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Deutschland, der Islam und die Anthroposophen


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Rolf

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Deutschland, der Islam und die Anthroposophen






Der Text von Marija und Wilfrid Jaensch erinnert mich an zweierlei Phänomene. Und zwar zuerst daran, dass es unter Anthroposophen eine weitverbreitete Angewohnheit ist, nicht das zu sehen, was man sieht.

Von Christoph Kühn

Gerade die anthroposophische Menschenkunde ist überladen mit metaphysischen Zuschreibungen, so dass so manch ein Anthroposoph den konkreten Menschen nicht mehr sieht, sondern durch ihn hindurch sieht, etwas Mystisches dahinter zu erkennen trachtend. Für das tägliche Leben der Muslime in Deutschland spielen weder das Abrahamitische, das Mondsüchtige oder der Sündenfall eine Rolle. Bestimmte Familienstrukturen, das Feiern von Festen und Sprache sind hier viel wirkungsmächtigere und identitätsstiftende Elemente. Und das muss nicht einmal etwas mit dem Islam zu tun haben. So fordert Ansgar Martins in seiner Replik völlig zu Recht dazu auf, sich mit "konkreten Gehalten" auseinanderzusetzen.

In den 80er Jahren spielte man auch schon gerne mit jugendlichen Ausländern "Nathan der Weise". Heute nennt man die Klientel nicht mehr Ausländer, sondern Jugendliche mit Migrationshintergrund (JMM) und es gibt seit den 90ern zu Nathan der Weise noch die zusätzliche Option eines Hiphop-Workshops. Lessings Stück ist ein Moralstück, der aufklärerische und erzieherische Auftrag ist überdeutlich. Doch an wen richtet sich ein Nathan-Projekt mit JMMs? Wem möchte man damit die Lessing'sche Toleranz angedeihen lassen? Ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass solche Projekte weniger damit zu tun haben, dass etwa die 13jährigen Berkan, Ömer und Merve religiös sind, sondern vielmehr damit, dass die Deutschen und vor allem die Anthroposophen bei Berkan, Ömer und Merve gleich an Religion denken.

"Deutschland ist ewig" – über diese Aussage der Jaenschs echauffiert sich Martins natürlich ein wenig. Es geht dabei um heilsgeschichtliches Denken, dass er nicht nur in den monotheistischen Religionen sieht, sondern auch als essentiellen Teil national-deutscher Geistesgeschichte. Jener heilgeschichtliche Ansatz findet sich in Varianten auch im esoterischen Entwicklungsdenken bei Rudolf Steiner wieder und letztlich auch in der spirituellen Evolution eines Ken Wilbers. Ich finde den Satz "Deutschland ist ewig" nicht schlecht. Was auch immer die Jaenschs unter "Deutschland" verstehen, so unterstelle ich ihnen einfach mal, dass sie mit diesem Satz Deutschland aus dem heilsgeschichtlichen Korsett lösen wollen. Würde "Deutschland ist ewig" in dem Sinne gedacht werden, es aus völkisch-nationalem Heilsdenken zu entheben, könnte dies eine angenehm emanzipatorische Wirkung haben.

So gesehen ist auch die Anthroposophie ewig. Anders gesagt: Sie wird jeden Tag, wenn wir morgens die Augen öffnen, neu erschaffen, so wie Deutschland auch. Wir sollten mehr Vertrauen haben in unsere Schöpfungen. Wir sollten Goodbye sagen Deutschland, einig Angst-Land und uns auch verabschieden von einem sich ständig in Gefahr wähnenden Anthroposophistan. Denn auch die Anthroposophie ist ja – sowohl bei Steiner als auch in der Rezeption – auf tragische Weise sehr verstrickt in allerlei kosmisch-evolutionären Aufträgen. Es könnte ein ungeheuer befreiender Emanzipations-Schritt für die Anthroposophie sein, sie aus den esoterischen Planspielen loszulösen.

Wie Marija und Wilfrid Jaensch und Ansgar Martins schließe auch ich mich der Idee an, dass keine Religion etwas mit Deutschland zu tun habe, verstehe dies aber als einen Wunsch für die Zukunft. Denn der Laizismus hat es hierzulande schon immer schwer gehabt, Deutschland hat durchaus mit Religion zu tun, nämlich mit dem Christentum. Es hilft nichts, zu leugnen, dass Deutschland ein christliches Land ist. Und es hilft auch nichts zu leugnen, dass die Anthroposophie eine christliche Weltanschauung ist. Ich kann damit ja prima leben – auch als libertär eingestellter Mensch –, ich finde es nur albern, diese Tatsachen zu leugnen.
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