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Rudolf Steiner: Geist und Geister


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Rudolf Steiner: Geist und Geister







Jürgen Holwein, 29.01.2011



Im Weltbild von Rudolf Steiner verschmelzen intellektuelle und okkulte Strömungen.


Stuttgart - Was heißt Anthroposophie? Wörtlich übersetzt "Weisheit vom Menschen". Kritiker sehen darin nichts anderes als die "sonderbare Weisheit" des Menschen Rudolf Steiner. Die Anthroposophen feiern 2011 den 150. Geburtstag des Gründers der Bewegung.

Selbstverständlich sehen es die Anthroposophen gern, wenn Zeitungsartikel und Fernsehberichte über ihren geistigen Chef erscheinen, den "Menschheitsführer" Rudolf Steiner. In ihrem Selbstverständnis allerdings kann einer, der nicht als Anhänger von Steiners "Geheimwissenschaft" firmiert, zwangsläufig nur Falsches sagen. In Leserbriefen (und im Internet nachzulesen) ist dann die Rede von "unzähligen Vorurteilen und verzerrten Urteilsformen, von Vereinfachungen und Verdrehungen, bewussten Entstellungen, Verfremdungen und Fälschungen...". Als dürfe nur der sich zur anthroposophischen "Bewegung" und den Dogmen ihres Gründer äußern, wer dazugehört, sich also im Besitz einer höheren Wahrheit wähnt.

Die Erkennungsmelodie solcher stereotypen Reaktionen liegt im selbstgefälligen, gewissermaßen schreitenden Reden, gönnerhaft und besserwisserisch, einer untertönigen oder vollmundigen Überheblichkeit. Kleine Fehler, wie sie jedem Biografen bei seiner editorischen Ameisenarbeit unterlaufen, werden da zu verbalen Keulen, und man fragt sich, was zu solcher Vehemenz verführt, wenn man selber ohne Fehl und Tadel und seiner anthroposophischen Sache sicher ist.

Darin hallt die Herablassung nach, mit der Steiner seine Kritiker oder jene, die Fragen stellten, abkanzeln konnte. Und dieser Steiner war nicht eben zimperlich in seiner hochfahrenden Art, seinen herrisch anmutenden Urteilen. So, wenn er als Wiener Theaterkritiker für deutschnationale Zeitungen "den ,König Midas' des norwegischen Dramatikers Gunnar Heiberg als ,das Wetterleuchten einer ganz neuen Zeit' preist", wie der Steiner-Forscher Helmut Zander schreibt, hingegen den ,grenzenlosen Unverstand' und die ,rührende Ahnungslosigkeit"' der liberalen Wiener Presse geißelt. Der 150. Geburtstag wäre ein Anlass, sich selbst zuzuhören, um - pardon - durch alle "Versteinerungen" hindurch zu erfassen, wie sich der Sound tonangebender Anthroposophen für die restliche Welt anhört.

Womöglich wäre ein schlichtes Danke schön, haben doch gleich drei Außenstehende eine Biografie zum Steiner-Fest geschrieben. Der Mainzer Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich legt in seinem Buch "Rudolf Steiner. Leben und Lehre" (C. H. Beck in München, 19,95 Euro) viel Wert auf die Darstellung der Waldorfpädagogik. Für Miriam Gebhardt ist, der Buchtitel sagt es, "Rudolf Steiner - ein moderner Prophet" (DVA, München, 22,99 Euro); die Konstanzer Historikerin und Journalistin hat eine breitere Leserschaft im Blick. Im Nachwort seiner großen Steiner-Biografie (Piper-Verlag, München, 24,95 Euro) kommentiert der Bonner Religionswissenschaftler Zander das 1997 erstmals gedruckte Steiner-Buch des Anthroposophen Christoph Lindenberg (neu als Paperback im Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart, 19,90 Euro).

An Materialfülle ist Lindenbergs Werk bis heute unübertroffen. Um den "Hellseher", als den Steiner sich sah und seinen Anhängern sich darbot, historisch einordnen zu können, bediene sich der Autor "massiver, manchmal hochideologischer Deutungen", sagt Zander. Er geht einen anderen Weg. Er vernetzt Steiner mit den intellektuellen, künstlerischen und okkulten Erscheinungen seiner Zeit. Zander hat 2006 die erste Geschichte der Anthroposophie und des theosophischen Milieus zwischen 1884 und 1945 geschrieben und damit Kompetenz bewiesen. Wer 1900 Seiten füllt, hat Steiner gelesen. Vermutlich kennt er sich besser aus in dem gigantischen Werk als viele Steiner-Freunde, die sich oft genug in rätselhafte Textstellen verbohren und darüber den Überblick verlieren. Die auch im Internet zugängliche Gesamtausgabe beläuft sich inzwischen auf nahezu 400 Bände, das Archiv in Dornach, sozusagen die Weltzentrale der Steiner-Verehrung, verwahrt 6000 Vorträge des rastlosen Redners.

