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DIE LEHRE VOM SCHAM- UND SCHULDORIENTIERTEN GEWISSEN


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#1
Rolf

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ELENKTIK: DIE LEHRE VOM SCHAM- UND SCHULDORIENTIERTEN GEWISSEN.




Dr. Klaus W. Müller

Vorgesehen zur Veröffentlichung in em (evangelikale missiologie) in Englisch bei EMQ.

Der Missionar und die Rolle des Gewissens bei der Verkündigung des Evangeliums.


Eine Einführung in das Thema.

Das Beispiel

Stellen Sie sich vor: Sie sind vor kurzem in Ihre neue Wohnung eingezogen und freuen sich über die großen Glastürflügel zum Garten hin. Sie sitzen im Wohnzimmer und genießen die Natur - draußen vor der Tür. Dann ein Klirren - vor Ihren Augen geht das große Isolierglas zu Bruch. Sie erkennen deutlich den Nachbarjungen, der gerade noch mit einer Gruppe anderer Burschen hinter den Büschen verschwindet. Vor Ihren Füßen inmitten der großen Scherben liegt der etwa faustgroße Stein, dem das Glas nicht standgehalten hat. Sie hatten versäumt, eine Glasversicherung abzuschließen.

Schon mehrmals in den vergangenen Tagen hatten die Jungen in Nachbars Garten wilde Spiele veranstaltet, und Sie hatten in weiser Vorahnung auch gleich zu Anfang freundlich darauf hingewiesen, doch einen Sicherheitsabstand zu Ihrer Wohnung einhalten zu wollen. Freundlich lächelnd versprachen das die jungen Leute - wie selbstverständlich. Sollten Sie jetzt provoziert werden?

Um nun gleich zu Anfang ein Exempel zu statuieren, beschließen Sie, die Polizei zu benachrichtigen. Bewußt unter den Augen der Nachbarschaft wird der Fall aufgenommen. Ein Polizeibeamter weist daraufhin den Vater des Jungen persönlich darauf hin, daß er die Rechnung zu bezahlen habe. Als das Fenster repariert ist, werfen Sie die Rechnung dem Nachbarn in den Briefkasten - mit der freundlichen Bitte um Erledigung. Vorsichtshalber ziehen Sie sich vorher noch eine Kopie davon für Ihre Unterlagen.

Wenig später kommt es zum Eklat: Der Nachbar erscheint am Gartenzaun, heftig gestikulierend immer wieder laut die gleichen Sätze rufend. Sie bleiben vorsichtshalber auf Abstand, verstehen aber so viel, daß Sie beschuldigt werden: Sie hätten die gute Nachbarschaft zerstört, die Polizei gerufen, den armen Jungen vor seinen Schulkameraden blamiert, und überhaupt sei es noch nie vorgekommen, daß einer unbescholtenen Familie eine solche Schande angetan wurde! Ein Polizeiauto vor der Haustür! Die gesamte Nachbarschaft redet darüber! Seit Menschengedenken ist so etwas noch nicht vorgekommen!

Sie verstehen die Welt nicht mehr: Wer war hier der Schuldige? Sie meinten, das sei der Nachbarjunge. Jetzt finden Sie sich selbst in dieser Rolle. Auf einmal steht die nachbarliche Beziehung im Vordergrund und die Schande, einen polizeilichen Bescheid ins Haus bekommen zu haben - was auf Ihre Initiative zurückging. Sie blicken ratlos auf den "Stein des Anstoßes", der noch auf Ihrem Fenstersims liegt; er ist eindeutig denen gleich, die hinter dem Gartenzaun auf Nachbars Seite herumlagen. Daran hatte selbst die Polizei keinen Zweifel.

Sie warten ab. Die Glaserei schickt eine Mahnung; das Original leiten Sie postwendend an den Nachbarn weiter. Bald darauf dasselbe, im roten Umschlag. - Keiner der andern Nachbarn grüßt, Sie werden isoliert, und wenn Sie sich auf der Straße zeigen, gehen mit einem Ruck Fenster und Vorhänge zu. - Was ist hier los?

Die Polizei weigert sich, wegen dieser "Bagatelle" weitere Schritte zu unternehmen. Die Situation wird unerträglich: Ihre Frau kann die durchdringenden Blicke hinter den Gardinen fühlen, beim Einkaufen steht sie allein an der Kasse. Niemand will in der Schule neben Ihren Kindern sitzen; sie kommen weinend nach Hause, finden keine Spielkameraden. Sie selbst erhalten bei der Arbeit keine Hilfestellung mehr, das gewohnte carpooling zum Betrieb unterbleibt - niemand wartet, um mit Ihnen im Auto mitzufahren.

Die Glaserei droht mit dem Gerichtsvollzieher. Ihr Rechtsanwalt gibt zu verstehen, daß die besagte Familie wohl kaum zahlungsfähig sei und Sie im Falle einer Verhandlung vermutlich die Gerichtskosten zu tragen hätten, ohne Aussicht auf eine rechtliche Regelung. Beim Verabschieden bemerkt er noch beiläufig, Sie sollten doch die Sache schnell über die Bühne bringen, schließlich handle es sich um Ihr eigenes Fenster, nicht um das des Nachbarn. Und für Sie wäre das doch auch eine Kleinigkeit, die Rechnung zu bezahlen.

Alles steht gegen Sie. Sie empfinden es unterschwellig: Eigentlich werden Sie hier selbst als der "Sünder" angesehen. Was sollen Sie jetzt tun? Der Knoten ist perfekt.

Sie ringen sich - gegen Ihre Überzeugung - dazu durch, "vorerst mal" den Betrag der Rechnung selbst zu überweisen, um wenigstens vor der Glaserei Ruhe zu bekommen. Es könnte ja sein, daß Sie wieder mal deren Dienstleistung brauchen.

Einige Tage später erzählen die Kinder des Glasers in der Schule, daß die Rechnung bezahlt sei; es seien keine Forderungen mehr offen.

Interessant: Plötzlich scheint der dicke Nebel zwischen Ihrer Familie und allen andern wie weggeblasen. Alle tun so, als ob nichts vorgefallen wäre. Alles erscheint wieder im Lot. Was ist hier vorgegangen?

Die "Rechtslage"

Sie befinden sich in einer gesellschaflichen Situation, in der der Wert der zwischenmenschlichen Beziehungen und des Ansehens der Person weit vor der eigentlichen Rechtslage rangiert. Im Konfliktfall ist es bei weitem schlimmer, das Gesicht zu verlieren, als eine Fensterscheibe zerbrochen zu bekommen. Und im Übrigen ist es hier eine Todsünde, einen angesehenen Bürger öffentlich zu blamieren, indem Sie ihn mit der Polizei in Verbindung bringen.

Nicht der Stein, nicht der Junge, nicht die kaputte Scheibe, nicht das Recht stehen hier im Vordergrund, sondern das Prestige-Empfinden des Nachbarn. Sie haben seine Ehre verletzt, ihn vor allen beschämt, seinen guten Namen verunehrt. Das hat die gesamte Nachbarschaft gegen Sie aufgebracht. So etwas tut man nicht. Deshalb erklären sich die Nachbarn solidarisch mit dem Betroffenen, mit dem eigentlich Geschädigten: Der Nachbar hatte einen empfindlichen Prestigeverlust durch Ihr Verhalten.

