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Shinchonji-Sekte: „Man wiegt sich in falscher Sicherheit“


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Rolf

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Shinchonji-Sekte: „Man wiegt sich in falscher Sicherheit“
 
 
 
28. März 2022

 

 

Es ist gar nicht so schwer, in die Fänge einer Sekte zu geraten. Sympathischer Erstkontakt, ein Treffen im Café – so schnell ist der Köder ausgelegt.

 

Von Erika Weiß

 

Ich stehe am Willy-Brandt-Platz in Frankfurt am Main und warte auf eine Freundin. Sie müsste jeden Moment da sein. Aus Gewohnheit ziehe ich mein Handy aus der Tasche und vertreibe mir die Zeit. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie drei junge Frauen zielstrebig auf mich zulaufen.

 

Sympathisch sehen sie aus, denke ich direkt. Sie lächeln mich an und bleiben vor mir stehen. „Hey! Dürfen wir kurz stören?“, fragt die eine. „Ja …“, kommt meine Antwort zurück. „Bist du Christin?“, fragt mich die zweite im Bunde. Verwundert über diese Frage antworte ich zögerlich: „Ja, bin ich. Warum?“

 

In die Falle getappt

 

Die dritte junge Frau erklärt: „Wir sind Studentinnen einer Theatergruppe und planen für dieses Semester ein Stück, in dem wir von jungen Christen erzählen, die in Großstädten leben. Könnten wir dir ein paar Fragen stellen?“ Oh nein, denke ich. Umfragen mag ich gar nicht. Die drei jungen Frauen lächeln mich mit großen Augen an.

 

„Kannst du uns deine Nummer geben? Dann könnten wir uns mal in einem Café treffen und ein bisschen quatschen“, sagt die eine. Meine Nummer gebe ich überhaupt nicht gern raus, deswegen sage ich: „Ihr könnt mir gern jetzt die Fragen stellen, während ich auf meine Freundin warte.“

 

Die drei geben nicht auf: „Es sind relativ viele Fragen. Es wäre schon gut, wenn wir uns dazu mal für ein halbes Stündchen in ein Café setzen könnten.“ Ich zögere – aber gebe ihnen schließlich meine Nummer. Abends bekomme ich eine WhatsApp von Lina*, einem der Mädchen. „Hey du! War schön, dich heute kennenzulernen. Wann würde es dir nächste Woche passen?“

 

Erstes Treffen: Super sympathisch

 

Ok, ich treffe mich einmal mit denen und dann ist Schluss, nehme ich mir vor. Lina und ich verabreden uns in einem Café. Wieder ist sie super sympathisch, fragt mich, wie meine Woche so lief. Und so plaudern wir erst mal über dies und das.

 

Und dann stellt sie mir die Fragen für das Theaterprojekt. Dabei tippt sie meine Antworten fleißig auf ihrem Laptop mit. „Auf einer Skala von 1 bis 10 – Wie wichtig ist dir Gott neben Familie, Freunden und Job?“, will sie wissen. Gute Frage. Und so erzähle ich ein bisschen.

Dann fragt sie: „Bei welchem Erlebnis hast du Gott zuletzt gespürt?“ Auch eine gute Frage. Und so quatschen wir über eine Stunde. Ist echt nett mit ihr, denke ich. Nachdem sie mir die letzte Frage gestellt hat, fragt sie: „Hättest du Lust, dich nächste Woche noch mal mit mir zu treffen? Ich merke, du kennst dich voll gut in der Bibel aus. Ich leite eine kleine Bible-Study-Gruppe mit Leuten, die frisch im Glauben sind. Und bevor ich denen den nächsten Input geben möchte, wäre es echt hilfreich, wenn du ihn dir mal anhörst und mir Feedback gibst.“

 

Zweites Treffen: Noch nicht aufdringlich

 

Ich fühle mich geschmeichelt. Und so sage ich einem weiteren Treffen zu – schließlich ist Lina echt eine Liebe. Wir treffen uns eine Woche später wieder in einem Café. In der Zwischenzeit hat Lina mir fast täglich auf WhatsApp geschrieben und gefragt, wie mein Tag so war. Noch finde ich sie nicht aufdringlich.

 

Im Café holt sie ihre Bibel aus ihrem Rucksack. „Ich habe auch Schreibzeug für dich dabei. Damit du nachher nicht alles wieder vergisst“, sagt sie und reicht mir Stift und Zettel. Sie schlägt ihre Bibel auf, in der sie viel markiert hat.

 

Sie bittet mich, Psalm 1 zu lesen. Vor allem um Vers 3 soll es heute gehen: „Er ist wie ein Baum, der am Flussufer wurzelt und Jahr für Jahr reiche Frucht trägt. Seine Blätter welken nicht, und alles, was er tut, gelingt ihm.“ Lina bittet mich, einen Baum an einem Fluss zu malen. Und so erklärt sie mir, wie wichtig es sei, Zeit im Wort Gottes zu verbringen.

