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Einführung Exegese


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Rolf

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Einführung Exegese

3. Warum Exegese?


xegesis, S.11
3Vgl. Von Siebenthal in „Das Studium des NT“, S.69
[/i]

Die folgenden Zitate sollen als Einstieg helfen, die existentielle Seite der Exegese zu
verstehen. Da bin ich als ganzer Mensch gefragt und herausgefordert. Durch das Ar-
beiten an biblischen Texten möchte Gott uns geistlich und intellektuell herausfordern.
Exegese muss daher immer auch existentielle Exegese sein oder mit anderen Wor-
ten, es gibt keine neutrale Beschäftigung mit dem biblischen Text. Um dem Geheim-
nis der Bibel auf die Spur zu kommen, brauchen wir vom Heiligen Geist erfüllte Exe-
geten. Der „Erfolg“ einer Exegese liegt einerseits in den sprachlich-kommunikativen
Fähigkeiten des Auslegers, aber auch in seiner Sensibilität Gottes Reden im Text zu
vernehmen.

Texte und Zitate zum Umgang mit der Bibel

Thomas Merton (1915-1968) über den Umgang mit der Bibel:
Es ist wahr, dass die Bibel an ihrer Oberfläche nicht immer interessant ist. Doch wenn
man auf die eine oder andere Weise in sie eingedrungen ist, wenn man endlich die
eigenartige Weise versteht, in der die Bibel ihre Aussagen macht, und wenn man
schliesslich noch besser versteht, was da nicht gesagt wird, dann bemerkt man, dass
man längst nicht mehr nur Fragen an dieses Buch richtet, sondern auch von diesem
Buch befragt wird.

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945):
Tod und Leben des Christen liegen nicht in ihm selbst beschlossen, sondern er findet
beides allein in dem Wort, das von aussen auf ihn kommt, in Gottes Wort an ihm.

D.L. Moody (US-Evangelist, 1837-1899):
Die Bibel wurde uns nicht gegeben, um unser Wissen zu vergrössern, sondern um
unser Leben zu verändern.
Säkulare Jugendzeitschrift „Hangar“:
Am Anfang war das Wort und veränderte die Welt: Kein Buch wurde so häufig über-
setzt (vollständig in 600 Sprachen), so häufig gedruckt und so intensiv interpretiert
wie die Bibel, kein anderer Text hatte einen derartigen Einfluss auf die menschliche
Gesellschaft. Im Wesentlichen besteht die Bibel aus dem Alten Testament, das die
Geschichte der Stämme Israels beschreibt, und dem Neuen Testament, welches das
Leben Jesus' von Nazareth darstellt. Geschrieben wurde das Buch- so die Überzeu-
gung der Gläubigen- indirekt von Gott selbst: Er spricht durch die Autoren, die von
ihm ausgewählt wurden. Die Fülle der Texte scheint tatsächlich übermenschlich, und
von den Bibelstoffen zehren Kulturschaffende bis heute. Die Bibel ist nie ausgelesen
und erlaubt unzählige Zugänge. Man kann die spannenden Geschichten um Noah,
Daniel oder Salomon als Literatur geniessen, sich über die anspruchsvollen philoso-
phischen Hintergründe den Kopf zerbrechen oder sein ganzes Leben vom Text
bestimmen. Die Bibel ist wahrlich ein allmächtiges Buch, das nichts von seiner spiritu-
ellen- und politischen Kraft eingebüsst hat. Wer sich heute mit einer Bibel in Afgha-
nistan erwischen lässt, muss mit der Todesstrafe rechnen.

4vgl. Von Siebenthal in „Das Studium des NT“, S.70
5Merton, die Bibel öffnen, S.27
6Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, S.27

Thomas Merton:
Wir müssen im Gegenteil erkennen, das jene, für die die Bibel zur Gewohnheit ge-
worden ist, sich selbst eines tieferen Verständnisses berauben, indem sie im voraus
entscheiden, was sie von der Bibel erwarten und was die Bibel von ihnen erwartet.
Sie gehen an die Bibel heran im Wissen, auf welche Weise sie zu ihnen passt. Sie
graben in ihr, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen- und das ist natürlich auch
nicht falsch. Aber die Bibel ist nicht ausschliesslich dazu da, unsere Bedürfnisse zu be-
friedigen oder uns zu geben, was uns passt..