Kein Mensch redet von dem Geld, mit dem die kaputte Scheibe bezahlt werden mußte, oder von dem Rechtsverlust, den Sie erlitten haben, oder von der Rechnung, die vom falschen Konto beglichen wurde. Der Nachbarjunge fühlt sich anscheinend völlig unbeteiligt an der ganzen Angelegenheit. Die "Rechtslage" hat hier eine völlig andere Basis, als Sie das gewohnt sind und als Sie in diesem Fall erwarten. Verkehrte Welt!

Zugegeben: Die Geschichte ist erfunden, und sie könnte so auch wohl nicht in Mitteleuropa oder in den USA geschehen sein. Hier geht es jedoch um die Zusammenhänge in der Gesellschaft, die in Asien, in Afrika und in Lateinamerika alltäglich sind.

Das Missionarsproblem

Hier wird ein typisches Missionarsproblem beschrieben. Was verstehen die Nachbarn unter Schuld und Sünde? Die Unverschämtheit, einen unbescholtenen Bürger in Schande zu bringen. Nach dem Grund wird nicht gefragt.

Dieses Empfinden und Verhalten ist den Missionaren so fremd, daß sie lange brauchen, bis sie die Zusammenhänge verstehen. Bis sie versuchen, anders als gewohnt zu reagieren, dauert es dann nochmal eine Weile. Aber wie sollten sie denn reagieren? Von vornherein die Scheibe selbst bezahlen? Das könnte im Laufe der Zeit teuer werden. Und zudem würde das nicht dazu dienen, ein Beispiel für Recht und Gerechtigkeit oder für ein Verantwortungsbewußtsein zu geben, Verständnis bei den Leuten dafür zu wecken und sie dazu anzuleiten. Schließlich sollte nach der Bibel auf Sünde ein Schuldbewußtsein folgen. Außerdem zieht Sünde immer eine Strafe nach sich; und nur wer die Folge der Sünde kennt, wird die Vergebung schätzen.

Wo liegt bei diesen Nachbarn die Autorität, auf die sie sich berufen? Was sind die Maßstäbe, nach denen sie handeln? Sie liegen in der Gesellschaft selbst; undurchsichtig für den Missionar, und selbst für die Menschen dort kaum zu definieren. Jedenfalls ist das nicht die Vorstellung von einem Gott, der der Gesellschaft übergeordnet ist, nicht manipulierbar und unbestechlich.

Anders ist das z.B. in Asien oder in den meisten nicht-westlichen Ländern und Kulturen: Ein falsches Verhalten wird zwar als falsch, als gegen die Gesellschaftsnorm erkannt. Aber wo kein Kläger ist, ist auch keine Schuld. Außerdem: Der höchste Wert ist nicht das Recht oder die Gerechtigkeit, sondern die Ehre, das Prestige des Menschen. "Sünde" ist dagegen, jemanden bei einem falschen Verhalten zu entdecken und das öffentlich weiterzusagen. Dadurch bringt man diese Person in Schande, was allgemein verpönt ist, denn niemand mag das gern. Diese "Sünde" wird bestraft, nicht die Ursache.

Ein solcher Mensch sieht viel eher über sein falsches Verhalten, über seine Normverletzung hinweg, als daß er sich selbst zum Sünder macht, indem er sich öffentlich dazu stellt. Damit würde er alle Beziehungen riskieren. Schlimmer noch: Die Normverletzung eines anderen zu beobachten ist eine Sache; die andere ist, diese Beobachtung mit Namen der betreffenden Person weiterzusagen. Wer sich wiederholt so verhält, wird öffentlich gemieden, man hat Angst vor einem solchen Menschen, und gegebenenfalls wird er sogar dafür bestraft. Es ist viel wichtiger, das Gesicht zu wahren, das Prestige zu verteidigen, die Beziehungen zu erhalten als das Recht.

Der Begriff "Sünde" hat also mit dem Wert in der Gesellschaft zu tun. Dieser liegt eindeutig beim Prestige, beim Ehrempfinden des Menschen. Davon sind die Maßstäbe für das Verhalten abgeleitet. Die Gesellschaft selbst übt Druck auf den Einzelnen aus, sie ist also die Autorität. Das ist völlig anders, als der Missionar das empfindet. Was "Sünde" ist, macht der eine am Recht fest, der andere am Prestige.

Im Extremfall kann das so aussehen: Der Missionar beschreibt solchen Leuten das Evangelium und schildert die Kreuzigung Jesu. Die Leute folgen der Erzählung nach ihrer Logik: Da stehen Pharisäer unter dem Kreuz und freuen sich. Worüber freuen die sich wohl? Offensichtlich erhält hier jemand die gerechte Strafe für eine große Sünde. Tatsächlich hatte Jesus vorher immer wieder öffentlich darauf hingewiesen, daß sich die Pharisäer falsch verhielten und das Wort Gottes verfälschten; er stellte sie als schlechtes Vorbild dar und sprach sogar Drohungen gegen sie aus. Nun hängt er am Kreuz, und die Pharisäer freuen sich. - Wer ist hier der Sünder?

Wenn solche Menschen das Evangelium so zum ersten Mal hören, bezeichnen sie zielsicher Jesus als den Sünder, und sie würden sich solidarisch mit den Pharisäern erklären. In ihren Augen tut man nicht, was Jesus getan hat. Und wenn doch, dann muß man eben mit entsprechenden Konsequenzen rechnen. Mit der Kreuzigung Jesu wurde das Prestige der Pharisäer wieder hergestellt. So sehen diese Menschen die Lösung des Problems. Der Wert liegt im Prestige der religiösen Führer, nicht in deren Normverletzung, also nicht in deren gestörtem Rechtsverhalten.

Wie kann man denn nun diesen Leuten das Evangelium klar machen? Wie verstehen sie sich je als Sünder vor Gott? Wir müssen bei der Verkündigung viel weiter ausholen, weiter vorne in der Bibel beginnen, bevor wir beim Evangelium ankommen können. Wohlgemerkt: Der Kern des Evangeliums ist das Kreuz und die Auferstehung Jesu Christi. Das ist das Ziel der Evangeliumsverkündigung; hier muß jede Verkündigung ankommen, diese Botschaft muß verstanden und angenommen werden. Aber wir dürfen nicht damit beginnen.

Die Begriffe und die damit zusammenhängenden Verhaltensmuster, die bis jetzt angesprochen wurden, haben mit dem Gewissen zu tun: Sünde, Schande, Prestige, Recht, Schuld. Dabei ging es um einen Belastungsmechanismus, den wir mit Sünde, Strafe und Angst bezeichnen, und um den Entlastungsmechanismus, der bei Christen über Buße und Vergebung zum inneren Frieden führt.

