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C.S. Lewis und die Chronicles of Narnia


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Rolf

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Sehnsucht und Wahrheit



C.S. Lewis und die Chronicles of Narnia

von Jan Carsten Schnurr

„Sehnsucht und Wahrheit“, ist dieser Vortrag überschrieben, „C.S. Lewis und die Chronicles of Narnia“. Narnia ist neuerdings durch die Kinoproduktion von Walden Media und Walt Disney ein bekannter Name auch in Deutschland. In England und den USA werden die Narni-achroniken schon seit Jahrzehnten mit Lewis Carrolls Alice im Wunderland und J.R.R. Tol-kiens Herr der Ringe in einem Atemzug genannt. Die Regie für den Film hatte der Shrek-Regisseur Andrew Adamson, und das Budget soll weit über 100 Millionen Dollar betragen. Das erste der sieben Fantasybücher, Der König von Narnia, feiert am 7. Dezember in der Londoner Royal Albert Hall Weltpremiere; nach und nach folgen die Premieren in anderen Ländern, wobei Deutschland mit dem 8. Dezember noch einen Tag vor den USA zum Zug kommt. Japan ist nach Internetinformationen Letzter: dort erscheint der Film erst am 6. März nächsten Jahres. Deutsche Narniafans sind also offensichtlich privilegiert; ob sie das wissen, ist natürlich eine andere Frage.

Laut amazon.com haben die Narniabücher bereits vor dem Film 60 Millionen Leser gehabt; es ist abzusehen, dass sich die Zahl der Narnialeser mit der Verfilmung schlagartig erhöhen wird. Narnia hat auch schon einen beträchtlichen literarischen Einfluss ausgeübt. In einem Interview wurde z. B. J.K. Rowling, die Autorin der sensationell erfolgreichen Harry-Potter-Bücher, gefragt, welche Autoren sie am meisten beeinflusst hätten. In ihrer Antwort nannte sie drei Schriftsteller; einer davon ist C.S. Lewis.

Ich persönlich bin mit Narnia in Berührung gekommen, als mein Vater mir als Fünfjährigem die sieben Bände nacheinander vorgelesen hat. Seitdem haben mich Narnia und auch andere Werke von C.S. Lewis – bis zu meinem Anglistikexamen vor wenigen Jahren – nicht wieder losgelassen.

Es gibt wenige Schriftsteller im 20. Jahrhundert, die so sehr die Sehnsucht ihrer Leser und gleichzeitig ihre intellektuelle Suche nach Wahrheit angesprochen haben wie C.S. Lewis. Das rührt daher, dass die Themen „Sehnsucht“ und „Wahrheit“ Themen waren, die Lewis selbst existentiell beschäftigten. Grundthese meines Vortrags ist, dass die Narniachroniken gerade diese tiefen Fragen in einfühlsamer Weise thematisieren. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit Narnia immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Denker C.S. Lewis und seinen Grundfragen – nach dem Sinn des Menschseins, nach Ethik und nach Gott. Ich möchte daher zuerst den Autor C.S. Lewis und die Narniamärchen vorstellen, um dann der Frage nachzuge-hen, wie Lewis' Grundfragen in den Narniabüchern thematisiert werden.


1. Wer war C.S. Lewis und was sind die Chronicles of Narnia?

C.S. Lewis ist im Jahr 1898 in Belfast geboren worden. C.S. steht für „Clive Staples“ – zwei für Angelsachsen sehr unübliche Namen, die auch fast nie verwendet wurden. Im Freundes-kreis nannte man Lewis grundsätzlich mit seinem Spitznamen „Jack“, den er sich als Vierjäh-riger selbst gegeben hatte. Sonst hat man die Initialen „C.S.“ verwendet. Lewis hat trotz sei-ner Herkunft aus Nordirland die ganz überwiegende Zeit seines Lebens in England verbracht. Er besuchte dort mehrere Privatschulen und studierte von 1917 bis 1923 an der Universität Oxford. Vorher hatte er zweieinhalb Jahre bei einem alten Privatlehrer verbracht – einem Herrn Kirkpatrick, dem Lewis Entscheidendes für seine geistige Entwicklung verdankt. Lewis hat seinen Privatlehrer später als ein „rein logisches Wesen“ bezeichnet und in seiner Auto-biographie geschrieben: „Der Gedanke, dass Menschen ihr Stimmorgan für etwas anderes benutzen sollten als für das Mitteilen oder Entdecken der Wahrheit, war für ihn lächerlich.“ Lewis berichtet, der alte Herr habe jedes Mal, wenn der junge Lewis einen unüberlegten Satz sagte, entrüstet „Stopp“ geschrieen und gefragt, was er jetzt eigentlich habe sagen wollen. Kirkpatrick hat Lewis durch diese etwas skurrile Erziehungsmethode und auch durch seinen sehr effektiven Unterricht das logische Denken gelehrt. Der Professor Kirke aus dem König von Narnia, der die vier Kinder in seinem Landhaus aufnimmt, trägt viele Züge von Lewis’ Tutor Kirkpatrick und natürlich auch seinen Namen.

In Oxford studierte Lewis Klassische Sprachen und dann Englisch. Lewis musste zwischen-durch ein Jahr lang aussetzen, um im Ersten Weltkrieg Kriegsdienst zu leisten. Er hat dann nach Kriegsende weiterstudiert, seine Fächer jeweils mit Bestnote abgeschlossen, wurde kurzzeitig Dozent für Philosophie und war dann 30 Jahre lang Dozent für englische Literatur am Oxforder Magdalen (sprich: modlin) College. Mit 57 Jahren, im Jahr 1955, erhielt Lewis dann unter anderem durch Vermittlung von J.R.R. Tolkien einen Lehrstuhl in Cambridge. Am 22. November 1963, und zwar an dem Tag der Ermordung von John F. Kennedy, ist C.S. Le-wis im Alter von fast 65 Jahren gestorben.

C.S. Lewis ist eine ungewöhnlich vielseitige Persönlichkeit gewesen. Es sind auch sehr viele Biographien über ihn geschrieben worden. Ich nenne hier in Schlaglichtern einige Aspekte seiner Persönlichkeit.

Da ist zuerst C.S. Lewis, der Gelehrte und Professor. Lewis hat literaturgeschichtliche Werke verfasst, die heute noch, fünfzig bis siebzig Jahre nach Erscheinen, von Anglisten gelesen und zitiert werden. Er galt als Spezialist für die Dichter Spenser und Milton, und seine Studie zum mittelalterlichen Liebesgedicht The Allegory of Love löste 1936 einen ruckartigen Anstieg in der Nachfrage nach mittelalterlichen Büchern aus.

