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Klartext warnt: Der Wunderheiler aus dem Wald


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Rolf

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Der Wunderheiler aus dem Wald





Alternative Glaubensgemeinschaften werden immer populärer. Wie die „Wort und Geist“-Bewegung aus Niederbayern. Doch ihr Gründer lockt mit dubiosen Heilsversprechen – ein Selbstversuch.



Helmut Bauer, der Guru aus dem Bayerischen Wald, sieht mir tief in die Augen. Kurzzeitig setzt mein säkularisierter Verstand aus. Ich habe das Gefühl, dieser Mensch sieht in mein Innerstes, als er mit fleischigen Fingern vor meinem Gesicht rumwedelt und brüllt: “Angst ist dein Problem. Sie versaut dein Leben.” Ich fühle mich ertappt. Angst habe ich tatsächlich. Eine Scheiß-Angst. Angst vor dem Versagen, dunklen Straßen, Menschenmassen. Ich weiß das. Aber woher weiß es Helmut Bauer? Mir wird übel.

Verlockendes Angebot: Die Angst geht weg

Dann höre ich die vertraut zweifelnde Stimme in meinem Kopf. Sie sagt, dass ich kein gläubiger Mensch bin, dass Bauers Angstdiagnose kein Wunder ist und auf jeden im Raum zutrifft. Ich drehe der Stimme den Ton ab, denn Bauer macht mir ein Angebot. “Heute wird diese Plage von dir abfallen”, sagt er und fuchtelt nun mit einer Goldrandbibel. Dafür, meint er, muss ich nicht mal etwas tun.

Ich soll hier sitzen bis der Heilige Geist über mich kommt. Über mich und die anderen 150 Gottesdienst-Besucher im Röhrnbacher “Wort und Geist”-Zentrum, mitten im Bayerischen Wald. “Dann”, verspricht der Guru, “seid ihr frei. Die Angst geht weg.” Klingt vielversprechend. Ich lehne mich zurück und warte.

Ein esoterischer Rockstar

Vor zehn Jahren hat Bauer “Wort und Geist” gegründet. Mit dem Glaubenszentrum im niederbayerischen Röhrnbach fing es an, heute hat die Bewegung über 30 Gemeinden in ganz Deutschland. Dort verbreitet Bauer seine Lehre von einem Leben ohne Leid, Krankheit und Sorgen. In Röhrnbach treffen sich die Gläubigen jeden Sonntag in einem ehemaligen Möbelhaus.

Der Raum hat den Charme einer Flughafen-Wartehalle – grauer Fußboden, graue Wände, lange Sitzreihen. Bauers Jünger scheint die Atmosphäre nicht zu stören. Einige Frauen fangen an zu kreischen, strecken ihm die Hände entgegen. Für sie ist Bauer ein esoterischer Rockstar. Für mich ist er ein Normalo mit schwarz gefärbten Ringellöckchen, schlecht sitzendem Anzug und Komödien-Stadl-Akzent.

Endlich teilt er mir die Gründe meiner Angst mit. „Der Teufel hat deine Seele vergiftet“, plärrt er und rauscht an meiner Sitzreihe vorbei. “Sie muss vollständig ausgetauscht werden.” Ich finde das unverschämt. Dann bemerke ich, wie mir zwei Blondinen in der Reihe gegenüber aufmunternd zulächeln. Sie sehen neidisch aus. Hier ist es etwas Gutes, wenn Bauer den Satan in deiner Seele vermutet. Dann widmet dir der Rockstar ein Stück Aufmerksamkeit.

Der selbsternannte Apostel

Bauer hat seinen eigenen Personenkult erschaffen. Er bezeichnet sich als Apostel, als Nachfolger Petri. “Wort und Geist” ist ganz auf seine Person ausgerichtet. Der Niederbayer stammt aus einer katholischen Familie, kam mit dem Glauben aber nicht mehr klar. Deshalb beschloss er, seine eigene Kirche zu gründen – mit eigenen Riten und Grundsätzen.

Eine Stunde lang höre ich zu, wie der Guru über Eheprobleme fabuliert, gegen Katholiken wettert und Österreicher-Witze macht. Wie mir das mit meiner Angst weiterhelfen soll, weiß ich nicht. Viele Zuhörer aber sind begeistert. Irgendetwas passiert. Überall im Raum brechen Menschen in aufgeregtes Gelächter aus, liegen sich in den Armen, weinen bitterlich. Ein Mann zittert so heftig, dass er gestützt werden muss. Bauer gefällt das. Er kreischt: “Es ist so weit. Der Geist kommt.” Zu mir kommt gar nichts. Bedröppelt schaue ich mich um, bis eine kleine Brünette auf mich zu stürmt und mich an sich presst. Sie meint, dass jetzt die Liebe des Heiligen Geistes in mich strömt.

Was Bauer verspricht, davon sind seine Anhänger überzeugt, tritt auch ein. Solange man genug glaubt. Kritiker sehen das als Problem, denn der Guru kümmert sich nicht nur um psychische Leiden. Er will auch physische Krankheiten heilen, durch Handauflegen. Viele seiner Anhänger gehen danach nicht mehr zum Arzt. “Wer krank ist klammert sich an den letzten Strohhalm, ist bereit alles aufzugeben”, sagt Ursula Höfte, die eine Selbsthilfegruppe für die Angehörigen von Sektenmitgliedern leitet. “Es gibt sogar Leute, die für Bauer nach Niederbayern ziehen.”

Spendengelder: Scheine statt Münzen

Auch meine Sitznachbarin Manuela kommt von weit her. Die adrette Norddeutsche verbringt ihren Urlaub in Röhrnbach. Sie will Bauer ganz nahe sein. Ich bin froh, dass ich neben Manuela sitze. Sie ist eine von den Stillen im kreischenden Pulk der Gläubigen, lächelt nur beseelt und nickt zustimmend. Manuela nickt selbst dann noch, als Bauer wie ein riesiger Flummi vor uns auf und ab hüpft. Schweißperlen laufen seinen Nacken hinunter. Er ist aufgeregt. Ich bin es auch.

Mir wird klar, dass er seine Heilsversprechen nicht kostenlos verteilt. “Wir sind dankbar, dass wir geben dürfen”, ruft er und lässt Sammelkörbe durch die Stuhlreihen wandern. “Wir sind freudige Geber.” Ich warte auf das Münzklimper-Geräusch, das ich aus katholischen Gottesdiensten kenne. Es kommt nicht. Stattdessen höre ich ein leises Rascheln. “Wort und Geist”-Anhänger spenden nur Scheine.

Im Bewusstsein, gerade die ganze Gemeinde von ihrer Angst kuriert zu haben, brüllt Bauer schließlich: “Ihr seid frei. Ihr könnt dem Teufel sagen: So nicht, Freund, so geht es nicht weiter.” Ich nehme das als Stichwort, stehe auf und gehe. “Hoffentlich sehen wir uns wieder”, ruft mir Manuela nach. “Es lohnt sich.” Für sie vielleicht, für mich nicht. Ich weiß, dass ich weiter Angst haben werde. Das ist okay. Das hat nichts mit dem Teufel zu tun. Als die Tür hinter mir zuknallt, atme ich auf. Vielleicht bin ich tatsächlich eine Plage losgeworden.

Von Veronika Sigl


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