Hier muß ich etwas weiter ausholen und einige grundsätzliche Zusammenhänge klären. Wie reagiert und funktioniert denn ein solches Gewissen?




Elenktik: Die Lehre vom scham- und schuldorientierte Gewissen




Elenktik (engl. elenctics) ist der deutsche Begriff für "elengchein", das in 2.Tim.3,16 (für "Strafe") vorkommt und soviel bedeutet wie "von Schuld überführen". Das ist das Ziel der Evangeliumsverkündigung: Die Menschen sollen in ihrem Gewissen von ihrer Schuld vor Gott überführt werden und die Erlösung durch das Heilswerk Jesu Christi annehmen. Deshalb ist Elenktik die Lehre vom Gewissen im schuld- und schamorientierten Kontext des Menschen.

Wir können davon ausgehen, daß jeder Mensch auf der Welt, gleich in welchem Land er lebt, ein Gewissen hat. Ohne Gewissen funktioniert kein Mensch normal in seiner Umgebung. Das Gewissen ist das sozial-ethische Organ des Menschen, das ihn gesellschaftsfähig macht. Ebenso ist der Mensch durch sein Gewissen kultur- und religionsfähig. Ein "gewissen-loser" Mensch kann sich weder in die Gesellschaft, noch in eine Kultur und am wenigsten in eine Religion integrieren. So verschieden nun die Mentalitäten, Kulturen, Religionen und deren Normen sind, nach denen sich die Menschen richten, so verschieden ist auch die Struktur und Arbeitsweise ihres Gewissens.

Das Gewissen funktioniert durch bestimmte Elemente. Wenn diese in der Sprache auftreten oder in einer Konfliktsituation angesprochen werden, haben wir es potentiell mit dem Gewissen zu tun. Diese Elemente stehen in einem Zusammenhang zueineander und sind voneinander abhängig, sie bedingen sich gegenseitig. In der Literatur vor allem der Theologie, Soziologie und Psychologie werden diese Elemente aufgegriffen und diskutiert, jedoch nicht im Zusammenhang miteinander; und meistens werden sie nicht in Verbindung mit dem Gewissen gebracht, höchstens die Begriffe "Schuld" und "Sünde"1. Es ist interessant, daß keine dieser wissenschaftlichen Disziplinen ohne Rückgriff auf die Bedeutung aus dem alten griechischen Kontext von "syneidesis" für Gewissen als "Mitwissen" mit verschiedenen logischen Konsequenzen, zumindest nicht ohne Zuhilfenahme von Erkenntnissen aus anderen Disziplinen auskommt. Das zeigt die Komplexität dieses Begriffs und des gesamten Zusammenhangs, in dem man ihn sehen muß. Das zeugt jedoch auch davon, daß die Bedeutung dieses Begriffs immer noch stark vom griechischen Denken her bestimmt ist und damit andere Wege der Erkenntnis ausschließt. Allein die Antropologie (in Deutschland eher die Ethnologie) geht eigenwillige Wege und bietet der Missiologie tatsächlich einen neuen, brauchbaren Ansatz.2 "Gewissen" wird im wissenschaftlichen Sprachgebrauch allgemein unter den Begriffen "super-ego" oder "Über-Ich" geführt. Lothar Käser schuf mit seiner Dissertation die Grundlage zum Verstehen von Gewissen für den missiologischen Gebrauch. Er versteht das Gewissen als den Sitz der Emotionen.

Aus diesen Überlegungen entwickelte ich verschiedene Modelle, die Funktionen des Gewissens zu erklären. Hier soll nur das Grundmodell zur Diskussion gestellt werden.3 Damit sind nicht alle Perspektiven erklärbar.

Versuch einer vereinfachten systematischen Darstellung

Jeder Mensch, in jeder Kultur und Religion, besitzt die Fähigkeit, vier "Elemente" zu empfinden und darauf zu reagieren, jedoch sehr unterschiedlich intensiv. Das erste ist das Empfinden für Prestige oder das Ehrgefühl. Es liegt am einen Ende einer gedachten Schiene, wie das in der Graphik angedeutet wird; am anderen Ende befindet sich das Gegenstück dazu: das Empfinden für Scham und Schande. Wir fühlen uns von anderen Menschen unserer Umwelt angenommen und geehrt, wenn uns Prestige oder unsere Ehre zugesprochen oder diese akzeptiert bzw. respektiert werden. Jeder Mensch versucht, sein Prestige zu behalten. Die Empfindungen auf diesem Gebiet sind am Gesicht erkennbar; das wurde in unserer Sprache schon sprichwörtlich: jeder versucht sein "Gesicht zu wahren".

Die Ehre des Menschen leitet sich ab von der Würde, die Gott ihm gewährt und die er respektiert. Das ist auch so im ersten Artikel unseres Grundgesetzes verankert: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Jedem Menschen steht Ehre zu; das Bedürfnis dafür wurde von Gott geschaffen. Hier liegen die stärksten Emotionen des Menschen begründet. Wem auf längere Sicht seine Ehre genommen oder geschändet wird, wird aggressiv, krank, oder er vegetiert, unfähig zum Leben.

Wir alle reagieren aufgrund von Ehre und Prestige recht "empfindsam". Das ist normal, auch für Christen. Was Gott uns zugesprochen hat, dürfen wir niemandem nehmen oder absprechen. Dieses Empfinden ist in den meisten Völkern und Kulturen sehr viel stärker ausgeprägt als bei uns. Prestige, Ehre und die Gegenkräfte Scham und Schande sind emotionale Kräfte, die stärker als der Wille zum Leben sein können.

Den Verlust von Prestige oder Ehre empfinden wir als Scham oder Schande, in manchen Kulturen nennt man das "Gesichtsverlust". Dabei kommt wieder zum Ausdruck, daß wir dieses Empfinden mit unserem Gesicht assoziieren. So bedecken sich manche Menschen das Gesicht oder zumindest die Augen, wenn sie sich schämen oder wenn sie das andeuten wollen.

Nach unseren Verhaltensmustern ist es eine Schande, dies oder jenes zu tun. Wir fühlen uns blamiert, wenn andere etwas Unehrenhaftes über uns sagen oder uns dabei ertappen. Scham bedeutet weit mehr als körperliche Entblößung; es geht um unsere Persönlichkeit, unser Sein, um unser Erscheinungsbild vor anderen. Daß wir möglichst vorteilhaft erscheinen wollen, das bewirkt eine Kraft in uns, die wir als die Kraft des Gewissens bezeichnen. Sie wird jedes Mal aktiviert, wenn es um unser Prestige oder um das Gegenteil davon geht: um Scham und Schande. Wir empfinden diese Elemente tief, unser Gewissen reagiert und zeigt bei Prestigeverlust verschiedene Alarmstufen an: Wie schämen uns, und das sieht man uns meist äußerlich an: Der Blutkreislauf unserer Haut erhöht sich an bestimmten Stellen, weil das vegetative Nervensystem mit dem Gewissen zusammenhängt. Das hat physische Auswirkungen. Das vegetative Nervensystem bewirkt eine Ausschüttung von Adrenalin, der Körper stellt auf Abwehrhaltung um, er wird unter Streß gesetzt. Das zeigt den psychosomatischen Zusammenhang zum Gewissen und warum der Mensch z.B. bei einem sog. "schlechten Gewissen" nichts direkt gegen sein Empfinden tun kann.

