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Rolf

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Zeugen Jehovas, politische Extremisten, Salafisten – wie leicht lassen wir uns radikalisieren?







15. April 2014


Schwarze Fahne an der East Side GallerySeien wir ehrlich: Während Spitzenverdiener von ihrem Tagesgehalt einen Kleinwagen kaufen könnten, reicht es für manche Friseurin am Ende des Tages nicht mal für den Wocheneinkauf. Der Umwelt geht es schlecht und eigentlich müsste man angesichts der Massentierhaltung auf Fleisch ganz verzichten. Findet Ihr auch? Dann seid Ihr die idealen Kandidaten für eine radikale Organisation.

Ob Salafisten oder Dschihadisten, Rechts- oder Linksextreme, Zeugen Jehovas, Scientologen oder manche Rockergruppen: Der Politologe und Rechtswissenschaftler Daniel Köhler befasst sich mit dem Phänomen der politischen und religiösen Radikalisierung. Als Leiter des Berliner „Instituts für die Erforschung radikaler Bewegungen“, kurz ISRM, hat er in zahlreichen Studien untersucht, warum Menschen radikal werden, mit welchen Tricks die Organisationen arbeiten und welche Wege es zurück in das alte Leben gibt.

Warum sind manche Menschen so empfänglich für die Ideologien radikaler Organisationen?

Das kann viele Gründe haben. In Deutschland hört man zu 95 Prozent, dass angeblich vor allem der soziale Hintergrund eine Rolle spielt: Kaputte Familien, Frustration, Drogenprobleme, Arbeitslosigkeit, das wird oft genannt. Ich sehe das anders: Wir haben in Studien die Biografien zahlreicher Aussteiger aus der rechten Szene ausgewertet und auch erforscht, wie aus ganz normalen Bürgern radikale Jihadisten werden können. Demnach sind Menschen mit jedem erdenklichen Hintergrund radikalisierbar oder zumindest empfänglich für radikale Ideologien. Es gibt keinen Beruf und keine soziale Schicht, die davon ausgenommen wäre.

Aber warum kommen denn die meisten Forscher zu einem anderen Ergebnis?
Dazu muss ich etwas ausholen. Zunächst einmal: Es gibt in Deutschland keinen Lehrstuhl für Radikalisierungsforschung. Einzelne Forscher wie Religionswissenschaftler, Politologen, Soziologen oder Psychologen befassen sich mit dem Thema. Aber es gibt keine koordinierte oder bundesweit umfassend geförderte Forschung. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die DFG, ist da sehr zurückhaltend. Die bisherigen Studien befassen sich mit Biografien, die leicht greifbar sind, also etwa Straftäter in den JVAs. Das sind oft junge Männer mit Glatze und Springerstiefel, die wegen Gewalttaten einsitzen. Wenn man nur ihre Biografien vergleicht, ja, dann kommt man zu dem Schluss, dass sich Menschen aus Problemfamilien besonders leicht radikalisieren lassen. Wir haben dagegen Aussteiger interviewt, die nicht in dieser Art straffällig geworden sind, aus intakten Familien kamen und jeden Beruf hätten ergreifen können, aber eben hoch radikalisiert waren.

Radikal ist in Ihrer Definition also nicht gleich gewalttätig?
Nein, keinesfalls. Radikalisierung heißt zunächst, dass jeder Aspekt des Lebens von einer bestimmten Ideologie bestimmt wird. Also beispielsweise die Kleidung oder das Essen. Jede Handlung wird hinterfragt, ob sie mit der Ideologie vereinbar ist, etwa: Was darf ich essen, welche Musik hören, welche Kleidung tragen? Mit wem darf ich reden und mit wem nicht? Mit wem darf ich Kinder haben? Radikal sind also nicht nur religiöse oder politische Extremisten, radikal können auch einzelne Gruppen von Umweltorganisationen, Fußball-Fangruppen oder der Anonymous-Bewegung sein.

Was macht radikale Gruppen aus?