Dann gibt es C.S. Lewis, den Schriftsteller. Nach einer Aussage von J.R.R. Tolkien, der über lange Jahre ein sehr enger Freund von Lewis war, hat dieser um das Jahr 1936 einmal zu ihm gesagt: „Tollers, es gibt zu wenig von dem, was uns an Geschichten wirklich gefällt. Ich fürchte, wir werden selber ein paar schreiben müssen.“ Die beiden haben dies bekanntlich auch in die Tat umgesetzt. Dabei haben ihnen die Inklings geholfen – ein Freundeskreis von Oxforder Literaturliebhabern, der sich dreißig Jahre lang jede Woche traf, um über Literatur und Gott und die Welt zu diskutieren. Zu dem Kreis gehörten Lewis, Tolkien, der Schriftstel-ler Charles Williams, Tolkiens Sohn Christopher (von dem die Karten von Mittelerde stam-men), der Schriftsteller John Wain, Lewis‘ Bruder Warnie und noch einige weitere. Viele Bücher, zum Beispiel Der Herr der Ringe, wurden lange vor Veröffentlichung versuchsweise vorgetragen, wobei die übrigen Mitglieder des Kreises ihre Kommentare beisteuerten. Die Inklings trafen sich donnerstags abends im Zimmer von Lewis und dienstags morgens im Ea-gle & Child, einem Pub in Oxford, den es heute noch gibt.

Auch einige von C.S. Lewis‘ Werken wurden bei den Inklings gelesen, zum Beispiel die in England recht bekannten Screwtape Letters, die Briefe eines „Oberteufels“ an einen „Unter-teufel“ über die möglichst effektive Art und Weise, seinen „Patienten“ – einen Menschen – auf die falsche Bahn zu bringen. Lewis hat auch in den 30er und 40er Jahren eine Science-Fiction-Trilogie geschrieben – die Perelandra-Trilogie –, die heute zu den Pionierwerken des Science Fiction zählt. Bedeutend ist auch sein komplexer Roman Du selbst bist die Antwort, der von vielen Literaturkritikern und von Lewis selbst als sein bestes Werk angesehen wurde, auch wenn er beim breiten Publikum nur wenig Resonanz fand.

Dann gibt es C.S. Lewis, den Skeptiker und den Christen. Lewis hat sich als junger Dozent von etwa 30 Jahren vom Atheisten zuerst zum Theisten und dann zum Christen bekehrt. Nach dieser Wende hat er den christlichen Glauben für die restlichen dreieinhalb Jahrzehnte seines Lebens veranschaulicht und verteidigt. Die bedeutende amerikanische Illustrierte Time brach-te 1947 eine Titelgeschichte über Lewis und nannte ihn den „Apostel für die Skeptiker“. Be-sonders einflussreich waren die Radiovorträge während des 2. Weltkriegs für die BBC. The-ma der Vorträge war der christliche Glaube, und zwar speziell die Aussagen des Glaubens, die allen Konfessionen gemeinsam sind. Die Vorträge sind später unter dem Titel Pardon, ich bin Christ (auf Englisch: Mere Christianity) als Buch erschienen. Wer knapp in einem Band zusammengefasst lesen möchte, wie Lewis den christlichen Glauben gesehen hat, dem sei Pardon, ich bin Christ empfohlen. Lewis besaß das Talent, komplizierte Sachverhalte allge-meinverständlich und vor allem mit treffenden Illustrationen zu erklären. Die Zeitschrift Christian History führte im Jahr 2000 eine Umfrage unter Lesern und unter Historikern über die „Zehn einflussreichsten Christen des 20. Jahrhunderts“ durch. Lewis ist einer von ihnen – neben Mutter Teresa, Martin Luther King, Karl Barth, Billy Graham und Papst Johannes Paul II.

Dann gibt es noch C.S. Lewis, den Privatmenschen. Lewis pflegte sehr intensive Freundschaf-ten, z.B. zu seinem Jugendfreund Arthur Greeves. Er war auch ein sehr großzügiger Mensch. Nach Angaben seines Anwalts soll er in seinem Leben insgesamt zwei Drittel seines Ein-kommens an wohltätige Organisationen gespendet haben. Lewis war jahrzehntelang Jungge-selle, heiratete aber mit 57 Jahren die krebskranke geschiedene Amerikanerin Joy Davidman, die wenige Jahre später starb. Lewis betrachtete die kurze Ehe aber als ein großes Glück. Die Geschichte erzählt der 1993 gedrehte Kinofilm Shadowlands mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle als C.S. Lewis. Der Film ist schauspielerisch hochwertig, historisch allerdings nicht besonders exakt.

Alle diese Facetten des Menschen C.S. Lewis spiegeln sich, mehr oder weniger direkt, in den Narniabüchern.

Lewis hat die sieben Bände nebenbei zur Entspannung von seiner Arbeit geschrieben. Jedes hat etwa 120 Seiten. Der König von Narnia erschien 1950, Prinz Kaspian von Narnia 1951, Die Reise auf der Morgenröte 1952, Der silberne Sessel 1953, Der Ritt nach Narnia 1954, Das Wunder von Narnia 1955 und Der letzte Kampf 1956, also im Jahrestakt. Anfangs wusste Lewis noch nicht, dass die Erzählung eine Serie werden würde; deshalb gibt es einige kleinere Unebenheiten und Informationslücken innerhalb der Bücher. Die sieben Bände bilden aber trotzdem eine in sich geschlossene Einheit. Umstritten ist bei Narnialiebhabern allerdings, ob man die sieben besser in inhaltlich-chronologischer Reihenfolge oder in der Reihenfolge der Veröffentlichung lesen sollte; für beide Positionen gibt es gute Argumente. Seinen Namen verdankt Narnia dem italienischen Dorf Narni nördlich von Rom, das in der Antike Narnia hieß.

