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Die Gemeinschaft "Kirschbaumblüte"


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Die Gemeinschaft "Kirschbaumblüte"





Sex, Drogen und eine umstrittene Therapie





Nach der tödlichen Therapiesitzung in Berlin raten Experten zur Vorsicht. Keinesfalls dürften im Rahmen einer Psychotherapie Drogen verabreicht werden, erklärten die Berliner Ärztekammer und Fachvertreter. Garik R. hat sich in der Schweiz ausbilden lassen. Samuel Widmer war sein Lehrmeister.



Von Elisalex Henckel



In diesem Haus in Berlin-Hermsdorf bot ein Therapeut Hilfe bei "spirituellen" Problemen an – und vergiftete 2009 vierzehn Menschen bei einer Gruppen-Sitzung. Zwei Männer starben.

Zwei Patienten sind gestorben, ein dritter liegt immer noch im künstlichen Koma, der Arzt, der sie in seiner Berliner Praxis mit einem Cocktail aus verschiedenen Drogen "behandelt" haben soll, ist in Haft.

Was genau Garik R.seinen Patienten verabreicht hat, steht noch nicht fest, doch der Name einer Behandlungsform, für die er zuvor geworben hat, lässt Rückschlüsse darauf zu, welches Ziel er damit verfolgte: Die sogenannte "psycholytische" Therapie will mit Hilfe von Drogen "die Seele lösen".

Garik R.hat sich dafür in der Schweiz ausbilden lassen, bei Samuel Widmer, einem höchst umstrittenen Psychiater und Psychotherapeuten aus Solothurn.

Samuel Widmer ist ein älterer Herr mit Brille. Der 60-Jährige hat zehn Kinder, fünf von seiner Ehefrau, vier von seiner Lebensgefährtin, mit beiden Frauen lebt er in dem kleinen Dorf Nennigkofen, im benachbarten Lüsslingen betreibt er eine Praxis und eine Seminarzentrum.

Außerdem leitet er die "Gemeinschaft Kirschblüte", die aus 75 Erwachsenen und 60 Kindern besteht und nach Meinung eines Sektenexperten von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen typische Sektenmerkmale aufweist. Widmer weist diesen Vorwurf zurück.

Die Gemeinschaft selbst schreibt auf ihrer Internetseite, sie habe sich in Nennigkofen, Lüsslingen und anderen Orten des Schweizer Mittellandes angesiedelt, um "ein Feld zu schaffen, in dem nicht die Angst vor Verlust und die Gier nach Besitz, sondern die Liebe ihre Kraft ungehindert entfalten darf", und "große Lebensfragen" zu klären. Eine davon ist die nach einer "befreiten" Sexualität, das hat Chef-Kirschblütler Widmer den Beinamen "Sex-Guru von Nennigkofen" eingebracht.

Garik R.hat in Widmers "Therapeutisch-Tantrisch-Spiritueller Universität" die psycholytische Ausbildung absolviert. "Es stimmt, das war vor 15 Jahren", sagt Widmer. Er sei mit dem Berliner Arzt in Kontakt geblieben, Garik R.sei dabei gewesen, ein Meditationsprogramm für Widmers zu organisieren. "Die Vorfälle haben mich überrascht, ich habe ihn als sehr vorsichtigten, gewissenhaften Menschen erlebt. Das sieht nach einem groben Kunstfehler aus." Mit schuld am Tod der Berliner Patienten will Widmer deswegen aber nicht sein. Er arbeite nur mit legalen Substanzen.

In der Schweiz hatten von Mitte der 80er-Jahre bis 1993 eine Handvoll Ärzte, darunter Samuel Widmer, eine amtliche Bewilligung für psycholytische Therapien. Damals setzte Widmer unter anderem LSD und MDMA, ein zentraler Bestandteil von Ecstasy, ein. Die psychoaktiven Substanzen sollten helfen, "verschüttete und verdrängte Erfahrungen zum Beispiel aus der Kindheit ins Bewusstsein zurückzubringen", sagt er.