Ganz gleich, mit welcher Ideologie man es zu tun hat, jede Organisation bietet zunächst eine ganz banale Problemdefinition, ein Thema, das viele Menschen anspricht. Zum Beispiel: „Deutschland ist ein ungerechter Staat.“ Radikale Gruppen zeigen dann Mittel und Wege auf, um das Problem zu lösen, etwa durch Aktivismus, Missionierung, Gewalt oder Umsturz. Und natürlich haben alle Organisationen eine Vision, wie die Zielgesellschaft später aussehen soll. Bei den einen ist es etwa eine andere Staatsform oder Gesellschaftsordnung wie das sogenannte „Vierte Reich“ oder das „Kalifa“, bei anderen wartet auf die Mitglieder nach dem Tod das Paradies.

Und diese einzelnen Merkmale gelten für jede radikale Gruppe, gleich, ob ideologisch oder religiös?
Im Grunde ja. Der Unterschied ist nur, dass sich neue Mitglieder religiöser Gruppen oft schneller radikalisieren. Wenn man zum Beispiel wie die Zeugen Jehovas davon überzeugt ist, dass das Jüngste Gericht kurz bevorsteht, das Leben jederzeit zu Ende sein kann und ohnehin das ganze Leben auf das Jenseits und die Ewigkeit ausgerichtet ist, dann muss man sofort reagieren, um das Seelenheil zu retten. Diese Angstpädagogik fehlt den meisten politischen Ideologien.

Die Zeugen Jehovas werben ja ganz aktiv für ihre Ideologie, indem sie an Wohnungstüren klingeln und Menschen in ein Gespräch verwickeln. Wie ködern andere Organisationen neue Mitglieder – und wie halten sie sie?
Oft ist es Zufall, wenn aus Normalbürgern plötzlich radikale Aktivisten werden. Da hört man von Freunden über diese Organisation, die sich mit Themen auseinandersetzt, die man selbst gerade spannend findet. Man lernt Leute kennen, die das gleiche denken, ist plötzlich Teil einer Gruppe und mit seinen Vorstellungen kein Außenseiter mehr. Man kann sich ausleben und glaubt, die Gesellschaft aktiv ändern zu können. Das ganze Leben wird auf die Ideale der Organisation umgestellt, der Freundeskreis ändert sich, man lebt nur noch in diesem Dunstkreis. Da auszubrechen ist extrem schwer, weil die Aussteiger alles zurücklassen müssen, was ihr Leben ausgemacht hat. Oft heißt das: Bruch mit dem sozialen Umfeld, neue Arbeitsstelle, Umzug in eine andere Stadt, manchmal auch eine neue Identität und permanenter Schutz.

Was löst einen solchen Ausstiegsprozess aus?

Da gibt es interne und externe Faktoren. Intern heißt, dass Zweifel aufkommen, ein Gefühl, dass es der Organisation doch nicht so ganz um die Werte geht, die man eigentlich leben will, sondern in Wirklichkeit um etwas ganz anderes wie Macht oder Geld. Dazu kommen äußere Eindrücke, die mit der Ideologie nicht zu vereinbaren sind. Da ist zum Beispiel die Geschichte eines überzeugten Neonazis, der nach Südafrika gereist ist, um dort eine andere rechte Gruppe zu treffen. Und dann verliebt er sich dort in eine Schwarze – und will aussteigen.

Welche Hilfen gibt es da in Deutschland?
Es gibt staatliche Programme, zum Beispiel vom Verfassungsschutz, oder Initiativen wie“Exit-Deutschland“ für Rechtsradikale und „Hayat“ für Angehörige von radikalisierten Jihadisten. Insgesamt aber kann man sagen: Deutschland muss endlich hinschauen und einerseits die Radikalisierungsforschung unterstützen. Andererseits müssen Deradikalisierungsprogramme wie „Exit“ als eines der besten Mittel im Anti-Terror-Kampf erkannt werden. Es nutzt wenig, Forscher präventiv an Schulen zu schicken, damit sie theoretisch über die Gefahren radikaler Gruppierungen erzählen. Viel eindrucksvoller wirken die Berichte von Leuten, die das wirklich erlebt haben, von Aussteigern. Denn die stärksten Stimmen gegen Radikalisierung sind sie: die Ehemaligen.

