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Holocaust-Überlebende wird 100: „Ich hatte Glück, trotz allem“


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Rolf

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Holocaust-

 

 

 

Überlebende wird 100: „Ich hatte Glück, trotz allem´´

 

 

 

Trude Simonsohn überlebt als junger Mensch die KZ-Haft in Theresienstadt und Auschwitz. Ihren Traumata begegnete sie, indem sie über das Grauen sprach.

 

Von Dieter Schneberger (epd)

 

Sie ging durch die Hölle von Theresienstadt und Auschwitz. Trude Simonsohn überlebte die Schoah und wird am 25. März 100 Jahre alt. Jahrzehntelang hat sie in Schulen, Universitäten und Akademien von ihren Erlebnissen in der NS-Zeit erzählt, auch von der Ermordung der Eltern in Buchenwald und Auschwitz. Für ihr soziales und gesellschaftspolitisches Engagement erhielt sie unter anderem den Ignatz-Bubis-Preis und die Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen. „Ich hatte Glück, trotz allem“, sagt Simonsohn.

 

Seit 2017 lebt sie im Altenzentrum der Budge-Stiftung im Frankfurter Stadtteil Seckbach, in dem Juden und Nichtjuden gemeinsam ihren Lebensabend verbringen. Was sie sich zu ihrem Geburtstag wünscht? „Dass mir solche Fragen erspart bleiben“, antwortet sie schlagfertig und lächelt dabei. „Ich freue mich über jeden Tag, der mit vergönnt ist.“

 

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Trude Simonsohn an ihrem 95. Geburtstag (epd-Archivbild / Thomas Rohnke)

 

 

Sie genieße die Ausflüge in den Garten, auch wenn diese sie sehr anstrengten, und die Besuche ihrer kleinen Familie, ihrer langjährigen Freundin, der Sozialwissenschaftlerin Elisabeth Abendroth, und ihres Seelsorgers, Rabbi Andrew Steiman. „Wir unterhalten uns dann gut – wenn auch nicht mehr so lange wie früher. Und mit meinem Seelsorger ist es immer lustig – er kann gut Witze erzählen, auch über Gott.“

 

Trude Simonsohn liebe Witze, ihr Humor und ihre Herzenswärme seien sprichwörtlich, sagt Steiman, der die Frankfurter Ehrenbürgerin seit Jahrzehnten kennt. Jüdische und politische Themen interessierten sie nach wie vor sehr. Obwohl sie kaum noch sehen könne, lasse sie sich abends auf der Couch die Zeitung oder ein Buch anreichen und blättere darin. „Ohne dieses Ritual kann sie nicht einschlafen.“

 

Katholiken, Hussiten und Juden lebten friedlich zusammen

 

Trude Simonsohn wird 1921 in Olomouc (Olmütz) in der Tschechoslowakei als einzige Tochter des Getreide-Kommissionärs Maximilian Gutmann und seiner Ehefrau, der Hutmacherin Theodora Appel, geboren. „Wir waren nicht sehr religiös, aber die jüdischen Feiertage hielten wir ein. Katholiken, Hussiten und Juden lebten im barocken Olmütz friedlich miteinander.“ Trude besucht die tschechische Grundschule und das deutsche Gymnasium. Am meisten Freude bereiten ihr die Sprachen, zunächst Tschechisch und Deutsch, später Latein und Englisch. Und natürlich der Sport, Schwimmen und Tennis.

 

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei wird ihr Vater verhaftet, in das KZ Buchenwald verschleppt und schließlich im KZ Dachau ermordet. Trude kann weder Abitur machen noch wie geplant Medizin studieren. Stattdessen engagiert sie sich in der zionistischen Jugendbewegung. Nach dem Attentat auf NS-Reichsprotektor Reinhard Heydrich im Mai 1942 wird sie wegen Hochverrats angeklagt und für ein halbes Jahr eingesperrt, davon vier Wochen in einer Einzelzelle. „Diese Zeit ohne Bücher und Gespräche gehört zu meinen schlimmsten Erlebnissen. Ich wollte nicht mehr leben», erzählte Trude Simonsohn einmal.“

 

DANACH KNIPST SIE IHR ERINNERUNGSVERMÖGEN AUS UND FÄLLT IN EINE
OHNMACHT DER SEELE

Im November 1942 wird sie mit ihrer Mutter ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Dort lernt sie ihren späteren Ehemann kennen, den Sozialpädagogen und Juristen Berthold Simonsohn. Im Oktober 1944 verschleppen die Nazis das Paar nach Auschwitz. Trude Simonsohn erinnert sich, wie der berüchtigte Lagerarzt Josef Mengele beide an der Rampe voneinander trennte und verschiedenen Arbeitskommandos zuteilte. Danach knipst sie ihr Erinnerungsvermögen aus und fällt in eine „Ohnmacht der Seele“, wie sie vor fünf Jahren dem Evangelischen Pressedienst erzählte.

 

Zu sich kommt sie erst wieder im Lager Kurzbach, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen, wo sie in bitterster Kälte Panzergräben ausheben muss und fast an einer schweren Durchfallerkrankung stirbt. Am 9. Mai wird sie schließlich im nahe gelegenen Lager Merzdorf von Soldaten der Roten Armee befreit. Ihr Mann erlebt das Kriegsende im Lager Kaufering, einer Außenstelle des KZ Dachau.

 

„Man geht nicht ungestraft durch so eine Hölle“

 

«Dass Berthold und ich überlebt haben, ist ein Wunder», sagt Simonsohn. Aber es hatte auch seinen Preis, denn beide sind von dem Lagerterror und der Zwangsarbeit körperlich und psychisch schwer gezeichnet. „Man geht nicht ungestraft durch so eine Hölle. Mein Mann hat deswegen gesagt: Wir müssen darüber reden, sonst schaffen wir das nicht.“

 

Trude Simonsohn redet. Nach 1945 arbeitet sie für die jüdische Flüchtlingshilfe in der Schweiz, macht eine Ausbildung zur Krankenpflegerin und betreut tuberkulosekranke und traumatisierte jüdische Kinder. 1950 folgt sie ihrem Mann nach Hamburg, ein Jahr später kommt dort Sohn Michael zur Welt. 1955 zieht es die junge Familie nach Frankfurt am Main, wo Berthold die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland aufbaut. Sie selbst übernimmt in der jüdischen Gemeinde die Stelle für Sozialarbeit und Erziehungsberatung. Von 1989 bis 2001 ist sie Gemeinderatsvorsitzende.

 

1978, nach Bertholds plötzlichem Tod, meldet sich einer seiner Freunde bei Trude Simonsohn: Martin Stöhr, der Direktor der Evangelischen Akademie Arnoldshain. Er lädt sie zu einer Tagung ein, um über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit zu berichten. Das ist die Initialzündung für ihre Rolle als Zeitzeugin, die sie knapp vier Jahrzehnte ausfüllt. „Ich habe getan, was ich konnte, was ich musste“, bilanziert Simonsohn. „Dabei habe ich auch wunderbare junge Leute kennengelernt.“ Was aus diesen Begegnungen werde, hänge nun ganz von ihnen ab.

 

 


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