Die sieben Bücher umspannen etliche Jahrhunderte im Land Narnia und einige Jahrzehnte in unserer Welt. In Narnia vergeht nämlich die Zeit anders als bei uns: Während der Junge Digo-ry zwischen dem – chronologisch gesehen – ersten und dem letzten Band zu einem alten Mann geworden ist, sind in Narnia mehrere Dynastien von Herrschern ins Land gegangen: glückliche Epochen wie das „Goldene Zeitalter“ unter dem König Peter und auch Krisenepo-chen wie die hundertjährige Verzauberung des Landes durch die Weiße Hexe oder die Beset-zung Narnias durch die Telmarer. Lewis spielt manchmal bewusst mit diesem unterschiedli-chen Verlauf der Zeit. Es kommt beispielsweise vor, dass ein Kind nach einjähriger Abwe-senheit nach Narnia zurückkommt und feststellt, dass es dort mittlerweile zu einer histori-schen Gestalt geworden ist wie bei uns Karl der Große. Umso tragischer, dass Edmund im allerletzten Satz von Prinz Kaspian von Narnia feststellt, dass er seine neue Taschenlampe in Narnia vergessen hat. Die wird er leider nicht wiederkriegen.

Narnia ist das Land der sprechenden Tiere, aber die Helden der Narniamärchen sind Kinder: Digory und Polly, Peter, Suse, Edmund und Lucy, Shasta und Aravis, Jill und Eustachius. Die Aufgabe der Kinder ist immer, in einer Zeit der Krise oder der besonderen Herausforderungen einzugreifen und Dinge wieder ins Lot zu bringen. Der Löwe Aslan, der Schöpfer und Herr von Narnia, ruft sie für solche Zwecke. Sie selbst reifen durch diese Abenteuer zu Persönlich-keiten heran.

Kinder sind nicht nur die Helden, sondern auch die ersten Adressaten der Narniachroniken. Im Gegensatz zu Tolkien hatte Lewis als langjähriger Junggeselle keine eigenen Kinder, für die er die Narniabücher hätte schreiben können. Wie der Professor Kirke in Der König von Narnia nahm Lewis aber während des 2. Weltkriegs eine Reihe von Londoner Kindern in sein Haus auf. Er hatte auch sonst, nicht zuletzt durch die Narniabücher selbst, viel Kontakt zu Kindern. Lewis bekam täglich stapelweise Post, u.a. von Kindern, und er fühlte sich ver-pflichtet, alle Briefe zu beantworten. Lewis’ Briefe an Kinder sind in einem eigenen Buch C.S. Lewis: Letters to Children zusammengefasst worden. Die sieben Narniabücher sind auch jeweils Kindern gewidmet.

Lewis hatte ein großes Einfühlungsvermögen in die Gedankenwelt von Kindern. Zum Bei-spiel verwendet er in Der letzte Kampf eine zutiefst kindgerechte Metapher für den Himmel: „Das Schuljahr ist zu Ende, die Ferien haben begonnen.“

Kinder werden in den Narniabüchern insgesamt deutlich interessanter gezeichnet als Erwach-sene. Aber die Kindheit wird auch nicht verklärt. Bei ihren Abenteuern sind die Kinder auch mit Leid und Trauer konfrontiert. Es gibt Tapferkeit und Feigheit, Verführungen und Stand-festigkeit auch und gerade bei Kindern. Man kann deshalb sagen, dass Lewis die als Leser angesprochenen Kinder außerordentlich stark als ethische Individuen ernst nehmen will. Das macht auch den Ernst der Narniamärchen aus. Man spürt, dass es sich um mehr handelt als um reines Entertainment.

Trotzdem kommt niemand auf den Gedanken, die Narniachroniken seien eine schwere Lektü-re. Lewis ist vielmehr ein packender, oft auch verspielter Erzähler. Lewis galt als einer der belesensten Menschen seiner Generation. In Narnia benutzt er seine Literaturkenntnis, um Fabelwesen verschiedener Kulturkreise gewissermaßen multimythologisch zusammenzubrin-gen. Es gibt Figuren aus der griechisch-römischen Mythologie: zum Beispiel den wilden Weingott Bacchus, die verträumten Faune (halb Mensch, halb Ziege), die ernsten und vor-nehmen Zentauren (halb Mensch, halb Pferd), Nymphen (die Göttinnen der Quellen) und den Zaubervogel Phönix. Dann gibt es Geschöpfe aus der mittelalterlichen und nordischen Mytho-logie: Hexen, Zwerge und Riesen. Und natürlich die sprechenden Tiere. Manche Tiere werden mit bestimmten menschlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen in Verbindung gebracht. Mitunter steht diese Zuordnung den üblichen Vorstellungen aber kreativ entgegen, zum Bei-spiel bei Reepicheep, der tapferen, ritterlichen Maus. Lewis hat sich bei den Tieren von Äsops Fabeln, wahrscheinlich auch von Jonathan Swifts Gullivers Reisen inspirieren lassen.

Es gibt auch Bewohner von Narnia, die sich Lewis eigens ausgedacht hat, beispielsweise die unvergessliche Figur des Moorwacklers Trauerpfützler in Der silberne Sessel. Ein Moor-wackler ist nach Lewis ein menschenähnliches Wesen von etwa zwei Meter Größe mit grün-grauen Haaren und froschartigen Zügen, das in sumpfigen Gegenden in Wigwams lebt. Moor-wackler haben überlange Arme und Beine, sie sind Einzelgänger, tragen Hüte mit einer riesigen Krempe und bevorzugen als passionierte Pfeifenraucher einen starken Tabak. Vor allem sind Moorwackler notorische Pessimisten, die nach ihrer eigenen Aussage „stets das Schlimmste annehmen und dann das Beste daraus machen“. Das Modell für Trauerpfützler ist nach fester Überzeugung der Lewisforscher sein Gärtner Fred Paxford gewesen. Interessan-terweise passen diese so unterschiedlichen Figuren in den Narniachroniken harmonisch zu-sammen. Die Welt Narnias wirkt authentisch. Lewis hat auch selbst eine Landkarte von Nar-nia entworfen und eine narnianische Weltchronologie verfasst.

C.S. Lewis’ bildliche Phantasie kam ihm bei der Gestaltung von Narnia sehr zustatten. Lewis hat einmal in einem Aufsatz darüber geschrieben, am Anfang seiner Narniamärchen hätte das Bild von einem Faun gestanden, der in einem verschneiten Wald einen Regenschirm trägt. Dieses Bild habe ihn, seit er 16 Jahre alt war, begleitet. Im Alter von etwa vierzig habe er sich dann gesagt: warum nicht versuchen, eine Geschichte daraus zu machen?