Mehr zur Arbeit von Daniel Köhler und dem ISRM: www.istramo.com

Die jüngsten Studien von Daniel Köhler über die Radikalisierung von Rechten und die Familienberatung von Angehörigen von Jihadisten:

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Das Journal von Exit-Deutschland mit zahlreichen Studien zu Radikalisierungs- und Deradikalisierungsprozessen: www.journal-exit.de



Wir haben mit zwei Menschen gesprochen, die beide radikal waren, den Ausstieg geschafft haben und nun „radikal“ vor dem „Radikalen“ warnen.



Tanja ging der Rechtsextremismus nicht weit genug – heute hilft ihr der christliche Glaube
Mit 14 Jahren nahm Tanja Hitlers „Mein Kampf“ aus dem Bücherregal ihres Großvaters und las es durch, mit 15 marschierte sie Seite an Seite mit NPD-Funktionären, mit 16 trat sie aus der Partei aus, weil „das doch Luschen waren, die nicht radikal genug für ihre Werte eintraten“. Also grub sie sich noch tiefer in die Ideologie ein, bestärkt von ihrem Großvater und ihrem Vater, schloss sich schließlich der „Germanischen Glaubensgemeinschaft“, kurz „Artgemeinschaft“, an. Einem Zusammenschluss ultra-radikaler Neonazis, die den Glauben an die germanischen Götter leben. Als der Verfassungsschutz das erste Mal vor der Tür stand, nahm die Mutter die Tochter ins Gebet, so könne das nicht weitergehen. Tanja beschloss stattdessen, die Mutter von ihrem Glauben zu überzeugen. Wenig später trat auch sie der „Artgemeinschaft“ bei.

Die beiden Frauen kleideten sich fortan ausschließlich mit Kleid, Rock und Bluse, trugen die Haare lang und ehrten ihre Götter bei Sonnwendfeier und Julfest. „Nach außen wirkten wir wie Aussteiger, Hippies, ein bisschen zu vergleichen mit den Amisch in den USA.“ In der Gemeinschaft fand Tanja auch einen – nach ihrer Ideologie – „artgleichen“ Mann, mit dem sie zum Erhalt der „nordisch-germanischen Rasse“ beitragen konnte. Sie bekam mehrere Kinder mit dem Mann, der sie schlug, wenn ihm etwas nicht passte, der ihr verbot, eine Praxis als Heilpraktikerin zu eröffnen, weil sie damit den Feind ins Haus holen würde. Tanja lebte nach den 24 Geboten des „Sittengesetzes“ und den 12 Regeln des „Artbekenntnisses“. „Das Sittengesetz in uns gebietet, Opfer für ein großes Ziel zu bringen“, heißt es da. Also opferte Tanja ihre persönliche Freiheit und die ihrer Kinder.

Gastronomen können sich gegen rechtsextreme Gäste schützenDoch dann war da dieses „kleine Fenster zum sogenannten normalen Leben“, wie sie es formuliert. Einem Beruf nachgehen durfte Tanja zwar nicht, ihre Ausbildung zur Heilpraktikerin aber hatte sie abgeschlossen und sich über Jahre hinweg weiter gebildet. „Solange mein Wissen der Gemeinschaft zu Gute kam, war das ja auch gern gesehen“, erklärt Tanja. Durch das „Fenster zum normalen Leben“ wehte ein beständiger Wind von Unabhängigkeit herein. Dadurch hörte sie von gleichen Rechten für Männer und Frauen, von einem Leben, in dem Gewalt, Unterdrückung und mafiöse Strukturen keinen Platz haben. Zehn Jahre dauerte es, dann beschloss Tanja ein neues Leben zu führen, mit ihren Kindern. „Mir war klar, dass ich eine Namensänderung brauchte und am besten ins Ausland ziehen musste, also habe ich mich an den Verfassungsschutz gewendet.“ Doch dort habe man ihr zuerst nicht helfen können, sagt Tanja. Also ließ sie ihre Pläne fallen und fand sich zunächst mit ihrer Situation ab. „Ich dachte auch daran, mich und meine Kinder umzubringen. Aber dann habe ich einen zweiten Anlauf gewagt.“ Diesmal vertraute sie sich dem Staatsschutz an, schaltete schließlich auch die Aussteiger-Organisation „Exit“ ein.