Merkwürdigerweise bringen gerade besonders religiöse Menschen oder besonders eif-
rige Forscher, die aus beruflicher oder frommer Pflicht heraus ständig in der Bibel le-
sen, es fertig, einen Dialog mit dem von ihnen studierten Buch zu vermeiden, der sie
radikal einbezieht.

Hebräerbrief (4,12).
Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige
Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und
ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
1.Johannesbrief (2,5):
Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran er-
kennen wir, daß wir in ihm sind.
Jesus in Mt 22,29:
Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ihr irrt, weil ihr weder die Schrift kennt
noch die Kraft Gottes.
Emmaus-Jünger (Lk 24,32):
Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns rede-
te auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?

Klärung von Begriffen:

Um Missverständnisse zu vermeiden, werden im Folgenden kurz wichtige Begriffe
erklärt. Definitionen helfen, dass wir in der Diskussion die gleiche Bedeutung den
Begriffen zumessen.

Interpretation:

Unter „Interpretation“ versteht man das Bestreben, den Sinn einer Äusserung zu
formulieren.

Exegese:

Die Interpretation von schriftlichen Texten nennt man Exegese. Exegese kommt vom
griechischen Ausdruck. „exegesis“, was soviel wie Erklärung, Auslegung und Deutung
heissen kann. Exegese ist die methodisch reflektierte Auslegung von biblischen Tex-
ten. Exegese ist im Prinzip die Anwendung von hermeneutischen Prinzipien auf den

7Merton, die Bibel öffnen, S.37
8Merton, die Bibel öffnen, S.34
9vgl. Neudorfer/Schnabel, Studium des NT, S.11-16
10Neudorfer/Schnabel, Studium des NT, S.13


Page 5
IGW Basel
PT 1509 Exegetische Übungen
© Michael Bischoff,[email protected], 2005

Einzelfall. Exegese ist die sorgfältige historische, literarische und theologische Analy-
se eines Textes. Exegese ist ein Prozess, ein Aufspüren von verschiedenen Fragen.

11Exegese hat viel damit zu tun, die richtigen Fragen zu stellen.

5.3. Eisegese:

Es werden Dinge oder Aussagen im Text gesehen, die bei genauer Exegese nicht
haltbar sind. Hier gilt: der Wunsch ist der Vater des Gedankens. Dies geschieht, weil
man hofft, dass z.B. gewisse Verse die eigene Meinung unterstützen. Es wird nicht
mehr auf den Text gehört. Es wird gelesen, was gelesen werden will. Ich muss im-
mer wieder bereit sein, dass die biblischen Texte meine bisherige Meinung hinterfra-
gen dürfen. Exegese erfordert die Offenheit, bei Bedarf die eigene Überzeugung vom
biblischen Text korrigieren zu lassen.

Applikation

Applikation leitet sich her von lateinisch. „applicatio“ „Anschluss, Zuneigung“: Die
Applikation ist das Anwenden eines Textes oder einer Aussage auf die aktuelle Ge-
genwart. Man spricht hier auch von der Anwendung. Die Übertragung der Aussagen
des Textes auf die Gemeinde, auf mich, auf die Zuhörer. Exegese und Applikation
gehören zusammen. In der Exegese selber fehlt aber die Anwendung auf die heutige
Zeit. Die Applikation ist darum nicht die Aufgabe der Exegese, sondern die der Homi-
letik und Hermeneutik.

Hermeneutik

Hermeneutik kommt von griechisch „hermeneuein“ „denken, auslegen, erklären,
übersetzen“. Plato verstand unter Hermeneutik die Auslegungskunst. Hermes, der
Götterbote als „Dolmetscher“ von Zeus). Hermeneutik ist die Lehre oder Kunst der
Auslegung. Es geht dabei weniger um den konkreten Einzelfall, sondern um die all-
gemeinen Prinzipien und Methoden der Auslegung. Hermeneutik versucht auch zu
verstehen, wie das Verhältnis zwischen dem heutigen Interpreten und dem bibli-
schen Autor und seiner Schrift zu verstehen ist.