 

Schlechtes Gewissen

 

Sie will auch wissen, wie viel Bibel ich am Tag lese. „Naja, vielleicht so 15 Minuten. Und du?“, frage ich zurück. Ihre Antwort: „Drei Stunden.“ Krass, denke ich und fühle mich schlecht.

 

Sie fragt mich, ob ich Lust hätte, mich gleich nächste Woche noch mal mit ihr zu treffen, sie hätte noch ein anderes Thema, das sie mir vorstellen möchte. Irgendwie bin ich motiviert, mehr Zeit in der Bibel zu verbringen und ein weiteres Treffen mit ihr wäre ein guter Weg dahin, denke ich. Deswegen sage ich zu.

 

Langsam wird sie nervig

 

Als ich später zu Hause bin, merke ich: Komisch, sie hat mich gar nicht nach meinem Feedback zu ihrem Input gefragt … Die Tage nach dem zweiten Treffen schreibt Lina mir jeden Abend: „Wie war dein Tag?“ Langsam wird sie nervig. Deswegen antworte ich nur kurz und knapp.

 

Unser nächstes Treffen läuft ähnlich ab wie das letzte. Wieder verabreden wir uns für die kommende Woche. Bei unserem vierten Treffen fragt sie mich, ob ich Zeit hätte, mich zweimal die Woche mit ihr zu treffen.

 

 

Drittes Treffen: Beobachtet von ihrer Freundin

 

Ich bin verdutzt: Warum nimmt sie sich so viel Zeit für mich? Was hat sie davon? Ich sage ihr, dass das zeitlich nicht drin ist. Darauf reagiert sie enttäuscht und ich habe schon fast ein schlechtes Gewissen. Beim nächsten Treffen will sie eine Freundin mitbringen.

Eine Woche später sind wir zu dritt. Ihre Freundin ist super still und hört eigentlich nur zu. Lina wirkt diesmal etwas nervös. Auch ich fühle mich unwohl und von der Freundin beobachtet. Lina erzählt: „Ich bin ab nächster Woche für vier Wochen auf einer Bibelschule. Deswegen würde meine Freundin sich nächste Woche mit dir treffen.“ Auf gar keinen Fall, denke ich direkt.

 

Seltsam

 

„Auf welche Bibelschule gehst du denn?“, will ich wissen. Lina weicht aus. „Wie heißt die Schule denn?“, frage ich hartnäckig weiter. „Irgendwas mit Bible School, ich weiß grad den Namen nicht“. Seltsam – als ich Lina bei unserem ersten Treffen gefragt hatte, in welche Gemeinde sie geht, hat sie mir auch keinen Namen genannt.

 

Ein paar Tage später erzähle ich einer Freundin von den Treffen. Sie ist sofort hellhörig und sagt: „Ich habe letztens einen Artikel über eine koreanische Sekte gelesen. Die sind gerade vor allem in Frankfurt aktiv. Was du erzählst, klingt stark danach.“

 

Shinchonji-Sekte?!

 

Wie bitte? Ich und eine Sekte? So naiv bin ich nicht, denke ich. Meine Freundin zeigt mir den Artikel. Darin geht es um die Shinchonji-Sekte.

 

Shinchonji heißt übersetzt: „neuer Himmel und neue Erde“. Es ist eine koreanische Neuoffenbarungsreligion, die 1984 von einem Mann namens Man-Hee Lee gegründet wurde. Der inzwischen 90-Jährige bezeichnet sich selbst als den versprochenen Pastor der Endzeit.

 

Auf das Ende der Welt vorbereiten

 

Er sagt von sich, er sei körperlich unsterblich und der Einzige, der in der Lage ist, die Bibel richtig auszulegen. Aktuell sammelt er weltweit eine exklusive Schar von Anhängern, um sie auf das Ende der Welt vorzubereiten. In dem Artikel steht auch etwas von einer Bibelschule namens „International Bible College“.

 

Wenn ich rausfinden kann, wie die Bibelschule heißt, auf die Lina geht, dann weiß ich, ob ich wirklich an Shinchonji geraten bin, denke ich. Ich schreibe Lina und frage sie, ob sie mir sagen kann, wie die Bibelschule heißt. Nach ein bisschen Hin und Her kommt endlich die Antwort: International Bible College. Puh. Mir wird ganz anders.

 

Vom Umfeld abkapseln

 

Im Netz informiere ich mich weiter. Experten schätzen, dass es weltweit mittlerweile über 250.000 Shinchonji-Anhänger gibt. Seit Corona sind sie auch auf Social Media und christlichen Datingplattformen unterwegs. Bevor man Mitglied wird, muss man einen Intensiv-Bibelkurs durchlaufen. Dabei kapseln sie die Neulinge immer mehr von ihrem Umfeld ab.