Rückblickend sagt Tanja: „Obwohl da auf staatlicher Seite viel schief gelaufen ist: Der Ausstieg war das einzig Richtige.“ Nicht nur die rechte Ideologie, auch den Glauben an die germanischen Götter legte sie ab. Der christliche Glaube war es dann, der ihr „ein großes Stück wieder auf die Beine“ half. In ihm fand sie Halt, als Gerichte ihrem Ex-Mann den Umgang mit den Kindern zunächst erlaubten, bis Bundesverfassungsgericht und Bundesgerichtshof seine Ansprüche abschmetterten.

Zu ihrem eigenen Vater hat Tanja keinen Kontakt mehr. Die Mutter verließ die „Artgemeinschaft“ dagegen gemeinsam mit ihrer Tochter und den Enkeln. Die rechtsradikale Szene hat die Jagd auf die „Verräter“ eröffnet, die Aussteigerfamilie zieht oft um, hat bereits mehrfach die Identitäten wechseln müssen. Zurück bleibt die Trauer um eine Tochter, die an dem Erlebten zerbrach und sich das Leben nahm. Geblieben ist eine Frau, die sich trotz aller Angst um das eigene Leben voller Zuversicht und Lebensfreude präsentiert – und ihre alte Sippe mit ihrer stärksten Waffe bekämpft: Dem Wort. Tanja hält vor ausgewähltem Publikum Vorträge, gibt Interviews, sorgt dafür, dass ihre Geschichte erzählt wird und andere Menschen vielleicht vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt.

Link zur Website www.exit-deutschland.de



Werner Schwucht fand in den Zeugen Jehovas Halt – heute hilft er davor zu warnen
Als Werner Schwucht an diesem Tag die Tür öffnete, schnappte die Falle zu. Zwei Männer standen da, zum wiederholten Mal. Diesmal jagte er sie nicht fort, diesmal ließ er sich auf ein Gespräch ein. Über sein Leben, die Trauer um seine verstorbene Mutter, Gott, die Welt. Die Besucher schienen ihn zu verstehen, seine Sorgen, Nöte, Ängste. Sie kamen, als er nicht mehr weiter wusste. Sie gaben ihm ein Buch – „Neue Übersetzung der Heiligen Schrift“ – zu lesen, und sagten ihm, er solle es studieren. Schwucht gefiel, was er las.

Zeugen JehovasSchnell traf er sich regelmäßig mit den neuen Freunden, die ihn mit offenen Armen aufnahmen. Die Zeugen Jehovas schulten ihn in seinem neuen Glauben und in der Rekrutierung neuer Mitglieder. Bald klingelte Schwucht selbst an fremden Türen. Der heute 58-Jährige war der festen Überzeugung, dass das Jüngste Gericht schon sehr bald über diese Welt kommen und dass am Ende seines Lebens das Paradies auf ihn warten würde. Schwucht fühlte sich aufgehoben in der Mitte der neuen Familie. Bei Treffen philosophierte man über das gemeinsame Weltbild vom gottgefälligen Leben und dem Harmagedon, der zeitlichen Bestimmung des Weltunterganges. Doch nicht nur die Theorie, auch das praktische Leben faszinierte Schwucht: „Da war dieser Gemeinschaftssinn der Mitglieder. Wenn zum Beispiel ein neues Haus gebaut werden musste, fanden sich 50 Leute ein und packten an.“

Doch allmählich kamen Zweifel. „Die Flitterwochen waren quasi vorüber und das erste schöne Bild bekam Löcher“, sagt Schwucht heute. „Man sollte sich ausschließlich für die Gemeinschaft einsetzen – aufwändige Hobbies waren da nicht gern gesehen.“ Das sei so weit gegangen, dass selbst das Gassigehen mit einem Hund als Zeitverschwendung gerügt wurde. „Ich merkte, dass vieles letztlich leere Phrasen waren. Und dann war ich bei einem großen Treffen der Zeugen Jehovas.“

