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Michael Welte über den Roman „Sakrileg“ von Dan Brown


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Rolf

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“Browns Mutmaßungen sind widerlegt“





Der Textforscher Michael Welte über den Roman „Sakrileg“ von Dan Brown



FACTUM: Dan Brown behauptet auf Seite 337 seines Bestsellers „Sakrileg“, die Schriftrollen vom Toten Meer seien die frühesten Dokumente des Christentums. Enthalten die Qumrantexte bisher unbekannte Informationen über Jesus? Hat der Vatikan die Herausgabe der Qumranrollen verhindert?
WELTE: Die nicht hoch genug einzuschätzende Bedeutung der Schriftrollen vom Toten Meer liegt an einem ganz anderen Ort: Sie bestätigen nämlich das bis dato bekannte Urteil über die Qualität der alttestamentlichen Überlieferung.

FACTUM: Im positiven Sinne?


WELTE: Ja, sie bestätigen aufs Eindrücklichste die Treue, mit der die Botschaft des ersten Teils der Bibel von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Sie machen damit den von Anfang an als zuverlässig geltenden Text noch sicherer.
Die Schriftrollen enthalten jedoch nachweislich keinerlei Informationen über Jesus von Nazareth.
Die Behauptung, der Vatikan habe mit allen Mitteln versucht, die Herausgabe der Qumrantexte zu verhindern, ist schon dadurch widerlegt, dass ihre inzwischen abgeschlossene Veröffentlichung unter der Aufsicht der jordanischen und israelischen Antikenverwaltung geschah.

FACTUM: Und die Nag-Hammadi-Schriften aus Ägypten? Gibt es dort Hinweise, nach denen Jesus verheiratet war?
WELTE: Die Nag-Hammadi-Schriften haben einen überwiegend gnostischen Charakter. Zu den bekanntesten und am meisten untersuchten Texten zählt das Thomas-Evangelium. Doch Hinweise darauf, dass Jesus verheiratet war, sind bei der Auswertung der Funde von Nag-Hammadi nicht entdeckt worden.

FACTUM: Brown behauptet auf Seite 318: „Das Neue Testament, wie wir es heute kennen, geht auf ... Kaiser Konstantin zurück.“ Hat Konstantin den Kanon des Neuen Testaments festgelegt?
WELTE: Das Neue Testament, wie wir es heute kennen, lässt sich inzwischen – nicht zuletzt dank der zahlreichen Textfunde des vergangenen Jahrhunderts – mit relativ großer Sicherheit auf seinen ursprünglichen Text, d.h. bis in die Zeit seiner Entstehung bzw. seiner ersten Verbreitung zurückführen.
Der heute von allen christlichen Kirchen als verbindlich angesehene Kanon der biblischen Schriften geht bis in die Zeit um 200 n. Chr. zurück, hat also überhaupt nichts mit Kaiser Konstantin zu tun! Der Kanon enthält das, was von Anfang an für das Älteste und Vertrauenswürdigste gehalten wurde.
Entsprechend haben die zahlreichen, über unser Neues Testament hinaus bekannt gewordenen Evangelien, Apostelbriefe und Apokalypsen nicht nur wegen ihres jüngeren Alters, sondern besonders auch wegen ihres Abweichens vom Kern der christlichen Botschaft keinen Eingang in den Kanon gefunden.

FACTUM: Aber Brown behauptet steif und fest, dass Konstantin "Tausende von Handschriften" vernichten ließ (S. 322). Er lässt seine Leser im Glauben, die Bibel sei im Auftrag Konstantins in den kaiserlichen Schreibstuben verfälscht worden.
WELTE: Konstantin der Grosse soll "Tausende von Handschriften" vernichtet haben? Ganz im Gegenteil! Weil viele Bibeln in den vorausgegangenen Christenverfolgungen vernichtet worden waren, hat Kaiser Konstantin im Jahre 331 für die Hauptkirchen seines Reiches neue Bibelhandschriften herstellen lassen. Es handelt sich um 50 beim Bischof Eusebius von Cäsarea in Auftrag gegebene Exemplare. Zu deren sicherem Transport standen zwei staatliche Postwagen zur Verfügung. Aus dem Begleitschreiben des Bischofs geht hervor, dass diese neuen Bibelausgaben besonders aufwendig und kostbar gestaltet waren.