Phantasiereich ist in Narnia nicht nur die Auswahl der Figuren, sondern auch die Sprache. Am stärksten ist das im englischen Original spürbar: Die Königin von Unterland z.B. spricht, ge-nau wie der von ihr versklavte Prinz Rilian, durchgängig elisabethanisches Englisch aus der Shakespeare-Zeit. In Prinz Kaspian von Narnia verwendet der Zwerg Trumpkin in Ausrufen regelmäßig Alliterationen: „horns and halibuts“, „crows and crockery“, „bottles and battledo-res“ usw. Und bei den Uhus im Eulenparlament von Der silberne Sessel reimt fast jedes Wort auf „u“: „tu-whoo“, „how do you do?“, “True, true”, „good for you!“

Man findet einige humoristische Elemente. Zum Beispiel das Bücherregal des Fauns Tumnus, das die 9-jährige Lucy begutacht. Eins der Bücher trägt den sinnigen Titel: „Ist der Mensch ein Mythos?“ Humoristisch mit einem guten Schuss Satire ist auch das Bild, das die Narnia-bände von Schulen zeichnen. Hier spiegelt sich Lewis’ eigene Schreckensgeschichte mit In-ternaten in seiner Kindheit, wo furchtbare Missstände geherrscht haben müssen. Die Schule, auf die seine Helden Jill und Eustachius gehen, nennt sich “Experiment House”. Tatsächlich handelt es sich um eine Experimentieranstalt für antiautoritäre Methoden. Die charakterloses-ten Schüler werden als interessante „psychologische Fälle“ angesehen und können tun und lassen, was sie wollen – zum Beispiel ihre Mitschüler schikanieren. Zum Happy End von Der silberne Sessel gehört, dass die Schule behördlich untersucht und wieder auf Vordermann gebracht wird. Die humoristische Einlage ist, dass Lewis süffisant bemerkt, die Freunde der für untauglich befundenen Schulleiterin hätten ihr daraufhin einen Sitz im Parlament ver-schafft; dort hätte sie den Rest ihrer Tage glücklich verbracht.

In erster Linie hat Lewis in den Narniamärchen schöne Geschichten für Kinder schreiben wol-len. Aber es steckt mehr dahinter. Denn Lewis stellt im äußeren Gewand eines Kindermär-chens tiefe philosophische Fragen, insbesondere die Frage nach Gott. Es gibt in der Weltlite-ratur wahrscheinlich kein anderes Kinderbuch oder Märchen, das zugleich auf einem so hohen intellektuellen Niveau den christlichen Glauben behandelt.

Alle wichtigen Stationen der biblischen Heilsgeschichte tauchen in Narnia auf. Die Erschaf-fung der Welt ist Thema von Das Wunder von Narnia. Der stellvertretende Tod für einen Ver-räter steht im Zentrum von Der König von Narnia. Prinz Kaspian behandelt die Wiederher-stellung des Glaubens nach einer Zeit des Niedergangs, eine Art religiöse Erweckungsbewe-gung. Die Reise auf der Morgenröte – eine Schiffsreise ans Ende der Welt – symbolisiert das Leben eines Christen bis zu seinem Tod. Und Der letzte Kampf beschreibt das narnianische Weltende ganz ähnlich, wie das Neue Testament die letzten Dinge prophezeit. Der Literatur-wissenschaftler Charles Huttar hat sogar vorgeschlagen, die Gattung der Narniachroniken „Scripture“ (Heilige Schrift) zu nennen, weil Lewis so viele Parallelen zur Struktur der Bibel herstellt. Aber auch der Philosoph Platon spielt in den Narniachroniken eine wichtige Rolle. Er taucht mehrmals namentlich auf, was für ein Kinderbuch durchaus als unüblich gelten kann.




2. Existentielle Fragen in den Chronicles of Narnia




Ich komme zum zweiten Teil meines Vortrags und möchte drei Fragen oder Fragenkreise nennen, die Lewis existentiell beschäftigten und die sich in den Narniamärchen wiederfinden.


i. Die Sehnsucht des Menschen

Wie wenige moderne Märchen haben die Narniachroniken die Sehnsucht ihrer Leser geweckt: Sehnsucht nach fernen Ländern, nach anderen Welten, aber auch nach bestimmten Situationen der Gemütlichkeit, der Schönheit und der Freude. Welcher Narniafan hat sich nicht schon gewünscht, wie Lucy in der behaglichen Hütte des Fauns Tumnus zu Tee, Kuchen und Ge-schichten einzukehren; oder wie Shasta nach einem hungrigen Tag bei den Zwergen Duffel, Rogin und Daumendünn Spiegelei und geschmorte Pilze zu frühstücken (es sei denn natür-lich, man mag keine Pilze)? Lewis ist in der Lage, solche Szenen so zu beschreiben, dass bei Lesern eine Sehnsucht aufkommt, die Schönheit dieses Augenblicks mitzuerleben.

Dieses Gefühl wird auch in Situationen geweckt, wo man das nicht erwartet. Beispielsweise sind die Abenteurer des Schiffes Morgenröte schon fast am äußersten Osten der Welt ange-kommen; da stellen sie plötzlich fest, dass das Wasser, auf dem sie segeln, nicht mehr salzig, sondern süß ist. Sie trinken davon und beschreiben es als unbeschreiblich erfrischend, unge-heuer schwer und geradezu wie trinkbares Licht. Der Kommentar des jungen Königs Kaspian drückt eine typische Sehnsuchtserfahrung aus: „Das hier ist wahres Wasser“, sagt er, „Ich bin nicht sicher, ob es mich nicht töten wird. Aber dies ist der Tod, den ich mir immer ausgesucht hätte, wenn ich nur davon gewusst hätte.“ Lewis gelingt es wie wenigen sonst, seinen Lesern glaubhaft Glücksmomente zu kommunizieren.

Sehnsucht wird beispielsweise auch durch die Symbolik der Himmelsrichtungen geweckt: Das große Ziel bei der Segelfahrt der Morgenröte ist, bis zum „äußersten Osten“ der Welt zu gelangen. (In Narnia ist die Welt nicht rund, sondern flach; es gibt also einen äußersten Os-ten.) In Der Ritt nach Narnia ist dagegen das treibende Motiv für die Reisegruppe, aus der Sklaverei nach Norden zu fliehen. Ihre Parole heißt: „Auf nach Narnia und in den Norden!“ Der Osten und der Norden verkörpern also in den beiden Büchern eine tiefe Wirklichkeit, die man nicht genau kennt, aber nach der man sich unbeschreiblich sehnt.

