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Bonhoeffers Henker: „Ich konnte ihm nicht entfliehen“


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Rolf

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Bonhoeffers Henker: „Ich konnte ihm nicht entfliehen“
 
 
 
14. Juni 2022

 

 

Wie kann man leben, wenn man einem anderen Menschen das Leben genommen hat? Ein fiktives Gespräch über Flucht, Vergebung und den Himmel mit dem KZ-Adjutanten Lutz Baumgartner, dem Henker Dietrich Bonhoeffers.

 

Der Schweizer Journalist und Satiriker Willi Näf führt in seinem Buch 

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 fiktive Gespräche mit bereits verstorbenen Persönlichkeiten, darunter Winston Churchill und Maria, die Mutter Jesu. Vor jedem Gespräch steht ein nicht-fiktives Porträt der jeweiligen Person. Hier ein gekürzter Auszug des Gesprächs mit SS-Obersturmführer Lutz Baumgartner, dem Henker des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffers:

 

Lutz Baumgartner, erlauben Sie mir ein paar Fragen?

 

Darf ich zuerst eine Gegenfrage stellen?

 

Von mir aus.

 

Verabscheuen Sie mich?

 

Aus tiefstem Herzen.

 

Ich kann es Ihnen nicht verübeln.

 

Fein, nachdem das nun geklärt ist, komme ich zu den Fragen. Am Hauptprozess gegen die KZ-Wächter von Flossenbürg 1946 gab SS-Rottenführer Josef Pinter zu Protokoll, noch am Morgen des 24. April 1945 hätten Sie, Adjutant Baumgartner, tobend befohlen, jeden Verwundeten zu erschießen. Hat er die Wahrheit gesagt?

 

Ja.

 

Pinter hat später lebenslänglich bekommen, aber Sie sind noch am selben Tag von der Bildfläche verschwunden. Erzählen Sie mir bitte eine wahrscheinliche Fortsetzung Ihres Lebens.

 

Wie wahrscheinlich soll sie denn sein?

 

Sehr wahrscheinlich.

 

Nun, wie Sie wissen, haben die meisten SS-Leute sich ja abgesetzt, als uns die Amerikaner im Nacken saßen. Lagerkommandant Koegel auch. Und da ich in den Tagen zuvor mit ihm im Auto gesessen hatte, blieben wir vermutlich zusammen. Koegel hatte Pass und Kleider eines früheren Häftlings mitgenommen und nahm dann dessen Identität an, Otto Giesecke …

 

… das steht in den Akten, erzählen Sie mir von sich, nicht von Koegel.

 

Lassen Sie mich ausreden?

 

Bitte.

 

So wie Koegel habe wohl auch ich einen anderen Namen angenommen. Wir fuhren sicher nach Süden. Als der Tank leer war, zündeten wir das Auto an und gingen zu Fuß weiter. Nach drei Tagen fanden wir bei einem Bauern Unterschlupf.

 

Hat er euch abgenommen, dass ihr Häftlinge seid?

 

Ach, die Leute waren ja nicht naiv. Die fragten nicht und wir erzählten nicht. Sie hatten Arbeit und wir hatten Hände.

 

Und dann?

 

Koegel zog im Juni Richtung Nürnberg, wo er auf einem anderen Bauernhof unterkam und von dort aus zu seiner Familie Kontakt aufnahm. Ich arbeitete bis zum Herbst als Knecht im Bayerischen Wald und machte mich dann auf nach Süden.

 

Waren Sie zu feige, um zu Ihrer Familie zurückzukehren?

 

Sind Sie immer so feindselig?

 

Nur bei SS-Mitgliedern der Totenkopfdivision.

 

Ich kann dieses Gespräch hier auch gerne beenden.

 

Nein, das können Sie nicht, das Gespräch ist fiktiv, und ich bin der, der es führt. Aber ich werde versuchen, Ihnen etwas offenere Fragen zu stellen. Also: Warum sind Sie nicht zu Ihrer Familie zurückgekehrt?

 

Ich wollte nicht den Amerikanern ins Fadenkreuz laufen. Außerdem war meine Ehe schon lange kaputt. Also bin ich weitergezogen. Ich musste weg von allem.

 

Wo haben Sie geschlafen?

 

Anfangs in Heuschobern, dann bei Bauern, später in Pfarrhäusern oder Klöstern. Dort aß man ordentlich und konnte sich waschen.

 

Die haben nie gefragt, wer Sie sind?

 

Ach, das war ihnen doch klar. Einige hatten schon öfter SS-Leute beherbergt. Ich schlief sogar in Braunau am Inn, dem Geburtsort des „Führers“. Grauenhaft.