Nach einem Todesfall in der Praxis eines Kollegen zog das Schweizer Bundesamt für Gesundheit die Bewilligungen allerdings zurück. Seitdem arbeitet Widmer laut eigener Darstellung nur noch mit den erlaubten Mitteln Ketamin und Ephedrin.

Seinen Schweizer Kollegen ist er trotzdem ein Dorn im Auge. "Wir finden, Ketamin und Ephedrin haben in einer psychiatrischen Behandlung nichts verloren", sagte Hans Kurt, Präsident der Schweizer Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, der wie Widmer im Kanton Solothurn lebt. Wenn das Vertrauen zwischen Patient und Arzt groß genug sei, bräuchte es keine psychoaktive Substanzen, um an verdrängte Geschichten zu gelangen.

"So wie Herr Widmer arbeitet, werden seine Patienten zu abhängig von ihm." Die Behörden sind bisher nicht eingeschritten: "Wir überprüfen ihn regelmäßig", sagt Heinrich Schwarz, Chef des Gesundheitsamtes Solothurn, "aber es liegt nichts gegen ihn vor."

Umstritten ist Samuel Widmer aber nicht nur wegen seiner Behandlungsformen, sondern auch wegen seines Buches "Von der unerlösten Liebe zwischen Vater und Tochter", in dem er das Inzest-Tabu kritisiert. Um den Menschen in Nennigkofen unangenehm aufzufallen, hätte er aber gar nicht so weit gehen müssen. Der Arzt lebe mit seinen zwei Frauen in benachbarten Einfamilienhäusern, erzählten die Dorfbewohner dem "Blick", sie könnten oft beobachten, wie er von einem Haus zum anderen gehe. Im Morgenrock.
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Die Scharlatanerie des Garik R.






Nach einer tödlichen Gruppentherapie in Berlin kommen Details über das Weltbild des Arztes Garik R. ans Licht. Er soll Kontakt zu einer sektenähnlicher Vereinigung gehabt haben. Gegen den 50-Jährigen ist Haftbefehl erlassen worden. Er sitzt in Untersuchungshaft. Eine ehemalige Schülerin beschreibt ihn als "superkorrekt".



Von Christoph Wenzel



Ein "sehr zuverlässiger Arzt" sei er gewesen, immer "superkorrekt". So beschreibt eine Frau, die der heute 50-jährige Garik R. in den 90er-Jahren zur Heilpraktikerin ausgebildet hat, ihren Lehrer.

Das ist die eine Seite des Mannes, der als niedergelassener Allgemeinarzt und zugelassener Psychotherapeut in einer ruhigen Wohngegend des Berliner Stadtteils Hermsdorf arbeitete.

Die andere Seite des Mannes mit der hohen Stirn, den grauen Haaren und Bartstoppeln, den Freunde nur "Garri" nennen, zeigte sich am Samstag: Während einer Gruppentherapie verabreichte Garik R. zwölf seiner Patienten im Alter zwischen 26 und 59 Jahren "Drogen und andere Substanzen", wie er jetzt gegenüber der Berliner Staatsanwaltschaft eingeräumte.

Dabei soll es sich nicht nur um Ecstasy, sondern möglicherweise auch um Heroin, Amphetamine und psychogene Pilze gehandelt haben. Zwei Patienten des Arztes starben nach Verabreichung des Giftgemischs.

Garik R., der im usbekischen Taschkent zur Welt kam, verwendete diesen Drogencocktail im Rahmen einer "psycholytischen Therapie". Bei dem vor rund 40 Jahren diskutierten und erprobten Verfahren kommen verschiedene Drogen zum Einsatz, etwa um Patienten mit Depressionen zu behandeln. Gehobene Stimmung und gesteigertes Farbempfinden können mögliche Wirkungen sein. Oder, wie am Samstag in der Hermsdorfer Praxis von Garik R., der Tod.

Psycholytische Therapie sei nicht zuletzt deshalb in Deutschland kassenärztlich nicht zugelassen und sogar "strikt untersagt", sagt Berlins Ärztekammerpräsident Günther Jonitz. Zudem sei das Verfahren generell "wissenschaftlich nicht anerkannt", so der Vorsitzende der Psychotherapeuten-Vereinigung, Dieter Best: "Wir sind erschüttert. Wir verwahren uns aber dagegen, dass Scharlatanerie, wie sie hier betrieben wurde, mit Psychotherapie in Verbindung gebracht wird."

Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, nannte die Psycholyse ein "autoritäres Verfahren, das dem Machtmissbrauch durch den Therapeuten Tür und Tor öffnet".

Was aber bewog den auf Trauma- und Suchtpatienten spezialisierten Garik R., sich über die Grenzen der Schulmedizin hinwegzusetzen? Grenzen, die er als Allgemeinarzt, der im Jahr 2001 mehrere Monate in der Oberberg-Klinik für Abhängigkeitserkrankungen in Wendisch-Rietz bei Bad Saarow als Assistenzarzt gearbeitet hatte, kennen muss?

Anscheinend verkehrte er mit seiner Lebensgefährtin Elke P. häufig in der "Gemeinschaft Kirchbaumblüte" des Schweizer Psychiaters, Psychotherapeuten und Gurus Samuel Widmer. Der Gemeinschaft sollen etwa 75 Erwachsene und 60 Kinder angehören. Widmer ist für Tabubrüche bekannt: In der Schweiz hatte er eine Genehmigung für Psycholyse mit LSD. Inzwischen arbeitet er mit legalen Substanzen.

Widmer war Lehrer von Garik R. Der Schweizer Zeitung "Blick" sagte Widmer, R. sei bei ihm in der Ausbildung gewesen. "Er hat bei uns vor etwa acht Jahren eine Ausbildung für Dekonditionierung, Mind-Feeling und Energiearbeit gemacht", sagte Widmer. Seitdem seien er und R. in Kontakt geblieben. "Ich mochte ihn, er ist ein zurückhaltender, ängstlicher Typ." Heute fungieren R. und seine Lebensgefährtin als Kontaktpersonen und Referenten der sogenannten Therapeutisch-Tantrisch-Spirituellen Universität im schweizerischen Nennigkofen-Lüsslingen. Deren Träger ist Widmer. Garik R. sollte 2010 ein Seminar zum Thema "Heimat finden, Heimat schaffen, Heimat sein" für Widmers sogenannte Universität leiten.

Nach Ansicht der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen weist Widmers Gemeinschaft "typische Sektenmerkmale" auf. Michael Utsch, Psychotherapeut und Psychologe der Zentralstelle, sieht eine Verbindung zwischen Garik R. und Widmer.

"Es ist nicht auszuschließen, dass das in Berlin ein Biotop ist, das in diese Richtung gehen sollte." Die Zentralstelle beobachte derzeit den Trend, dass sich die Schulmedizin immer mehr mit Lehren von Gurus mischt: "Die großen Sekten stagnieren, dafür gibt es immer mehr Klein-Gurus, sozusagen Glücksbringer in der Nachbarschaft."

Ob Garik R. eine Rolle als "Klein-Guru" spielte, bleibt zunächst noch unklar. Fest steht: Bereits am Sonntag erließ der Untersuchungsrichter einen Haftbefehl wegen zweifacher Körperverletzung mit Todesfolge und sechsfacher gefährlicher Körperverletzung. Nun will die Ärztekammer eine berufsrechtliche Untersuchung einleiten und Garik R. gegebenenfalls die Arztzulassung entziehen.
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Haftbefehl nach tödlicher Therapiesitzung in Berlin






Nach dem Drogentod zweier Patienten ist gegen den behandelnden Psychotherapeuten Haftbefehl erlassen worden. Das teilte die Berliner Polizei mit. Der 50 Jahre alte Mann hatte zugegeben, seinen Patienten bei einer Gruppensitzung am Samstag einen Drogen-Cocktail verabreicht zu haben.

In diesem Haus in Berlin-Hermsdorf bot ein Therapeut Hilfe bei "spirituellen" Problemen an – und vergiftete 2009 vierzehn Menschen bei einer Gruppen-Sitzung. Zwei Männer starben.

Die Ermittler gehen nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht davon aus, dass der Mann vorsätzlich töten wollte. Mit den Drogen sollte bei dem Treffen mit zwölf Teilnehmern eine Art Bewusstseinserweiterung erreicht werden.