Religionswissenschaftler Zander kennt dessen philosophische und existenzielle Suchbewegungen, die Sprünge, die Verzweigungen seines Denkens, seiner Interessen, die Umschwünge, die Aufbrüche, die Kontinuitäten, die Kämpfe, eben das, was ein Leben ausmacht. Es ist nicht die Geradlinigkeit. Dieses Lineal hat Steiner seinem Leben nachträglich angelegt. Der Titel seiner Autobiografie "Mein Lebensgang" suggeriert es. Erkennbar ist, dass er sein Leben lang auf der Suche war nach dem Sinn jenseits der Welt technischer Machbarkeit.

Steiner war ein eminent belesener Mann. Man kann es kaum fassen. In jungen Jahren widmet er sich den Philosophen des deutschen Idealismus: Fichte, Schelling, Hegel. An Hegel allein beißen sich schlaue Köpfe jahrelang die Zähne aus. Steiner liest die Dichter Jean Paul und Goethe. Außerdem damals berühmte, heute vergessene Denker. Der hochmögende Steiner ist in der Lage, zumindest behauptet er das, den Idealisten Kant und seine Erkenntnisgrenzen zu widerlegen. In Wien trifft er auf ein okkultistisches Milieu von Menschen, die mit der Erscheinung von Geistern experimentieren. Esoterische und okkulte Schriften sind Bestseller, vergleichbar den Fantasy-Fabrikationen von heute. Aufsehen erregt die "Geheimlehre" der Mitgründerin der Theosopischen Gesellschaft, dem matronenhaften Star in der Szene. Die Epoche des Kolonialismus treibt exotische Blüten, die Luft schwirrt vor mystischen Erscheinungen und Kultgewese.

Die Einführung in seine "Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens" verrät buchstäblich Steiners Überheblichkeit: "Diese Ausführungen enthalten nichts, was eines logischen Beweises fähig oder bedürftig wäre. Sie sind nichts anderes als Ergebnisse der inneren Erfahrungen. Wer ihren Inhalt in Abrede stellt, der zeigt nur, dass ihm diese innere Erfahrung mangelt. Man kann mit ihm nicht streiten, ebenso wenig, wie man mit dem Blinden über Farbe streitet." Diskussion unerwünscht.

Detektivisch hat der Steiner-Biograf Zander den Vernetzungen mit den Denkmodellen der Jahrhundertwende nachgespürt. Dabei fiel ihm auf, dass Steiner sich verschiedener Quellen bediente. Allmählich bildete sich ein "Strickmuster" heraus: Steiner liest theosophische Literatur, überarbeitet sie und stellt sie "als eigene höhere Erkenntnis" dar. Dass Steiner die Prozesse seiner Überarbeitungen unkenntlich gemacht hat, wollen oder können viele seiner heißblütigen Verehrer nicht wahrhaben.

Steiner hat für sich einen exklusiven Zugang zu Allwissenheit in Anspruch genommen. Durch übersinnliche Erkenntnis sei er in den Besitz des wahren Wissens gelangt. Er hatte das "Welträtsel" gelöst.

Steiner glaubte, dass man die übersinnliche Welt erkennen könne. Deshalb gründete er eine Esoterische Schule, in der Meditation zur Erlangung höherer Erkenntnis gelehrt wurde. Dafür schrieb er Mysteriendramen, in denen der Mensch den Weg in die geistige Welt nachvollziehen können solle. Und deshalb entstanden in der Theosophischen, später Anthroposophischen Gesellschaft Kulträume, in denen ein freimaurerischer Ritus, ein "Erkenntniskult", gefeiert wurde - dies jedenfalls behauptet Helmut Zander.

Kritiker sehen in der Anthroposophie (wörtlich "Weisheit vom Menschen") nichts anderes als die "sonderbare ,Weisheit"' des Menschen Rudolf Steiner. In ihr verschmelzen die Elementarteilchen aus allen nur denkbaren Erkenntnis- und Wissensgebieten zu einer einzigen Evolutionsgeschichte der Menschheit, der Erde und, ja, des ganzen Kosmos.

Steiner war kein Rassist im nationalsozialistischen Sinn, auch wenn in der Konstruktion seines theosophischen Sozialdarwinismus von "degenerierten", "zurückgebliebenen" oder "zukünftigen Rassen" die Rede ist. Und eine Weltsicht, in der sich Engel und Dämonen gegenüberstehen, die die Existenz von Volks- und Rassengeistern behauptet und die lehrt, dass das Leben der Menschen von Karma aus früheren Leben bestimmt ist, erscheint heute befremdlicher denn je.

Nehmen wir Rudolf Steiner als ein Kind seiner Zeit. Lebensreformerische Bewegungen lagen in der Luft. Aus Steiners reformpädagogischem Konzept wurde die erfolgreichste Privatschulbewegung überhaupt. 221 Schulen gibt es in Deutschland, 1000 sind es weltweit. Das Arnika-Massageöl von Weleda oder die Rosencreme von Dr. Hauschka wird auch in Hollywood geschätzt. Gern greifen wir zu den Erzeugnissen der biodynamischen Landwirtschaft. Haben wir doch den Lebensmittelskandal zum ständigen Begleiter unserer Lebensweise gemacht. Rudolf Steiners Aufforderung vom Anfang des 20. Jahrhunderts - "Mehr Leben in die Bude!" - wäre ein gutes geflügeltes Wort für unsere Gesellschaft.
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