Es ist hochinteressant, dass dieser Effekt kein Kunstgriff von C.S. Lewis war, sondern Lewis’ eigene Persönlichkeit und Lebensgeschichte widerspiegelt. Von Kindheit an hat Lewis Au-genblicke ganz intensiver Sehnsucht erlebt. Ausgelöst wurden diese Momente z. B. durch ein Gedicht, durch den Anblick eines Hügels am Horizont, durch ein Musikstück oder eine Erin-nerung. Lewis beschrieb diese Momente als etwas „Bittersüßes“: bittersüß, weil sie einerseits einen akuten Mangel, ein Bedürfnis darstellten; andererseits waren sie ein unvorstellbarer Genuss. Das Besondere war auch, dass Lewis diese Erlebnisse nicht selbst hervorrufen konn-te, auch wenn er das oft versuchte; sondern sie kamen dann, wenn er sie gerade nicht suchte.

Lewis fiel auf, dass das Objekt dieser Sehnsucht dem Verlangen nie wirklich gerecht wurde. Beispielsweise hätte es nicht geholfen, tatsächlich zu dem Hügel am Horizont hinzulaufen; das Gefühl der Sehnsucht hätte sich dann einfach auf einen anderen Gegenstand verlagert oder es wäre verschwunden. Die Sehnsucht ging tiefer als der Anlass für die Sehnsucht.

Das Thema Sehnsucht zieht sich durch fast jedes Prosawerk von C.S. Lewis. Er gibt dieser Erfahrung in verschiedenen Büchern unterschiedliche Namen: meist nennt er sie „Joy“ – Freude. Eine Ironie des Schicksals ist, dass er, als er deshalb seine Autobiographie „Surprised by Joy“ nannte, noch nicht wusste, dass seine spätere Frau Joy heißen sollte.

Lewis hat lange über das Phänomen der Freude nachgedacht. Für ihn wurde die Sehnsucht dabei zu einem Hinweis auf die Existenz und das Wesen Gottes. Er kam nämlich zu der Über-zeugung, dass diese Sehnsucht, die unglaublich schön war und die doch nie wirklich gestillt werden konnte, offensichtlich auf eine größere Wirklichkeit hindeutete als das vergängliche menschliche Leben. Lewis schreibt in seiner Autobiographie: „Alle Bilder und Gefühle er-wiesen sich, wenn sie mit der Freude verwechselt wurden, als unzulänglich. Alle sagten letzt-lich: Ich bin es nicht. Ich bin es nicht. Ich bin nur eine Erinnerung. Sieh! Sieh! Woran erinne-re ich dich?“ In einem anderen Buch, Über den Schmerz, schrieb Lewis: „Es gibt Zeiten, in denen ich glaube, dass wir nicht nach dem Himmel verlangen. Noch häufiger frage ich mich aber, ob wir – im Innersten unseres Herzens – jemals nach etwas anderem verlangt haben.“

Dieser Gedanke ist zentral für die Narniachroniken. Ein gutes Beispiel ist der Junge Shasta in Der Ritt nach Narnia. Shasta lebt viele hundert Kilometer südlich von Narnia in der Sklave-rei. Er wohnt bei einem engstirnigen und herzlosen Mann, den er für seinen Vater hält. Aber im Verlauf der Geschichte erfahren wir, dass der Fischer Arsheesh gar nicht sein Vater sein kann – von seinem Äußeren her zu schließen, stammt Shasta nämlich aus dem Norden. Be-zeichnend ist, dass er sich auch, ohne seine wahre Herkunft zu kennen, immer nach dem Nor-den sehnt. Es heißt da, dass Shasta beim täglichen Flicken der Netze für Arsheesh immer wie-der nach dem Horizont schaute und sich fragte, was da wohl hinter den nördlichen Hügeln liegen möge. Er hat also eine Ahnung von seiner wahren Heimat. Am Ende des Buches stellt sich heraus, dass er ein Prinz und Thronfolger ist, der als Kleinkind geraubt worden war. Menschen sind, hätte Lewis ganz allgemein formuliert, wie Shasta Königskinder in der Frem-de: ihre Sehnsucht sagt ihnen, dass es noch mehr geben müsse als die aktuell erlebte Wirk-lichkeit. Der Grieche Platon hatte diesem Gedanken z. B. im berühmten Höhlengleichnis in unvergleichlicher Weise Ausdruck verliehen; deshalb lässt Lewis den Professor Kirke in Nar-nia als großen Platonfan auftreten.

Vielleicht am bewegendsten wird der Gedanke von dem Einhorn Kleinod in Der letzte Kampf formuliert. Der Entscheidungskampf um Narnia ist mittlerweile vorbei; Narnia ist unterge-gangen. Die Freunde von Narnia finden sich aber plötzlich ganz unerwartet in einer wunder-vollen Gegend wieder. Das Land ist dem untergegangenen Narnia verblüffend ähnlich: nur ist alles noch größer, noch schöner und von keiner Bosheit getrübt. Es ist sogar unmöglich, sich zu fürchten. Lewis versucht also in Anlehnung an Aussagen der Bibel, sich den narnianischen Himmel vorzustellen. Dann heißt es: Das Einhorn „stampfte mit dem weißen Vorderhuf auf, wieherte und rief: ‚Nun bin ich doch noch nach Hause gekommen! Das ist meine wahre Hei-mat. Hierher gehöre ich. Nach diesem Land habe ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt. Aber das wusste ich bis jetzt nicht. Warum liebten wir das alte Narnia? Weil es manchmal ein bisschen wie dieses Land hier aussah. Kommt weiter, weiter hinein und weiter hinauf!’“

Die Sehnsucht des Menschen ist also ein Thema, das Lewis existentiell beschäftigte und das sich in den Narniachroniken wiederfindet.


ii. Die Frage nach der Wahrheit

Eine der wichtigsten Überzeugungen von C.S. Lewis war, dass Menschen immer nach der Wahrheit einer Sache fragen sollten. Lewis kritisierte, dass diese Frage oft eine zu geringe Rolle spielt. Er meinte, viele Menschen beurteilten Aussagen nach Schlagworten: sie fänden z.B. eine bestimmte Meinung „akademisch“, „praktisch“, „abgedroschen“, „zeitgemäß“ oder „konventionell“. Lewis kritisierte das als oberflächlich, weil solche Floskeln die entscheiden-de Frage – nämlich die nach der Wahrheit einer Aussage – verschleiern würden. Er bedauerte auch, dass viele Schriftsteller versuchten, möglichst „originell“ zu sein. Lewis meinte, dass jemand oft gerade dann originell sei, wenn er sich keinen Deut um Originalität scheren und stattdessen versuchen würde, einfach die Wahrheit zu sagen. Diese Einsicht hatte Lewis unter anderem von seinem Privatlehrer Kirkpatrick gelernt.