Theologie (systematische Theologie):

Nachfolgend sind einige Definitionen zur Theologie überhaupt aufgeführt. Die aus-
gewählten Definitionen entspringen einer grossen Bandbreite theologischen Denkens.
Sie sind nicht einheitlich, zum Teil sogar widersprüchlich. Wahrscheinlich gibt es so
viele Definitionen über Theologie wie Theolog/Innen gibt. Jeder von uns ist aufgefor-
dert, sich darüber Gedanken zu machen und zu einer plausiblen und durchdachten
Lösung zu finden.

5.6.1. Definition von Stanley J. Grenz

Christliche Theologie ist eine nie aufhörende fortlaufende Disziplin, im Vergleich zur
Bibel als erster Instanz von zweitrangiger Bedeutung, die sich in kritischer und kon-

11Gorman, Elements of biblical exegesis, S.9
12Grenz, Beyond Foundationalism, S.16 : Christian theology is an ongoing, second-order, contextual
discipline that engages in critical and constructive reflection on the faith, life, and practice of the
Christian community. Its task is the articulation of biblically normed, historically informed, and
culturally relevant models of the Christian belief-mosaic for the purpose of assisting the community of
Christ’s followers in their vocation to live as the people of God in the particular social-historical context
in which they are situated.


struktiver Reflektion über den Glauben, das Leben und die Praxis der christlichen Ge-
meinschaft engagiert. Ihre Aufgabe ist die Formulierung von biblisch genormten, his-
torisch sachkundigen und kulturell relevanten Modellen des christlichen Glaubensmo-
saiks, um die Gemeinschaft von Christi Nachfolger in ihrer Berufung als Volk Gottes in
einem spezifischen sozio-kulturellen Kontext, in dem sie leben, zu unterstützen.

5.6.2. Definition von Willem J. Ouweneel

(Systematische) Theologie ist mit der gesamten empirischen Realität beschäftigt, mit
all ihren Objekten, aber immer strikt vom Standpunkt des Glaubens gesehen. Theolo-
gie ist darum mit mehr als nur der Schrift beschäftigt, mit der ganzen geschaffenen
Realität, genauso wie auch andere Wissenschaften z.B. die Biologie, Geologie, Psy-
chologie sich mit der Bibel auseinandersetzen, aber von einem anderen Gesichtspunkt
aus.

Verschiedene (mehr traditionelle) Definitionen, zusammengetragen von Willem
J. Ouweneel


Theologie als Studium von Gott, Theologie als Kenntnis von Gott (seit Augustin,
Scholastik und untenstehende Varianten)
• Hermann Bavinck: Dogmatik ist und kann nicht anders existieren denn als wissen-
schaftliches System vom christlichen Standpunkt aus über die Kenntnis Gottes;
diese Erkenntnis, die uns in seinem Wort für die Kirche geoffenbart worden ist, be-
trifft ihn selbst und alle Kreatur, die zu ihm in Beziehung steht.
• Aufgabe der Theologie ist es, uns auf wissenschaftliche Art und Weise Rechen-
schaft zu geben über die Erkenntnis Gottes (Van der Walt, 1974)
• Objekt der Theologie ist die Beziehung Gottes zu uns (Wentsel, 1981)
• Systematische Theologie ist systematische Lehre von Gott und nichts anderes
(Wolfhart Pannenberg).
• Systematische Theologie ist die Wissenschaft von Gott, eine Zusammenfassung
von religiösen Wahrheiten, wissenschaftlich arrangiert…(Alexander, Princeton,
1888)
• Erickson (1983): Theologie hat die bestimmte Aufgabe, in erster Linie herauszu-
finden, was Gott über sich selbst offenbart hat.
Theologie als Wissenschaft, welche das Wort Gott studiert:
• Objekt der Theologie ist das lebendige Wort Gottes (Müller, 1978)
• Van Genderen (1992) definiert Dogmatik als die theologische Wissenschaft, wel-
che systematisch darüber spricht, was Gott in seinem Wort offenbart hat und dar-
um die Lehre der Kirche kritisch mit der Heiligen Schrift vergleicht.
Theologie als Wissenschaft, welche die schriftliche Offenbarung von Gott studiert
• Henry (1976): Die Aufgabe der christlichen Theologie ist es den Inhalt der bibli-
schen Offenbarung als ordentliches Ganzes darzustellen.
5.6.4.Definition Bertelsmann Lexikon:
Theologie--die wissenschaftliche Lehre von Gott.