 

Der Ort?

 

Nein, ich. Weil ich gezielt dort Rast machte, wo jener Mensch herkam, der mein Leben zerstört hat.

 

Oh, Sie möchten mir jetzt erzählen, wie es ist, das Opfer von Adolf Hitler zu sein?

 

Aha, Sie können nicht nur überheblich sein, sondern auch sarkastisch. Tun Sie sich keinen Zwang an, wenn das Ihrem Naturell entspricht. Aber es ist ein Fakt, dass ich nur wegen Hitler Nazi wurde.

 

Dietrich Bonhoeffer ist trotz Hitler kein Nazi geworden.

 

Bonhoeffer hatte auch eine andere Ausgangslage als ich. Er wuchs in einer großbürgerlichen Berliner Familie auf, seine Eltern lehrten ihn kritisches Denken, Respekt, Selbstbeherrschung, Weltoffenheit und noch andere Tugenden und Werte. Zudem war er unglaublich intelligent.

 

Woher wissen Sie das?

 

Aus seinen Büchern.

 

Die haben Sie gelesen?

 

Mehrere. Bis ich das geschafft habe, musste ich über 80 werden.

 

Darüber wüsste ich gerne mehr.

 

Ja, das war im Altersheim in Bariloche, Argentinien. Ich hatte Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck, alles in allem ein unspektakuläres Seniorenprogramm. Und dann zog eine fromm gewordene Nazi-Witwe ins Altersheim. Ihre Hirnzellen waren bereits arg dunkelgrau.

 

Sie sang in der Cafeteria vier Stunden dasselbe Lied. „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Und zwar Nachmittag für Nachmittag. Es plätscherte einfach aus ihr heraus. Bis sie das Zeitliche gesegnet hat.

 

„Mir schoss die Erinnerung an jenen Pastor durch den Kopf, der im Arresthof im KZ am Galgen qualvoll erstickt, während ich hämisch grinse. Innerhalb von Sekunden kam mir der Magen hoch.“

Dann war sie weg, aber ihr Lied blieb in meinem Gehör stecken wie ein Tinnitus. Ich summte es oft, ohne es zu merken, zum Beispiel wenn ich viermal pro Nacht meine Prostata zur Toilette begleitete.

 

Und dann?

 

Einschlafen konnte ich nur mit Radio. Ich hatte einen Weltempfänger und hörte deutsche Sender. Eines Abends spielten sie „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, und am Schluss bemerkte die Moderatorin, der Text sei von Dietrich Bonhoeffer. Da ist es dann passiert.

 

Mir schoss die Erinnerung an jenen Pastor durch den Kopf, der im Arresthof im KZ am Galgen qualvoll erstickt, während ich hämisch grinse. Innerhalb von Sekunden kam mir der Magen hoch. Nachher war ich ein paar Wochen krank, mit Durchfall und Erbrechen. Ich konnte ihm nicht entfliehen.

 

Wem entfliehen?

 

Bonhoeffer. Das Lied kam weiterhin immer wieder über mich, aber jetzt war es begleitet von dem Bild von Bonhoeffer am Galgen. Das Lied tat mir eigentlich immer noch gut, aber das Bild war grauenvoll.

 

Es hat mich zerrissen, und zwar fast jede verdammte Nacht. In jenem Jahr im Altersheim habe ich fast zwanzig Kilo abgenommen. Plötzlich widerten mich auch Kartoffeln und Bohnen an.

 

Wieso das denn?

 

Weil mich ihr Geruch in die Kantine im KZ zurückversetzte. Und ich sah die zwei Gefangenen vor mir, die ich auf dem Todesmarsch wegen zweier in den Hosentaschen versteckter roher Kartoffeln erschossen habe. Nicht die Kartoffeln widerten mich eigentlich an, sondern ich mich selbst.

 

Was geschah weiter im Altersheim?

 

Sonntags kamen jeweils Kirchenschwestern und sangen. Sie meinten es gut, aber der Verbrauch an Medikamenten nahm wohl eher zu. Irgendwann war ich so am Ende, dass ich eine der Schwestern bat, mir ein Buch über Bonhoeffer zu besorgen. Ich musste den Geist ansprechen, der mich nicht in Frieden ließ.

 

„Tausend Seiten. Jede war eine Qual, jede war eine Befreiung.“

Sie brachte mir Eberhard Bethges Bonhoeffer-Biografie. Tausend Seiten. Jede war eine Qual, jede war eine Befreiung. Kein Mensch kann bei der Lektüre eines einzigen Buches so viel weinen, wie ich geweint habe.

