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„Ehe ich dich im Mutterleib bildete…


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#1
Rolf

Rolf

    Administrator

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Meine Frau und ich schreiben gerade auf Anfrage eines Verlages an einem Buch, das unseren Weg zu Jesus zeigt. Ich veröffentliche hier den ersten Teil meiner ganz persönlichen Geschichte, die nach und nach ihre Fortsetzung findet. Solange das Zeugnis nicht abgeschlossen ist, sperre ich es für Kommentare. Wer sich dazu äußern möchte kann gern einen zweiten Thread aufmachen.

Ich hoffe, dass durch das fertige Zeugnis zur Ehre des Herrn deutlich wird, wo ich stehe, und was mich täglich bewegt, für meinen Herrn Jesus Christus und für die gesunde Lehre des Wortes Gottes einzutreten.



Herzliche Grüße


Rolf




„Ehe ich dich im Mutterleib bildete…

Es war ein kalter Morgen, der in den Januartagen des Jahres 1945 aus dem Dunkel der Nacht erwachte. Kalt nicht nur, weil man durch die trüben Fenster der kleinen Bauernkate die Eiszapfen vom Dach hängen sah. Den Winter mit seiner klirrenden, alles erstarrenden Kälte hatten sie jedes Jahr wieder neu erlebt, und sie kannten die Notwendigkeit auch dieser Temperaturen, durch die der Winter einen wichtigen Beitrag zu einer erfolgreichen Ernte im kommenden Jahr leistete. Nein, die wahre Kälte war nicht auf den strengen Winter zurückzuführen, sondern sie war das Ergebnis einer über dem Land und der Welt liegenden Depression, die hervorgerufen wurde, durch einen wahnsinnigen, irrwitzigen Krieg, der inzwischen die ganze Welt erfasst hatte. In Klein Krauscha, einem kleinen, unbedeutenden Ort im Kreis Niesky war die Aussichtslosigkeit, in der sich das Land und die Menschen befanden, längst jedem klar. Hier, in dieser Idylle zwischen Wäldern und Feldbewirtschaftung brannte in den Menschen nur noch ein Gedanke: Das es endlich vorbei ist. Aus so ziemlich jeder Familie waren sie geholt worden, die Männer, denen man das Märchen vom bevorstehenden Endsieg einbrannte und sie in einen aussichtslosen Kampf an die Fronten dieser Welt zwang. Dagegen konnte auch das gerade begangene Weihnachtsfest nichts ausrichten. In diese theatralische Stimmung kam nur dann eine Regung, wenn Motorengeräusche im Dorf laut wurden. Alles was an Fortbewegungsmitteln noch halbwegs zu gebrauchen war, hatte das Reichskriegskommando längst beschlagnahmt und abgeholt. Darum war selbst das Knattern eines Mopeds, das sich näherte, im ganzen Dorf zu hören. Solche Fahrzeuge wurden nur noch von Offiziellen gefahren, und wenn sie kamen, dann lösten sie mit ihrem Geknatter die nackte Angst im Dorf aus. Solche Besuche waren nie mit guten Nachrichten verbunden, vielmehr wünschte sich jeder, dass der bittere Kelch, den der Besucher bei sich hatte, in ein anderes Haus getragen würde. Dieser Kelch bestand nämlich meistens darin, dass Feldpost überbracht wurde. Und wenn diese Feldpost durch einen Offiziellen persönlich überreicht wurde, dann musste man den Brief nicht öffnen, um zu wissen, was er enthielt: Die Mitteilung, dass ein Angehöriger in heldenhafter Pflichterfüllung für Volk und Vaterland sein Leben lassen musste.

An diesem Morgen war es anders. Das Motorrad mit Beiwagen hatte sein Ziel erreicht, und nun stand er da, der Reichsbezirkskommissar in seinem langen Mantel, mit der Schirmmütze auf dem Kopf, die sein Gesicht über weite Teile verdeckte. Erbärmlich war seine Gestalt und erbärmlich war auch sein Auftrag. Die Mutter war ebenso erstarrt, wie die Landschaft vor dem Haus, als der Kerl seinen Brief mit vom Frost erstarrten Fingern aus der Tasche zog. Allerdings wich die Starre sofort dem Erstaunen, als der Beamte seine Post nicht der Mutter, sondern, dem Walter, dem jüngsten Sohn der Familie in die Hand drückte. Gott sei Dank, heute kam keine Nachricht darüber, dass der Vater oder einer der beiden älteren Brüder nicht nach Hause zurückkehren würden. Was allerdings die Nachricht enthielt, war auch kein Grund zur Freude. In blasser Schrift auf einer uralten Schreibmaschine getippt stand da zu lesen: „Auf Befehl des Führers und in Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Endsieges haben Sie sich unverzüglich, spätestens innerhalb von drei Tagen, beim Reichs-Kriegs- Kommando Niesky zur Vorbereitung für ihren Fronteinsatz einzufinden. Sollten Sie dem Befehl nicht Folge leisten, befinden Sie sich im Status eines Fahnenflüchtigen und werden sich dafür zu verantworten haben.“ Was sollte man dagegen schon machen? Ein Einwand der Mutter wurde harsch unterbrochen. Befehle sind dazu da, dass sie ausgeführt werden. Und wenn der Führer ruft, dann ist es für jeden Deutschen eine Ehre in Gehorsam und Pflichterfüllung mit Stolz der Aufforderung nachzukommen. „Aber…“ „Schluss jetzt, in drei Tagen sind Sie in der Kaserne und kommen Ihrer Verantwortung nach.“ Einen Augenblick später saß der Mann wieder auf seiner Knatterkiste, und an den Geräuschen war zu hören, dass sie heute nicht die einzigen im Dorf waren, die seine Bekanntschaft machen mussten.