13Ouweneel, External Prolegomena, S.53
14Ouweneel, External Prolegomena, S.38ff., Übersetzung aus dem Englischen: MB

Das wissenschaftliche--logische--Verfahren in der Theologie will nicht die theologi-
schen Prinzipien begründen, die ja als durch Offenbarung gesetzt gelten, sondern
dient der Schlußfolgerung aus diesen Prinzipien.
Die katholische Theologie erkennt als Quelle der geoffenbarten Wahrheit neben der
Heiligen Schrift auch die mündlich überlieferte Tradition an und weiß sich gebunden
an die vom Lehramt der Kirche festgelegten Lehrentscheidungen (Dogmen).
Nach evangelischem Verständnis geht es in der Theologie nicht um logische Schluß-
folgerungen, sondern um Interpretation der vorgegebenen und in der Heiligen Schrift
bezeugten Gottestat der Offenbarung

Stellung der Exegese innerhalb der Theologie:

Das obenstehende Diagramm soll vereinfacht zeigen, welche Stellung die Exegese
innerhalb der theologischen Disziplinen inne hat. Die Grafik ist insofern vereinfacht,
da es auch noch Querbezüge gibt, die hier nicht dargestellt werden, so z.B. von Ethik
/Dogmatik zu den Zweigen der praktischen Theologie. Viele (theologische) Fragen
umfassen auch mehrere Disziplinen, sowohl intern theologische, als auch andere
Fachgebiete, die berücksichtigt werden (z.B. Archäologie, Soziologie, Rhetorik, Lingu-
istik).

Grundlegend ist die Hermeneutik. Sie behandelt die Frage, wie wir die Bibel über-
haupt verstehen sollen. (vgl. Begriffsklärung). Exegese ist im Prinzip die Anwendung
von hermeneutischen Prinzipien auf den Einzelfall. Gründliche Exegese ist darum die
Grundlage jeder schriftgebundenen Theologie, d.h. jede theologische Disziplin ist
immer wieder auf die exegetische Arbeit an der Bibel selbst angewiesen. Die Syste-
matische Theologie reflektiert die Ergebnisse der Exegese und macht sie fruchtbar
für das Verständnis nach dem rechten Verhalten (Ethik), bzw. formuliert daraus theo-
logische Systeme (Dogmatik, Christologie, Pneumatologie u.a.), die uns helfen den
grossen Rahmen, Querverbindungen und Zusammenhänge zu sehen. Auch in der
praktischen Theologie ist exegetische Arbeit von grosser Bedeutung (Homiletik, Kate-
chetik, Gemeindebau als Auswahl von praktisch theologischen Disziplinen). Homiletik
in der Form der Text- oder Themenpredigt ist Anwendung der Resultate der Exegese,
d.h. Aktualisierung und Relevanz fürs Leben, Denken und Glauben der Zuhörer. Die
Katechetik bemüht sich um kind- und jugendgerechte Formen des biblischen Unter-
richts. Neben Erkenntnissen aus den Sozialwissenschaften ist hier auch die exegeti-
sche Arbeit von grosser Bedeutung. Ebenso müssen sich auch Gemeindebautheorien
und – modelle immer wieder am Anspruch der Bibel aussetzen. Auch die historische
Theologie (Kirchen-und Dogmengeschichte) ist in ihrer Interpretation der geschichtli-
chen Ereignisse immer wieder auf Ergebnisse einer sorgfältigen Exegese angewiesen.
Die untenstehenden Schlagworte sollen provokativ verdeutlichen, wohin sich eine
Theologie ohne intensive Exegese hinbewegt:

Ethik ohne exegetische Arbeit wird von den Ideologien des aktuellen Zeitgeis-
tes vereinnahmt (z.B. Situationsethik, Diskursethik)
Dogmatik ohne exegetische Arbeit wird zum starren philosophisch-
theologisch orthodoxen Gedankensystem oder öffnet sich den Ideologien un-
serer Zeit (Marxismus, Feminismus u.a.)


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