Dort erzählte ein Redner von einem zwölfjährigen Mädchen, das eine Blutspende dringend gebraucht hätte, aber ablehnte. Schließlich heißt es im 1. Buch Mose, Gott verbiete es, Blut zu sich zu nehmen. Das Kind starb, die Menschen im Saal klatschten – und Werner Schwucht zog die Reißleine. Er begann das System zu hinterfragen, fand immer mehr Ungereimtheiten und entschloss sich schließlich, die Zeugen Jehovas zu verlassen und ihre Ideologie aus seinem Leben zu verbannen. Weil er nicht familiär gebunden war, fiel ihm der Ausstieg verhältnismäßig leicht. Für andere Menschen bricht dagegen eine Welt zusammen, wenn sie diesen Schritt gehen. Ihnen steht der Einzelhandelskaufmann heute bei und hilft beim Ausstieg: „So kann ich doch wieder etwas gut machen, wenn ich schon fünf Jahre meines Lebens lang Blödsinn geredet habe“, sagt Schwucht. Sein Rat: „Wenn die Zeugen Jehovas vor der Tür stehen, gar nicht erst auf ein Gespräch einlassen.“ Denn die Männer und Frauen seien darauf trainiert, gezielt nach den persönlichen Schwächen zu suchen, um sie sich dann zu nutze zu machen.

Link zur Website und zum Forum von „Netzwerk Sektenausstieg“: www.sektenausstieg.net/



Was denkt Ihr, kann jeder radikalisiert werden? Wie gefährlich ist ein radikaler Glaube? Diskutiert mit!



Ein Text von Ariane Stürmer;

Da gibt es interne und externe Faktoren. Intern heißt, dass Zweifel aufkommen, ein Gefühl, dass es der Organisation doch nicht so ganz um die Werte geht, die man eigentlich leben will, sondern in Wirklichkeit um etwas ganz anderes wie Macht oder Geld. Dazu kommen äußere Eindrücke, die mit der Ideologie nicht zu vereinbaren sind. Da ist zum Beispiel die Geschichte eines überzeugten Neonazis, der nach Südafrika gereist ist, um dort eine andere rechte Gruppe zu treffen. Und dann verliebt er sich dort in eine Schwarze – und will aussteigen.

Welche Hilfen gibt es da in Deutschland?

Es gibt staatliche Programme, zum Beispiel vom Verfassungsschutz, oder Initiativen wie“Exit-Deutschland“ für Rechtsradikale und „Hayat“ für Angehörige von radikalisierten Jihadisten. Insgesamt aber kann man sagen: Deutschland muss endlich hinschauen und einerseits die Radikalisierungsforschung unterstützen. Andererseits müssen Deradikalisierungsprogramme wie „Exit“ als eines der besten Mittel im Anti-Terror-Kampf erkannt werden. Es nutzt wenig, Forscher präventiv an Schulen zu schicken, damit sie theoretisch über die Gefahren radikaler Gruppierungen erzählen. Viel eindrucksvoller wirken die Berichte von Leuten, die das wirklich erlebt haben, von Aussteigern. Denn die stärksten Stimmen gegen Radikalisierung sind sie: die Ehemaligen.

Mehr zur Arbeit von Daniel Köhler und dem ISRM: www.istramo.com

Die jüngsten Studien von Daniel Köhler über die Radikalisierung von Rechten und die Familienberatung von Angehörigen von Jihadisten:

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Das Journal von Exit-Deutschland mit zahlreichen Studien zu Radikalisierungs- und Deradikalisierungsprozessen: www.journal-exit.de

Wir haben mit zwei Menschen gesprochen, die beide radikal waren, den Ausstieg geschafft haben und nun „radikal“ vor dem „Radikalen“ warnen.

Tanja ging der Rechtsextremismus nicht weit genug – heute hilft ihr der christliche Glaube
Mit 14 Jahren nahm Tanja Hitlers „Mein Kampf“ aus dem Bücherregal ihres Großvaters und las es durch, mit 15 marschierte sie Seite an Seite mit NPD-Funktionären, mit 16 trat sie aus der Partei aus, weil „das doch Luschen waren, die nicht radikal genug für ihre Werte eintraten“. Also grub sie sich noch tiefer in die Ideologie ein, bestärkt von ihrem Großvater und ihrem Vater, schloss sich schließlich der „Germanischen Glaubensgemeinschaft“, kurz „Artgemeinschaft“, an. Einem Zusammenschluss ultra-radikaler Neonazis, die den Glauben an die germanischen Götter leben. Als der Verfassungsschutz das erste Mal vor der Tür stand, nahm die Mutter die Tochter ins Gebet, so könne das nicht weitergehen. Tanja beschloss stattdessen, die Mutter von ihrem Glauben zu überzeugen. Wenig später trat auch sie der „Artgemeinschaft“ bei.