Ein 59 Jahre alter Mann starb noch in der Praxis, ein 28-jähriger Mann erlag am Samstagabend im Krankenhaus der Vergiftung. Der Zustand eines 55 Jahre alten Teilnehmers wurde am Sonntag weiterhin als kritisch beschrieben. Andere Teilnehmer der Gruppentherapie mussten sich übergeben. Später ging es ihnen wieder relativ gut. Ein Teilnehmer hatte während der Sitzung die Feuerwehr verständigt.

Welche Stoffe bei der Sitzung in der Praxis im nördlichen Berliner Stadtteil Hermsdorf im Spiel waren, ist noch unklar. Es könne einige Tage dauern, bis Ergebnisse der Analyse vorliegen, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Nach bisherigen Informationen der Polizei erhielten die Männer und Frauen im Alter von 26 bis 59 Jahren von dem Therapeuten verschiedene Drogen und andere Substanzen in unterschiedlicher Mischung und Menge.

Nach Medienberichten waren Amphetamine und Psycho-Drogen wie LSD im Spiel. Unklar ist, wie die Drogen verabreicht wurden, ob als Spritze, Tablette oder in anderer Form. An der Sitzung war auch die 41-jährige Frau des Therapeuten beteiligt, die die Praxis gemeinsam mit ihrem Mann betreibt. Der Verdächtige bietet als "Facharzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapeut" auch "psycholytische Therapie" an.

Das steht auf dem Schild an seiner Praxis. Bei dieser Art von Therapie werden psychoaktive Substanzen verwendet, die beispielsweise Bewusstsein und Wahrnehmung verändern und Halluzinationen auslösen können. Dazu zählen auch Rauschgifte wie LSD oder bestimmte Pilze.

Ein derartiger Einsatz von Drogen ist in Deutschland "eindeutig verboten", sagte der Vizepräsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologen, Laszlo Pota, am Sonntag in Hamburg.

Das Therapeuten-Paar wird auf der Referentenliste einer Schweizer Einrichtung geführt, die sich Therapeutisch-Tantrisch-Spirituelle Universität nennt und sich auf psycholytisches Arbeiten spezialisiert hat.

Der Seminarveranstalter hat seinen Sitz auf einem Hof im schweizerischen Lüsslingen und führt dort eine "Gemeinschaft Kirschblüte", laut Eigendarstellung von etwa 75 Erwachsenen und 60 Kindern.

Sie hat demzufolge Interesse an Selbsterkenntnis sowie am Tantrismus, einer religiösen Strömung aus Indien, die Erlösung durch bestimmte Rituale sucht.
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Ein Dorf fürchtet die Überfremdung durch New Age






Quelle: Mathias Marx



Im beschaulichen Lüsslingen-Nennigkofen klafft ein tiefer Graben. Der Kirschblüten-Gemeinschaft steht seit Mittwoch die Gemeinschaft «Üses Dorf» gegenüber. Dabei gibt es durchaus Ähnlichkeiten. von Max Dohner


Gesellschaftsforscher hätten daran ihre helle Freude: Wie ein Feldstudien-Labor liegt eine Gemeinde vor ihnen, wo sich zwei gegenläufige Strömungen beobachten lassen: hier Gewohntes mit seinen eingespielten Abläufen. Und dort Ungewohntes mit alternativen Mustern. Sozusagen «Altbewährtes» und «New Age».

Das wirft eine interessante Frage auf: Kann eine dem Bauerntum entwachsende Gemeinschaft sich nicht nur von ausländischen Zuzügern «überfremdet» fühlen, sondern auch von «New Age»? Dafür böte ein Dorf im Mittelland gegenwärtig wohl einmaligen Stoff zur Feldstudie.

«Die Lage scheint verkachelt»

Der Ort heisst Lüsslingen-Nennigkofen, rund 1000 Einwohner stark, wenige Fahrtminuten von Solothurn entfernt. Vermutlich der Ort mit der weltweit höchsten Dichte von Psychotherapie-Praxen. Wunderbarer noch für Feldforscher (wenn es die Studie auch komplizierter macht): In der Gemeinde fusionierten erst vor kurzem zwei Dörfer, die Alteingesessene ihrerseits als ziemlich konträre Soziotope beschreiben. Ein Streifen Kulturland werde bewusst freigehalten dazwischen, um die traditionellen Streusiedlungen nicht in eine beliebige Zersiedelungssosse zu verwandeln. Es gehe hierbei keinesfalls ums Zementieren alter Gräben.