 

Sie sehen alles Weltliche als satanisch an. Bei kritischen Fragen haben sie immer gute Argumente parat. Der Name „Shinchonji“ fällt bei keinem der Bibelkurse. Sie arbeiten wie eine Tarnorganisation mit dem Deckmantel der Bibel.

 

Sie erfüllen alle Sektenmerkmale

 

Jegliche Vorwürfe, dass sie eine Sekte seien, streiten sie ab. Dabei erfüllen sie alle Sektenmerkmale. Um nur drei zu nennen: Sie haben eine zentrale Leitfigur, der Kontakt nach außen ist unerwünscht und sie haben feste, hierarchische Strukturen.

Jedes Mitglied ist gleichzeitig Pate von potenziellen neuen Mitgliedern. Ich vermute, dass Lina selbst noch neu dabei ist und ihre Freundin ihre Patin ist. Nachdem ich das gelesen habe, blockiere ich Linas Nummer. Seitdem habe ich nie wieder etwas von ihr gehört.

 

Über Instagram kontaktiert

 

Ich erfahre von Anna*, die auch Erfahrungen mit Shinchonji gemacht hat. Bei ihr kam der Kontakt im letzten Frühling über Instagram zustande. Als Abonnentin des DRAN-Instagram-Kanals [DRAN ist ein Magazin des SCM Bundes-Verlags für junge Erwachsene/Anmerkung der Redaktion] schrieb ihr eine andere Abonnentin: „Hi! Ich habe gerade dein Profil entdeckt, schönes Profilbild hast du. Durch die aktuelle Situation bin ich auf der Suche nach christlichen Kontakten, mit denen man sich über den Glauben austauschen kann. Hat Corona dich näher zu Jesus gebracht oder war es bei dir eher das Gegenteil? Was ist dein Lieblingslobpreislied momentan? Ich würde mich freuen, von dir zu hören. Hab noch einen schönen Abend.“

 

Anna, die gerade in eine neue Stadt gezogen ist, freut sich über die Nachricht. Und so schreiben sich die beiden hin und her, schicken sich Sprachnachrichten und verabreden sich schließlich zu Videogesprächen. Sie quatschen locker über Gott und die Welt.

 

„Ich habe die beiden voll ins Herz geschlossen“

 

Dann fragt die neue Bekannte, ob Anna Lust hätte, mit einem anderen Mädchen eine Bible-Study zu machen. Und so treffen sich die drei anfangs jede Woche, dann zweimal und schließlich dreimal zum Videogespräch. „Wir haben uns super verstanden. Ich habe die beiden voll ins Herz geschlossen“, erzählt Anna.

 

Skeptisch wird Anna erst, als sie den beiden sagt, dass sie auch ihrem Bruder von ihren Gesprächen erzählt hat – die beiden bitten Anna, dass sie das besser lassen soll. „Sie meinten, Satan hätte ein Interesse daran, mir diese geheime Botschaft wieder zu rauben, die ich jetzt kenne. Auch Familienmitglieder könnten mir Zweifel ins Herz streuen.“

 

„Ich bin so dankbar, dass es nie dazu gekommen ist“

 

Annas Mitbewohner wundern sich, dass Anna kaum Zeit hat. Eines Abends stößt die 26-Jährige auf ein Video. Darin erzählt eine Shinchonji-Aussteigerin von ihren Erfahrungen.

„Da waren schon viele Parallelen zu meinen Erlebnissen. Ich habe das Video meiner Mitbewohnerin gezeigt und bei ihr läuteten alle Alarmglocken. Nachdem ich mich ausführlich mit dem Thema befasst hatte, habe ich den beiden Mädels in die WhatsApp-Gruppe geschrieben, dass ich keinen Kontakt mehr möchte. Eigentlich stand am nächsten Tag ein Treffen an, wo ich den Leiter einer anderen Bible-Study-Gruppe kennengelernt hätte. Ich bin so dankbar, dass es nie dazu gekommen ist.“

 

„Man ist blind“

 

Als Gemeindekind hätte Anna niemals gedacht, dass sie auf eine Sekte reinfallen könnte. „Und das ist die Gefahr: Man wiegt sich in falscher Sicherheit und ist blind“, sagt sie. Auch rückblickend findet Anna die Inhalte der Bible-Study-Treffen auf den ersten Blick schlüssig: „Das Gefährliche an der Sache war, dass sie keine offensichtlichen Lügen erzählt haben. Es war eher so wie eine optische Täuschung. 99 Prozent Wahrheit und ein Prozent Lüge, was dann aber den entscheidenden Unterschied macht.“

 

*Namen von der Redaktion geändert

 

 

Erika Weiß ist Journalistin. Seit ihrer Erfahrung mit Shincheonji geht sie mit einem anderen Bewusstsein durch die Stadt – vor allem wenn sie von Fremden angesprochen wird.

 

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