Die beiden Frauen kleideten sich fortan ausschließlich mit Kleid, Rock und Bluse, trugen die Haare lang und ehrten ihre Götter bei Sonnwendfeier und Julfest. „Nach außen wirkten wir wie Aussteiger, Hippies, ein bisschen zu vergleichen mit den Amisch in den USA.“ In der Gemeinschaft fand Tanja auch einen – nach ihrer Ideologie – „artgleichen“ Mann, mit dem sie zum Erhalt der „nordisch-germanischen Rasse“ beitragen konnte. Sie bekam mehrere Kinder mit dem Mann, der sie schlug, wenn ihm etwas nicht passte, der ihr verbot, eine Praxis als Heilpraktikerin zu eröffnen, weil sie damit den Feind ins Haus holen würde. Tanja lebte nach den 24 Geboten des „Sittengesetzes“ und den 12 Regeln des „Artbekenntnisses“. „Das Sittengesetz in uns gebietet, Opfer für ein großes Ziel zu bringen“, heißt es da. Also opferte Tanja ihre persönliche Freiheit und die ihrer Kinder.

Gastronomen können sich gegen rechtsextreme Gäste schützenDoch dann war da dieses „kleine Fenster zum sogenannten normalen Leben“, wie sie es formuliert. Einem Beruf nachgehen durfte Tanja zwar nicht, ihre Ausbildung zur Heilpraktikerin aber hatte sie abgeschlossen und sich über Jahre hinweg weiter gebildet. „Solange mein Wissen der Gemeinschaft zu Gute kam, war das ja auch gern gesehen“, erklärt Tanja. Durch das „Fenster zum normalen Leben“ wehte ein beständiger Wind von Unabhängigkeit herein. Dadurch hörte sie von gleichen Rechten für Männer und Frauen, von einem Leben, in dem Gewalt, Unterdrückung und mafiöse Strukturen keinen Platz haben. Zehn Jahre dauerte es, dann beschloss Tanja ein neues Leben zu führen, mit ihren Kindern. „Mir war klar, dass ich eine Namensänderung brauchte und am besten ins Ausland ziehen musste, also habe ich mich an den Verfassungsschutz gewendet.“ Doch dort habe man ihr zuerst nicht helfen können, sagt Tanja. Also ließ sie ihre Pläne fallen und fand sich zunächst mit ihrer Situation ab. „Ich dachte auch daran, mich und meine Kinder umzubringen. Aber dann habe ich einen zweiten Anlauf gewagt.“ Diesmal vertraute sie sich dem Staatsschutz an, schaltete schließlich auch die Aussteiger-Organisation „Exit“ ein.

Rückblickend sagt Tanja: „Obwohl da auf staatlicher Seite viel schief gelaufen ist: Der Ausstieg war das einzig Richtige.“ Nicht nur die rechte Ideologie, auch den Glauben an die germanischen Götter legte sie ab. Der christliche Glaube war es dann, der ihr „ein großes Stück wieder auf die Beine“ half. In ihm fand sie Halt, als Gerichte ihrem Ex-Mann den Umgang mit den Kindern zunächst erlaubten, bis Bundesverfassungsgericht und Bundesgerichtshof seine Ansprüche abschmetterten.

Zu ihrem eigenen Vater hat Tanja keinen Kontakt mehr. Die Mutter verließ die „Artgemeinschaft“ dagegen gemeinsam mit ihrer Tochter und den Enkeln. Die rechtsradikale Szene hat die Jagd auf die „Verräter“ eröffnet, die Aussteigerfamilie zieht oft um, hat bereits mehrfach die Identitäten wechseln müssen. Zurück bleibt die Trauer um eine Tochter, die an dem Erlebten zerbrach und sich das Leben nahm. Geblieben ist eine Frau, die sich trotz aller Angst um das eigene Leben voller Zuversicht und Lebensfreude präsentiert – und ihre alte Sippe mit ihrer stärksten Waffe bekämpft: Dem Wort. Tanja hält vor ausgewähltem Publikum Vorträge, gibt Interviews, sorgt dafür, dass ihre Geschichte erzählt wird und andere Menschen vielleicht vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt.