Dass wir uns heute eine genaue Vorstellung davon machen können, wie der Text des Neuen Testaments in der Zeit vor Konstantin aussah, verdanken wir sensationellen Papyrusfunden, wie den Oxyrhynchus-, den Bodmer- und den Chester-Beatty-Papyri. Im trockenen Klima Ägyptens, wo sie regelrecht im Wüstensand vergraben waren, konnten zahlreiche Handschriften aus der Zeit vor Konstantin die Jahrhunderte überdauern. Vergleicht man die Papyri aus der Zeit vor Konstantin mit den „Auftragstexten“ Konstantins, ergibt sich, dass sie keine andere Botschaft enthalten als die ursprüngliche.

FACTUM: Es gab also keine kirchliche Zensur unter Konstantin?

WELTE: Nein.

FACTUM: Sie sagen, die Kanonbildung habe nichts mit Konstantin zu tun. Aber in „Sakrileg“ wird behauptet, dass wir gar keine neutestamentlichen Handschriften aus der Zeit vor Konstantin haben...
WELTE: Ganz im Gegenteil! Dank der bereits erwähnten sensationellen Funde im 20. Jahrhundert steht uns schon aus der Zeit um 200 n. Chr. mit den Papyri der Bibliotheken Chester Beatty und Bodmer fast die Hälfte des Neuen Testaments auf Papyrus zur Verfügung.

Die Zahl der heute bekannten Handschriften des Neuen Testaments ist beachtlich. Betrug sie zu Beginn des vorigen Jahrhunderts 3829, so liegt sie heute bei 5748.

FACTUM: In „Sakrileg“ steht, die Ehe zwischen Jesus und Maria Magdalena sei historisch verbürgt. Stimmt das?
WELTE: Nein, dafür gibt es keinerlei ernsthafte Belege.

FACTUM: Aber Brown argumentiert, Zitat: „Nach den Anstandsregeln der damaligen Zeit war es einem jüdischen Mann praktisch verboten, unverheiratet zu bleiben“ (S. 337).
WELTE: Browns Mutmassungen zu Ehe und Zölibat sind durch zeitgenössische Quellen widerlegt. So berichtet der jüdische Historiker Flavius Josephus doch gerade von den besonders gesetzestreuen Essenern, dass ein Teil von ihnen eben nicht verheiratet war. Und der Apostel Paulus fordert gar die Nachfolger Jesu auf - wenn sie es können - ledig zu bleiben, um Gott intensiv dienen zu können.

FACTUM: Das apokryphe Philippus-Evangelium wird bei Brown oft zitiert und als Beweis für die Ehe zwischen Jesus und Maria angeführt. Brown zitiert folgendes: „Und die Gefährtin des Erlösers war Maria Magdalena. Christus liebte sie mehr als seine Jünger und küsste sie oft auf den Mund“ und weiter: „Jeder, der des Aramäischen mächtig ist, wird ihnen bestätigen, dass das Wort Gefährtin in jenen Tagen nichts anderes als Ehefrau bedeutet hat“ (S. 338). Herr Welte, Sie sind Experte für die Sprachen der Bibel. Sind die Nag-Hammadi-Texte in aramäisch abgefasst und bedeutet im Aramäischen das Wort „Gefährtin“ immer „Ehefrau“?

WELTE: Auf welche Abwege jemand kommt, der meint, in einem Fach mitreden zu können, in dem er von jeder Kenntnis ungetrübt ist, wird nicht erst an dieser Stelle deutlich - aber hier ist es besonders symptomatisch.
Selbst wenn man des Aramäischen mächtig ist – diese Sprachkenntnis bringt nichts, wenn es um einen Text aus Nag-Hammadi geht! Das wissen in der Regel schon die Laien, dass diese Schriften ausschließlich in koptischer Sprache verfasst wurden.

Um noch etwas zur eigentlichen Frage zu sagen. Im griechischen Neuen Testament gibt es das entsprechende Wort für „Gefährtin“ auch. Dort wie hier im Koptischen ist es am ehesten im Sinne einer „Weggefährtin“ zu verstehen. Es geht also ganz einfach um Jüngerschaft.

