fairnessstiftung" heißt sie und kümmert sich um Dinge, die fast alle Synonyme für die "falschen Zeugnisse" im Arbeitsleben sind: Diffamierungen, Gerüchte, Intrigen, Rufmord, üble Nachrede, Verleumdung. Und "Rufmord", sagt Copray, "ist das häufigste Mittel bei unfairen Attacken."

Mobbing als volkswirtschaftliches Problem

Die "Unfairness" im Berufsleben lässt sich auch in Zahlen messen: Mobbing etwa ist ein durchaus volkswirtschaftliches Problem. Man kann sagen: Wo gemobbt wird, wird weniger gearbeitet. Der Schaden wurde einmal vom "Deutschen Ärzteblatt" auf 50 Milliarden Euro geschätzt.

Copray sagt, es sei nicht so, dass die Menschen nicht "fair" sein wollten. Sie wüssten nur manchmal nicht, wie. Und er gibt zu bedenken, dass Karrieren fast nie ohne Beschädigungen abliefen, ohne Ellenbogenhiebe. Wer aber einsteckt, teilt irgendwann auch aus.

Tatsächlich scheinen nicht einmal frühere Mobbingopfer davor gefeit, irgendwann selbst zu Mobbern zu werden. Der Berliner Klaus-Dieter May, der seit Jahren eine der größten Anti-Mobbing-Seiten im Internet betreibt, den Kampf gegen Mobbing und zwischenmenschliche Schikanen zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, ist vor Kurzem, könnte man sagen, erneut zum Mobbingopfer geworden. Und es sei ausgerechnet der Betreiber einer anderen Mobbingseite, ein anderes ehemaliges Mobbingopfer, das May, so sagt der, bedränge. Er tue das nach einem bewährten Rezept: Indem er im Internet großzügig Gerüchte und Anschuldigungen gegen May verteile.

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