Lewis hat deshalb immer versucht, Fragen konsequent zu Ende zu denken. Er hat darum auch Sokrates, den Lehrer Platons, sehr geschätzt. Lewis war in Oxford Präsident des „Socratic Club“, eines Debattierclubs zu religionsphilosophischen Fragen, in dem sehr kontrovers dis-kutiert wurde.

In Der König von Narnia wendet der Professor Kirke die sokratische Methode des Gesprächs an. Mit dieser Methode, die Sokrates in vielen Begegnungen mit seinen Zeitgenossen prakti-zierte, wird der Gesprächspartner durch Logik und kritische Rückfragen zur Wahrheit geleitet. Die Frage, die in Der König von Narnia im Raum steht, ist grundlegend: Existiert das Zauber-land Narnia oder nicht? Lucy behauptet steif und fest, dort gewesen zu sein. Ihre Geschwister gehen davon aus, dass dies natürlich Unsinn sei, sind aber ratlos, was sie mit Lucy tun sollen. Die beiden älteren Geschwister wenden sich deshalb vertraulich an den Professor. Auf dessen gezieltes Nachfragen stellt sich aber heraus, dass Lucy bisher immer absolut vertrauenswürdig gewesen ist. Der Professor meint daraufhin zur großen Verblüffung der beiden, in diesem Fall sei es alles andere als unproblematisch, Lucy eine Falschaussage zu unterstellen; ganz gleich, wie unwahrscheinlich ihnen Narnia erscheine. Lucy ist keine Lügnerin. Lucy ist nicht überge-schnappt, wie man sehen kann. Es bleibt also – logisch gesehen – keine andere Möglichkeit, als dass sie wahrscheinlich die Wahrheit sagt.

Wem man bei Aussagen mit einem Wahrheitsanspruch glauben soll, ist also eine entscheiden-de Frage in Narnia. Sie wird auch in Prinz Kaspian thematisiert: Das Besatzervolk der Telma-rer hat in Narnia die Erinnerung an sprechende Tiere und Fabelwesen soweit ausgelöscht und ihre Spuren verwischt, dass ganz wenige überhaupt noch an solche Wesen glauben. Die zent-rale Frage lautet also: Sind die alten Geschichten von Narnia nur Märchen oder sind sie wahr? Zur Beantwortung dieser Frage muss man wissen, wem man Glauben schenken und bei wem man skeptisch sein sollte. Für die Narniachroniken ist bei der Beantwortung dieser Frage wichtig darauf zu achten, was für einen Charakter die Person hat, der man etwas glauben oder nicht glauben soll. Die Vertrauenswürdigkeit einer Person wiegt noch schwerer als die Frage, was jemand als philosophisch gesehen wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ansieht: denn manchmal ist gerade das Unwahrscheinliche wahr.

In Narnia zeigt sich auch das Problem, dass manche – zum Beispiel Onkel Andrew in Das Wunder von Narnia – die Wirklichkeit nicht wahrhaben wollen. Das Tragische ist, dass man als Folge davon nach einiger Zeit die Wahrheit auch nicht mehr wahrnehmen kann. Zum Bei-spiel versuchen einige sprechende Tiere, mit Digorys Onkel freundschaftlichen Kontakt zu schließen. Aber weil Onkel Andrew sich so lange eingeredet hat, die sprechenden Tiere in Narnia seien nur gewöhnliche Tiere, die brüllen, bellen und grunzen, kann er die Tiere nach einiger Zeit auch nicht mehr sprechen hören. Während ihn die Tiere freundlich begrüßen, hört er nur drohendes Knurren und Kreischen.

C.S. Lewis wendet die Frage nach der Wahrheit in den Narniachroniken auch auf den Glau-ben an. Wie erwähnt, war Lewis viele Jahre seines Lebens Skeptiker und sogar leidenschaftli-cher Atheist. Als Jugendlicher hielt er Religionen für „Erfindungen des Menschen“. Bei sei-nem späteren Weg zum christlichen Glauben spielte es eine Rolle, dass ihn einige christliche Autoren und einige christliche Freunde beeindruckten, zum Beispiel J.R.R. Tolkien, der über-zeugter Christ war. Vor allem war die Wende zum Christentum für ihn aber ein Ergebnis sei-ner intensiven Frage nach der Wahrheit. Lewis schreibt in seiner Autobiographie, er habe sich nur sehr widerwillig für den Glauben entschieden, weil ihm der Glaube an einen persönlichen Gott eigentlich unsympathisch war. Er gelangte aber zu der Überzeugung, die besseren Ar-gumente würden für den Glauben sprechen. Zum Beispiel meinte Lewis, dass die Berichte über die Auferstehung Jesu von den Toten historisch glaubwürdiger waren, als er gedacht hatte. Auch andere Argumente (z.B. aus dem Bereich Ethik) waren für ihn wichtig.

C.S. Lewis war der Meinung, dass viele Menschen, die dem Glauben den Rücken kehren, das nicht aufgrund von stichhaltigen Gegenargumenten täten, sondern weil sie sich einfach trei-ben ließen. Er meinte auch, dass sich Leute oft von suggestiven Scheinargumenten gegen den Glauben beeindrucken ließen. Die Narniamärchen beschäftigen sich manchmal auch mit sol-chen Scheinargumenten. Das wichtigste Beispiel ist die so genannte „Projektionstheorie“ des Philosophen Ludwig Feuerbach. Feuerbach hatte 1841 in seinem Buch Das Wesen des Chris-tentums die dann sehr einflussreiche These aufgestellt, der christliche Glaube sei nur eine Pro-jektion der menschlichen Wunschvorstellungen an den Himmel. Zum Beispiel: Der Mensch kennt unvollkommene Väter, wünscht sich aber einen vollkommenen Vater, deshalb schafft er sich Gott als einen allmächtigen und vollkommenen Vater. Ergo: Es gibt keinen Gott, Gott ist nur eine Wunschprojektion. Lewis setzt sich mit dieser These von Feuerbach in einem ganzen Kapitel von Der silberne Sessel auseinander.