FACTUM: Aber die Anhänger von „Sakrileg“ werden sagen, da stehe doch, dass Jesus Maria auf den Mund geküsst habe.
WELTE: An dieser Stelle ist die Überlieferung lückenhaft. Der Text ist mitten im Satz unterbrochen. Nicht ein einziger Buchstabe ist von dem gemutmaßten Wort „Mund“ zu sehen, auch nicht von dem Wort für „küssen“. Erhalten ist das entsprechende Wort für „begrüßen“. Im Übrigen hatte der Kuss bei der Begrüßung in der frühen Christenheit schlicht und einfach Symbolcharakter. Er ist das Zeichen der neuen Gemeinschaft.

FACTUM: Herr Welte, Sie haben weltweit die Klosterbibliotheken und deren Bestände untersucht. Wie oft waren Sie in den verschiedenen Klosterbibliotheken und wie viele Handschriften sind durch Ihre Hände gegangen?
WELTE: Ein Dutzend Mal. Insgesamt habe ich Hunderte von Handschriften in den Händen gehabt.

FACTUM: Haben Sie irgendwo eine Handschrift entdeckt, die uns ein neues Bild von Jesus zeichnet?
WELTE: Nein, ich habe keine Handschrift entdeckt, deren Text uns nötigte, ein Bild von Jesus zu zeichnen, das anders ist als dasjenige im Neuen Testament, also das uns bekannte und vertraute.

In der gesamten Überlieferung des Neuen Testaments – und das sind ja nicht nur die weit mehr als 5000 Handschriften, dazu gehören auch die frühen Übersetzungen in die verschiedenen Landessprachen und die Zitate aus dem Neuen Testament in den Schriften der Kirchenväter – gibt es nur ein Bild von Jesus: das des gekreuzigten und auferstandenen Herrn und Heilands der Welt.

FACTUM: Wie kann man sich ein genaues Bild von Jesus machen?
WELTE: Durch das Lesen des Neuen Testaments! Und bis auf den heutigen Tag erweist sich dann immer noch und immer wieder die Wahrheit des Evangeliums dadurch, dass Menschen von seiner Botschaft angesprochen werden und sich wie die ersten Jüngerinnen und Jünger selbst auf den Weg in die Nachfolge Jesu machen.

FACTUM. Warum hat ein Buch wie „Sakrileg“ trotz der nachweisbaren Irrtümer einen solchen Erfolg?
WELTE: Weil es sich antichristlich und antikirchlich gibt und die Leser glauben macht, dass alles doch ganz anders war.

FACTUM: Wie sollen Christen reagieren, wenn Bekannte mit ihnen über dieses Buch diskutieren?
WELTE: Dazu muss man noch nicht einmal mit theologischem Fachwissen aufwarten. Brown hat auch in der Fachwelt der profanen Literatur schlechte Karten. So bezeichnet der Literaturkritiker Denis Scheck Dan Brown als den „amerikanischsten Schundautor, den man sich vorstellen kann“ und nennt Sakrileg eine „reine Kolportage“, „Schund, aber spannenden Schund“, „frei nach Henry Kissingers Maxime geschrieben: ‚Nur weil ich paranoid bin, heißt das nicht, dass nicht alle hinter meinem Kopf her sind’.“

FACTUM: Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Alexander Schick

© factum 4/2005; www.factum-magazin.ch

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ZUR PERSON
Michael Welte ist Theologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für neutestamentliche Textforschung der Universität Münster. In dem von Prof. Kurt Aland gegründeten Institut befindet sich eine der weltweit größten Sammlungen an Mikrofilmen fast aller neutestamentlichen Handschriften. Sie werden an der Münsteraner Forschungsstelle ausgewertet. Das von Nestle/Aland herausgegebene „Novum Testamentum Graece“ wird weltweit als Textgrundlage für die meisten Bibelübersetzungen benutzt. Der Textforscher Welte arbeitet seit 1962 im Institut. Hunderte von uralten Bibelhandschriften sind im Original durch seine Hände gegangen. Zur Zeit arbeitet das Institut an einer digitalen Edition der wichtigsten Handschriften des griechischen Neuen Testaments mit textkritischem Apparat. Ein Prototyp ist im Internet verfügbar (

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).Die 28. Auflage des wissenschaftlichen Urtextes ist in Vorbereitung incl. einer interaktiven CD-ROM-Version.

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