Bei Prestigeverlust werden Kräfte in uns mobilisiert, die sonst tief schlummern. Selbst derjenige unter uns gerät spontan in Bewegung, der anscheinend durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist oder "sich zu beherrschen" weiß, wenn er sich auf dieser Scham-Prestige-Schiene angesprochen fühlt. Scham bedeutet also Prestigeverlust, und Prestigegewinn ist Verlust von Scham.

Die Graphik stellt die obere Schiene als die Schamorientierung eines Menschen dar. Sein Gewissen reagiert normalerweise zuerst und sehr stark auf das Schamempfinden bzw. auf Prestigeverlust. Diese Empfindungen treten hauptsächlich durch die Beziehungen der Menschen untereinander auf; deshalb nennen wir sie die "Beziehungsschiene". Hier ist alles nur empfindbar. Vieles, das sich dabei abspielt, ist wenig "zu greifen", man kann es nicht gut "festmachen".

Das Gewissen arbeitet aber auch noch auf einer zweiten Schiene, die parallel zur ersten liegt. Scham und Prestige erhalten einen Ausgleich, eine Parallele, ein starkes Gegenstück durch das Empfinden für Recht und Gerechtigkeit einerseits und für Schuld andererseits.

Auf der einen Seite, analog zu Prestige, liegt das Rechtsempfinden, oder das Bedürfnis nach Gerechtigkeit. Das ist die "Sachbezogene Schiene", hier wird alles nach Fakten, nach Gesetzen oder Normen beurteilt, das ist meßbar, überprüfbar. Die zwischenmenschlichen Beziehungen spielen hier eine unwesentliche Rolle.

Auch dies ist eine sehr starke emotionale Kraft, die manchen Menschen schon die Fähigkeit verlieh, dafür sogar ihr Leben einzusetzen. Am andern Ende dieser zweiten Achse, analog zu Scham und Schande, liegt das Gegenteil von Recht und Gerechtigkeit: Das Schuldempfinden. Das ist so stark in unserem Gewissen verankert, daß Menschen - auch Nichtchristen - noch nach Jahren eine Schuld bekennen, obwohl sonst niemand davon weiß. Davon hören wir im allgemeinen jedoch nur bei Menschen in sogenannten "westlichen" Ländern.

In unserer Geschichte empfanden Sie, dem die Glasscheibe kaputtgeschlagen wurde, auf der sachlichen Schiene. Sie reagierten mit "Recht", ordneten "Sünde" als Normverletzung ein und definierten sie als Schuld. Ihre Entlastung mußte Ihrem Empfinden nach auch auf dieser Schiene geschehen. Sie wollten Gerechtigkeit, pochten sogar auf Ihr Recht und nahmen Rechtsmittel in Anspruch. Die andere Schiene war ebenso angesprochen: Sie empfanden Prestigeverlust, jedoch stark in Zusammenhang damit, daß Ihnen die Schuld für die gestörten nachbarlichen Beziehungen in die Schuhe geschoben wurde. Prestige und Scham waren nicht ganz unwichtig dabei, sie blieben für die Regelung der Angelegenheit jedoch untergeordnet. In "Ordnung" konnte für Sie die Sache nur auf der Schuld-Gerechtigkeit-Schiene kommen. Die Nachbarn suchten ebenso stark eine Entlastung, aber auf der andern Schiene: Sie waren beschämt, und sie verlangten ihr Prestige zurück.

Das Zentrum des Gewissens, die Achse, um die es sich dreht, ist irgendwo zwischen diesen beiden Schienen gelagert; das ist in der Graphik als eine der gestrichelten Linien angedeutet. Das jeweilige Gewissen bedeckt je nach Intensität des Empfindens mehr oder weniger eine der beiden Achsen. Bei einer Normverletzung des Menschen, einer kulturellen oder religiösen Sünde, empfindet das Gewissen den Verlust von Recht als Schuld und den Verlust von Prestige als Scham oder Schande. Je intensiver dieses Empfinden aufgrund der Sünde ist, um so weiter wird das Gewissen nach links in den Bereich von Scham bzw. Schuld gedrängt. Es ist alarmiert durch den Verlust von Prestige oder Gerechtigkeit und durch das Empfinden von Scham oder Schuld.

Das Gewissen gerät durch Sünde in Bewegung, unabhängig davon, ob sie nur in Gedanken geschehen ist oder schon zur Tat wurde. Ein "schlechtes" Gewissen ist eigentlich nicht schlecht, sondern es ist gesund, denn es zeigt Sünde an, es ist in Unruhe. Nur ein unruhiges Gewissen ist spürbar. Ein "gutes" Gewissen hat demnach auch nichts mit "gut" als einem Wert des Gewissens zu tun, sondern es zeigt lediglich an, daß kein Grund zur Unruhe besteht: alles ist in Ordnung, im Einklang mit der bestehenden Norm, dem vorgegebenen Verhaltensmuster. Ein "gutes" Gewissen wird nicht gespürt.

"Sünde" ist also die Übertretung einer kulturellen oder religiösen Norm, die Mißachtung eines gelernten oder erwarteten, vorherrschenden Verhaltensmusters in einer bestimmten Kultur. Deshalb kann ein und dasselbe Verhalten in einer Kultur normal, ja sogar notwendig sein und in der anderen ist es falsch, unsittlich, eben "Sünde".4 Der Missionar in anderen Länden darf diesen Begriff zunächst auch nur völlig unabhängig von der biblischen Bedeutung verstehen. In unserem Sprachgebrauch kommt "Sünde" nur noch begrenzt vor, z.B. als "Verkehrssünde", "Umweltsünde", oder "Kaloriensünde".

Auf der Graphik befinden sich zwei gestrichelte Linien nahe an den Schienen. Das sind die gedachtenAchsen, auf denen sich das Zentrum eines Gewissens bewegt. Das Gewissen selbst ist durch die Ovale dargestellt. Jedes Oval bewegt sich um einen gedachten Mittelpunkt, "kippt" also auch nach rechts und links, jedoch nur so weit, daß es noch beiden Achsen berührt und bedeckt. Es gibt kein gesundes Gewissen, das nicht beide Achsen berühren würde.

Liegt die Achse, auf der sich das Zentrum des Gewissens bewegt, näher an der Recht-Schuld-Schiene, reagiert das Gewissen stärker auf diese Elemente. Wir sprechen dann von einem mehr schuld-orientierten Gewissen. Das ist bei vielen Menschen im sogenannten "Westen" der Fall. Bei uns spielt sich das Leben in der Gesellschaft hauptsächlich zwischen Schuld und Recht ab; darauf sind die Gesetze ausgelegt. Die Berührung auf der Scham-Prestige-Schiene ist merklich, spielt jedoch letztlich nicht die entscheidende Rolle.