Dennoch gibts einen Graben, allerdings einen unsichtbaren. Es gibt zwei Lager. Irgendwas zwischen ihnen scheint beide Seiten zu beunruhigen. Keine Seite nennt es «Angst». Keine Seite redet bisher gross mit der anderen. Aber beide Seiten legen eine eigentümliche Nervosität an den Tag. Dazu Anflüge von impliziter Animosität, gerade auch dort, wo sie das explizit in Abrede stellen.

Und das durchwabert Lüsslingen-Nennigkofen seit Jahren. Kein Gift. Aber etwas, wovon kurioserweise beide Seiten fast deckungsgleich sagen, dass es ihnen irgendwie die Luft zum Atmen nehme, die eigene «Individualität beschränkt». Das eine Lager sagt: «Es ist wie ein Zug, der nicht mehr zu bremsen ist; und auch wenn wir wollten, wir können aus dem fahrenden Zug nicht mehr raus.» Die andere Seite sagt: «Ja, die Lage scheint definitiv verkachelt. Darum wollen wir jetzt etwas unternehmen.»

Das ist neu – und deshalb sind wir nach Lüsslingen-Nennigkofen gefahren. Wie gesagt: Das Miteinander im Dorf schwelt seit Jahren untergründig als Gegeneinander. Nur hat sich das bisher nie klar strukturiert oder mit Köpfen verbinden lassen.

Seit Mittwochabend ist das anders.

Ansichten auf Messers Schneide

Ein Kopf ist indes über die Region hinaus bekannt: Samuel Widmer, von seinen Anhängern «Kristallisationspunkt» genannt, der Kopf der Gemeinschaft der Kirschblütler.

Widmer, 1948 geboren, lebt mit zwei Frauen und elf Kindern im Dorf. Sein Bekenntnis zur «Polyamorie», zur Freiheit, mit mehreren Partnern zu leben, hat ihm am Stammtisch das zweifelhafte Siegel «Sex-Guru» eingebracht. In seinen Büchern und «Briefen an die Welt» äussert er Ansichten, deren praktische Weiterungen auf Messers Schneide führen könnten, nicht müssen. Sätze etwa zum «ehrbaren Inzest». Oder Behandlungsmethoden mit Drogen, die dunkle Gefilde der Seele öffnen. Illegale Substanzen scheinen nicht (oder nicht mehr) angewendet zu werden; Anzeigen in dieser oder anderer Hinsicht gegen Widmer gab es bis dato offensichtlich keine. Hingegen schien das Mittel der Klage, Klageandrohung oder Beschwerde phasenweise den Kirschblütern relativ locker im Revers zu sitzen.

Samuel Widmer weile gerade in Brasilien bei einem befreundeten Heiler, sagen Kirschblütler im Dorf. Die Gelegenheit, uns ohne den Meister zu empfangen, scheint ihnen willkommen zu sein. Nicht weil sie mal befreit wären von Widmers Aura, sondern weil der stete Fokus auf Widmer allein einen Eindruck von Hierarchie oder Abhängigkeit erwecke, die in der Gemeinschaft keinesfalls obwalte.

Das knapp zweistündige Gespräch mit den Kirschblütlern Cornelia Principi, Anke Edelbrück Schwarzer und Ramon Mullis, alle seit über zehn Jahren wohnhaft im Dorf, wird nach anfänglicher Vorsicht alles andere als ein Eiertanz. Die zunehmende Lebhaftigkeit spiegelt vielleicht die Erleichterung oder das Bedürfnis, auch mal gegen aussen umfassender über ihre Erfahrungen und Anschauungen zu reden. Die Dinge, die zur Sprache kommen, umkreisen die Suche nach Seele; deren Auslegung ist weder unerhört noch krass, sondern stützt sich auf mittlerweile grossväterliche Geister. Man kann zwischendurch ohne weiteres eine Lippe riskieren; auch Selbstironie blitzt auf.