Link zur Website www.exit-deutschland.de

Werner Schwucht fand in den Zeugen Jehovas Halt – heute hilft er davor zu warnen
Als Werner Schwucht an diesem Tag die Tür öffnete, schnappte die Falle zu. Zwei Männer standen da, zum wiederholten Mal. Diesmal jagte er sie nicht fort, diesmal ließ er sich auf ein Gespräch ein. Über sein Leben, die Trauer um seine verstorbene Mutter, Gott, die Welt. Die Besucher schienen ihn zu verstehen, seine Sorgen, Nöte, Ängste. Sie kamen, als er nicht mehr weiter wusste. Sie gaben ihm ein Buch – „Neue Übersetzung der Heiligen Schrift“ – zu lesen, und sagten ihm, er solle es studieren. Schwucht gefiel, was er las.

Zeugen JehovasSchnell traf er sich regelmäßig mit den neuen Freunden, die ihn mit offenen Armen aufnahmen. Die Zeugen Jehovas schulten ihn in seinem neuen Glauben und in der Rekrutierung neuer Mitglieder. Bald klingelte Schwucht selbst an fremden Türen. Der heute 58-Jährige war der festen Überzeugung, dass das Jüngste Gericht schon sehr bald über diese Welt kommen und dass am Ende seines Lebens das Paradies auf ihn warten würde. Schwucht fühlte sich aufgehoben in der Mitte der neuen Familie. Bei Treffen philosophierte man über das gemeinsame Weltbild vom gottgefälligen Leben und dem Harmagedon, der zeitlichen Bestimmung des Weltunterganges. Doch nicht nur die Theorie, auch das praktische Leben faszinierte Schwucht: „Da war dieser Gemeinschaftssinn der Mitglieder. Wenn zum Beispiel ein neues Haus gebaut werden musste, fanden sich 50 Leute ein und packten an.“

Doch allmählich kamen Zweifel. „Die Flitterwochen waren quasi vorüber und das erste schöne Bild bekam Löcher“, sagt Schwucht heute. „Man sollte sich ausschließlich für die Gemeinschaft einsetzen – aufwändige Hobbies waren da nicht gern gesehen.“ Das sei so weit gegangen, dass selbst das Gassigehen mit einem Hund als Zeitverschwendung gerügt wurde. „Ich merkte, dass vieles letztlich leere Phrasen waren. Und dann war ich bei einem großen Treffen der Zeugen Jehovas.“

Dort erzählte ein Redner von einem zwölfjährigen Mädchen, das eine Blutspende dringend gebraucht hätte, aber ablehnte. Schließlich heißt es im 1. Buch Mose, Gott verbiete es, Blut zu sich zu nehmen. Das Kind starb, die Menschen im Saal klatschten – und Werner Schwucht zog die Reißleine. Er begann das System zu hinterfragen, fand immer mehr Ungereimtheiten und entschloss sich schließlich, die Zeugen Jehovas zu verlassen und ihre Ideologie aus seinem Leben zu verbannen. Weil er nicht familiär gebunden war, fiel ihm der Ausstieg verhältnismäßig leicht. Für andere Menschen bricht dagegen eine Welt zusammen, wenn sie diesen Schritt gehen. Ihnen steht der Einzelhandelskaufmann heute bei und hilft beim Ausstieg: „So kann ich doch wieder etwas gut machen, wenn ich schon fünf Jahre meines Lebens lang Blödsinn geredet habe“, sagt Schwucht. Sein Rat: „Wenn die Zeugen Jehovas vor der Tür stehen, gar nicht erst auf ein Gespräch einlassen.“ Denn die Männer und Frauen seien darauf trainiert, gezielt nach den persönlichen Schwächen zu suchen, um sie sich dann zu nutze zu machen.

Link zur Website und zum Forum von „Netzwerk Sektenausstieg“: www.sektenausstieg.net/

Was denkt Ihr, kann jeder radikalisiert werden? Wie gefährlich ist ein radikaler Glaube? Diskutiert mit!



Ein Text von Ariane Stürmer

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