Die meisten Kulturen sind so ausgeprägt, daß die Menschen stärker auf Prestige und Scham reagieren. Wir sprechen dann von einem mehr scham-orientierten Gewissen. Dabei liegt die Achse, auf der sich das Gewissen bewegt, näher an der Scham-Prestige-Schiene. Dieses Gewissen hat nur kleine, schwache Berührungspunkte auf der Schuld-Gerechtigkeit-Schiene, für den betreffenden Menschen sehr untergeordnet, kaum merklich, aber doch vorhanden.

Das "Kulturgewissen"

Das Oval als Gewissen ist ein Abbild des großen Oval, das um die gesamte Struktur herum liegt. Das ist die Kultur. Innerhalb einer bestimmten Kultur haben die meisten Menschen eine ähnliche Gewissensstruktur. Wenn eine Kultur mehr scham-orientiert angelegt ist, sind wahrscheinlich auch alle Angehörigen dieser Kultur schamorientiert. Keiner fällt dabei aus dem Rahmen. Man kann die Reaktion oder Funktion des Gewissens eines anderen Kulturangehörigen deshalb auch einigermaßen erahnen, und es ist möglich, das Gewissen eines anderen Menschen zu stimulieren. Wenn man ihn auf ein bestimmtes Verhalten anspricht, reagiert er entsprechend mit Schuld- oder Schamempfinden.

Das große Oval kann deshalb auch als das Gewissen der Kultur bezeichnet werden. Die Reaktion und Funktion des Gewissens eines anderen Kulturangehörigen ist nicht vorhersehbar, absehbar oder stimulierbar nach den Kriterien, nach denen man selbst reagiert. Zudem sind diese Vorgänge zum größten Teil unbewußt, der Mensch setzt sie voraus, aber er kann sie normalerweise nicht erklären.

Für einen Menschen ist es aus diesem Grunde möglich, die Reaktion des Gewissens eines anderen Angehörigen seiner eigenen Kultur vorauszusehen. Diese Empfindungen sind so verinnerlicht, daß der Mensch nicht anders kann, als so zu empfinden. Dementsprechend wird er sich dann auch verhalten. Wenn es Sünde ist, jemandes Schamempfinden zu stimulieren - d.h. sein Prestige zu verletzen - wird er normalerweise alles unterlassen, was dazu führen könnte.

Es ist sehr schwierig, die Empfindungen eines Angehörigen einer anderen Kultur zu verstehen, noch schwerer ist es, so zu empfinden wie dieser. Doch genau das wird von einem Missionar verlangt, wenn er verstehen will, wie und warum sich gerade Christen einer anderen Kultur schwer tun damit, Sünde der Schuld und weniger der Schande zuzuordnen. Andererseits ist es für die einheimischen Christen so gut wie unmöglich, den Missionar in seinem Drang nach Recht und Gerechtigkeit zu verstehen, wobei die zwischenmenschlichen Beziehung anscheinend überhaupt keine Rolle spielt. Tatsächlich verhält sich der Missionar falsch, wenn er nur dem Empfinden seiner eigenen Kultur entspricht.

Die Mechanismen des Gewissens

Das, was unser Gewissen zu einem "schlechten" Gewissen macht, ist der Belastungsmechanismus des Gewissens. Ein scham-orientiertes Gewissen wird durch das Empfinden von Scham "belastet". Wenn diese Menschen ein sogenanntes "schlechtes" Gewissen haben, empfinden sie eher Scham und Schande. Bei unserem Gewissen in den westlichen Kulturen arbeitet der Belastungsmechanismus mehr mit Schuld; d.h. wenn eine "Sünde" geschehen ist, empfinden wir uns als schuldig.

Auf der Graphik ist das mit den Dreiecken an den Enden der Schienen angedeutet. Unser Gewissen reagiert auf dem kürzeren Schenkel des Dreiecks hin zu Schuld. Der längere Schenkel deutet an, daß wir auch Scham empfinden, aber das dauert unter Umständen länger, oder dieses Empfinden ist untergeordnet.

In den meisten nicht-westlichen Kulturen dagegen kommt bei einer "Sünde" kein Schuldgefühl auf, vielmehr sehen sich die Menschen beschämt, und zwar erst dann, wenn die "Sünde" offenbar geworden ist. (Die Hintergründe dafür müssen an anderer Stelle erklärt werden.) Schamorientierte Menschen geraten durch "Sünde" nicht in Schuld, sondern in Schande. Der kürzere Schenkel des Dreiecks in der Graphik führt hierbei zu Scham/Schande. Das ist vordergründig, hierauf liegt die Betonung. Nur sehr untergeordnet und viel schwächer reagiert das Gewissen mit Schuldempfinden.

Erinnern wir uns an unsere Geschichte zu Anfang. Weder der Nachbarjunge noch der Nachbar zeigten eine Regung von Schuld, Verpflichtung oder Verantwortung, nachdem die Scheibe zu Bruch gegangen war. Die Täter rechneten nicht damit, daß Sie alles beobachtet hatten. Nachdem die Polizei eingeschaltet war und die Sache Öffentlichkeitscharakter erhalten hatte, fühlten Sie sich jedoch von dem Geschädigten öffentlich blamiert. Weil dies ein Trauma ist und von der Ethik der Kultur nicht erlaubt war, richteten sich alle Aggressionen nicht gegen den Täter, sondern gegen den, der den andern in Schande gebracht hatte. Zuletzt löste sich die Spannung auf, ohne daß Gerechtigkeit geschaffen worden wäre.

Dazu noch einige Gedanken zum Verständnis des Vorgangs. Wir erinnern uns durch die Beschreibung der Graphik weiter oben: Ein "gutes" Gewissen ist in Ruhestellung, man spürt es nicht, der Mensch fühlt sich im Einklang mit seiner Kultur, seiner Religion und deren Gesetzmäßigkeiten. Es herrscht Friede im Menschen, wenn er sich in Harmonie mit den Gesetzen und Normen seiner eigenen Kultur befindet.

Keine Kultur kann Normübertretungen hinnehmen. Sie würde sich auflösen, sie wäre nicht existenzfähig. Die Normen müssen durch Strafandrohung und durch Strafen aufrecht erhalten werden. Sonst würde Gesetzlosigkeit herrschen. Dieses gelernte Wissen ist so stark verinnerlicht, daß automatisch eine Strafe erwartet wird, nachdem eine Normübertretung geschehen ist, und daß selbst bei dem Gedanken daran Angst auftritt.

Durch den Belastungsmechanismus entsteht also Angst, Angst vor der Strafe, oder Angst durch Strafe. Manchmal löst schon die Erwartung der Strafe Angst aus und wird dann selbst als Strafe empfunden. Schon allein der Verlust von Prestige, das Schamempfinden, ist für die meisten Menschen so traumatisch, daß allein der Gedanke daran zur Angst wird.