Wir fragen direkt: «Sind Sie eine Sekte? Ist Inzest bei Ihnen erlaubt?»

Natürlich nicht. «Aber wenn Journalisten ‹Sekte› schreiben wollen», sagt Mullis, «werden sie es tun.» Nun – bezüglich der Begrifflichkeit halten wir uns an unabhängige Stimmen, die bei den Kirschblütlern von einer «vereinnahmenden Gemeinschaft» sprechen. Ihre libertäre Lebensweise scheint im Dorf der geringste Punkt zu Unmut zu sein, anders als die Kirschblütler vermuten. Ramon Mullis etwa sagt, dass ihre «Polyamorie» möglicherweise den Neid von Leuten wecke, die im bürgerlichen Raster oder Gitter darbten. «Das wäre doch auch mal eine Nachricht wert», sagt Cornelia Principi, «wenn 200 Menschen glücklich miteinander sind.» Wirklich glücklich? «Ja», antwortet Frau Principi, ohne jedes Zögern.

Kurz darauf im «Rössli», gut besucht über Mittag, mit Menüs für «Hand- und Kopfwercher», wie es auf der Speisekarte heisst, fällt der bemerkenswerte Satz: «Auch wenn du mit zwei Frauen pennst, kannst du verspiessern.» Es ist das Jahr 2013: Da weiss auch das einstige Bauerndorf, dass jeder nach seiner Fasson selig und unselig wird. «Früher gab es ein solches Clanwesen auch bei uns», sagen sie am Tisch, «da bestimmten gewisse Familien, wo es langgeht.»

Die anderen vom «Üses Dorf»

Umso verwunderlicher ist darum, was dann, nur ein paar hundert Meter weiter die Strasse runter, geschah: Da trafen sich am Mittwochabend siebzig Leute aus dem Dorf, eine Zahl, die auch die Veranstalter überraschte, um zu hören, was die Gegenseite zu sagen hat: die sogenannte «IG Lüne – üses Dorf». Sie war vor kurzem ins Leben gerufen worden, wodurch sich der diffuse Graben im Dorf jetzt wieder deutlicher zeigt. Indes müsse sich das nicht unbedingt fatal auswirken, sagen – auch da – beide Seiten. Im ortsbildgeschützten Dorfkern trafen wir den Sprecher der «IG Lüne», den 1970 geborenen Personalberater und Entertainer Reto Sollberger, auch er ein Zuzüger.

Auch dieses Gespräch verläuft ohne Eifer, ohne Hitzigkeit, selbst da, wo Sollberger von «Schikane seitens der Kirschblütler» spricht: «Einen Kampf führen wir nicht.» Den Grund des Unbehagens sieht er «in der drohenden Vereinnahmung des Dorfes durch eine Gemeinschaft». Einige Dinge der Kirschblütler seien ihm sogar «sympathisch»: der Biolandbau etwa, eine gewisse Nähe zur Occupy-Bewegung usw. Trotzdem hält er viele Nickeligkeiten mit den Kirschblütlern für Zeichen steter «Zwängerei». Er befürchtet, dass das Image vom «Sektendorf» auch den Wert von Immobilien beeinträchtige.

Der Dorfladen – eine Brücke?

200 Kirschblütler leben in Lüsslingen-Nennigkofen, etwa gleich viele Erwachsene wie Kinder, ein Fünftel davon sind Deutsche. Rund 30 Häuser werden von ihnen bewohnt. Weitere Baupläne wurden vor kurzem gestoppt, was die Kirschblütler als «Brüskierung» empfinden, weil der (alte) Gemeinderat ihnen schriftlich grünes Licht versprochen habe.

Mit der neuen IG kommt sicher Bewegung ins Spiel. Es deuten sich gar gewisse Gemeinsamkeiten an. Beide Seiten wollen wieder einen Laden im Dorf. «Warum nicht zusammen?», fragen uns die Kirschblütler, als wären wir Dorfkurier. «Ja, warum nicht?», fragt Sollberger zurück.

(Die Nordwestschweiz)
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