Die Szene spielt im „Unterland“. Unterland ist ein eigenes Reich unterhalb der narnianischen Erdoberfläche mit eigenen Bewohnern, den Gnomen. Die äußere Gestalt des Landes ist aller-dings sehr eintönig, es gibt nur wenig Licht und die Stimmung ist gedrückt. Zwei Kinder und der Moorwackler Trauerpfützler haben gerade den narnianischen Prinzen Rilian von einem bösen Zauber befreit. Da tritt ganz unerwartet die Königin von Unterland, eine böse Zauberin, ins Zimmer. Sie nimmt sofort mit Entsetzen wahr, dass ihr perfider Eroberungsplan mit der Befreiung Rilians durchkreuzt worden ist.

Statt nun mit Gewalt zurückzuschlagen, versucht die Königin subtil, den vier Narnianen ihre Identität zu untergraben. Sie beginnt, den vier einzureden, dass ihre Erinnerung an die Ober-welt, an das Leben unter der Sonne, nur Einbildung sei. Sie spielt dabei monoton auf einer Mandoline und wirft ein grünes Pulver in den Kamin, das einen süßlichen Duft verströmt. Beides macht die vier schläfrig und erschwert das Denken. Dann arbeitet sie mit Feuerbachs Argument. Die Hexe argumentiert: Ihr habt im Unterland an der Decke Lampen gesehen, und jetzt wünscht ihr euch eine unendlich große Lampe und nennt sie „Sonne“. Ihr habt in Unter-land Katzen gesehen, und ihr denkt euch eine riesige Katze und nennt sie „Löwe“ oder „As-lan“. In Wirklichkeit sind Sonne und Löwe aber selbstverständlich nur Einbildungen, eben Wunschprojektionen. Wirklich ist nur das Unterland. Die vier Narnianen werden von dieser Logik fast überwunden. Der Zauber wird interessanterweise nicht durch eine Diskussion gebrochen, sondern dadurch, dass der Moorwacker den mutigen Schritt unternimmt, das Ka-minfeuer mit dem grünen Zauberpulver mit seinem bloßen Fuß auszutreten: Die vier Narnia-nen können sofort wieder klarer denken und das Pseudoargument durchschauen. Lewis will damit sagen, dass manchmal auch nicht-rationale Faktoren – wie Stimmungen oder Mode-trends – das Denken vernebeln können.

C.S. Lewis vermittelt also in den Narniabüchern, dass man Argumente sehr sorgfältig durch-denken und prüfen soll. Vor allem, meint er, muss man immer nach ihrer Wahrheit fragen.


iii. Wer ist Jesus Christus?

C.S. Lewis hat, obwohl er kein Theologe war, in seinen Schriften immer wieder auf Jesus und die Evangelien Bezug genommen. Lewis meinte, dass das, was Jesus vor 2000 Jahren sagte, das Schockierendste sei, was je ein Mensch öffentlich geäußert habe: nämlich die Behaup-tung, selbst Gott zu sein. Lewis hat deshalb Menschen nicht verstehen können, die meinten, sie würden Jesus als großen Morallehrer anerkennen, aber nicht als Sohn Gottes. Er war der Ansicht, ein großer Morallehrer würde niemals die Dinge sagen, die Jesus gesagt hat. Jemand, der mit dem Anspruch von Jesus aufgetreten ist, schreibt er in Pardon, ich bin Christ, kann nur eines von drei Dingen sein: „Er wäre entweder ein Irrer (auf der Stufe eines Mannes, der glaubt, er sei ein Spiegelei) – oder er wäre der Satan in Person.“ Oder: er ist wirklich, was er behauptete: nämlich Gott, der Mensch wurde, um für die Sünden der Welt zu sterben.

Die Christusfigur der Narniachroniken ist der Löwe Aslan – die vielleicht überzeugendste Figur von Lewis’ Fantasymärchen. Aslan bildet gewissermaßen einen Schnittpunkt von Sehn-sucht und Wahrheit in Narnia. Alle Sehnsucht der Narnianen läuft letztlich auf Aslan hinaus. Und sein Verstand ist es auch, der Narnia zuerst ins Leben ruft und dann am Leben erhält; vor ihm haben Lügen und auch Halbwahrheiten keinen Bestand.

Aslan wird als wunderschön und zugleich Furcht einflößend beschrieben. Die Biberin sagt über ihn: „Wenn jemand vor Aslan erscheinen kann, ohne dass ihm die Knie zittern, dann ist er entweder ungewöhnlich tapfer, oder er ist einfach ein Narr.“ Es wird immer wieder betont, dass Aslan kein „zahmer“ Löwe ist. Man kann ihm nichts vorschreiben und ihn nicht herum-kommandieren. Er kann gegen seine Feinde unerbittlich sein, und im Gespräch mit Aslan wird man auch auf eigenes Fehlverhalten hingewiesen. Aber Aslan ist zugleich sanft, lebens-froh und unendlich liebevoll. Er setzt sich sogar mit seinem eigenen Leben für seine Unterta-nen ein: In Der König von Narnia lässt er sich von der Weißen Hexe anstelle des Verräters Edmund hinrichten, um Edmund zu befreien. Nach der Hinrichtung bricht aber der Steintisch, auf dem der tote Aslan liegt, entzwei, und Aslan kommt wieder zum Leben.

Der Löwe Aslan ist in den Narniamärchen der Garant dafür, dass das Gute letztlich siegen wird, denn Aslan ist stärker als seine Gegner. Typisch hierfür ist eine Szene in Das Wunder von Narnia. Die Hexe Jadis schleudert Aslan eine Eisenstange ins Gesicht: die Stange prallt aber an ihm ab, als sei nichts vorgefallen. Interessant ist auch, dass oft an der ersten Reaktion einer Person auf Aslan deutlich wird, auf welcher Seite von Gut und Böse diese Person steht. Als die vier Kinder in Der König von Narnia zum ersten Mal den Namen „Aslan“ hören, ha-ben drei von ihnen intuitiv ein Sehnsuchtserlebnis: Peter fühlt sich plötzlich tapfer und aben-teuerlustig, Suse fühlt sich, wie wenn sie gerade ein wunderschöner Duft überflutet hätte, und Lucy fühlt sich wie beim Aufwachen am ersten Morgen der Sommerferien. Aber Edmund, der kurz vorher schon der Weißen Hexe in die Fänge gegangen ist, überkommt intuitiv ein Grau-en.

Viele Züge Aslans sind direkt den Beschreibungen Jesu im Neuen Testament entnommen. Schon, dass Aslan ein Löwe ist: In Offenbarung 5,5 wird Jesus der „Löwe aus dem Stamm Juda“ genannt. Vor allem viele Charaktereigenschaften passen: Jesus ist nach Matthäus 11,29 „sanftmütig und von Herzen demütig“; aber er beseitigt auch seine Feinde nach 2. Thessalo-nicher 2,8. Und die Reaktion auf Jesus macht nach dem Gespräch mit Nikodemus in Johannes 3 deutlich, was für ein Mensch man in seinem Innersten ist.