Niemand auf dieser Welt liebt Angst. Jeder versucht, sie zu vermeiden. Das ist eines der Merkmale des Gewissens, die weltweit in allen Kulturen entstehen. Wenn im Bewußtsein klar wird, daß die Konsequenz einer "Sünde" Strafe ist, die Angst auslöst, wird die Tat der "Sünde" vielleicht schon in Gedanken abgebremst. Das ist der Abwehrmechanismus des Gewissens.

Hätte der Nachbarjunge in der Geschichte geahnt, daß Sie ihn beobachten und die Sache der Polizei melden würden, ihn also der Öffentlichkeit preisgeben würden, hätte er, wenn er gekonnt hätte, den Stein vielleicht noch im Flug abbremsen wollen. So aber kam es zum klirrenden Unglück. Durch seine starke Beziehungsorientierung war sich der Junge bewußt, daß er seine ganze Familie in Schande bringen würde.

Nachdem die Rechnung bezahlt war, trat ein anderer Mechanismus in Kraft: Die Entlastung des Gewissens.

Der Entlastungsmechanismus wird ausgelöst durch die Auflösung des belastenden Elements, der "Sünde". In der Geschichte nahmen Sie selbst diese Entlastung vor, indem Sie die Rechnung bezahlten. In den Augen der Nachbarn zeigten Sie jedoch damit, daß Sie Ihre "Sünde" erkannten, sich dazu stellten und in Ordnung brachten. Daraufhin gewährte Ihnen Ihr Nachbar Vergebung, und dem Frieden stand nichts mehr im Wege - vielleicht nur noch Ihr Groll, weil Sie sich nach Ihrem gewohnten Mechanismus nicht entlastet fühlten, und weil sich die Entlastung des Nachbarn auf Ihre Kosten vollzog.

Kein Mensch könnte in einer Gesellschaft mit anderen zusammenleben ohne diese sozialen Mechanismen, die im Gewissen verankert sind. Abwehr-, Belastungs- und Entlastungsmechanismen sind Funktionen des Gewissens, die in jeder Kultur verschieden arbeiten. Vor allem aber unterscheiden sie sich in schamorientierten Kulturen von denen in schuldorientierten Kulturen.

Es ist für das Zusammenleben der Menschen wichtig, daß nach einer "Sünde" wieder eine Entlastung entstehen kann, wodurch das Gewissen wieder zur Ruhe kommt. Im christlichen Bereich sprechen wir dabei von der Gehorsamsbereitschaft dem Wort Gottes gegenüber, von Buße über Sünde, worauf Vergebung zugesprochen oder in Anspruch genommen wird. Wir sind dann wieder gerecht vor Gott, weil Jesus Christus unsere Sünde und die Strafe als Konsequenz daraus getragen hat und dafür gestorben ist. Die Gerechtigkeit wird wiederhergestellt durch den Entlastungsmechanismus der Buße und Vergebung. Die Entlastung geschieht nach der Bibel dadurch, daß Gott wieder Gerechtigkeit schafft.

Auch bei weniger religiösen Menschen unserer Kultur funktioniert die Entlastung des Gewissens ebenfalls hin zu Recht oder Gerechtigkeit. Das ist durch den kürzeren Schenkel des Dreiecks angedeutet. Die Wiederherstellung der Ehre und des Prestiges ist zwar wichtig, aber in der westlich orientierten Rechtsprechung deutlich untergeordnet.

In einem scham-orientierten Gewissen funktioniert dieser Entlastungsmechanismus nicht, daß Recht und Gerechtigkeit geschaffen, sondern daß das Prestige der Beschämten wiederhergestellt wird, unabhängig von Recht und Gerechtigkeit. Ein "Rechtsanwalt" in solchen Kulturen wird also bestrebt sein, alles zu tun, die Ehre des Betroffenen - in unserer Geschichte ist das der Nachbar, nicht Sie als der Geschädigte - zu "retten". Die gesamte Nachbarschaft übt dahingehend Druck aus. Jeder hat Sympathien für den, dessen Prestige durch die dreiste Verhaltensweise des Geschädigten verlorenging. Dehalb empfanden es auch alle als richtig, als Sie endlich den Grund der Beschämung zurücknahmen und die Rechnung selbst bezahlten. Das hatte ja auch schon der Rechtsanwalt angedeutet.

Die Normübertretung, die für Sie der Grund und Auslöser des Problems war, der gezielte Steinwurf ins Fenster, wird in diesem Entlastungsmechanismus nicht oder nur sehr am Rande berührt.

Ein Missionar kennt meist diesen Hintergrund nicht, aufgrund dessen die Menschen empfinden und handeln und hat es deshalb schwer, ein Schuldbewußtsein bei ihnen zu entdecken, wenn eine Übertretung einer kulturellen Norm geschehen ist. Dieses Empfinden wird von solchen Menschen, die Christ geworden sind, auch auf das Wort Gottes übertragen.

Deshalb kam es den Leuten in einem afrikanischen Stamm ganz entgegen, daß der einschlägige Passus im Vaterunser, "und vergib uns unsere Schuld", von einem Missionar so übersetzt worden war: "Und erwische uns nicht, wenn wir der Versuchung nachgeben." Vielleicht hat der Missionar damals anhand von Beispielen erfragt, wie die Leute "Schuld vergeben" ausdrücken würden, und er übernahm deren Antwort, ohne sie nach dem biblischen Zusammenhang zu prüfen. Dann wurde jahrzehntelang so in der christlichen Gemeinde gebetet, mit dem Verständnis, daß es Jesus selbst so gelehrt hätte, und man empfand das als selbstverständlich.

Die Lösung des Problems

Entscheidend bei jedem Gewissen ist der Maßstab, nach dem es mißt, die Werte, die es als Prioritäten erkennt und die Autorität, der es sich unterstellt. Das alles ist in der Kultur und in der Religion verankert. Dies zu erklären erfordert einen gesonderten Artikel. Hier können nur die Erkenntnisse angesprochen werden.

Wichtig ist die Autorität, die über dem Menschen steht, denn darin unterscheidet sich das scham- vom schuldorientierten Gewissen. Wenn ein Mensch in einer Kleinfamilie aufwächst, in der Vater und Mutter sozial unabhängig sind und alles selbständig entscheiden können, dann entwickeln die Kinder ein schuldorientiertes Gewissen, und die Autorität ihres Gewissens liegt in ihnen selbst. Das bedeutet, wohin sie auch gehen, ihr Gewissen geht mit und reagiert, unabhängig von anderen Menschen.

Wenn dagegen ein Kind in einer Großfamilie erzogen wird, in der ein Onkel oder der Großvater das Sagen hat und die Eltern nicht die einzigen und wichtigsten Bezugspersonen sind, dann entwickelt das Kind ein schamorientiertes Gewissen. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einer sozial abhängigen Situation. Das Gewissen reagiert nur, wenn die maßgebende Person, die Autorität über das ganze soziale Gefüge, in Sichtnähe ist oder ihr das Vergehen erzählt wird. Etwas falsch zu machen bedeutet dabei, vor allen bloßgestellt zu sein, und das ist schlimm.