 

Ich las noch weitere Bücher von und über ihn. Wohl drei Jahre lang habe ich jeden Tag geweint. Und als ich leergeweint war, konnte ich sterben.

 

Wie stirbt ein KZ-Wächter von der SS-Totenkopfdivision?

 

Er stirbt einsam und müde. Müde von einem grauenvollen Leben in einer grauenvollen Zeit auf einem grauenvollen Planeten. Ich war sogar zu müde, um Angst zu haben vor dem, was kommen würde. Aber die Bilder plagten mich kaum mehr. Oft spürte ich Bonhoeffers Zuversicht.

 

Dann hat Bonhoeffer Sie nicht mehr angeklagt?

 

Bonhoeffer hat mich überhaupt nie angeklagt. Ich selbst habe mich angeklagt. Wenn ich Angst hatte, hielt ich mich fest an Bonhoeffer. Welche Ironie. Bei ihm wusste ich, dass er mich nicht verurteilte.

 

Und wie sind Sie gestorben?

 

In meinem Zimmer, Silvester 1993, mit 84 Jahren. Ich war zu müde für ein neues Jahr. Im Grunde genommen bin ich gar nicht gestorben. Es ist eher so, dass ich mich ergeben habe, und dann hat mein müder Körper aufgehört zu leben.

„Ich starb nachts um elf, ganz allein …“

Wem ergeben?

 

Dem, was noch kommen würde. Ich starb nachts um elf, ganz allein, das Lied von den guten Mächten im Kopf und im Herzen die Hoffnung, als Erstes Bonhoeffer zu begegnen.

 

Und, wie war die Begegnung?

 

Glaubensfragen über das Jenseits beantworte ich nicht, das war unsere Abmachung.

 

Stimmt. Aber Sie könnten doch einfach ein wenig fantasieren.

 

Sie Schlauberger. Aber meinetwegen. Wie wahrscheinlich darf’s denn sein?

 

Sehr wahrscheinlich.

 

Nun denn. Stellen Sie sich den Tod vor als Hoteleingang. An der Rezeption erfahren Sie, dass Sie jeden Sonntag mit einem Menschen verbringen werden, dessen Weg Sie gekreuzt oder dessen Leben Sie beeinflusst haben.

 

Jeden Sonntag, das dauert ja ewig.

 

Das hat die Ewigkeit so an sich. Wenn Sie im Leben Dietrich Bonhoeffer waren, stehen Sie an der Rezeption und freuen sich auf viele frohe Wiedersehen.

 

Wenn Sie aber Lutz Baumgartner waren, steigt in Ihnen eine garstige Ahnung hoch, wie viele Häftlinge aus zwölf Jahren KZ-Arbeit schon lange auf eine Begegnung mit Ihnen warten.

 

Oh. Da wäre ich auch lieber Bonhoeffer gewesen.

 

Es kommt noch besser: Am Sonntagabend bestimmt jeweils Ihr Gegenüber Ihre Zimmerkategorie für die nächste Woche. Es gibt Suiten mit Dachterrassen und Pool, Essen, Weine, Zigarren sind vom Besten. Hier können sich die Bonhoeffers der Welt gegenseitig zu Partys einladen.

 

„Bleiben Sie demütig. Sie wissen nämlich nicht, ob Sie ein Bonhoeffer oder ein Baumgartner geworden wären.“

Aber in den Kammern im Keller teilen Sie das Plumpsklo im Korridor mit vielen Baumgartners, und das Tagesmenü besteht aus Bohnen und Kartoffeln. Meine Güte, Sie sind ja ganz bleich. Tun Sie mir einen Gefallen?

 

Je nachdem.

 

Bitte setzen Sie sich dem Thema „Nationalsozialismus“ weiterhin gelegentlich aus. Aber lesen Sie vor allem immer wieder Porträts von Opfern und Tätern.

 

Werden Sie nicht mehr wütend, aber bleiben Sie traurig. Und bleiben Sie demütig. Sie wissen nämlich nicht, ob Sie ein Bonhoeffer oder ein Baumgartner geworden wären.

 

Dieser Satz hätte Dietrich Bonhoeffer gefallen.

 

Was heißt hier hätte?

 

Ach ja, Sie haben recht. Haben Sie Ihren Sonntag mit ihm schon verbracht?

 

Nein, aber es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht nach dieser Begegnung sehne. Damit ich ihn endlich um Verzeihung bitten und ihm danken kann.

 

 

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Dieser gekürzte Buchauszug stammt aus 

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 von dem Schweizer Journalisten und Satiriker Willi Näf. Das Buch ist beim 

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 erschienen. 

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 ist Teil der SCM Verlagsgruppe, zu der auch Jesus.de gehört.


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