Es gibt viele weitere Parallelen zwischen Aslan und Jesus, so dass man die Narniachroniken geradezu eine theologische Studie von Lewis über die Person Jesu Christi nennen kann. Man hat Lewis deshalb oft gefragt, ob Aslan eine allegorische Figur sei, also ob er Jesus repräsen-tiere. Lewis hat darauf einmal in einem Brief geantwortet, Aslan sei keine Allegorie, sondern ein Gedankenspiel (auf Englisch supposal); nämlich das Gedankenspiel: „Wie würde Christus sich zeigen, wenn es wirklich eine Welt wie Narnia gäbe und wenn er beschlösse, in jener Welt Fleisch zu werden, zu sterben und wieder aufzuerstehen, wie er es in unserer Welt tat-sächlich getan hat?“

An einer Stelle innerhalb der Narniachroniken, in dem Band Die Reise auf der Morgenröte, geht Lewis explizit auf den Zusammenhang von Aslan und Jesus ein. Bei einer Begegnung am Ende des Buches fragt Edmund Aslan, ob er auch in unserer Welt zu finden sei. Aslan antwortet darauf: ja, nur hätte er dort einen anderen Namen. Aslan fährt fort: „Das ist der ei-gentliche Grund, warum ihr nach Narnia gebracht wurdet, dass ihr mich hier kennen lernt und dann dort besser kennt.“

Noch ein weiterer Gedanke über Jesus spielt in Narnia eine besondere Rolle: der Gedanke, dass Christus selbst als Mensch gelitten hat und deshalb mit leidenden Menschen mitfühlen kann. Zum Beispiel hat Jesus nach dem Bericht des Johannesevangeliums (11,35) am Grab seines Freundes Lazarus geweint. Die traumatischste Erfahrung in Lewis’ eigenem Leben war der Tod seiner Mutter, als er neun Jahre alt war. Lewis musste also als Halbwaise aufwach-sen. Er hat diese schlimme Erfahrung sehr ergreifend in Das Wunder von Narnia thematisiert: Der Junge Digory hat eine todkranke Mutter. Die Furcht, seine Mutter zu verlieren, überschat-tet sein ganzes Leben. Mit dieser Verzweiflung tritt er Aslan entgegen. Aslan gibt ihm einen Auftrag und scheint Digorys Schmerz erst völlig zu ignorieren. Doch dann schaut Digory dem Löwen direkt ins Gesicht, und – so heißt es da – dieser Anblick überraschte ihn wie sonst nichts in seinem bisherigen Leben: Aslan hat Tränen in den Augen. Aslan sagt zu Digory: „Ich weiß: Schmerz ist furchtbar. Nur du und ich in diesem Land wissen das bis jetzt. Lass uns gut zueinander sein.“ Es hat Lewis viel bedeutet zu wissen, dass Jesus seinen eigenen Schmerz, den er als Kind durchleiden musste, verstehen und mitfühlen konnte.

*

Die Sehnsucht des Menschen – Die Frage nach der Wahrheit – Wer ist Jesus Christus? sind also drei Fragen, die Lewis in den Narniamärchen sehr persönlich thematisiert hat. Die Gat-tung Märchen, die er sehr liebte, kam ihm dabei gelegen; sie warf auf viele Probleme noch ein anderes, auch emotional befriedigendes Licht. Lewis stellte an den Anfang von Der König von Narnia eine Widmung an seine Patentochter Lucy Barfield. Ich zitiere die kurze Wid-mung zum Abschluss im englischen Original:


"MY DEAR LUCY,

I wrote this story for you, but when I began it I had not realised that girls grow up quicker than books. As a result you are already too old for fairy tales, and by the time it is printed and bound you will be older still. But some day you will be old enough to start reading fairy tales again. You can then take it down from some upper shelf, dust it, and tell me what you think of it. I shall probably be too deaf to hear, and too old to understand, a word you say, but I shall still be

your affectionate Godfather,

C.S. LEWIS."

Lewis hätte sich im Sinne dieser Widmung sicher auch sehr darüber gefreut, dass sich Studen-ten ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen seiner Märchen zu dieser zweiten Kategorie von Narnialesern zählen, die sich – aus ihrer Perspektive – neu mit dem Werk beschäftigen. Vielleicht haben die anstehenden langen Winterabende in dieser Hinsicht ja eine anregende Wirkung.




Jan Carsten Schnurr studierte Anglistik, Geschichte, Theologie und Philosophie an den Uni-versitäten Tübingen und Oxford und arbeitet zur Zeit an einer geschichtswissenschaftlichen Promotion in Tübingen.



Literatur

DORSETT, Lyle W. / LAMP, Marjorie (Hrgg.), C.S. Lewis: Letters to Children, New York 1996.

FORD, Paul F., Companion to Narnia, San Fancisco, Neuaufl. 2005 (1983).

HOOPER, W., C.S. Lewis, A Companion & Guide, London 1996.

HUTTAR, Charles A., "C. S. Lewis's Narnia and the 'Grand Design'", in: Peter J. Schakel (Hrg.), The Longing for a Form: Essays on the Fiction of C. S. Lewis, Kent, Ohio 1977, 119–135.

KRANZ, Gisbert, Studien zu C. S. Lewis, Lüdenscheid 1983.

RENDEL, Christian, C.S. Lewis, Wuppertal 1991.

SAMMONS, Martha C., Der Reiseführer durch Narnia, Moers 1998 (engl. 1979).

SCHAKEL, Peter J., The Way into Narnia: A Reader's Guide, Grand Rapids 2005.

SCHULTZ, Jeffrey D. / WEST, John G. (Hrgg.), The C. S. Lewis Readers' Encyclopedia, Grand Rapids 1998.

TIXIER, Eliane, “Imagination Baptized, or ‘Holiness’ in the Chronicles of Narnia”, in: Peter J. Schakel (Hrg.), The Longing for a Form: Essays on the Fiction of C. S. Lewis, Kent, Ohio 1977, 136–158.

Christian History, Issue 65, Winter 2000 (cf.

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Die sieben Narnia-Bände sind auf Englisch beim Verlag Harper Collins erhältlich, auf Deutsch bei den Verlagen Brendow und Annette Betz.


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