Für die evangelistische Verkündigung des Evangeliums muß zuallererst eine neue, starke Autorität des Gewissen vermittelt und dargestellt werden: Gott als der allmächtige Schöpfer, Gott als der Heilige, dem alle Ehre gebührt, und Gott als der liebende Vater der Menschen. Der Maßstab und die Werte werden durch das Wort Gottes vermittelt, und wer es annimmt, dessen Gewissen wird vom Heiligen Geist gereinigt, verändert und verstärkt. Das Gewissen der Christen hat Gott zum Bezugspunkt. Er ist die Autorität, er ist der "significant other", auf den das Gewissen reagiert.

Die Bekehrung bzw. die Wiedergeburt ist letztlich und vorrangig eine grundlegende Veränderung des Gewissens durch das Evangelium.

Wenn in der Verkündigung des Evangeliums zuerst die Versöhnung durch Jesus gepredigt wird, wird diese Botschaft im Rahmen des Systems des scham-orientierten Gewissens verstanden. Dabei kann eine Karikatur von Jesus Christus und dessen Heilswerk entstehen, wie das weiter oben angedeutet wurde.

Das Wort Gottes ist "schuld-orientiert", d.h. es zielt darauf, daß der Mensch gerecht wird vor Gott. Der Entlastungsmechanismus geht über Recht und Gerechtigkeit und erst in zweiter Linie und untergeordnet über Prestige und Ehre. Der geistliche Belastungsmechanismus reagiert auf die Normen der Bibel, auf die Zehn Gebote oder die Bergpredigt z.B., und er zeigt Schuld an.

Wenn sich ein Mensch bekehrt, wird er durch den Heiligen Geist wiedergeboren (2.Kor.5,17). Das geschieht durch die Beschäftigung mit und durch Erkenntnisse aus dem Wort Gottes, der Bibel. Mit den neugewonnenen und neu anerkannten Werten aus dem Wort Gottes verändert sich auch die Orientierung des Gewissens. Der dreieinige Gott wird zur Autorität des Gewissens, der Heilige Geist erneuert und verstärkt die Kraft, also die Reaktion des Gewissens.

Scham-orientierte Menschen werden dabei mehr schuld-orientiert. Das geschieht aber sehr langsam durch anhaltendes Lehren und gezielte Verkündigung und erst nach der Wiedergeburt eines Menschen.

Aber auch extrem schuld-orientierte Menschen werden vom Wort Gottes auf ihre Beziehung zu anderen Menschen aufmerksam und durch den Heiligen Geist empfindsamer; sie lernen auf ihrer "Beziehungsschiene" zu reagieren. Das kann der Missionar von den einheimischen Christen lernen, dann empfinden sie ihn nicht mehr als so kalt und unnahbar, gefühlslos und direkt.

Sündenvergebung geschieht aufgrund von Schuldbewußtsein vor Gott, nicht aufgrund eines Empfindens von Scham vor Menschen. "Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns unsere Sünden vergibt und reinigt uns von aller Untugend" (1.Joh.1,9). Da auch schamorientierte Menschen ein Minimum von Schuldempfinden spüren können, kann diese Vergebung zugesprochen und in Anspruch genommen werden. Das Scham- und Prestigeempfinden ist und bleibt jedoch bei einheimischen Christen vordergründig, wahrscheinlich das ganze Leben, auch bei reifen Mitarbeitern. Diese Problematik tritt vor allem bei der Gemeindezucht wieder zutage. (Die Hintergründe dafür haben mit dem Sinn und mit der Auswirkung von Strafe zu tun und müssen anderswo erklärt werden.)

Offensichtlich kommt es Gott nicht auf die Quantität des Schuldempfindens an, sondern auf die Qualität. Er hat mehr Menschen mit einem scham-orientierten Gewissen in seiner Gemeinde als andere. Die Mehrzahl der Christen lebt in Asien und Afrika und in Lateinamerika, nicht im Westen.

Aus diesem Zusammenhängen ist erklärbar, warum Seelsorge durch einen westlichen Missionar in nichtwestlichen Kulturen so schwierig ist. Auch die Form, die Systematik der evangelistischen Botschaft ist anderen Kriterien unterworfen als der Missionar in seiner Heimat gelernt hat. Hier liegen die größten Probleme des Missionars, nicht in der Anpassung oder in der Sprache. Auf diesem Gebiet hat der Missionar die geringste Ausbildung. Mehr noch: Der Missionar meint in bester Absicht das Richtige zu tun und steht sich selbst, vielleicht sogar dem Evangelium im Weg, ohne daß er es merkt. In Berichten schreibt er dann von "hartem Boden", von Unempfindsamkeit dem Evangelium gegenüber.

Manche missiologischen Lehrbücher deuten zwar das Problem an, aber keines geht auf diese komplizierten Zusammenhänge im Unterbewußtsein des Menschen ein, und ein konkreter Vorschlag zum Umgang damit unterbleibt. Die Komponenten des Gewissens werden nicht in der hier dargestellten Struktur erkannt. Wahrscheinlich gibt es kein Thema, bei dem so sehr vom eigenen kulturellen Standpunkt aus gedacht und geurteilt wird. Davon ist sogar unsere Theologie beeinflußt, vor allem, wenn die Dogmatik-Lehrer kein Verständnis für eine andere Kultur haben.

Elenktik als die Lehre vom Gewissen ist eines der zentralen Themen der missionarischen Arbeit. Manche Missionare spüren zwar intuitiv, daß auf diesem Gebiet bei Angehörigen anderer Kulturen ein sehr sensibles Empfinden vorliegt, aber sie können es nicht klar definieren und verhalten sich entsprechend unsicher.

Missionare erleben sich täglich in der Rolle des Menschen, dem die Glasscheibe eingeworfen wurde. So lange sie nicht sicher sind, daß ihr Verhalten wirklich kontextuell biblisch und geistlich ist, sollten sie einen reifen einheimischen Christen bitten, ihm zu raten - oder die "Sache" für ihn auf der Beziehungsebene zu regeln. Falls das nicht möglich ist, können sie immer noch die Scheibe selbst bezahlen. Diese Erfahrung kann zwar teuer werden, wenn man das wiederholt machen muß. Ein Einheimischer Christ würde Mittel und Wege finden, um das das zu vermeiden. Davon kann der Missionar lernen. Vielleicht wird dabei zwar nicht unserem Gewissen entsprochen, doch die Möglichkeit zur Verkündigung des Evangeliums wird nicht unterbunden, und der Heilige Geist hat Gelegenheit, durch Gottes Wort direkt zum Gewissen der andern Menschen zu reden.

Zum Schluß noch ein Test für uns alle, bei dem wir erkennen, welche Art von Gewissen wir haben:5 Wir sind nachts um zwei Uhr unterwegs auf den Straßen, mutterseelenallein. Die Ampelanlage an einer Kreuzung erscheint völlig überflüssig, und sie schaltet auf Rot. Was tun Sie? Anhalten und Grün abwarten? Oder kurz in die Spiegel schauen und Gas geben? Im ersten Fall liegt die Autorität ihres Gewissens in Ihnen selbst; Sie haben ein schuldorientiertes Gewissen. Im zweiten Fall machen Sie Ihr Verhalten von anderen abhängig, die Sie sehen könnten. Es war aber keiner da. Die Autorität Ihres Gewissens liegt also außerhalb. Sie sind scham-orientiert.

