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„Allah unser“ – nur ein Titel?


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Rolf

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„Allah unser“ – nur ein Titel?
 

Eine Gemeinde betitelt einen Gesprächsabend mit „Allah unser“ – und erhält daraufhin mehrere Hundert erboste Nachrichten in den Sozialen Netzwerken. Gastkommentator Marcus Tesch empfindet Entrüstung an dieser Stelle als fehl am Platz.
 

Ehrlich gesagt, verstehe ich die ganze Aufregung nicht. Eine Kirchengemeinde im Wetteraukreis, am Rand der Großstadt Frankfurt am Main, lädt zu einem Gesprächsabend ein und wählt für diesen das Thema „Allah unser.“ Dieser Abend ist eine Veranstaltung einer ganzen Reihe, eines besonderen Formats, das unter dem Motto steht: „Kirche anders“.

 

Solche Gesprächsabende finden deutschlandweit zu hunderten statt. Sie haben mal blumige, mal biblische, mal gelangweilte, mal gar keine expliziten und eben manchmal auch provokative Überschriften und Themen. Als Gemeindepfarrer weiß ich um die Bedeutung guter Formulierungen für Veranstaltungen. Wer nur zu einem „Gesprächsabend“ oder einem „besonderen Gottesdienst“ einlädt, dem Kind aber keinen Namen gibt, wird keine Aufmerksamkeit wecken und keine Interessierten anlocken. Am meisten helfen witzige, doppeldeutige, unerwartete oder überspitzte Formulierungen.

 

Allah bedeutet Gott

 

Eine Gemeinde wählt den provokanten Titel „Allah unser“ für ihre Veranstaltung – und erhält erwartungsgemäß die gewünschte Aufmerksamkeit. Ganz offensichtlich soll es an diesem Abend um das Verhältnis von Christentum und Islam gehen. Die Überschrift spielt mit der Tatsache, dass auch arabische Christen und Christinnen Gott mit dem Namen „Allah“ anreden, der etymologisch sogar mit dem biblischen Elohim verwandt ist. Sie benutzt ganz offenbar die Eröffnungsworte des Herrengebets, das Jesus seine Jünger und Jüngerinnen gelehrt hat.

 

Nun habe ich in der Vergangenheit schon etliche Beispiele erlebt, wie das Vater Unser tatsächlich verballhornt und missbraucht worden ist: Vom „Fußball Unser“ und „Bier Unser“ war da unter anderem auf unterschiedlichen witzig gemeinten Postkarten, Büttenreden oder andernorts die Rede. Ich kann mich nicht erinnern, dass solche Entgleisungen, die mir persönlich einen Stich versetzen, jemals einen Shitstorm verursacht hätten. Eher ein müdes Schulterzucken. Davon abgesehen lässt sich sicher streiten, ob die Formulierung wirklich treffend gewählt ist oder nicht. Sie steht aber ganz gewiss nicht auf dem tiefen und lästerlichen Niveau eines „Bier unser“. Wer dies nicht mit einer gewissen Gelassenheit ertragen kann, sollte sich trotzdem die Frage stellen, ob es nicht Wichtigeres in unserem Land, gerade für einen Christen oder eine Christin, zu tun gibt, als sich über die Formulierung für einen Gemeindeabend einer Kirchengemeinde aufzuregen, mit der man vermutlich im wirklichen Leben nichts zu tun hat. Aber wer dann sogar auf Beleidigungen, Verunglimpfungen oder gar Bedrohungen zurückgreifen muss, verrät, dass es ihm entweder gar nicht um die Sache geht oder ihm die Fähigkeit, das Thema zu durchdringen und zu beurteilen, nicht zur Verfügung steht.

 

Es zählt nicht nur die Überschrift

 

So nimmt es nicht Wunder, dass die Menschen vor Ort, wie es scheint,

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, als die Nutzer und Nutzerinnen sozialer Medien aus dem Rest Deutschlands, die vermutlich sowieso ausschließlich die Überschrift gelesen und dann kommentiert haben. Sie haben sich scheinbar nicht einmal die Mühe gemacht, sich darüber zu informieren, worum es an diesem Abend gehen sollte. Ihnen reichte ein Reizwort, das sie dankbar aufgegriffen haben. Es liegt sogar die Vermutung nahe, dass dieser Shitstorm von gewissen politischen Kreisen initiiert, wenigstens aber genutzt wurde. Der Gemeinde und ihrem Pfarrer vor Ort eine Islamisierung zu unterstellen und darüber hinaus sogar persönlich zu drohen, ist einerseits absurd und überschreitet andererseits die Schwelle zu einem Straftatbestand. An solchen Dingen sollten sich Christen und Christinnen, auch wenn sie die Formulierung für unglücklich oder falsch halten, nicht beteiligen.

Trotzdem könnte es ja eine Lehre sein für alle: Dass nämlich jede Provokation auch provoziert! Dass unsere manchmal gewollt witzigen, zweideutigen, ironischen oder provokanten Titel und Formulierungen in den Gemeinden aus reiner Gedankenlosigkeit Klischees bedienen, verletzen oder einfach nur missverstanden werden. Wir wollen witzig und sprachgewandt sein, sind es aber nicht. Das passiert schneller, als wir denken. Ich habe diese schmerzliche Erfahrung als Gemeindepfarrer selbst auch schon gemacht.

 

 

Marcus Tesch ist Pfarrer der rheinischen Kirche
in der evangelischen Kirchengemeinde Wissen.


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