Drei Tage später meldete sich Walter wie befohlen zum Dienst. Die Regelung, dass der Jüngste in der Familie zu Hause bleiben durfte, um der Mutter in der Landwirtschaft zu helfen, gab es nicht mehr. Der Gedanke, dass die Produktion von Nahrungsmitteln für die kämpfende Truppe von eminenter Bedeutung war, durfte erst gar nicht geäußert werden. Jetzt waren die Pimpfe dran, dem Land den Sieg zu bescheren, und die Mutter konnte zusehen, wie sie mit dem Hof alleine klar kam. Walters Tage wurden nun anders ausgefüllt. Die harte militärische Sprache hatte etwas von Zwang, Härte und persönlicher Herabwürdigung. Formalausbildung, das war der Drill, die den jugendlichen Soldaten die notwendige Disziplin indoktrinierte, die erforderlich war, um für das Vaterland in den Tod zu gehen. Befehle waren unabhängig der Inhalte zugleich geltendes Gesetz, dem man nicht widersprach und nicht widerstand. Eigenes Denken war unerwünscht, der Führer und seine Helfer wussten schließlich, was sie taten. Wer nicht kapieren wollte, wurde auch schon mal körperlich gezüchtigt oder bekam eine extra Stunde mit entwürdigenden Repressalien. Oberste Prämisse war, dass es schnell gehen musste mit dem Erlernen der richtigen Disziplin, denn man hatte Großes mit den Jungen vor. Eine Scharfschützenausbildung schloss sich an, die an Ironie kaum zu überbieten war. Es schien so, als wäre die wichtigste Mitteilung des Ausbilders die Munitionsknappheit, so dass jeder genehmigte Übungsschuss etwa die Wertigkeit eines Tores im Endspiel einer Fußballweltmeisterschaft hatte. Wer nicht auf Anhieb Volltreffer zu verzeichnen hatte, war schon an der Grenze, Volksverrat zu begehen. Schließlich wurde der Munitionsmangel einfach durch die Verkürzung der Ausbildungszeit kompensiert, was vielen der jugendlichen Soldaten durchaus entgegenkam, die es, durch und durch ideologisiert immer noch eilig hatten, an die Front zu kommen. Bereits drei Wochen nach der Einberufung kam dann auch der Stellungsbefehl, der dargestellt wurde wie eine Auszeichnung für besonders herausragende Leistungen der Befehlsempfänger unter dem Siegel: „Streng geheimer Auftrag.“ Im Volksmund nannte man solche Befehle „Himmelfahrtskommandos“, da sie sie das Potential in sich bargen, Reisen ohne Rückfahrschein zu sein, weil die Reisenden als Kanonenfutter für den Gegner zu dienen hatten. Auf jeden Fall wurden solche Kommandos als besonders gefährlich eingestuft. Um die Soldaten zu motivieren, wurde die Gefährlichkeit allerdings einfach durch die besondere Wichtigkeit verdrängt. Der Auftrag war demnach „Truppenverlegung – Streng geheim – mit unbekanntem Ziel.“ Praktisch hieß dies: Abmarsch im Gleichschritt zum Bahnhof, Verladen von Mannschaft und Material und Abfahrt in die einbrechende Nacht. Unbehelligt von feindlichen Flugzeugen oder Bodentruppen erreichte der Zug mit dem anbrechenden Morgen den Bahnhof von Salzburg. Hier lautete der Befehl: „Alles aussteigen und Aufstellung auf dem Bahnsteig nehmen.“ Die Materialwaggons wurden abgekoppelt, der restliche Zug wurde herausgefahren um Platz für einen neuen Zug zu machen. Dieser allerdings ließ einige Stunden auf sich warten, während die Soldaten in Aufstellung auf dem Bahnsteig bei eisiger Kälte verharren mussten. Und plötzlich geschah das Unerwartete: Ein Knall, ein Schrei und dann lag Walter stöhnend am Boden, seine rechte Hand zerfetzt durch den Schuss eines Heckenschützen, der irgendwo verborgen lag und wahllos in die Menge feuerte. Die Hand sah schlimm aus, wurde notdürftig verbunden und Walter, mein Vater in spe`, wurde ins Lazarett gebracht. Der Heckenschütze konnte entkommen. Die Genesung meines Vaters nahm den Zeitraum eines Jahres in Anspruch. Der Krieg war inzwischen verloren und zu Ende. Drei Finger an der rechten Hand meines Vaters und sein Leben konnten immerhin gerettet werden, wenn gleich mit dieser Hand kein Handwerk mehr zu verrichten war. Die Tragik und zugleich die Größe, die mich bewegt, diese Geschichte zu erzählen aber ist, dass die Einheit, die ohne Walter weiter ihrem Auftrag folgte, vollständig bis auf den heutigen Tag verschollen ist. Kein einziger ist in die Heimat zurückgekehrt, und niemals wurde bekannt, wohin sie fuhren und was aus ihnen wurde. Damit darf ich konstatieren, dass mein Vater, und in der Folge auch ich, ihr Leben einem braven Heckenschützen verdanken, der, wovon ich heute überzeugt bin, durch Gottes Hand geführt, einen Schuss abgab, der dem Willen Gottes entsprach, auch dann wenn ihm selbst das vielleicht nicht bewusst war. Schon oft habe ich darüber nachgedacht, diesem Menschen persönlich zu danken, aber leider habe ich keine Idee, wie ich ihn ausfindig machen könnte.
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