Das merken Sie aber erst, wenn Sie nach der nächsten Kurve von zwei Polizeibeamten angehalten werden und einen Strafzettel bekommen. Wenn Sie sich dann in Ihrer Ehre gekränkt fühlen, sich über die Beamten ärgern und sie gar noch beschimpfen, machen sie diese zu "Sündern", die Ihren Prestigeverlust verursachten.

Wichtige Literatur:

Bavinck. J.H. An Introduction to the Science of Mission. Grand Rapids: Baker Bokk House, 1960.

Dye, Wayne T. Towards a cross-cultural definition of sin. Missiology (Jan. 1976,) 27-41.

Käser, Lothar. Der Begriff Seele bei den Insulanern von Truk. Dissertation, Unversität Freiburg i.Br. 1977. Erhältlich in der Freien Hochschule für Mission in Korntal.

Noble, Lowell. Naked and not Ashamed. Selbstverlag. Jackson, Michigan, 1975.

Piers, Gerhart, Milton B. Singer. Shame and Guilt. A Psycho-analytic and a Cultural Study. New York: W.W. Norton & Co., 1953/1971.

Spiro, Melford E. Children of the Kibbutz. A Study in Child Training and Personality. Cambridge, Massachusetts and London: Harvard University Press, 1958/1975.

Für eine ausführlichere Bibliographie und weiterführende Gedanken siehe:

Müller, Klaus W. Elenktik: Gewissen im Kontext. In Hans Kasdorf und Klaus W. Müller, Bilanz und Plan: Mission an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Bad Liebenzell: VLM, 1988. 415-454.

Syllabus und Lesemappe Elenktik, Vorlesung Interkulturelle Evangelistik und Elenktik, CBS/ESK an der FHM

Zum Nachdenken: Der Neo-Animismus im westlichen Europa.

Die Menschen im westlichen Europa sind nun nach der Säkularisierungsphase von einer neuen religiösen Welle erfaßt. Mit New Age wurde der Esoterik Tor und Tür geöffnet, es ist modern, niedliche Hexenpuppen ins Fenster zu hängen und die Sonnenwende zu feiern. Ich spreche in diesem Zusammenhang vom Neo-Animismus, der unsere Kultur wieder erfaßt hat: Zurück zur alten Religion der Kelten, Germanen und Alemannen. Die biblischen Werte und Richtlinien gehen immer mehr verloren, auch in unserer Gesetzgebung.

Parallel dazu ist die zunehmende Auflösung der Familie als kleinste soziale, unabhängige Einheit zu beobachten. Mehr und mehr Kinder werden von alleinstehenden Müttern oder Vätern erzogen, die natürlich arbeiten gehen und die Kinder in Tagesstätten anderen zur Erziehung überlassen. Diese Kinder entwickeln ein scham-orientiertes Gewissen. Die Autorität ihres Gewissens liegt nicht mehr in ihnen selbst, sondern irgendwo in der Gesellschaft, vielleicht bei der Polizei. Wo die nicht zu sehen ist, reagiert das Gewissen auch nicht.

Das Verhalten der Bundesbürger verschiebt sich mehr auf die Scham-Prestige-Achse. Man darf alles, nur sich nicht erwischen lassen. Schulderkenntnis kommt noch lange nicht nach einer Straftat; das Ansehen vor Nachbarn, in der Gesellschaft, bei Kollegen, gerät mehr in den Vordergrund, und das Recht wird gebeugt. Korruption wird häufiger.

1. Das meiner Ansicht nach beste deutsche Buch über das Gewissen von Siegfried Kettling erwähnt Scham nur am Rande, aber nicht als Gegenstück zu Prestige, eher als eine Auswirkung von Sünde. Siegfried Kettling, Das Gewissen: Erfahrungen, Deutungen, biblisch-reformatorische Orientierung. TVG. Wuppertal: Brockhaus, 1985.

2. Viele dieser Autoren erkennen den Zusammenhang mit Religion nicht oder sie vermeiden ihn. Erst die Dissertation von Lothar Käser öffnet die missiologische Perspektive, da er beim Über-Ich die Verbindung zur Seele herstellt und diese religiös verankert. Leider wurde die Dissertation nicht veröffentlicht. Sie ist gerade für missiologische Zusammenhänge ausgesprochen wichtig und sollte von jedem Missionar gelesen werden. Lothar Käser, "Der Begriff Seele bei den Insulanern von Truk." Dissertation, Universität Freiburg i.Br., 1977.

3. Für die anderen Modelle siehe meinen Artikel in der Festschrift für Prof.Dr.G.W. Peters. Klaus w. Müller, "Elenktik: Gewissen im Kontext." in Hans Kasdorf und Klaus W. Müller, Bilanz und Plan: Mission an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Bad Liebenzell: VLM, 1988. 416-451.

4. Siehe dazu den Artikel von Dye über die kulturelle Definition von Sünde. Wayne T. Dye, "Towards a Cross-Cultural Definition of sin." Missiology, January 1976. 27-41. Lothar Käser, "Der Begriff Sünde und Fluch bei den Insulanern von Truk." Unveröffentlichtes Manuskript.

5. Zur Kultur- und Gesellschaftsveränderung in Deutschland heute, bei der ein deutlicher Trend hin zur Schamorientierung festzustellen ist, und zur Begegnung mit diesen Menschen in der Verkündigung siehe den Vortrag des Autors bei Christival 1996 in Leipzig: "Rückfall in den Animismus: Weltbild und Selbstbild der Leute von heute."
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Guest_Matthes_*

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Ich habe mich einmal in den Beiträgen dieses Unter-Forums umgeschaut. Ich bin dabei auf den oben stehenden gestoßen. Der ist ja übelstig gut und interessant. Ein Bekannter von mir, der auch Missiologe ist, hat in einem Vortrag dieses Thema einmal angesprochen und ich weiß aus schriftlichen Veröffentlichungen, besonders des Heftes evangelikale missiologie, wie brisant das Thema ist.

Ich wohne zur Zeit im ländlichen Raum und dort scheint es auch so zu sein, dass zum Teil eine schamorientierte Kultur herrscht. Firma XY beispielsweise ist "eine Institution" im Dorf und wehe, Du machst ihre Fehlleistungen öffentlich. ...

Das ist alles sehr spannend und wird im Rahmen der konventionellen deutschen Theologie gar nicht thematisiert. In der evangelikalen Missionswissenschaft, wie sie z. B. in Korntal gelehrt wird, kommt so etwas aber vor. Die Evangelikalen sind hier also, auch was die Behandlung wissenschaftlicher Disziplinen in der Forschung und Lehre angeht, fortschrittlicher als die liberalen Fakultäten. Warum? Sicherlich sind sie von den Herausforderungen der real statt findenden Missionsarbeit heraus gefordert! Matthes.
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